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Full text of "Bayerische Dokumente zum Kriegsausbruch und zum Versailler Schuldspruch, im Auftrage des Bayerischen Landtages"

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Bayerische 
dokumente 
zum 

kriegsausbru... 
und zum ... 




Pius Dirr, Bavaria 
(Germany) 



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ßayerisclie Dokumente 

zum Kriegsausbrudi und zum 
Versailler Schuldspruch 

Im Auftrage des Bayerisdien Latxltages 
herausgegeben vom Abgeordneten 

Dr. P.DI RR 

Vorsitxendcr uaA Bericbtefsutter des zuständigen baondcKn Aussdiasses 

des Landtags 

« 




Mündien und Berlin 1922 
\^rlag von R. Oldenbourg 



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iUle RcAte einscf fieRfitfi des Qber$ctzungsreff)tes vorbehalten. 
Copyright 19ZZ by R. Oidenbourg, Mündieo. 



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JöL i 7 1324 

Vorwort 
I. 

Im August 19 19 übertrug der Bayerische Landtag nach 
einem Antrag Dr. Dirr — Häberlein — Dr. Piloty einem be- 
sonderen Ausschuss von sechs Mitgliedern die Aufgabe 
„alle Vorgänge der bayerischen Politik nachzuprüfen und 
aufzuklären, die während der letzten Kriegszeiten und der 
Revolutionszdt in bezug auf das Verhältnis Bayerns und 
des Reiches zum Auslande und in bezug auf das Verhältnis 
Bayerns zum Reiche Gegenstand der öhentlichen Erörterung 
und Kritik gewesen sind' . 

Zunächst sollte diese Feststellungskommission, zu der 
jede Fraktion einen Vertreter stellte, „den Fall der Eisner- 
schen Enthüllungen'^ auf Grund einer aktenmässigen Nach- 
prüfung aufklären und dem Landtage darüber Bericht vor- 
legen. 

Die Arbeit konnte während der Dauer des ersten Land- 
tags des Freistaates nicht durchgeführt werden. Sie ist 
dann von dem im Juni 1920 gewählten zweiten Landtage, 

welcher den besonderen Ausschuss erneuerte, im Frühjalir 
und im Herbste 192 1 wieder aufgenommen worden. 

Die lange Verzögerung war nicht nur durch die Über- 
fülle anderer vordringlicher parlamentarischer Arbeiten, son- 
dern auch durch verschiedene besondere Umstände verursacht. 
£s stellte sich bald heraus, dass man nur mit eingehenden 
und langwierigen Akten- und Quellenstudien zum Ziele 
kommen würde, und, das$ die aktenmässigen Unterlagen 
nicht so ohne weiteres zur Hand waren. 

Die Kommission beauftragte mich mit der Erforschung, 
Sammlung und hlearbeitung des Stoßes. Sie nahm in 
längeren Zwischenräumen mehrmals Bericht über den Fort- 
gang der Arbeit entgegen und ermächtigte mich dann, 
das Ergebnis dem Landtag im Drucke vorzulegen. 



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IV 

Der Hauptgrund, warum es nicht möglich war, diese 
Schrift vor Januar 1922 abzuschliessen, lag darin, dass 
wichdge Urkunden und Schriftstücke lange vergeblich ge- 
sucht wurden, überhaupt verloren schienen. Erst im Dezember 

vorigen Jahres gelang es, sie in verschiedenen, während der 
Revolution und der Räterepublik durcheinander geratenen 
Aktenbeständen im MinisterinmdesAussern wieder aufzufinden 

Nun erst konnte die nachfolgende Sammlung druckiertig 
gemacht werden. 

Sie wurde am 8. Februar 1922 zuerst als Landtags- 
drucksache in der für eine solche üblichen Auflage ver- 
öffentlicht, den sämtlichen Abgeordneten des Landtags^ 
zahlreichen amtlichen Stellen im Lande und im Reiche, 
verschiedenen Bibliotheken, der Presse und den diplomatischen 
Vertretungen des Auslandes in München zugeleitet. 

Die vorliegende Buchausgabe bringt die Aktensamm- j 
lung in unveränderter Form ; das Vorwort ist ergänzt, ein 
Personen- und Sachregister beigegeben worden. 

IL 

E)ie aufgenommenen Akten und Feststellungen betreffen 
jene Enthüllung, mit welcher der durch die Umwälzung vom 

7./8. November 19 18 an die Spitze des bayerischen Staats- 
Wesens gelangte Ministerpräsident Kurt Eisner alsbald die 
Welt überrasclite. 

In einer vom 23. November 191 8 datierten amtlichen 
Mitteilung der Korrespondenz Hoffmann kündigte er an» ^ 
dass er bei der Reichsregierung der Volksbeauftragten in 
Berlin die schleunige Veröffentlichung der deutschen Akten ^ 
über den Kriegsausbruch beantragt habe. Einstweilen machte ^ 
er selbst damit den Anfang, indem er aus vier bayerischen ^ 
diplomatischen Schriftstücken Auszüge bekannt gab. Sie ^ 
taten nach seiner Meinung dar, dass die von der Re- 
volution gestürzten alten Regierungsgewalten und herr- H 
sehenden Kreise des kaiserlichen Deutschland das an sich 
friedfertige deutsche Volk absichtlich in das blutige Aben- r 
teuer des Weltkrieges hineingerissen, dass sie im Juli 19 14 j, 
den Weltbrand mit verbrecherischem Vorbedacht entzündet 
hätten. 



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V 



Diese Beschuldigung, nach verschiedener Richtung ausge- 
dehnt und verschärft^ ist bekanntlich auch in Versailles von den 
alliierten Mächten erhoben worden. Sie bezichticrcn Deutsch- 
land, seit langem die Ruhe Europas planmässig gestört, 
zielbewusst auf einen Friedensbruch hingearbeitet und, 
als die Gelegenheit dazu gekommen schien, den austro- 
serbischen Streitfall imjult 19 14 benutzt zu haben, um be- 
wusst und in ruchloser Weise den Weltkrieg zu entfesseln. 
Sie luden Deutschland die alleinige Verantwortung auf, um 
am deutschen Volke ein ungeheuerliches Strafgericht voll- 
ziehen zu können. 

Diese Anklage ist durch die Veröffentlichung der deut- 
schen und österreichischen Akten zum Kriegsausbruch zer- 
stört worden. Das musste auch Kautsky, Eisners Ge^nungs- 
genosse, der die deutschen Akten für die Herausgabe vor* 
berettete, auf Grund seiner Forschungen anerkennen. 

Wie hart er auch sonst über die deutsche Vorkrie^rs- 
politik aburteilt, in dem Hauptpunkte, auf den schliesslich 
alles ankommt, gewann er eine wesentlich andere Über- 
zeugung, als er sie zuerst hatte. Sein ursprünglicher feben» 
fester Glaube an die bösewichtartige und komplottmässige 
Brandstifterrolle Berlins verliess ihn. Er erwies sich ihm 
zu seiner Überraschung als unhaltbar, als er erst genauen 
Einblick in die Akten getan. 

Gewiss tadelt Kautsky die schuldhafte Blindheit und 
Vertrauensseligkeit, mit der die Berliner Reichsleitung auf 
den konfliktlösenden Erfolg eines überraschenden und ent- 
scheidenden österreichischen Schlages gegen Serbien baute! 
Aber er muss doch zugeben: „Man hatte beabsichtigt, 
überraschend loszuschlagen, um Europa, bevor es sich redit 
besinnen könnte, vor vollendete Tatsachen zu stellen, denen 
es sich füQren musste. Auf diese Weise hoffte man, durch 
Überrumpelung mit dem Krieg den Weltfrieden zu erhalten." 

Die Gegner beschuldigen Deutschland, es habe alle 
Vermittlungsversuche zunichte gemacht, um seine Kriegs^ 
absiebten durchzusetzen. Kautsky aber urteilt : „Deutschland* 
hat auf den Weltkrieg nicht planmässig hingearbeitet, es 

hat ihn schliesslich zu vermeiden gesucht.** 



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VI 



Ebenso kommt der Amerikaner Sydney B. Fay nach 
sorgfältigem Studium der deutschen und österreichischen 
Dokumente zu dem Ergebnis, dass sie Deutschland 

von dem Vorwurf reinigen, den Krieg bewusst geplant 
oder gewünscht zu haben. Deutschland wollte den Krieg 
nicht/' Oer Franzose Georges Demartial sieht es keines- 
wegs für erwiesen an, dass die Verantwortung einseitig und 
in vollem Umfange die Mittelmächte trefte. Solcher gewich- 
tiger Zeugen gibt es noch mehr! 

Die Schuld kann auch nicht mit Eisners Enthüllung und den 
von ihm willkürlich ausgewählten bayerischen Aktenstücken 
erwiesen werden. Ein kritischer Vergleich seiner Auszüge 
mit den Urschriften ergibt, dass diese sich sachwidrige 
Kürzungen gefallen lassen mussten, durch welche ihr Inhalt 
und Sinn entstellt, teilweise geradezu ins Geg^enteil verkehrt 
wurde. Dieses Verfahren war nicht geeignet, der Wahrheit 
zu dienen, wohl aber, Verwirrung zu stiften und irre zu leiten. 
Der Beweis gegen Deutschland, den die Versaiiier Schuld- 
kommission der Alliierten nach dem Vorgange Eisners daraus 
abzuleiten sich bemühte, ist hinfällig! Das umsomehr, als 
die Kommissbn sich nicht scheute, die unzulänglichen und 
wahrheitsgef^lichen Auszüge ohne jede Nachprüfung aus- 
zubeuten und durch eigene willkürliche Wortfügungen, Zu- 
taten und Ausdeutungen zu verschärfen und für ihre Zwecke 
zurechtzurichten. 

Kautsky selbst bedauert, dass sein Freund Eisner die 
Unvorsichtigkeit'' beginrr, die Publikation der bayerischen 
Aktenstücke „mehr als Journalist zu behandein, dem es auf 
die Wirkung ankommt, denn als Historiker, dem es um 
die Vollständigkeit und Unversehrtheit seiner Quelle zu tun 
ist'*. Auch Professor Foerster, der bekannte Pazifist, der 
unter Eisner bayerischer Gesandter in Bern war und erheb- 
lichen Einfiuss auf die damalige bayerische Scaatsflihrung 
nahm, beklagt an Eisners Verfahren die spielerische Art, 
schwerwiegende Dinge zu behandeln" und einen boh^me- 
artigen Mangel an starkem Verantwortungsgefühl.*' 

Die bayerischen diplomatischen Vorkrtegsakten bestä- 
tigen, in ihrer Gesamtheit betrachtet und sachgemäss mit 
den deutschen und Österreichischen Aktensammiungen, in 



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deren Rahmen sie gehören, in Zusammenhang gebracht, 
in allem Wesentlichen das Gesamtbild^ das diese bieten. 
Auch sie liefern im Endergebnis nicht einen Beweis für, 
sondern einen solchen gegen die These von der einsei- 
tigen, alleinigen oder ausschlaggebenden Verantwortlichkeit 
Deutschlands. Einzelne Stellen in bestimmten bayerischen 
Gesandtenberichten, die neuerdings von der Presse der 
Verbandsmächte willkürlich aus dem Zusammenhange heraus- 
gegriffen und ausgebeutet wurden, ähnHch wie seinerzeit die 
Eisnerschen Auszluj^e, erweisen sich bei gewissenhafter Prü- 
fung entweder als nebensächlich, oder aber sie enthalten 
nachweisbare Irrtümer. 

III. 

Mit seiner Enthüllung vom 23. November 191 8 ver- 
folgte Eisner einen doppelten Zweck, einen innerpolitischen 
und einen aussenpolitischen. Er wollte vor allem die frühere 
kaiserliche Regierung und die ehemals herrschenden Schichten 

als Kriegsverbrecher brandmarken und so jede Art Konter- 
revolution ,,in die Luft sprengen'*. Er hoffte damit zuj^leich 
auch die Mehrht^jissozialdcmokratie zu treffen, deren Politik 
er schon während des Krieges bekämpft hatte und deren 
leitende Männer er nur mit Widerstreben als führende Mit- 
glieder des Rates der Volksbeauftragten, der neuen Reichs- 
regierung, . gelten Hess. Er und sein engerer Münchener 
und Berliner Freundeskreis gedachten die Reichsleitung im 
Sinne der bayerischen Revolution, das heisst also im Eisner- 
schen Geiste, umzuformen, um diesen in ganz Deutschland 
massgebend zu machen. 

Die Enthüllung sollte die völlige Abwendung des 
deutschen Volkes von der schuld- und fluchbeladenen Ver- 
gangenheit vor aller Welt offenbaren« 

Das Bekenntnis der Schuld am Kriege sollte den ethi- 
schen Gehalt der Umwälzung, ihren Charakter als moralische 

Auflehnung gegen das alte System erweisen] Es sollte 
damit die Entsühnung Deutschlands herbeigeführt, ihm der 
Weg zu einem besseren Frieden bei den Feinden bereitet 
und die Pforte zum Wilsonschen Völkerbünde erschlossen, 



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das kommende Zeitalter kriesfabgewandter Gemeinschafts- 
arbeit der Völker und der Humanität eingeleitet werden. 

Der bayerische Freistaat und sein leitender Minister als 
Bahnbrecher einer neuen, mtemational eingestellten Aussen- 
politik, die Münchener Revolution als geistig politische 
Führerin des Reiches, als die im Auslande vertrauenerweckende 
Mittlerin zwischen den Alliierten und Deutschland anstelle 
der dazu nicht fähigen Reichsleitung: so verstehen sich 
Sinn und Absichten der Politik, die in dem Schuldbekenntnis 
vom 23. November 1918 gipfelte. 

Die WirkHchkeit gestaltete sich anders. In seiner über- 
wäkigenden Mehrheit versagte das bayerische Volk dem 
Ministerpräsidenten die Gefolgschaft für diese Politik, die 
in einen scharfen Gegensatz zum Reiche hineinführte. Nur 
ein kleines Häuflein engster Gesinnungsfreunde ging mit 
ihm. Selbst in den Räteorganisationen erhob sich heftiger 
Widerstand. 

Der Glaube, dass über Bayern der Friede für Deutschland 
kommen könne, erwies sich als rrutTbild. Als im januar 19 19 
in Versailles die Vorfriedenskonterenz der Alliierten begann, 
wurde offenbar, dass diese die Münchener Enthüllung als 
willkommenes Hilfsmittel benützten, um ihre bodenlos un- 
gerechte und alles Mass verleugnende Schuldanklage gegen 
Deutschland zu begründen. Die Absicht war in der Presse 
der Verbandsstaaten schon vorher zutage getreten. Und 
Raimond Poincai'i^, damals Präsident der französischen Re- 
publik, begrüsste am 19. Januar 1919 die Vorfriedens- 
konferenz mit einer Anrede, in der er Deutschland die 
verbrecherische Schuld am Kriegsausbruch auferlegte mit 
deutlichem Fingerzeig auf die Dokumente, die es selbst 
aus seinen Archiven geliefert habe. 

In der Anklageschrift, welche die Commission des 
Responsabilit^s des auteurs de la guerre et des sanctions 
(Kommission fUr die Feststellung der Verantwortlichkeiten 
der Urheber des Krieges und die aufzuerlegende Strafe) 
abfasste und am 29. März 19 19 der Vorfriedensversammlung 
der Alliierten unterbreitete, fanden die Eisnerschen Auszüge, 
wie schon erwähnt, eine ausgiebige, aber keineswegs ein- 
wandfreie Verwertung. In dem künstlichen Gefüge dieser 



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IX 



Schuldanklage gegen Deutschland erscheinen sie als Bau- 
steine, von der Kommission der Alliierten mit Geschick so 
zubereiteti dass sie dem Ganzen eingepasst werden konnten« 
So wurden sie Bestandteile eines weltgeschichtlichen Doku- 
ments. 

Der Bericht Barthous an den Friedensausschuss der 
französischen Kammer vom 6. August 1919 und der Rapport 
des Untersuchungsausschusses des französischen Senats vom 
18. Oktober 19 19 rücken die Enthüllungen des revolutio- 
nären bayerischen Ministerpäsidenten in den Mittelpunkt 
ihrer Beweisführung. Sie verfallen dabei in noch gestei- 
gertem Masse in die Fehler und übertreibenden Einseitig- 
keiten der Versailier Kommission. 

Anlass genug, der Frage auf den Grund zu gehen, 
welche Bedeutung der Veröffentlichung vom 23. Novem- 
ber 19 18 und den ihr zugrunde liegenden Aktenstücken 
in W irkh'chkeit zukommt. Die Gegendenkschrift der Vierer- 
koMunission, die im Autirage der deutschen Friedens- 
delegation die Angaben des Schuldberichtes der alliierten 
Mächte aktenmässig nachprüfte^ beanstandete die Versailier 
Ausbeutung der bayerischen Dokumente und verwarf sie 
als nicht beweiskräftig. Allein die Viererkommission hatte 
nur die Bruchstücke in der Eisnerschen Wiedergabe, nicht 
aber den Wortlaut vor sich. Daher musste ihre Ent* 
gegnung unvollständig bleiben. 

Die Fra[:;;e einer gründlichen Nachprüfung der An- 
gelegenheit trat dann im August 19 19 erneut auf, also 
nachdem der Versailier Vertrag Deutschland bereits auf- 
gezwungen war. Damals erhob der Geheime Legationsrat 
von Schoen, der Verfasser des ebenfalls auszugsweise 
bekannt gegebenen Berliner Gesandtschafitsberichts vom 
18. Juli 19 14, gegen die bruchstückweise Veröffentlichung 
nachträglich Einspruch. Er ergänzte die weggelassenen 
Stellen und erklärte, durch die Kürzungen sei der Zweck 
und der Sinn seines Berichts wahrheitswidrig entstellt und 
die für Deutschland schädliche Benützung: in Versailles erst 
möglich geworden. 

Der naheliegenden Frage, warum diese wicht^e Eröff- 
nung so spät komme, warum sie nicht noch vor dem Ab- 



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Schlüsse des Friedensvertrages gemacht worden sei, begeg- 
nete Herr von Schoen von vomherein mit der Angabe, es 
sei ihm unmöglich gewesen, vorher die Urschrift oder die 
Ausfertigung seines Berichts zu erlangen. 

IV. 

In diesem Stande griff der Bayerische Landtag die An- 
gelegenheit auf, wie eingangs dargelegt. 

mt dem fortschreitenden Eindringen in den StoiT ergab 
sich für mich die Gewissheit, class die Forschung und Bericht- 
erstattung nicht einfach auf den eigentlichen Tatbestand der 
Eisnerschen Veröffentlichung beschränkt werden konnte, 
sondern dass sie weiter ausgedehnt werden musste, wenn 
man gründlich und möglichst vollständig verfahren wollte. 
Die Enthüllung vom 23. November 1918 stellte sich, wie 
schon betont^ heraus als der Brennpunkt eines vom 
Ministerpräsidenten Eisner und seinem engeren Gesinnungs- 
kreis unternommenen bedeutsamen Versuches, auf dem Wege 
über den neuen bayerischen Freistaat die Politik des Reiches 
nach den beisonderen Meinungen, Ansichten und iVbsichten 
der Münchener Revolution zu bestimmen. Damit entstand 
die Notwendigkeit, die Entwicklung und den Ablauf dieses 
Versuches zu verfolgen und das weitschichtige gedruckte 
und handschriftliche Material, das hierauf Bezug hat, zu 
berücksichtigen. 

Dementsprechend umfasst der Teil A der vorliegenden 
Sammlung eine Zusammenstellung der Veröffentlichung vom 
23. November 19 18 mit den Originalen der dazu benutzter^ 
Schriftstücke. Dann die Zeugnisse, die Auskunft geben 
können über die Ursachen, Bewegorründe und die Veran- 
lassungen der Enthüllung, also ihre Vorgeschichte. Femer 
diejenigen Zeugnisse, welche die Folgen und Wirkungen 
aufzeigen, weiter diejenigen, welche die darob entstandenen 
Auseinandersetzungen mit der Reichsleitung und den in 
Bayern darüber entbrannten Streit beleuchten, 

Es erschien aber aus Gründen, die in den Vorbe- 
merkungen zu Teil B näher erwähnt sind^ auch zweck- 



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XI 



mässigf aus dem diplomatischen Geheimarchiv des Ministe- 
riums des Ausseren und der bayerischen Gesandtschaften 
alle jene Berichte und Meldungen wiederzugeben, die sich mit 

der politischen Hochspannung in Europa und der drohenden 
Kriegsgefahr im Juli 1914 befassen. Sie sind im Teil B 
nach der Zeitfolge zusammengestellt. Auf diese Weise soll ein 
Gesamtbild der bayerischen Gesandten-Berichterstattung aus 
jenen kritischen Wochen gegeben werden. Damit wird 
auch ermöglicht, die für die Veröffentlichung vom 23. No- 
vember 19 18 getroffene Auswahl aus diesen Dokumenten 
zum ganzen Bestände in Vei^leich zu setzen. 

Die Wiedergabe der Zeugnisse und Dokumente bewahrt 
genau den Wortlaut der Originale. Wo im ersten Teile 
Kürzungen unerlässlich waren, also bei gedruckten Vorlagen^ 
Regierungskundgebungen, Reden usw., die sich meist auch 
mit anderen Gegenständen befassen, wurden sie sachgemäss 
gekennzeichnet. Zussunmenziehende Bemerkungen und Über- 
leitungen des Herausgebers sind durch grössere Schrift oder 
in Anmerkungen hervorgehoben und halten sich in den 
Grenzen rdn sachlicher Feststellungen. 

Die diplomatischen Schriftstücke des Teiles B erscheinen 
in vollem Wortlaute. Lediglich in einigen wenigen wurden 
Stellen, die mit dem Gegenstand der Kriegsgefahr und 
politischen Lage nicht im Zusammenhange stehen oder 
ohne Bedeutung sind, unter entsprechendem Vermerk 
gestrichen. 

Im übrigen fanden fISr die Wiedergabe im wesentlichen 

die Grundsätze Anwendung, die in der deutschen amtlichen 
Publikation ,,Die deutschen Dokumente zum Kriegsaus- 
bruch'^ eingehalten sind. 

München, Ostern 1922. 

Df. P. Dirr 



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XII 



Inhaltsübersicht 



Vorwort i 

A DieAktenverdffentlichttngdeBMttiisterpräsidenteii 
Eisner und der Versidller Schuldspruch 

, I. Die Veröffentlichung vom 23. November 1918 
und ihre urkundlichen Unterlagen ..».•.. 5 

1. Amtliche Mitteilung der Korrespondenz Hoffmann 3 

2. Bericht des Bayerischen Geschäftsträgers in Berhn, 
von Schoen, an den Vorsitzenden im Ministerrate, 
Grafen von Hertling, vom 18. Juli 19 14 4 

3. Fernsprech'Meldung der Gesandtschaft in Berlin vom 

31. Juli 1914; 7^* vorm 13 

4. Fernsprech-Meldung der Gesandtschaft in Berlin vom 

31. Juli 191 4; nachm 14 

5. Bericht des bayerischen Gesandten in Berlin, Grafen 
Lerchenfeld, an den Vorsitzenden im Ministerrate, 
Grafen von Hertiing, vom 4. August 1914 .... 15 

II. Auswirkung in Versailles 17 

1. Schuldbericht der Entente 17 

2. Deutsches Gegengutachten 19 

3. Spätere Erklärung der deutschen Viererkommission 23 

HI. Zur Vorgeschichte der £nthüllung 25 

1. Aus der ersten Regieriingskundgebung Eisners in der 
Nacht zum 8. November ujl6 2$ 

2. Aus der Rede Eisners im Arbeiter- und Soldatenrate 

am 8. November 191 8 25 

3. Kundgebung der Regierung des bayerischen Volkse 
Staates vom lO. November 191 8 26 

4. Telegramm Professor Foersters in Zürich an den 
Ministerpräsidenten Eisner 11. November 1918 ... 28 

5. Telegramm Eisners an Foerster 12. November 1918 28 

6. Telegramm Foersters an Eisner 13. November 191 8 29 



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Seite 

7. Telegramm Eisners an Foerster 14. November 19 18 30 

8. Telegramm George D. Herron's in Genf an Professor 
Dr. Edgar Jaffe, Flnanzminister des Volksstaates 
Bayern und an den Ministerpräsidenten Eisner 14. No- 
vember 1918 30 

9. Telegramm Foersters an Eisner 14. November 1918 31 

10. Aus dem Regierungsprogramm des bayerischen 
Ministeriums vom 15. November 1918 32 

11. Bericht Foersters an Eisner vom 16. November 1918 33 

12. Telegramm George D. Herron's in Genf an Eisaer 

und Jafie 17. November 1918 39 

13. Telegramm des Großsire Dr. Weiss an Großsire 
Frank Goudy, Denver, Colorado 4^ 

14. Telegramm Eisners an Dr. Weiss 17. November 191 8 40 

15. Telegramm Eisners an Foerster 18. November 19 18 41 

16. Telegramm der Gesandtschaft Bern an das Ministerium 

des Aussem 18. November 191 8 41 

17. Telegramm Foersters an Eisner 19. November 191 8; 

300 nachm 42 

18. Telegramm Foersters an Eisner 19. November 1918; 

3** nachni 42 

19. Telegramm Eisners an Foerster 19. November 1918 43 

20. Bericht des bayerischen Gesandten in Berlin, Dr. Mückle, 

an den Ministerpräsidenten 19. November J918 . . 43 

21. Telegramm des „Schweizer Komitees zur Vorbereitung 
des Völkerbundes'* an die bayerische Volksregierung 

20. November 1918 45 

22. Telegramm Eisners an die bayerische Gesandtschaft in 
Berlin 21. November 191 8 46 

23. Bericht Foersters an Eisner 21. November 1918 . . 46 

24. Telegramm Foersters an Eisner 22. November 191 8 50 

25. Telegramm Eisners an Foerster 22. November 1918 50 

26. Amtliche Mitteilungen aus bayerischen diplomatischen 
Aktenstücken in der Korrespondenz Hoifmann am 

23. November 1918 . • 50 

IV, Nach der Enthüllung- 51 

1. Erklärung früherer bayerischer Minister 5^ 

2. Halbamtliche Mitteilung des- Auswärtigen Amtes in 

der Deutschen Allgemeinen Zeitung 51 

3* Amtliche Mitteilung der bayerischen Gesandtschaft 

in Berlin S3 

4. Entg^rnung Bethmann HoUw^s 55 

5, Entgegnung des Unterstaatsseki^stärs a. D. Dr. Zimmer- 
mann 56 



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XIV 



Sehe 



6. Die erschwerende Wirkung der Enthüllungen; halb- 
amtliche Mitteilung 58 

7. Pressenotiz des Auswärtigen Amtes 60 

8. Professor Foerster gegen das Auswärtige Amt ... 61 

9. Französisches Dementi 62 

10. Meldimj^ der Deutschen Allgemeinen Zeitung »Auf 
AnreLiung Clemcnceaus?" ^2 

11. Professor Focrsters Entgegnung in den Münchener 
Neuesten Nachrichten 62 

12. Amtliche Mitteilung des bayerischen Ministeriums des 
Aussem 63 

13. Erwiderung von Dr. Mückle 63 

14. Erklärung Professor Foersters 64 

.15. Die deutsche Reichsregierung an die Regierungen 

der Entente 64. 

V. Auseinandersetzung mit Berlin 66 

1. Reichskonferenz im Kongresssaal des Reichskansder- 
palais am Montag, 25. Nov. 191 8 . . 66 

2. U ltimatum des bayerischen Bevollmächtigten beim 
Reicli an den Rat der Volksbeauftragten (Reichs- 
regierung) • 71 

3. Der Ministerpräsident an die Gesandtschaft in Berlin 72 

4. Kundgebung des Httncfaener Arbeiter-, Soldaten- und 
Bauemrats an den Vollzugsausschuss des Arbeiter* 

und Soldatenrats in Berlin 72 

5. Die bayerische Gresandtschaft in Bern an das Mini- 
sterium des Äussern (fiir Gesandten Foerster) ... 73 

6. Der bayerische Ministerpräsident an den BevoUmäch» 
tif^ten in Berlin 73 

7. Die Bevollmächtigten der bayenschen Arbeiter-, 
Bauern- und Soldatenräte in Berlin an den Minister- 
präsidenten Eisner 73 

8. Die BevoUniächtigten der bayerischen Arbeiter-, 
Bauern- und Soldatenräte in Berlin an das bayerische 
Ministerium 74 

9. Der Gesandte in Berlm an den Ministerpräsidenten 74 

10. Hessen gegen Bayern 75 

11. Aus der Rede des Bftnisterpräsidenten in der Landes- 
tagung der Arbeiter-, Soldaten- und Bauemräte 

28. November 1918 75 

12. Auseinandersetzung im Landessoldatenrate 30, No- 
vember bis 3. Dezember 1918 79 

13. Bayerischer Antrag an die Kcichsregierung auf eine 
neue Staaten konierenz 81 



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XV 



8dl* 

14. Geheimer Beschluss des Ministerrates vom 3. Dezember 82 

15. Beschluss des Vollzugsrates des Arbeiter- und Sol- 
datenrates Gross-Berlin . . • 82 

16. Die Reichsregierung an die bayerische Regierung . 83 

17. Im Vorparlament 83 

18. Der Gesandte in Bern an den Ministerpräsidenten 

19. Aus dem Be[:^leitschrclben Foersters zu handels- 
politischen Ikrichten der Berner Gesandtschaft ... 91 

20. Badisches Ministerium des Äussern an das Mini- 
sterium des Äussern in München 92 

VI. Besondere Schicksale der bayerischen Dokumente 93 



B Bayerische Oesandtenberichte aus den letzten 



Vorkriegs Wochen 99 

Vorbemerkungen loi 

Die Gesandtenberichte 1914 iii 

4. Juni 

1. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate Iii 

39. Juni 

2. Der Gesandte in Beriln an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 1 14 

30. Juni 

3. Der Gesandte in Wien an den König 116 

2. JuU 

4. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate iiy 

5. Der Gesandte in Wien an den König liS 

3. Juli 

6. Der Gesandte in Wien an den König 119 

6. Juli 

7. Der Gesandte in Wien an den König 121 

9. juh 

8. Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden 

im Ministerräte 121 



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XVI 



Seite 

10. Juli 

9. Der Gesandte in Wien an den König 12^ 

11. Juli 

^ 10. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 126 

14. Juli 

11. Der Gesandte in Wien an den König^ 126 

12. Der Gesandte in Rom an den König 12& 

18. Juli 

13. Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden 

im Ministerrate (vgl. S. 2 fr.) 129 

14. Der Gesandte in Wien an das Mtniateriuni des Ausseni 129 

21. Juli 

15. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 130 

23. Juli 

16. Der Geschäftsträger in Berlin an das Ministerium des 
Äussern . 131 

17. Der Vorsitzende im Mimsterrate an die Gesandtschaft 

in Berlin I31 

18. Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden 

im Ministerrate .**• '3' 

19. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 133 

25. Juli 

20. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des 
Äussern , 134 

21. Der Geschäftsträger in Beriin an das Ministerium 

des Äussern 134 

22. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 135 

23. Der Gesandte in Paris an den Konig 136 

24. Der Gesandte in St. Petersburg an das Ministerium 

des Äussern 138 

26. Juli 

z$. Der Geschäftsträger in Berlin an das Ministerium 

des Äussern ' 139 

26. Der Gesandte in St. Petersburg an das Ministerium 

des Äussern 140 

27, Der Gesandte in St Petersburg an das lufinisterium 

des Äussern 140 



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XVH 

Seite 

28. Der Geschäftsträger in Berlin an das lifinisteriufn 140 

des Äussern 

39. Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden 



im Ministerrate 141 

30. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 143 

31. Der Gesandte in Paris an den König 144 

32. Der Gesandte in St. Petersburg an das Ministerium 

des Aussem 146 

27. Juli 

33. Der Gesandte in St. Petersburg an das Ministerium 

des Äussern , 147 

34. Der Geschäftsträger in Berlin an das Ministerium des 
Altssem 148 

35. Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden 

im Ministerrate :. • • • ^4^ 

36. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 150 

37. Der Gesandte in St. Peterabuig an das Ministerium 

des Äussern 151 

38. Der Gesandte in Rom an den König 1 52 

28. Juli 

39. Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 153 

40. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate • • • ^53 

41. Der Gesandte in Wien aa das Ministerium des Äussern 155 

42. Der Gesandte in Wien an das Ministenum des Äussern 155 

29. Juli 

43. Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 156 

44. Der Gesandte in St. Petersburg an das Ministerium 

des Äussern 157 

45. Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 1 57 

46. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 157 

47. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate i$S 

48. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 159 

49. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 160 

50. Der Gesandte in Rom an das Ministerium des Äussern 161 



30. Juli 

51. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 161 

52. Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 162 

53. Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 162 

II 



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xvm 



54. Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 162 

55. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 163 

56. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 164 

57. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 165 

58. Der Gesandte in St. Petersburg an das Ministerium 

des Äussern 166 

59. Der Gesandte in Rom an das Ministerium des Äussern 1 68 

3i- Juli 

60. Femsprech-Meldung der Berliner Gesandtschaft • , 169 

61 . Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 170 

62. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 170 

63. Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 170 

64. Die Gesandtschaft in Berün an das Ministerium des 
Äussern 171 

65. Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 171 

66. Der Gesandte in Berlin ui das Ministerium des Äussern 172 

67. Fernsprechmeldung der Berliner Gesandtsciiaft ... 172 

68. Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 173 

69. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 173 

70. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 174 

71. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 175 

72. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 176 

t. August 

73. Der Vorsitzende lui Ministerräte an die Gesandtschaft 

in Berlin . . ^ 177 

74. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 177 

75. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 178 

2. August 

76. Die Gesandtschaft in Berlin an das Ministerium des 

Äussern 179 

77. Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 179 

78. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 179 

79. Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 1 8 1 



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XIX 

S«ite 

4. August 

80. Der Gesandte io Berlin an den Vorsitsenden im 

Ministerrate 182 

81. Der Gesandte in Paris an den König 182 

5. August 

82. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 
Ministerrate 186 

85. Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate • 187 



Personen- und Sachregister . * . . . 189 



II* 



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A. Die Aktenveröffentlichung 
des Ministerpräsidenten Hisner 

und der 

Versailier Sdiuldspruch 



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I 

Die Veröffentlidiung vom 23. November 1918 und 
ihre urkundiidien Unterlagen 

Nachstehend folgt linksseitig die amtliche Veröffent- 
lichung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner vom 23. No- 
vember 1 9 1 8, rechts davon der Wortlaut der diplomatischen 
Schriftstücke, die der Veröffentlichung- zugfrunde lagen, nach 
den in den Akten der bayerischen Gesandtschaft in Berlin 
und des Ministeriums der Äussern in München behndlichen 
Urschriften: 



Amtliche Mitteilung der 
Korrespondenz Hofffhiann ^ 

München, 23. November 1918 

Der bayerische Ministerpräsi- 
dent und Minister des Äussern 
E i s n e r hat vor kurzem ^) bei der 
Reichsregieriinp^ den Antrag 
gestellt, die Akten über den 
Kriegsursprung zu veröffent- 
Ucfaen. Diese Anregung war durch 
die Einsicht veranlasst, dass nur 
durch die volle Walirheit jenes 
Vertrauensverhältnis zwischen den 
Völkern liergestellt werden.könnte, 
das Voraussetzung fiir einen Frie- 
den der Völker\'^ersöhnung- ist. ! 
Der bayerische Ministerpräsident 
wird semerseits bemülit sein, aus 



^) Erschienen in den meisten Zeitungen am 25. November. — Die Mit- 
teilung stand schon am Tage vorher mit kleineren Textabweichungen im 
Berliner Tageblatt, in der Münclien-Augsburger Abendzeitung und in der 
Depeschenausgabe des Wolif sehen Telegraphenbureaus. 

2) Vgl. A 22, Seite 46. 

1* 



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4 



den diplomatischen Urkunden des 
bayerischen Dienstes aufklä- 
rende I')citrage zur Vorgeschichte 
des Weltkrieges zu veröffentlichen. 
Vorerst seien aus den Berliner 
Gesandtschaftsberi chten 
des Gfafen Lerchenfeld emige 
EinzdUbeiten mitgeteilt: 

Verdffentlichttng 

In einem Bericht vom 
1 8. Juli 1914 hat der baye- 
rische Gesandte in Berlin 
Graf Lerchenfeld die Bezie- 
hungen erörtert, die zwischen 
der Berliner Regierung und 
dem verhängnisvollen Ulti* 
matum Österreichs an Serbien 
bestehen. Es heisst in diesem 
Bericht: 



„Auf Grund von Rücksprachen, 
die ich mit Unterstaatssekretär 
Zimmermann, ferner mit den Bal- 
kan- und Dn^bundreferenten im 
Auswärtigen Amt und mit dem 
österreichisch - ungarischen Bot- 
schaftsrat dahier hatte, beehre ich 
mich, 2CU berichten : 



,,Der Schritt, den das Wiener 
Kabinett sich entschlossen hat, in 
Belgrad zu unternehmen und der 
in der Überreichung emer Note be- 
stehen wird, wird am 25. ds. Mts. 
erfo^;en. Die Hinausschiebung der 
Aktion bis zu diesem Zeitpunkt 
hat ihren Grund darin, dass man 
die Abreise des Herrn Poincar^ 



Der bayerische Oesehäfts- 
tri^r in Berlin von Sclioen, 
an den Vorsitzenden im 
Ministemte Grafen von 

HertHtig ') 

Bericlit 386. 

Betr.: Die Aktion Österreichs 
g^en Seiliien. Albanieii. Die 
Haltnog Russlands. 

Berlin, den 18. Juli 1914. 
Hochgeborener Graf! 

Auf Grund von Rücksprachen, 
die ich mit Unterstaatssekretär 
Zimmermann, ferner mit dem Bal- 
kan- und Dreibundreferenten im 
Auswärtigen Amt und mit dem 
österreidiiscii - ungarischen Bot- 
schaftsrat dahier hatte, beehre ich 
mich. Euerer Exzellenz über die 
von der österreichisch - ungari- 
schen Regierung beabsichtigteAus- 
einandersetzung mit Serbien Nach- 
stehendes gehorsamst zu berichten : 

Der Schritt, den das Wiener 
Kabinett sich entschlossen hat, in 
Belgrad zu unternehmen und der 
in der Überreichung einer Note be- 
stehen wird, wird am 25. ds. Mts. 
erfolgen. DieHinausschiebung der 
Aktion bis zu diesem Zd^Mmkt 
hat ihren Grund darin, dass man 
die Abreise des Herrn Poincare 



) Ursthrift in den Akten der bayerischen Gesandtschaft in Berlin. 



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5 



und Viviani von Petersburg ab- i 
warten möchte, um mit den 
Zweibundmächten eine Ver- 
ständigung über eine etwaige 
G^enaktion zu erldchtera. Bis 
dahin gibt man sidi in Wien durch 
die gleichzeitige Beurlaubung des 
Kri^sministers und des Chefs des 
Generalstabs den Anschein fried- 
licher Gesinnung und auch auf die 
Presse und die Börse ist nicht ] 
ohne Erfolg eing^ewirkt worden, i 
Dass das Wiener Kabinett in j 
dieser Beziehung geschickt vor- ! 
geht, wird hier anerkannt, und 
man bedauert nur, dass Graf 
Tisza, der anfangs gegen ein 
schärferes Vorgdien gewesen sein 
soll, durch sdneErklärung im unga- 
rischen Abgeordnetenhaus den 
Schleier etwas gelüftet hat. 

Wie mir Herr Zimmermann 
sagte, wird die Note, soweit bis 
jetzt feststeht, folgende Forde- 
rungen enthalten: 

1. Ein Erlass einer Prokla- 
mation durch den König 
von Serbien, in der aus- 
gesprochen werde, dass 
die serbische Regierung der 
grossserbtschen Bew^ng 
vollkommen fernstehe und 
sie nicht billige. 

2. Die Einleitung einer Unter- 
suchung gegen die Mitschul- 
digen an der Mordtat von 
Serajewo und Teilnahme 
eines österreichischen Beam- 
ten an dieser Untersuchung. 

3. Einschreiten gegen alle, die 
an der grossSerbischen Be- 
wegung beteiligt waren. 

Für die Annahme dieser Forde- 
rungen soll eine Frist von 48 Stun- 
den gestdlt werden. Dass Ser- 
bien derartige, mit seiner 
Würde als unabhängiger 



und Viviani von Petersburg ab- 
warten möchte, um nicht den 
Zweibundmächten eine Verständi- 
gung über dne etwaige Gegen- 
aktion zu erldchtem. Bis dahin 
gibt man sich in Wien durch 
die gleichzeitige Beurlaubung der 
Kriegsminister und des Chefs des 
Generalstabs den Anschein fried- 
licher Gesinnung und auch auf die 
Presse und die Börse ist nicht 
ohne Erfolg eingewirkt worden. 
Dass das Wiener Kabinett in 
dieser Beziehung geschickt vor- 
geht, wird hier anerkannt, und 
man bedauert nur, dass Graf Tisza, 
der anfangs gegen ein schärferes 
Vorgehen gewesen sein soll, durch 
seine Erklärung im ungaiisdien 
Abgeordnetenhaus den Schleier 
schon etwas gelüftet hat 

Wie mir Herr Zimmermann 
sagte, wird die Note, soweit bis 
jetzt feststeht, folgende Forde- 
rungen enthalten: 

1. Den Erlass einer Prokla- 
mation durch den König 
von Serbien, in der ausge- 
sprochen werde, dass die 
serbische Regierung der 
grossserbischen Bewegung 
vollkommen fernstehe und 
sie missbUlige. 

2. Die Einleitimg einer Unter- 
suchung gegen die Mitschul- 
digen an der Mordtat von 
Serajewo und Teilnahme 
eines österreichischen Beam- 
ten an dieser Untersuchung. 

3. Einschreiten gegen alle, die 
an der grossserbischen Be- 
wegung beteiligt seien. 

Für die Annahme dieser Forde- 
rungen soll eine Frist von 48 Stun- 
den gestellt werden. Dass Serbien 
derartige, mit seiner Würde als 
unabhängiger Staat unvereinbare 



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6 



Staat unvereinbare For* 
de rungen nicht annehmen 
kann, liegt auf der Hand. 
Die Folge wäre also der 

Krieg. 

Hier ist man durchaus damit 
einverstanden, dass Öster- 
reich die günstige Stunde nützt, 
selbst auf die Gefahr wei- 
terer Verwickelungen hin. 
Ob man aber wirklich in Wien 
sich dazu aufraffen wird, erscheint 
Herrn von Jagow wie Herrn 
Zimmermann noch immer 
zweifelhaft. Der Unterstaatssdare- 
tär äusserte sich dahin, dass 
Österreich - Ungarn , dank 
seiner Entschlusslosigkeit und Zer- 
fahrenheit , jetzt eigentlich der 
kranke Mann in Europa ge- 
worden sei, wie früher die Türkei, 
auf dessen Aufteilung Russen, 
Italiener, Rumänen, Serben und 
-Montenegriner warten. Ein star- 
kes und erfolgreiches Einschreiten 
gegen Serbien würde dazu fuhren, 
dass die Österreicher und Ungarn 
sich wieder als staatliche Macht 
fühlten, würde das darniederlie- 
gende wirtschaftliche Leben wie- 
der aufrichten und die fremden 
Aspirationen auf Jahre hinaus 
niederhalten. Bei der Empörung, 
die heute in der ganzen Monar- 
chie über die Bluttat herrsche, 
könne man wohl auch der sla- 
wischen Truppen acher sein. 
In einigen Jahren sei dies, bei 
weiterer Fortwirkung der slawi- 
schen Propaganda, wie General 
Conrad von Hötzendorff selbst 
zugegeben habe, nicht mehr der 
Fall 

Man ist also hier der Ansicht, 
das? es für Österreich sich um 
eine Schirksalstunde handle, und 
aus diesem Grund liat man hier, 



Forderungennichtannehmenkann , 
liegt auf der Hand. 

. Die Folge wäre also der Krieg. 

Hier ist man durchaus damit 
einverstanden, dass Österreich die 
günstige Stunde nutzt, selbst auf 
die Gefahr weiterer Verwickelun- 
gen hin. Ob tnan aber wirklich 
in Wien sicli dazu aulralfen wird, 
erscheint Herrn von Jagow wie 
Herrn Zimmermann noch inuner 
zweifelhaft Der Unterstaatssekre- 
tär äusserte sich dahin, das Öster- 
reich-Ungarn, dank seiner Ent- 
schlusslosigkeit und Zerfahrenheit, 
jetzt eigentlich der kranke Mann 
in Europa geworden sei, wie früher 
die Türkei, auf dessen Aufteilung 
Russen, Itiüif ner, Rumänen, Ser- 
ben und Montenegriner warteten. 
Eni starkes und erfolgreiches Ein- 
schreiten gegen Serbien würde 
dazu liihren, dass die Österreicher 
und Ungarn sich wieder als staat- 
liche Macht fühlten, würde das 
damiederliegende wirtschaftliche 
Leben wieder aufrichten und die 
fremden Aspirationen auf Jahre 
hinaus niederhalten. Bei der Em- 
pörung, die heute in der ganzen 
Monarchie über die Bluttat herr- 
sche, könne man wohl auch der 
slawischen Truppen sicher sein. 
In einigen Jahren sei dies, bei 
weiterer Fortwirkung der slawi- 
schen Propaganda, wie Generai 
Conrad von Hötzendorff selbst 
zugegeben habe, ni6ht mehr der 
Fall. 



Man ist also hier der Ansicht, 
j dass es für Osterreich sich um 
1 eine Schicksalstunde handle, und 
aus diesem Grund hat man hier, 



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7. 



auf eine Anfrage au$ Wien, ohne 
Zögern erklärt, dass wir mit je- 
dem Vorgehen» zu dem man sich 
dort entschliesse, einverstan- 
den seien, auch auf die Ge- 
fahr eines Krieges mit Russ- 
land hin. Die Blanko- Voll- 
macht, die man dem Kabinetts- 
chef des Graten Berchtold, dem 
Grafen Hoyos gab, der zur Über- 
gabe eines Ailei höchsten Hand- 
schreibens und eines ausführlichen 
Promemorials hierher gekommen 
war, ging so wdt, dass die öster- 
reidiisdi-ungarische Regierung er- 
mächtigt wurde, mit Bulgarien 
w^en Aufnahme in den Drei- 
bund zu verhandeln. 

In Wien scheint man ein so 
unbedingtes Eintreten Deutsch- 
lanc^s für die Donaumonarchie 
nicht erwartet zu haben, und Herr 
Zimmermann hat den Eindruck, 
als ob es den immer ängstlichen 
und entschlussloseii Stellen Wiens 
fast unangenehm wäre, dass von 
deutscher Seite nicht zur Vor- 
sicht und Zurückhaltung 
gemahnt worden sei. Wie sehr 
man in Wien in seinen Ent- 
schlüssen schwankt, beweise der 
Umstand, dass Graf Berchtold. 
3 Tage nachdem er hier wegen 
eines Bündnisses mit Bulgarien 
liatte anfragen lassen, telegraphiert 
habe, dass er doch noch Bedenken 
trage, mit Bulgarien ab/uschliessen. 

Man hätte es daher auch hier 
lieber gesehen, wenn mit der Aktion 
gegen Serbien nicht so lange ge- 
wartet würde und der serbischen 
Regierung nicht die Zeit ge- 
lassen würde, etwa unter 
russisch - französischem 
Druck von sich aus eine 
Genugtuung anzubieten." 

Es wird dann in diesem Be- 



auf eine Anfrage aus Wien, ohne 
Zögern erklärt, dass wir mit je- 
dem Vorgehen, zu c!em man sich 
dort entschliesse, einverstanden 
seien, auch auf die Gefahr eines 
! Krieges mit Russland hin. Die 
Blankovollmacht, die man dem Ka- 
binettschef des Grafen Berchtold. 
dem Grafen Hoyos g-ab, der zur 
Übere^abe eines x\ilerhochsten 
Harulbchreibens und eines aus- 
lulirlichen Promemorias hierher- 
gekommen war, ging so weit, 
dass die österreichisdk-ungarische 
Regierung ermächtigt wurde, mit 
Bulgarien wegen Aufoahme in den 
Dreibund zu verhandeln 1 

In Wien scheint man ein so 
unbedingtes Eintreten Deutsch- 
lands für die Donaumonarchie 
i nicht erwartet zu haben, und Herr 
i Zimmermann hat den Eindruck, 
I als ob es den immer ängstlichen 
und cntschlusslosen Stellen in 
Wien &st unangenehm^ wäre, dass 
von deutscher Seite nicht zur 
Vorsicht un4 Zurückhaltung ge- 
mahnt worden sei. Wie sehr man 
in Wien in seinen Entschlüssen 
schwankt, beweise der Umstand, 
dass Graf Berchtold, 3 Tage 
nachdem er hier \^egen eines 
Bündnisses mit Bulgarien hatte 
anfragen lassen, telegraphiert habe, 
dass er doch noch Bedenken trage, 
mit Bulgarien abzuschliessen. 

Man hätte es daher auch hier 
lieber gesdien, wenn mit der Ak- 
tion gegen Serbien nicht so lange 
gewartet und der serbischen Re- 
gierung nicht die Zeit gelassen 
würde, etwa unter russisch-fran- 
zösischem Druck von sich aus 
eine Genugtuung anzubieten. 

>Vie sich die anderen Mächte 
zu einem kriegerischen Konflikt 



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4 



8 



richte des Grafen Lerchenfeld an 
den Grafen 1 1 e r 1 1 i n g weiter über 
die diplomatische Aktion Deutsch- 
lands geplaudert. 



Die Reichsleituiig werde ^^it 
dem Hinweis daranf, dass der 
Kaiser auf der Nordbindreise und 
der Chef des Grossen Generalstabs 

sowie der preussische Kriegsmt- 
nister in Urlaub seien, behaup- 
ten, durch die Aktion 
Östcrr cichs genau so über- 
rascht worden tu sein, wie 
die anderen Machte.** 

Weiterhill werden über das 
vermutUdie Verhalten der 
Mächte allerlei Betrachtungen 
angestdlt. Es heisst da: 



zwischen Österreich und Serbien 
stellen werden, wird nach hiesiger 
Auffassung wesentlich davon ab- 
hängen, ob Österreich sich mit 
einer Züchtigung Serbiens be- 
gnügen oder auch territoriale Ent- 
schädigungen für sich fordern 
wird. Im ersteren Falle dürfte 
es gelingen, den Krieg zu lokali- 
sieren, im anderen Falle dag^egen 
waren j^rnsscrc Verwickelungen 
wohl unausbleiblich. 

Im Interesse der I^kalisierung 
des Kriegs wird die Reichsleitung 
sofort nach der Übergabe der 
österreichischen Note in Belgrad 
eine diplomatische Aktion bei den 
Grossmächten einleiten. Sie wird 
mit dem Hinweis darauf, dass der 
Kaiser auf der Nordlandsreise und 
der Chef des Grossen Generalstabs 
sowie der preussische Kriegsmi- 
nistcr in Urlaub seien, behaupten, 
durch die Aktion Österreichs ge- 
nau so überrascht worden zu sein 
als wie die anderen Mächte. (Wie 
ich mir hier einzuschalten gestatte, 
ist nicht einmal die italienische 
Regierung ins Vertrauen gezogen 
worden). Sie wird geltend machen, 
dass es im gemeinsamen Interesse 
aller monarchischen Staaten lic^« 
wenn „das Belgrader Anarchisten- 
nest** einmal ausgehoben werde, 
und sie wird darauf hinarbeiten, 
dass die Mächte sich auf den 
Standpunkt stellen, dass die Aus- 
einandersetzung zwischen Oster- 
reich und Serbien eine Angelegen- 
heit dieser beiden Staaten sei. 
Von einer Mobilmachung deut- 
scher Truppen soll abgesehen 
werden, und man will auch durch 
unsere militärischen Stellen dahin 
wirken, dass Österreich nicht die 
gesamte Armee und insbesondere 
nicht die in Galizien stehenden 



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9 



,,Herr Zimmermann nimmt an, 
dass sowohl England und Frank- 
reich, denen ein Krieg zurzeit 
kaum erwünscht wäre, auf Russ- 
land in friedlichem Sinne einwirken 
werden ; ausserdem baut er darauf, 
dass das „Bluffen" eines der be- 
liebtesten Requisiten der russischen 
Politik bildet und der Russe zwar 
gerne mit dem Schwerte droht, 
es aber im entscheidenden Moment 
doch nicht gern für andere zieht/' 



Über England wird gesagt, 
dass der Krieg zwischen Zweibund 



Truppen mobilisiere, um nicht 
automatisch eine Gegenmobilisie- 
rung Russlands auszulösen, die 
dann auch uns und danach Frank- 
reich zu gleichen Massnahmen 
zwingen und damit den europäi- 
schen Krieg heraufbeschwören 
würde. 

Entscheidend für die Frage, 
ob die Ldcalisierung des Krieges 
gelingen wird, wird in i. Linie 
die Haltung Russlands sein. 

Will Russland nicht auf alle 
Fälle den Krieg gegen Osterreich 
und Deutschland, so kann es in 
diesem Falle — und das ist das 
Günstige der gegenwärtigen Si- 
tuation — sehr wohl untatig bleiben 
und sich den Serben gegenüber 
darauf berufen, dass es eine Kampf - 
weise, die mit Bomben werfen und 
Revolverschüssen arbeite, ebenso- 
wenig wie die anderen zivilisierten 
Staaten billige. Dies insbesondere, 
solange Österreich nicht die na- 
tionale Selbständigkeit Serbiens 
in Frage stellt. 

Herr Zimmermann nimmt an, 
dass sowohl iingland und Frank- 
reich, denen ein Krieg zurzeit 
kaum erwünscht wäre, auf Russ- 
land in friedlidiem Sinne einwirken 
werden ; ausserdem baut er darauf, 
dass das „Bluffen" dnes der be- 
liebtesten Requisite der russisdien 
Politik bildet und der Russe zwar 
gerne mit dem Schwerte droht, 
es aber im entscheidenden Moment 
doch nicht gern für andere zieht. 

England wird Österreich 
nicht hindern, Serbien zur Rechen- 
schaft zu ziehen ; nur eine Zer- 
trümmerung des Landes wird es 
kaum zulassen, vielmehr — getreu 
seinen Traditionen — vermutlich 
auch hier filr das Nationalitäten- 
prinzip eintreten. Ein Krieg zwi- 



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10 



und Dreiblind England im jetzigen 
Zeitpunkte schon mit Rüdcsicht 
auf die Lage in Irland wenig will* 
konunensei. Käme es freilich zum 
Kriege, so sei es die Auffassung 
in Berlin, die englischen Vettern 
würden wir auf der Seite unserer 
Gegner finden, d.i England be- 
fürchte, dass Frankreich im Falle 
einer Niederlage auf die Stufe einer 
Macht zweiten Ranges herabsinke, 
und damit das europäische Gleich- 
gewicht gestört würde. 



sehen Zweibund und Dreibund 
dürfte En^and im jetsigen Zeit- 
punkt schon mit Rücksicht aut 
die Lage in Irland wenig willkom- 
men sein. Kommt es gleichwohl 
dazu, so würden wir aber nach 
hiesifrerAnschauung die enLjlischen 
Vettern auf der Seite unserer Geg- 
ner finden, da England befürchtet, 
dass Frankreich im Falle einer 
Niederlage auf die Stufe einer 
Macht zweiten Ranges herabsinken 
und damit die „baUmce of powers" 
gestört würde, deren Erhaltung 
England im eigenen Interesse für 
geboten erachtet. 

Sehr wenig Freude würde 
Italien an einer Züchtigung Ser- 
biens durch Osterreich empfinden, 
dem es eine Starkunsf seines Ein- 
flusses auf dem Balkan keineswegs 
gönnen würde. Wie mir der Ge- 
sandte von Bergen, der Refereni 
für die Dreibundangelegenheit im 
Auswärtigen Amt, sagte, ist das 
Verhältnis zwischen Wien und 
Rom einmal wieder alles wai^;er 
als freundschaftlich. In Wien sei 
man sehr verstimmt g^en den 
italienischen Gesandten in Alba- 
nien, Aliotti, der gegen Österreich 
stark intrigiert zu haben scheint, 
und der Botschafter von Merey 
habe deshalb vor einigen Tagen 
den Auftrag erhalten, von Italien 
zu verlangen, dass dieses seine 
ganze Politik ändere, da sonst 
ein längeres Einvernehmen nicht 
möglich sei. Der Aufbag habe 
so scharf gelautet, dass San Giu- 
liano ganz aulgebracht sei, und 
in dieser Spannung zwischen Öster- 
reich und Italien liege ein die 
Situation sehr er-^chwerendes Mo- 
ment. Die Aulteilung Serbiens 
oder auch nur die Annexion des 
die Buciit von Cattaro beherr- 



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Nicht uninteressant ist es, dass 
in diesem Bericht auf dne ganz ver- 
trauliche Mitteilung hingewiesen 
wird, wonach der deutsche Bot- 
schaftsrat Fritz Stollberg in Wien 
schon vor einigen Tagen bei 
Österreich die Frage einer Ent- 
schädigung Italiens durch Ab- 
tretung des südlichen Trentino 
erörtert habe (also schon damals). 



sehenden Berges Lovzen in Monte- 
negro durch Österreich würde 
Italien nicht, ohne daßir Kompen- 
sationen zu erlangen, dulden. Es 
erscheint nicht ausgeschlossen» 
dass Italien die Einberufung seiner 
Reserven, die es mit der inner- 
politischen Lage rechtfertigen wiU, 
zu dem Zweck vornimmt, um ge- 
gebenen Falles zur Besetzung von 
Valona zu schreiten. Herr Zimmer- 
mann ist der Meinung, dass Öster- 
reich sich dem nicht widersetzen 
sollte, da Valona eiiie neue Achii- 
lesferse lur Italien bilden würde 
und die Entfernung zwischen 
Brindisi und Valona zu gross sd, 
als dass es den Italienern gelingen 
könnte, die Adria völlig zu sperren. 

Vielleicht darf auch aus einer 
Äusserung des österreichisch-un- 
garischen Botschaftsrats, wonach 
nach seiner persönlichen Meinuin^ 
! Valona den Italienern gegeben 
i werden könne,geschlossen werden, 
i dass man sich in Wien bereits 
mit einer Festsetzung der Italiener 
in Sudalbanien vertraut macht. 

Wie ich ganz vertraulich ge- 
hört habe, ist der Botschaftsrat 
Prinz Stolberg in Wien, der vor 
einigen Tagen hier war, beauftragt 
worden, die Frage einer Ent- 
I schüdii^ung Italiens mit dem Grafen 
j Berchtold zu hc^^prechen und da- 
bei in inoffi/.iellt^i Form einfliessen 
zu lassen, dass man Italien wohl 
dauernd gewinnen würde, wenn 
Österreich sich im Falle grösserer 
Gebietserweiterungen zur Ab- 
tretung des sudlichen Trentino, 
d. h. desjenigen Tefls des Erz- 
bistums Trient, das nie zum alten 
; deutschen Reich gehört hat, an 
Italien verstehen würde. 

Dass das Wiener Kabinett 
diesem Gedanken näher treten 



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werde, wird hier aUerdtngs kaum 
erwartet, und man hat al^tditlich 
den Botschaftsrat und nicht den 

, gleichfalls in Wien anwesenden 
Botschafter beauflagt, das Ge- 
spräch auf das Trentino zu bringen, 

um nicht durch eine derartige 
offizielle Anregung zu verstimmen. 

Was B u 1 8^ a r i p n anlangt, so 
nimmt die hiesige österreichisch- 
ungarische Rotschaft an, dass 
König Ferdinand den Ausbruch 
eines Krieges zwischen österreksh 
und Serbien benutzen würde, um 
zur Rücl^ewinnung des im Bu- 
karester Frieden verlorenen Ge- 
bietes gleichfalls gegen Scrliien 

; loszuschlagen. Da die Gefahr be- 
steht, dass in diesem Falle Ru- 
mänien , wie im zweiten Jialkan- 
krieg, sich gegen Bulgarien wenden 
würde — an einer dahinziehen- 
den BceinflussiinjT seitens Russ- 
lands, das daelvL nichts gegen 
Bulgarien unternehmen wird, 
dilrfte es auch diesmal nicht 
fehlen — , so hat man von hier 
aus den König Karol, mit dessen 
Haltung man in letzter Zeit wenig 
zufrieden war, in nicht mtsszu- 
verstehender Weise wissen lassen, 
da.ss Deutschland sich auf Seiten 
Riilt^ariens stellen würde, falls 
Rumänien nicht Serbien fallen 

! lasse. Nach der Antw )rt des 
Königs nimmt man hier an, dass 
Rumänien Ruhe halten wird, falls 
ihm eine Entschädigung in Aus- 
sicht gestellt wird. Als solche 
käme das Gebiet um Vidin in Bc 
tracht, dessen Bevölkerung in der 
Hauptsache aus Rumänen besteht. 
Damit wäre dann wohl Rumänien 
fiir den Dreibund, der sich in die- 
sem Falle als nützlicher und stär- 
ker als der Zweibund erwiesen 
hätte, von selbst zurückgewonnen. 



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13 



Griechenland, das eine 
Verkleinemng Serbiens nicht un- 
gern sehen würde, wäre in Epirus 
zu entschädi^'i^cn und hätte datur 
Kawalia an Bulgarien abzutreten. 

Was endlich Montenegro 
betrifft, so hofft man hier, dass 
der intelligente König Nikita es 
vorteilhaft finden wird, die Serben 
allein gegen österreidi kämpfen 
zu lassen. Für die Abtretung 
des Lovzen, die Österreich ge- 
legendich einer so weitgehenden 
Umgestaltung der Balkan-Land- 
karte wohl fiir sich beanspruchen 
würde, könnte Montenegro in 
Nordalbanien entschädigt werden. 

Welches dabei das Schicksal 
des Fürstentums Albanien sein 
wird, lässt sich heute noch kaum 
absehen. Fürs erste wird die trost- 
lose Lage fortdauern, die in Paris 
mit den Worten charakterisiert 
worden ist : „les caisses sont vides, 
le tr6ne est Wied, tout est vide" 
und dem Fürsten den Beinamen „le 
Prince du Vide" eingetragen hat. 

Genehmigen etc. 

Schoen 



VerAffeiitlichang 



In euiem Tdephonat der Ber- 
ir bayerischen Gesandtschaft 



Fernsprech-Meldttiig der 
Gesandtschaft in Berlin ^) 

In München aufgenommen 
31. Juli 1914; 7^' vorm. 

Eine Antwort auf die gemein- 
same Demarche Englands und 
Deutschlands ist aus Wien bis 
nachts 12 Uhr nicht dngdaufen 
gewesen. Man erwartet sich in 
den Berliner massgebenden Krei- 



^) Niederschrift im Ministerium des Äussern, München. 



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1^ 



vom 31. Juli 1914 früh wird 
die Überzeugung ausgesprochen, 
„dass die zweifellos redlichen Be- 
mühungen Gr ey s , für die Eifaal« 
tung des Friedens zu wirken, den 
Gsmg der Dinge nicht aufhalten 
werden**. 



Veröffentlichung 

Am g^lcichen Tage wurde nach 
München von der bayerischen 
Gesandtschaft das folgende Stim- 
mungsbild telephoniert : 

Es laufen zurzeit zwei Ulti- 
matums : 

Petersburg 12 Stunden, Paris 
i8 Stunden. Petersburg Anfrage 
nach Grund der Mobilisierung. 
Paris Anfrage, ob neutral bleibt. 
Beide werden selbstverständ- 
lich ablehnend beantwortet 
werden. 

Mobilisierung spätestens Sams- 
tag, den I . August um Mitternacht. 

Preussischer Generalstab sieht 
Kriee: mit Frankreich mit grosser i 
Zuversicht entgegen, rechnet da- 
mit, Frankreich in vier We- 



sen nicht, dass die Demarche einen 
lirfolg haben wird, ist vielmehr 
überzeugt, dass die zweifellos red- 
lichen Bemühungen Greys, iiir die 
Erhaltung des Friedens zu wirken, 
den Gang der Dinge nicht auf- 
halten werden. 

Wir haben gestern abend, wie 
immer in diesen Tagen, im Bristol 
gegessen, das gegenwärtig eine 
Art Diplomatenbörse bildet. Wir 
fanden die Österreicher noch em- 
ster wie in den letzten Tagen. Sie 
schwiegen vollständig. 

Von den Reisen der bundes- 
staatlichen Minister hierher kann 
man sich nur wenig versprechen ; 
zudem besteht noch die Ge&hr, 
dass die Herren nicht mehr nach 
Hause kommen könnten. 



Fernsprech-Meldung der 
Oesandtschaft in Berlin ^) 

In München nufgenommen 
31. Juli 1914; nachm. 

Es laufen zurzeit zwei Ulti- 

niata : 

Petersburg 12 Stunden, Paris 
iS Stunden, Petersburg Anfrage 
nach Grund der MobiUsierung, 
Paris Anfrage, ob neutral bleit^ 

Beide werden selbstverständlich 
ablehnend beantwortet werden. 

Mobilisierung spätestens Sams- 
tag, den I. Augus^um Mittemacht. 

Preussischer Genernlstab sieht 
Kri(\i; mit Frankri-ich mit grosser 
Zuversicht entgegen, rechnet da- 
mit,Frankreichin4 Wochen niedcr- 



) Niederschrift im Ministerium des Äussern^ München. 



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15 



chen niederwerfen zu können. 
Im französischen Heer kein guter 
Geist, wenig Steilfeuergeschütze 
und schleciiteres Gewehr. 



Veröffentlichung 



In einem Bericht vom 4. August 
1914, ans dem übrigens hervor- 
steht, dass die Türkei sich schon 
damals verpflichtet hatte, sich 
Deutschland anzuschliessen und 
zu mobflisieren, wird über Bei- 
gien gesagt: 

,iDie Neutfalftät Belgiens kann 
Deutschland nicht respektieren. 
Der Geneialstabschef hat erklärt, 
dass sdbst die englische Neutra- 
lität um den Preis einer Respek- 
tierung Belgiens zu teuer erkauft 
wäre, da der Angriffskrieg 
gegen Frankreich nur auf der 
Linie Belgien möglich." 



werfen zu können ; im französi- 
schen Heere kein guter Geist, 
wenig Steilfeuergeschütze und 
schlechteres Gewehr. 



Der Gesandte Graf Lerchen- 
feld an den Vorsitzenden im 
Minietemfei) 

Bericht 427 

Berlin, den 4. August 19 14» 

Ich iiabe nur zu melden, dass 
die Türkei sich Deutschland an- 
schliesst und einige Korps mobil 
macht. Auch Bulgarien scheint 
entschlossen, mit Ostencich ge- 
meinsame Sache zu machen. Der 
Vertrag ist noch nicht geschlossen. 
Dies könnte militärisch östenrdch 
wesentlich erleichtem. Holland ist 
die Neutralität von uns zugesichert. 
Die Neutralität Belgiens kann 
Deutschland nicht respektieren. 
Der Generalstabschef hat erklärt, 
dass selbst die englische Neutra- 
lität um den Preis einer Respektie- 
rung Belgiens zu teuer erkauft wäre, 
da der Angriffskrieg gegen i rank- 
rdch nur auf der Linie Belgiens 
möglich. 

Rdchstagseröfinung im Weis- 
sen Saal und Reichstagssitzung 
waren im höchsten Grade erhebend.***^* 
Selbst im Jahre 1870 hat die Be- 
geisterung, für die gerechte Sache 
zu kämpfen, sich nicht so elementar 
und einmütig gezeigt. 

Die Durchfuhrung der Mobili- 
sation und der Aufmarsch verläuft 



^) Urschrift in den Akten der bayerischen Gesandtschaft in Berlin. 



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auggegeichnet Genecalstab und 
Kji^ESiiiiiiisteriiim haben noch 
nicht eine Anfrage vonirgend einer 
Seite erhalten. Jeder weiss, was 
er zu tun bat. 

Ich muss annehmen, dass 
unsere Haltung gegenüber Belgien 
Bruch mit England im Gefolge hat. 

G. H. Lerchenfeld. 



Üiyitizeci by Liüü^i« 



I 

17 



n 

Auswirkung in Versailles 

Nr. I 

Schuldbericht der Entente 

Die Mantelnote des Ultimatums vom i6. Juni 1919, 
in welchem die alliierten und assoziierten Mächte in Versailles 
die unbedingte Ann-ihme ihres Friedensdiktates von Deutsch- 
land forderten, und das Ultimatum selbst enthalten eine 
ausführliche Schuldanklage gegen Deutschland. 

Sie beruht auf dem Berichte, den die „Kommission 
fUr die Feststellung der Verantwortlichkeit der Urheber des 
Krieges und die aufzuerlegenden Strafen" am 29. März 1919 
der „Konferenz der Friedenspräliminarien" unterbreitete.^) 

Der Bericht enthält zahlreiche Hinweise auf Dokumente, 
die in den Farbbüchern der kriegführenden Staaten er- 
schienen waren. Er beruft sich mehrmals auch auf die 
bekannten Denkschriften des Fürsten Lichnowsky und 
Dr. Muehlons und verwertet an drei Stellen die obigen 
bayerischen Aktenstücke nach der auszugsweisen Wiedergabe 
■der Eisner sehen Veröffentlichung vom 23. November 191 8 
unter ausdrücklichem Hinweis auf diese. 

Der erste Abschnitt mit der Oberschrift: „Vorgefasste 
Absicht, Krieg fuhren zu wollen" behandelt die Entstehung 
des Österreichisch-serbischen Streitfalles im Juli 19 14 und 
die Haltung Deutschlands hierzu. Es wird der Nachweis 
versucht, dass die Mittelmächte in gemeinsamem bewusstem 
^Zusammenwirken vorsätzlich mittelst des serbisch-öster- 
reichischen Konfliktes den Weltkrieg entfesselt hätten. 



^} Das deutsche Welssbuch Uber die Schuld am Kriege. Autorisierte 
Ausgabe des Auswärtigen Amtes 191 9; Seite isff. 

2 



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18 



Im Anschluss an die Behauptung, dass in einer in 
Potsdam am 5. Juli abgehaltenen entscheidenden Beratung 
Wien und Berlin den Plan gefasst hätten, ein energisches 
kurzfristiges Ultimatum an Serbien zu richten , heisst es 
dann mit Benützung der bayerischen Veröffentlichung vom 
23. November 1918: 

,,Es ist oltensichtlich", schreibt einige Tage später der bayerische 
Gesandte von Lerchenfcld ^) in einem Bericht an seine Regierung, 
.,dass Serbien nicht in Forderungen einwilligen kann, die unvereinbar 
mit der Würde eines unabhängigen Staates sind." 

In diescsn Bericht vom 18. Juli 1914, dessen Inhalt niemals 
offiziell dementiert wurde, offenbart Graf Lerchenfdd, dass von diesem 
Zeitpunkt ab das Ultimatum an Serbien gemeinsam zwischen den 
Berliner und Wiener Regierungen beschlossen war, dass letztere iiir 
dessen Überreichung die Abreise des Präsidenten Poincar^ und des 
Herrn Viviani nach Petersburg abwarten würden, und dass man sich 
weder in Berlin noch in Wien Illusionen über die Folgen hinc^ah, zu 
denen dieser drohende Schritt führen würde. Man war vollkommen 
davon überzeugt, dass tler Krieg daraus hervorgehen würde. 

Der bayerische Bevollmächtigte erklärte überdies, dass die einzige 
Befürchtung der Berliner Regierung darin bestehe, da.ss Österreich- 
Ungarn im letzten Augenblick zögern und zurückgehen und dass 
andererseits Serbien auf die Ratschläge Frankreichs und Englands 
hin dem auf ihn ausgeübten Druck nachgeben würde. „Nun erachtet 
aber die Berliner Regierung den Krieg fUr notwendig.'* Deshalb 
erteilt sie dem Grafen Berchtold unbeschränkte Vollmacht und beauf- 
tragt den Ballplatz schon am 18. Juli 19 14, mit Bulgarien zu unter- 
handeln, um es in ein Bündnis und in den Krieg hkieinzuziehen. 

Um dies Fin\'erständnis zu verbergen, hatte man nbgcmncht, 
dass der Kaiser eine hahrt auf der Nordsee unternelinicn und der 
preussische Kriegsminister in Urlaub gehen würde. Auf diese Weise 
war die Kaiserliche Regierung in der Lage, zu behaupten, dass sie 
von den Ereignissen vollkommen überrascht worden sei. 

Unversehens richtet Österreich an Serbien das Ukimatum, das 
in der Absicht, es unannehmbar zu machen, mit Sorgfalt vorbereitet 
war. Dadurch wurde niemand getäuscht: „Die ganze Welt begriff, 
dass dieses Ultimatum den Krieg bedeutete*', gemäss dem Ausspruch 
Ssazanows: „Österreich'Ungam wollte Serbien verschlingen." 



^) Es wird also auch hier noch fälschlich Graf Lerchenfeld als. 
Verfasser angelührt» obwohl schon am 25. November 191 8 von dem 
damaligen Gesandten Dr. Mückle in Berlin in der Deutschen Allge- 
meinen Zeitung berichtigt worden war, dass es sich nicht um ein 
Lerchenfeld'schcs Schreiben, sondern Tim einen Bericht des Geschäfts^ 
trägers von Schoen handle. Vgl. IV Nr. 3 (Seite 53). 



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19 



Im weiteren will der Bericht der Entente-Kommis.sion 
dartiin, dass nach der Übergabe des österreichischen Ultima- 
tums in Belgrad die Mittelmächte mit bewusster gemeinsamer 
Absicht vermittelnde Vorschläge der Ententemächte auf die 
Seite geschoben und ihre wiederholten Bemühungen^ den 
Krieg zu verhüten, zunichte gemacht hätten. 

Als Beweisstück erscheint hier auch das Telefonat der 
bayerischen Gesandtschaft in Berlin vom 31. Juli 19 14 
7^^ vorm., mit der Bezeichnung: „Zweiter Bericht des Grafen 
Lerchenfeld, bayerischer Bevollmächtigter in Berlin, durch 
Kurt Eisner veröffentlicht", und zwar in folgender Form : 

In einem vom 31. Juli datierten Bericht erklärt die bayerische 
Gesandtschaft, sie sei davon überzeugt, dass die Bemühungen Sir 
Edward Greys, den Frieden zu erhalten, den Gang der Ereignisse 
nicht aufhalten könnten. 

In dem Abschnitt „Verletzung der belgischen und 
luxemburgischen Neutralität^' wird die bekannte Äusserung 
des Reichskanzlers Bethmann Hollweg vom 4. August 19 14 
über Belgien zitiert. Daran knüpft sich folgende Stelle: 

Diesem Geständnisse des deutschen Kanzlers, Herrn von Beth- 
iiiuiin Holhveg^, schliesst sich das erdrückende Zeugnis des Grafen 
Lerchenfeld an, der m einem Bericht vom 4. August 1914 anführt, dass 
der deutsche Generalstabschef es fiir „nötig erachtet» durch Belgien 
zu ziehen. Frankreich*', sagt er, „kann nur von cÜeser Sdte her 
angegriffen werden. DeutsdUand könnte die belgische Neutralität 
nicht respektieren, selbst wenn es Gefahr liefe, Englands Einschreiten 
herauszufordern'*. 

Nr. 2 

Deutsches Qegengutachten 

In einer Note vom 20. Mai 1019 lehnte es Clemenceau 
namens der AUiierten ab, der deutschen Fricdensdelegation 
das erwähnte Gutachten über die Verantwortlichkeiten am 
Kriege zu übergeben. Da aber wesentliche Teile in der Presse 
erschienen, prüfte ein freier deutscher Viererausschuss, be- 
stehend aus den Herren Hans Delbrück, Albrecht Mendels* 
söhn ßardioldy, Graf Montgelas und Max Weber im Auftrage 
der deutschen Friedensdelegation die^ Angaben des gegne- 
rischen Kommissionsberichtes. 

2* 



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20 



Die aktenmässig belegten „Bemerkungen*' dieser deut- 
schen Viererkommission wurden von Graf Brockdorfif-Rantzau 
am 28. Mai 1919 der Entente übersandt. ^) Sie behandeln 
vor allem auch die Ursachen und den Verlauf des serbisch- 
österreichischen Konflikts und treten auf das Bestimmteste 
der Auffassung entocoen, dass zwischen Berlin und Wien 
ein geheimes Komplott zur Vernichtung Serbiens und zur 
Entfesselung des Weltkrieges geschmiedet wo reit n sei. Sie 
betonen dabei, dass die Ziele der österreichischen Aktion 
gegen Serbien in Berlin im einzelnen nicht mitgeteilt worden 
sind, dass sie aber genau umgrenzt waren und keinerlei 
Annexionsgedanken enthielten. 

Die Denkschrift berührt sodann die Verwertung und 
den Inhalt der £isner*schen Veröffentlichung verschiedentlich 
in folgenden Bemerkungen: 

Diesem Tatbestand haben die späteren in dem Kommissions- 
bericht *) angeführten angeblichen Enthüllungen Eisners und andefer, 
soweit sie nicht Unrichtiges enthalten, Neues nicht hinzugefügt. Auch 
der Anfang Juli 191 4 stattgehabte Briefwechsel zwischen den beiden 
Kaisern und deren Regierungen ist inzwischen in vollem Wordaut 
veröffentlicht Ein Kronrat hat am 5. Juli nicht stattgefunden. Der 
Kommissionsbericht spricht nur noch unbestimmt von entscheidenden 
Beratungen. Worauf diese sich in Wahrheit bezogen haben, ergibt 
Anlage V.^) Die Nordlandreise des Kaisers wurde 7u dem alljährlich 
üblichen Zeitpunkt angetreten, der preussische Knegsminister hat 
seinen Urlaub schon am 2. Juli erbeten; beiläufig sei bemerkt, dass 
der von der Kommission erw ahnte bayerische Bericht vom 1 8. JuH, 
der mehrere schon öffentlich berichtigte Irrtümer aufweist, nicht vom 
Gesandten Grafen Lerchenfeld, sondern vom Legationsrat von Schoen 
herrührt Völlig unbegründet ist femer nach Ausweis der deutschen 
Akten die Behauptung, dass damals Bulgarien zum Kri^ gegen 
Serbien veranlasst werden sollte. 

Es ist richtig, dass Österreich die Auffassung hatte, angesichts 
früherer nicht gehaltener Versprechungen Serbiens sich mit bloss 
diplomatischen Ergebnissen nicht begnügen zu können, sondern auf 
dem Eindruck einer militärischen Expedition bestehen zu müssen. 
Deutschland hat dieser Auffassung zugestimmt und Osterreich dabei 
ermutigt. 

>) Deutsches Weissbuch 1919* Seite 55/56 ff. 
') Kommisuonsbericht der Müerten 1 

^ Diese Anlage wideriegt die gegnerische Darstellung vom „Krön- 
rat" in Potsdam. Das deutsche Weissbuch über die Schuld am 
Kriege 1919« S. 77 ff. 



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21 



Heute sehnt sich die Weit nach einem Völkerbunde, in dem 
militärische Massregeln nicht mehr zulässig sind, und in dem alle 
Nationen, ob gross oder klein, ob stark oder schwach, die gleichen 
politischen und wirtschafdichen Rechte gemessen. Mit dem damals 
auch von anderen Staaten angewendeten Vcffahren stand zwar das 
Vorgehen gegen Serbien nicht im Widerspruch und war im guten 
Glauben als eine Massregel gedacht» um eben sdt langem die Gefahr 
eines Weltkrieges in sich bergenden Konfliktsstoff zu beseitigen. 
Immerhin empfand 19 14 die deutsche Regierung selbst das Ultimatum 
als zu weitgehend (Blaubuch Nr. 18). Eine besondere Härte lag 
nach Ansicht der Unterzeichneten in der kurzen, auch auf spätere 
Vorstellungen hin nicht verlängerten 48 stündigen Frist. 

Auch den entgegenkommenden Charakter der serbischen Ant-- 
wort hat die deutsche Regierung in ihrer unten besprochenen Note 
vom 28. Juli (Wolffs Telegramm vom 12. Oktober 191 7) selbst 
aneikannt. Kine schiedsgerichtliche Regelung der nach dicker Ant- 
wott noch bestehenden Mdnungsverschiedenheiten hätte besser jenem 
Geiste des Vertrauens entsprochen, auf dem Sir Edward Grey am 
50. Juli hinwies (Bhuibuch Nr. 10 1), einem Geiste, welcher hoffentlich 
künftig die Beziehungen der Völker und ihrer Regierungen leiten 
wird. Voraussetzung für jenes ftlr alles andere entscheidende Ver- 
trauen wäre natürlich der Glaube gewesen, dass der englische Aussen- 
minister nicht mir den von Au^'^enblickserwägungen unabhängigen 
Willen, sondern auch die Macht hatte, die unzweifelhaften russischen 
Kriegsabsichten im Zaum zu halten. Daran zweifelt, soweit der 
gute Wille Sir Edwards Greys in Betracht kommt, von den Unter- 
zeichneten niemauLl mehr. Zu fragen ist nur, ob dieser gute Wille 
auch in einer Art zum Ausdruck gelangte und, angesichts des die 
gesamte Lage umstürzenden Verhaltens Russlands, reditzeitig gelangen 
konnte, um der deutschen R^[ierung jenes Vertrauen zu geben. . . . 

Die Berliner Regierung hat in dem Bestreben, den Streit zwischen 
Serbien und Österreich auch diplomatisch zu lokalisieren, anfänglich 
zu den insbesondere von englischer Seite gemachten Vermittlungs- 
vorschlägen sich ablehnend verhalten; sie glaubte, dass auf diesem 
Wege eine Beseitigung der ständigen Bedrohung des Weltfriedens 
nicht zu erreichen sei. In dem Kommissionsbericht ist jedoch er- 
staunlicherweise nicht erwähnt, dass der direkte Gedankenaustausch 
zwischen Wien und Petersburg von deutscher Seite angeregt wurde, 
und dass Sir Edward Giey selbst dieses Verfahren als das zweck- 
mässigste (the most preferable mcthod ul all) anerkannt hat (Blau- 
bucfa Nr. 67). Ein schwer begreiflicher Irrtum ist es ferner» wenn 
aus Blaubuch Nr. 43 eine Ablehnung der Vermittlung zu Vieren 
durch Deutschland gefolgert wird, da dieses Telegramm sich nicht 
auf jenen Vorschlag, sondern auf den einer Konferenz bezieht. Zu 
einer Vermittlung zwischen Österreich-Ungarn und Russland ist Deutsch- 
land immer bereit gewesen (Blaubuch Nr. 18 und 46). Besonders 
auffallend ist es endlich, dass in dem Kommissionsbericht die langst 



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22 



bekannten drei deutschen Noten nicht erwähnt werden, aus denen 
hervorgeht, wie stark der Druck war, den die Berliner Regierung 
vom 28. Juli ab auf das Wiener Kabinett ausgeübt hat. Die Unter- 
zeichneten gestatten sich daher aus diesen wichtigen Dokumenten 
einiges hier anzufügen: 

Am 28. Juli wird Wien auf den versöhnlichen Charakter der 

serbischen Antwort hinjrewiesen und aufgefordert, gegenüber den 
deutschen und anderen Vermittlungsvorschlägen nicht mehr die bis- 
herige Zurückhaltung zu beobachten (veröffentlicht durch Telegramm 
des WolfFburcaus vom 12. Oktober 1917). 

Am 29. ^abgesandt Nacht 29./30.) wird die Verweigerung jedes 
Meinungsaustausches mit Petersburg als ein schwerer Fehler bezeichnet 
und beigefügt: ,.Wir sind zwar bereit, unsere Bundespflicht zu er- 
füllen, liiLissen es aber ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne 
Beachtung luiserer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu 
lassen." (Schon veröffentlicht in der ,,Westminster Gazette*' vom 
I. August 1914, femer mitgeteilt im Deutschen Reichstag am 
19. August 191 5.) 

In derselben Nacht wird zur Unterstützung des Grreyschen Vor- 
schlags von Blaubuch Nr. 88 nach Wien gedrahtet: „Wir stehen, 
falls Oesterreich jede Vermittlung ablehnt, vor dner Konilagration, 
bei der England gegen uns, Italien und Rumänien nach allen An- 

zeichen nicht mit uns gehen würden, so dass wir zwei gegen vier 
Grossmcächte ständen. Deutschland fiele durch Gegnerschaft Englands 
das Hau])tgewicht des Kampfes zu. Österreichs politisches Prestige, 
die VVaffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprüche 
Serbien gegenüber konnten durch Besetzung Belgrads oder anderer 
Plätze hinreichend gewahrt werden. Es würde durch Demütigung 
Serbiens seine Stellung im Balkan wie Russland gegenüber wieder 
stark machen. Unter diesen Umständen müssen wir der Erwägung 
des Wiener Kabinetts dringend und nachdrücklich anheimstellen, die 
Vermittlung zu den ang^ebenen ehrenvollen Bedingungen anzu- 
nehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen wäre 
fiir Österreich und uns eine ungemein schwere." (Mitgeteilt im 
Hauptausschuss des Deutschen Reichstags am 9. November 19 16.) 

Mit dem erwähnten Vermittlungsvorschlag vom 29. Juli nach- 
mittags (Blaubuch Nr. 88) war der Weg zur Erhaltung des 

Friedens g e fu n d e n. Berlin war bereitwillig darauf eingegangen 
und drängte in Wien auf die Annahme in so scharfer Weise, wie 
wohl noch nie in ernster Stunde ein Bundesgenosse zum andern 
gesprochen hat. Es ist wahrlich nicht die Schuld der deutschen 
Regierung, wenn die der glücklichen Lösung so nahen diplomatischen 
Verhandlungen durch nülitärischc Massiiahmen der Gegenseite jäh 
unterbrochen wurden 

Tatsächlich — und darauf komuiL 0 an — ist die deutsche 
Regierung nicht in dieser Weise verfahren, sondern hat vom 28. Juli 



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/ 



23 

an alles Denkbare getan, um Österreich zur Annahme von Vermittluiigs- 
vorsclilägen zubewegen. Hinsichtlich der Wiederaufnahme der direkten 
Besprechungen ist der Erfolg auch nicht ausgeblieben {Rotbuch Nr. 50). 

Nr. 3 

Spätere Erklärung der deutschen Viere^rkommission 

Der deutschen Viererkommission lag in Versailles der 
volle Wortlaut der bayerischen Dokumente nicht vor. 

Sie konnte für ihre Einwendungen also nur die Aus- 
züge aus Eisners Veröffentlichung in Betracht ziehen. 

Am 2. August 1919 erhob der Legationsrat von Schoen 
in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung'* (Nr. 367) Einspruch 
dagegen, dass sein Bericht vom 18. Juli 19 14 in gekürzter 
Form veröffendicht worden war. Dadurch sei er verstümmelt 
und sein Sinn entstellt worden. Herr von Schoen führte 
verschiedene weggelassene Stellen wörtlich an. Wenige Tage 
später (10. August) brachte das crenannte Blatt den ganzen 
Wortlaut des Gesandtschaftsberichtes. 

Im Anschluss daran erschien folgende Erklärung der 
Viererkommission : 

Bei Abfassung des BerichLs über die V'erantworÜichkeit am 
Kriegsausbruch war der deutschen Viererkomniission nur bekannt, 
dass der Bericht des bayerischen Legationsrats von Schoen vom 
18. Juli 19 14 in der damals vodiegenden Fassung mehrere Irrtümer 
enthielt. Aus den inzwischen von Herrn von Schoen in der „Deutschen 
Allgemeinen Zeitung" vom 2. August ds. Js. Nr. 367 (Beiblatt zur 
Morgenausgabe) veröffentlichten Aufklärungen geht hervor, dass die 
irrtümliche Darstellung des Berichts, als dessen Verfasser unrichtiger- 
weise der vom 4. bis 26. Juli beurlaubte und von Berlin abwesende 
bayerische Gesandte Graf Lerchenfeld bezeichnet worden war, daraDf 
zurückzuführen ist, dass wesentliche Stellen des Berichts weggelassen 
waren. Diese Stellen beweisen von neuem, dass die Reichsleitunf^ 
nicht den europäischen Krieg gewollt und betrieben, 
sondern von Anfang an auf die Lokalisierung des Konflikts 
zwischen Österreich und Serbien hingearbeitet hat und 
«mstlich bestrebt war, aUe Anlässe zu einem europäischen Kriege 
auszusdialten. 

Zur Begründung der ausserordentlichen Verspätung dieser Auf- 
klärung teilt Herr von Schoen mit, dass bei Nachforschung nach 
seinem Bericht sowohl das Konzept aus den Berliner Gesandtschafts- 
akten als auch das Original aus dem Archiv des Münchner Mini- 



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24 



sterhims des Äussern verschwunden waren und erst durch Haus- 
suchungen bei der Witwe Eisners und dem früheren Sekretär Eisneis 
(Fechenbach) wieder zutag^e gefördert wurden. ^) 

Die Unterzeichneten ersuchen die Reichsregierung, bei einer Neu- 
ausgabe des Weissbuches 1919 die vorstehende Erklärung zum 
Abdruck bringen zu lassen. 

Berlin, Würzburg und München, 3., 4. und. 5. August 1919. 

Hans Delbrück. Albrecht Mendelssohn Bartholdy. 
Max Graf Montgelas. Max Weber. 



^) Über diesen Sachverhalt siehe Näheres Im letzten Abschnitt. 



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25. 



m 

Zur Vorgeschichte der Enthüllung^) 



Nr. I 

Atts der ersten Regierungskundgebung Eisners in der 

Nacht zum 8. November 1918. 

In dem Aufruf wird die über Nacht vollzogene Um- 
wälzung und die Errichtung eines freien Volksstaates Bayern 
angekündigt. 

Über die Friedensfir^e heisst es: 

Eine neue Zeit hebt an. Bayern will Deutschland für ,^ 
den Völkerbund rüsten. Die demokratische und soziale 
Republik Bayern hat die moralische Kraft, für Deutschland einen 
Frieden zu erwirken, der es vor dem Schlimmsten bewahrt. Die 
jetzige Umwälzung war notwendig, um im letzten Aug^blidc durch 
die Selbstregierung des Volkes auch die Entwicklung der Zustände 
ohne allzu schwere Erschütterungen zu erledigen, bevor die feind- 
lichen Heere die Grenze überfluten oder nach dem WafTenstillstaiid 
die demobilisierten deutschen Truppen das Chaos herbeiführen. 

Nr. 2 

Aus der Rede Eisners'^im Arbeiter- und Soldatenrate 

am 8. November 1918 ) 

Dann die zweite Erwägung: Der amerikanische Präsident hat 
in seiner vorletzten Note in deutlichen Worten kundgegeben, dass 
er nicht gesonnen sei, mit dem, was man heute in Berlin Volks* 

^) Die im folgenden Abschnitt erwähnten Regierungskundgebungen 
Hegen gedruckt vor. — Vgl. Meiner, Deutscher Gescliichlbkalender: • 
Die deutsche Revolution, i. Bd. — Die Originale der mitgeteilten 
Aktenstücke befinden sich im Münchner Ministerium des Äussern. 

s) Eröfihungsrede zur ersten Sitzung der Räte und zur Bildung 
des sozialistischen Ministeriums. — Stenographische Berichte über die 
Verhandlungen des Provisorischen Nationalrates und der Arbeiter*, 
Bauern- und Soldatenräte in Bayern vom 8. November bis i8. De- 
zember 19x8. 



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regienuig nennt, einen Verständigungsfrieden zu sdiliessen, sondern 
dass es sich bei einer solchen Regierung nur um Kapitulation handeln 
könne. Wenn aber nun in Bayern eine revolutionäre Regierung 
ersteht, deren treibende Kräfte von Anfang des Krieges an in ein- 
samer und gefährlicher Opposition die deutsche KriegspoUtik be- 
kämpft haben, so können wir vertrauen, dass eine solche Regierung 
bei dem amerikanischen Präsidenten einen anderen Eindruck erwecken 
und mildere Stimmun«^ auslösen kann, als wenn er es zu tun hat 
mit einer Regierung, die alle Verantwortlichkeiten der Vergangealieit 
mit übernommen hat. Es liegt mir fern, in unwürdiger, feiger Art 
um die Gunst unserer Gegner buhlen zu wollen. Aber ich weiss, 
dass man uns, den treibenden Kräften der neuen Umwälzung, wenigstens 
Vertrauen schenkt. Wir haben niemals die gemeinsame Sache der 
Internationale geschädigt, deswegen vertraue ich, dass diese uns 
einen milderen Frieden für Deutschland erwirken kann, als wenn hier 
noch jenes System herrschte, das mitschuldig war an dem Ausbruch 
des grössten aller Verbrechen der Weltgeschichte. 



Nr.. 3 

Kundgebung der Regierung des bayerischen Volksstaates 

vom 10. November 1918 

An die R^erungen und Völker Amci ikas, Frankreichs, Englands 

und Italiens! 

An die Proletarier aller Länder! 

Das bayerische Volk hat zuerst in Deutschland unter Füiiruno- 
von Maiinein, die seit Beginn des Krieges den leidenscliai'dichsten 
Kampf gegen die frevelhafte Politik der deutschen Regierungen und 
Fürsten gefuhrt haben, in einer stürmischen und von endgültigem 
Erfolg gekrönten revolutionären Erhebung alle und alles beseitigt, 
was schuldig und mitschuldig an dem Weltkrieg war. Bayern hat 
sich als Volksstaat proklamiert. Das ganze Volk begrüsst jubelnd 
seine Erlösung. Die anderen Staaten Deutschlands folgen in unauf* 
• haltsamem Drange unserem Beispiel und begründen damit zum erstenmal 
eine wirkliche innere Einheit D^^ut'^chlands. 

In diesem Augenblick stürzt nuf die junge Repubhk Bayern die 
Veröffentlichunj^ der Waffenstillstandsbedingungen der alliierten Mächte 
herein. Alle Hufiiiungen, die wir durch den Erfolg der Revolution 
hegeil durften, sind damit zerstört. Die neue Republik wird, wenn 
diese entsetzlichen Bedingungen unabänderlich sein sollten, in kurzer 
Zeit Wüste und Chaos sein. 



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Wie verstündeil wir die Emphndun^^en, die die alliierten Mächte 
veranlassten, solche Bedingungen zu stellen, wenn sie damit die 
Schuldigen treffen würden Die deutschen Autokraten und Mili- 
taristen verdienen keine Schonung. Jetzt aber iiat das V^olk sich 
befreit, und die Bedtnguugen, die ihm jetzt auferlegt werden, bedeuten 
seine Vernichtung. Wcnlen die Fordeningen aufrechterhalten, so 
gdien wir ZmHiiwkn entgegen, die keine menschliche Phantasie sich 
vorstdien kw». Eine anarchistische Auflösung aller Verhältnisse, 
die gerade die bftyclttche Revolution durch die Schaffung eines in 
sich gefestigten Volkaftaates verhindern wollte, würde die notwendige 
Folge sein, und die Herrschaft zuchtlos sich auflösender Millionen- 
heere wurde eine creistige und sittliche Verwilderung, eine politisch- 
soziale Besessen hcjt herbeiführen, die auch in das Gebiet der Sieger 
verheerend übergreifen würde. 

Das darf nicht geschehen. Die demokratischen Völker dürfen 
nicht wollen, dass die revolutionäre Schöpfung der deutschen Demo- 
kratie durch die Schonungslosigkeit der Sieger vernichtet wird. Jetzt 
ist die Stunde gekommen, wo durch einen Akt weit ausblickender 
Grossmut die Versöhnung der Völker herbeigeführt werden kann. 
Vergesst in der Schöpfung der neuen Welt den Hass, der in der 
alten erzeugt worden ist Der Völkerbund/ der das gemdnsame 
Ideal der Menschheit geworden ist, kann niemals werden, wenn er 
beginnt mit der Ausrottung des jüngsten Gliedes demokratischer 
Kultur. Wir beschwören Euch, die Req^ierungen wie die Völker, 
in einer Tat erhabener Selbstüberwindung die für alle verhängnisvolle 
Liquidierung des Weltkrieges in gemeinsamer Arbeit der Sieger und 
Besieoten zu unternehmen. Dieses schwere Werk würde die erste 
Handlung des neuen Völkerbundes sein und ihn damit begründen. 

Die alHierten Demokratien dürfen nicht vergessen, wie viel stumm 
ertragene Opfer unzähliger namenloser Deutschen seit Beginn dieses 
Krieges in klarer Erkenntnis der Schuld gebracht worden sind, und 
die R^erungen der alliierten Mächte dürfen nicht die Verantwortung 
vor den proletarischen Massen übernehmen, die Internationale in 
dem Augenblick wieder zu zerstf)ren, wo sie sich innerlich zusammen- 
gefunden hat. Das Schicksal der Menschheit liegt in den Händen 
der Männer, die jetzt verantwortlich sind für die Herbeiführung des 
Friedens und die Neugestaltung der zerrütteten Völker. 



München, den lo. November 191 8 



Das Ministerium des bayerischen Volksstaates 



Kurt Etsner 



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Nr. 4 



Professor Foerster ^) in Zfirich an den Ministerpräsidenten 

Dringendes Telegramm Zürich, den 1 1 . November 191 8 ; 6^® nachm. 

Aufrichtigen Dank für das Vertrauen. *) Möchte zunächst zur 
Erwägung geben, ob es nicht besser wäre, die bayerische Sonder- 
gesandtsdiaft, die nur als Gewicht gegen die preussiscfae Vorherr- 
schaft einen Sinn hatte, gerade jetzt fallen zu lassen. Wichtiger als 
je ist es jetzt, dass Deutschland nach aussen einheitlich auftritt. 
Darum wäre die sofortige Neubesetzung der deutschen Gesandtschaft 
Bern aus vielen Gründen ausserordentlich dring-end; auch dafür 
wäre der im gestrichen Telegramm Genannte am meisten geeignet. 
Durch die geplante Neubesetzung der bnyerischen Gesandtschaft 
hinp^ei^en könnte der Eindruck entstehen, als komme eine neue 
partikular istische Ära. Sollten jedoch besondere Gründe für eine 
vorläufige Sondeiaktion Bayerns sprechen, so stelle ich mich selbst- 
verständlidi sofort zur Verfügung. Erlaube mir jedoch zu empfehlen, 
in diesem Falle das Provisorische der bayerischen Sondenrertretiing 
ausdrücklich hervorzuheben. 

Foerster 

Nr. 5 

Der AUniaterpräsident an Professor Foerster in Zfirich 

Td^camm München, den 12, November 191 8 

Mein Wunsch, dass Sie die provisorische bayerische Gesandt- 
schaft übernehmen, ist durch die triftigsten Gründe veranlasst. Par- 
tikularistische Gefahren bestehen gegenwärtig nicht. Die Bedrohung 

^) Der frühere Münchner Universitätsprofessor und bekannte Pazifist; 
er war schon während des Krieges zeitweise in der Schweiz schrift- 
stellerisch und politisch tätig. Seine Auf&ssungen ttber den Kriegs- 
Ursprung, die Schuld am Kriege, die deutsche Kriegsführung trafen sich ' 
mit denjenigen Eisners, ohne dass er jedoch dessen revolutionäre StreilL- 
methode zur Beendigung des Krieges gutgeheissen hätte. Vgl. Foersters 
Schrift: „Mein Kampf gegen das militaristische und nationalisdache 
Deutschland" (1920), Seite 21 berichtet Foerster über sein Zusammen- 
treffen mit Eisner am Abend vor dem Streik der Kruppschen Arbeiter 
in München (Januar 1918); Seite 27 ft. und Seite 113 ff. über seine und 
Eisners Stellung zur Schuldfrage. Dabei wird auch die Yerööent- 
lichung vom 23. November 1918 kurz behandelt. 

*) Bezieht sich aui das Angebot, das Amt eines Gesandten zu 
übernehmen. 



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kommt von ganz anderer Seite. Unter diesen Umständen ist es 
von entscheidender Wichtigkeit, dass die besondere Form unserer 

bayerischen Revolution sich in ihrem moralischen Einfluss durch- 
setzt. Ich gebe Ihnen also hiermit die Vollmacht eines provisorischen 
Gesandten des bayerischen Volksstaates und ersuche Sie, beim 
Berner Bundesrat zu veranlassen, dass er die von uns in der Nacht 
zum i I . November an die Entente gerichtete Kundgebung sofort 
weiterleitet. Leider erhalte ich erst eben vom Bundesrat die Ant- 
wortf dass er die Weiterldtung abldmt Wenn WaffenstOlstands- 
bedingungen nicht gemildert, so Ist lUr uns aUes verloren. 

Ministerium des Äussern 

Kurt Eisner 



Nr. 6 

Der provisorische Gesandte in der Schweiz an den 

Ministerpräsidenten 

Telegramm Zürich, den 13. November; 7** n^cfam. 

Bestätige Empfang Ihrer telegraphischen Ernennung, die wegen 
Generalstreik erst heute mittag ankam. Warte fiir die persönliche 
Vorstellung nur noch Ihre schriftliche Vollmacht ab. Ihre Wünsche 
wercien sofort erfüllt werden. Hatte soeben mit einem zufällig hier 
anwesenden höchst einflussreichen Vertreter der Entente mehrstündicfe 
Unterredung in Ihrem Sinne, Durch die vierjährige deutsche BlulT- 
politik ist das Misstrauen uns gegenüber so gross geworden, dass 
man fiirchtet, auch die jetzige Umwälzung sei nur eine Färade, oder 
nach kurzer Zeit würde die jetzt verdrängte Reaktion wieder hervor- 
brechen. Nur darauf beziehen sich die harten Bedingungen. Man 
wird ims aber bestimmt in grossem Stil mit der Ernährui^ helfen, 
sobald der neue Geist deutlich und zuverlässig in Wort und Tat zu 
Tage tritt. Hierüber wird Ihnen übermorgen Doktor de Fiori einen 
eingehenden Bericht von mir übergeben. Ich erbitte daher eine An- 
weisung an die Grenzbehörde, den (jcnannten ohne Durchsuchung 
passieren zu lassen. Da ich sellier wohl erst nächste Woche nach 
München zur Berichterstattung abkumnilich bin, so erlaube ich mir 
durch den Genannten einige eilige Dinge mündlich zur Information 
und Entscheidung vorlegen zu lassen. Auf Abberufung sämtlicher 
diplomatischer Beamten der Gesandtsdbaft darf idi wohl rechnen. 

Foerster 



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Nr. 7 

Der Ministerprftsident an Professor Foerster in Zfiricb 

München, den 14. November 1918 

Sie werden hierdurch zuni bayerisclicn Gesandten fiir die Schweiz 
ernannt. 

Das Ministerium des Volksstaates Bayern. 

Der Ministerpräsident: Kurt Eisner 

Nr. S 

George D. Herron ^) in Genf an Professor Dr. Edgar Jaff^» 
Finanzminister des Volksstaates Bayern und an den 

Ministerpräsidenten Eisner 

Tdegramm Genf, den 14. November; 12^^ nachm. 

Ich habe Ihre Kundgebung^ an den Prä'^identen der Verein ij^ten 
Staaten gesandt und ebenfalls eine persönliche Erklärung und Hitte 
an den Präsidenten gerichtet, ich glaube, es sei nicht ratsam die Kund- 
gebung in diesem Augenblick an die öffentliche Presse zu geben, 
weil dies nur dazu dienen würde, das Bolschewiki-Feuer zu schüren 
und die Erwägung der von Ihnen erwünschten Ziele zu verhindern. 
Ich möchte Sie besonders auf die Tatsache aufmerksam machen, 
dass Sie, wie ich fiirdite, nicht genügend in Betracht gezogen haben, 
dass der Waffenstillstand nur ein zeitweiliges militärisches Überein- 
kommen, nicht aber ein Friedensvertrag ist Det WatfensttUstand 

Amerikanischer Pazifist, vrirkte während des Krieges in der 
Schweiz; mit Foerster, Dr. Muehlon und ihrem Kreise in Fühlung, auch 
mit dem Finanzminister Professor Dr. Jafte bekannt. ~ Vgl. seine 
1920 (Tschipnene Schrift ,,Der Pariser Friede und die Jugend Europas". 
Hier beklagt der durch das Versailler „Teufelswerk" aufs Bitterste 
Enttäuschte, unter Hintanstellung seiner Grundsätze den Krieg gegen 
Deutschland gepredigt zu iiabeu, von dessen Niederlage er sich den 
Anbruch eines neuen Zeitalters des Vfilkerfiiedens und der Humanität 
versprach. Er bedauert, seine deutschen Freunde in dem durch äussere 
Umstände hervorgerufenen Glauben gelassen zu haben» dass er mit 
Wilson, den er bis damals nie gesprochen, auf vertrautem Fusse stehe, 
und ihnen die Überzeugung beigebracht zu haben, dass die 14 Punkte 
des Präsidenten unbedingt erfüllt würden (wohin auch die obigen Mit- 
teilungen weisen). Er fühlt solchermassen sich und den internationalen 
Pazifismus bedrückt durch eine „beinahe unerträgliche Bürde von Schuld 
.und Untedassungssünde". (Seite 15; Seite 21). 



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betrifft nur unmittelbare militärische Zustände und hat mit der poli- 
tischen Sachlage oder der Friedenskonferenz nichts gemein. Machen 
Sie dies Ihren Leuten klar. Besonders Sie als Antimilitaristen sollten 
sehen, dass der Zweck dieses Waffenstillstandes ist, Ihre eigenen 
Feinde in Deutschland zu zerstören und den Weg für Ihr Programm 
zu klären. Alles was Sie jetzt zu Ihren Gunsten zählen. Ausserdem 
besteht auf der Seite der Entente keine Absicht, Ihr Volk in ökono- 
misches Elend zu bringen, sondern man wünscht im Gegenteil, Ihnen 
so schnell wie möglidh ökonomische Hilfe zu bringen. Schliesslich 
können Sie versichert sein, und das ohne den geringsten Zweifel, 
dass, wenn es Urnen geUngt, unverzüglich eine wirklich demokratische 
Regierung in Bayern und den anderen deutschen Staaten zu errichten, 
der Präsident der allererste sein wird, Ihnen alle mögliche Sympathie 
und Hilfe zu bringen. Der Präsident wünscht nicht im geringsten, 
das deutsche Volk zu zerstören, sondern im Geq-enteil so schnell 
wie möq'lich seine Erlösung und Befreiung zu erreichen. 

Dieses Telegramm ist auch für Präsidenten Eisner bestimmt. 

In alter Freundschaft und mit brüderlichen und herzlichen Grüssen 

George D. Herron 

Nr. 9 

Der bayerische Gesandte in der Schweiz an den Minister- 
präsidenten 

Telegramm Zürich, den 14. November 191 8; 12^^ nachm. 

Da hier noch weitere Unterredung abwarten möchte, wird Be- 
richt erst Samstag abend in Ihren Händen sein. Aussichten iiir 

Milderung Waffenstillstandsbedingungen verbessern sich unverkennbar 
auch auf englischer Seite, doch wird sich diese Milderung mehr in 
tatsächlicher Praxis als in sofortiger öffentlicher Zurücknahme ein- 
zelner Punkte vollziehen. Da hier jetzt entscheidend wichtige Mög- 
lichkeiten haben, in dieser Richtung auf massgebende Stellen zu wirken 
und Vertrauen in die deutsche Entwicklung zu schaüeu, so werde 
ich meine persönliche Berichterstattung in München wohl besser auf 
Ende nächster Woche verschieben. Sie dürfen jedenfalls in der 
Organisation der Volksemähning zuverlässig damit rechnen, dass die 
auf der Ententeseite noch vorhandenen Widerstände nur vorüber- 
gehend sind und auf einet abwartenden Haltung in Bezug auf die 
Konsolidierung des neuen Deutschland beruhen. Habe im Sinne 
Ihrer Proklamation, die hier grossen Eindruck macht, darauf hinge- 
wiesen, wieviel die luitente jetzt zu dieser Konsolidierung beitragen 
könne. Meine Adresse bleibt bis auf weiteres Susenbergstrasse lOO.. 

Foerster 



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Nr. lo 

Aus dem Regierung^programm des bayerischen 
Ministeriums vom 15. November 1918 

Die ersten Handlungen der revolutionären Regierung haben 
bedeutsame Erfolge gezeitigt. Die leitenden Männer der Entente 
sprechen nach der Umwälzung anders als zuvor. Unser Appell an 
das Weltgewissen blieb nicht un gehört. Die Waffenstiilstaiids- 
bedingungcn wurden erheblich gemildert. Der Geist des Patrioten, 
der die französische Republik leitet, spricht heute mit menschlichem 
Verständnis und Vertrauen. Amerika verheisst dem besiegten Feind, 
durch Versorgung mit Lebensmitteln den furchtbaren Übergang zu 
ierldditem. Wir hoffen, dass es uns auch gelingen wird, die Zufuhr 
von Rohstoffen zu gewinnen. Wir haben heute die Zuversicht, dass 
dank unserer ebenso revolutionären wie besonnenen Politik unser 
in jener Note an die Entente ausgesprochener Gedanke der Erfüllung 
«ntgegenreift, dass der Völkerbund in der gemeinsamen Arbeit der 
Feinde an der Überwindung der Kriegszerstörungen sich bilden 
tnüsse. 

Wenn wir auf das Vertrauen der feindlichen Mächte rechnen, 
!SO betrachten wir es um so mehr als unsere Aufgabe, auch inner- 
halb der deutschen Stämme eine innige Gemeinschaft vorzubereiten. 
"Wir glauben und wollen, dass eine Vereinigung des Deutschen Reiches 
mit der deutsch-österreichischen Republik unaufschiebbar ist. Wir 
sind ferner der Meinung und entschlossen, diese nationale Politik mit 
fester Hand durchzuführen, dass die Selbstbestimmung Bayerns 
innerhalb des Ganzen erhalten und gesichert werden muss. Wenn 
wir das Ziel erreichen wollen, dass die Vereinigten Staaten von 
Deutschland, die Österreich einschliessen, die einzige mögliche Lösung 
<ies nationalen Problems sind, so werden wir in nächster Zukunft 
•eine zweckmässigere Gliederung der deutschen Staaten durchzufuhren 
liaben, die ohne jede Vorherrschaft eines einzelnen Staates und ohne 
Antastung der Freiheit und Selbständigkeit Bayerns auch die not- 
-wendigen Massnahmen vernünftiger Einheit trifft. So wird für das 
deutsche Volk aucli m nationaler Hmsicht eine glücklichere Zukunft 
i>eginnen. 



^) Amtliche Bekanntmachung. 



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Nr. II 

Der bayerische Gesandte in der Schweiz an den 

Ministerpräsidenten 

Zürich, den i6. November 191 8 

Hochgeehrter Herr Ministerpräsident! 

Die Ernennung zum provisorischen Gesandten de$ bayerischen 
Volksstaates liabe ich ohne Zögern angenonunen, weil ich mich 
bezüglich der weltpolitischen Fragen in besonders intimer Gesinnungs- 
gemeinschaft mit Ihnen fühle ; ich glaube auch in der gegenwärtigen 
schwersten Krise Deutschlands meine alten und neuen Beziehungen 
zu den massgebenden Ententekreisen wirksamer verwerten zu können, 
wenn ich hier nicht nur als Privatmann tätig bin. Da ich im 
gegnerischen Lager wegen meines Universitätskonfliktes ein unbe- 
dingtes Vertrauen geniesse, so dient meine Ernennung auch dazu, 
den Absichten der neuen bayerischen Volksregierung bei der Entente 
Vertrauen zu schafteu. Übrigens habe ich von dem Augenblicke an, 
in dem ich Sie zu meiner aufrichtigen Freude in der Macht wusstc, 
sofort ganz in Ihrem Sinne gewirkt, wobei mir zugute Icam, dass 
der intimste Vertrauensmann Clteenceaus, der sich in ununter- 
brochener Verbindung mit den leitenden Männern der Ententestaaten 
befindet, mich hier besuchte und seitdem fast jeden 1^ag ein~Expos6 
über irgend eine wichtige Frage von mir erbittet, das er dann über- 
setzt und an die genannten Stellen sendet. Zufallig hatte ich sofort 
nach Empfang^ Thrcs Teleoramms wieder Gelegenheit, dem Genannten 
in dreistündiger Unterredung die ganze Sachlage dar/u IcL^^cn, wobei 
ihm das moralische Element in Ihren Kundgebungen besonderes 
Vertrauen einf^össte. Er hat sofort nach dieser Unterredung an 
Clemenceau und an die amerikanische Gesandtschaft telegraphiert. 
Sie dürfen als schönsten Lohn für alle Ihre Mühen das Bewusstsein 
hab^, dass l^e in diesem Augenblicke Deutsdiland gerettet haben* 
Denn die vorangehenden Berliner Kundjg^ebungen vermochten kein 
Vertrauen zu erwecken. 

Bei der Beurteilung der ersten WafTenstillstandsbedingungen 
ist zu beachten, dass dieselben noch auf Wilhelm II. zugeschnitten 
waren und das damals noch nicht überwundene, schuldige, mili- 
tärische Deutschland treffen sollten; ,,wir wollten hart sein" sagte 
der Genannte, „wir wollten dem militärischen Deutschland die ganze 
Wucht seiner Niederlage zeigen und damit dem deutschen Volke 
grell zum Bewusstsein bringen, wohin es geführt ^vor^le^ ist". Von 
diesem Standpunkt aus sind auch die starken Garantien begreiflich, 
die man forderte : solange jenes nulitärische Deutschland nicht radikal 
aus dem Sattd gehoben war, musste man ja in der Tat jede Lebens- 
nüttellieferung nodi als PfX)viant fUr den Feind betrachten. Nun 

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ist ja alles in bestem Ganp^e: mir wird soeben auch von zuverlässiger 
Seite ans Bi:rn telephoniert, dass die Entente auch in l^c/Mg auf 
Tempo und Frist der Demobilisierung zu grösstem Entgegenkommen 
bereit sei, um ein Chaos zu verhindern. Ganz besonders hat man 
in Frankreich nunmehr den dringenden Wunsch, das zweitausend- 
jahnge Nachbarschaftsverhältnis zum deutschen Volke auf eme ganz 
neue Grundlage zu stellen. 

Zur Beurteilung der bisherigen Haltung der Entente ist auch zu 
beachten» dass vor zwei Wochen die Vertreter des Österreichischen 
anden regime hier mit der Entente verhandelten, um durch schnelle 
Verproviantierung die Revolution zu verhüten und den Thron zu 
retten : Die Entente hat dann vorgezogen, den Sturz des alten S)^stem& 
abzuwarten. 

Weltpolitisch sehr in Betracht zu ziehen ist die Stellung der 
Entente zum Bolschewismus, Ich gebe zunächst kurz die Auffassung 
des oben erwähnten Ententevertreters wieder : Derselbe betonte, 
dass dem Westen jede noch so radikale deutsche Rc^ierun^ will- 
kommen sei, sobald sie sich nur vom Bolschewismus, d. h. von gewalt- 
tätiger und blutiger Autokratie bestimmter Gruppen und der daraus 
folgenden Anarchie femhdte. Einer bolschewistischen Regierung 
werde man jede Unterstützung versagen. Man werde audh dem 
russischen Bolschewismus jetzt zu Leibe rücken, man habe den Krieg 
gegen die deutsche Unmenschlichkeit nicht gefuhrt, um dafiir den 
bolschewistischen Zarismus einzutauschen. Ich habe sofort betont, 
dass Bolschewismus bei uns nur zu furchten sei, wenn die jetzige 
Regierung in der Volksernährun^ versag^e; der bayerische Minister- 
präsident habe ausdrücklich den unblutigen Charakter der geschehenen 
Umwandlung gefeiert ; alle Kundgebungen der neuen deutschen 
Regierungen seien voll von Ap]icll an strikteste Ordnung. Ich glaube^ 
dass jede öffentliche Kundgebung, die in diesem Sinne eine Absage 
an die östlichen Methoden enthält, von ganz ausserordentlicher Be- 
deutung Ist, um die Atmosphäre zu schäen, ohne die die Übersee 
Lieferungen grossen Stils zum Aufbau der deutschen 
Industrie nicht wag^ wird: Nur das Vertrauen auf eine geordnete 
— wenn auch noch so radikale — Entwicklung in Deutschland wird 
tm Stande sein, das überseeische Unternehmertum so bald vrie möglich 
aus einer abwartenden Haltung herauszubringen. 

Erlauben Sie mir, dnss ich im Anschluss an diese Mitteilungen 
noch meinen eigenen Standpunkt zu der IVinzipicnfrag^e „Bolsche- 
wismus und Entente" präzisiere. Aus vielerlei Anzeichen habe ich 
tlie Ahnung, dass Ihre Auffassungen auch in dieser Frage weit mit 
den mein igen gehen, ja vielleicht ganz mit denselben übereinstimmen.. 
Ks kann aber auch sein, dass ich mich in dieser Annahme irre — 
dann ist es gut, dass Sie genau sehen, wo ich stehe und danach 
manche künftige Entscheidung bemessen. 

Gestern abend besuchte mich der pohlische Redakteur M. Hor^ 
witz, der die Absicht aussprach, auch Sie aufzusuchen und der im. 



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Anscliluss daian mir seine Ansichten entwickelte. Er kritisierte leb- 
haft Ihre Tonart gegenüber der Entente und behauptete, man hätte 
ruhig abwarten sollen, bis die Entente-Sozialisten ihre Regierungen 
durch Umsturz zu anderen WaffenstUlstandsbedlngungen gezwungen 

hätten. Auf meinen Einwurf, dass dann eben das Chaos bei uns ein- 
getreten wäre, antwortete er, das hätte nichts geschadet, solche Er- 
schütterungen seien nötig, um die Geburt einer wirklich neuen Welt 
zu ermöglichen. Der Herr machte mir den Eindruck eines ganz 
abstrakten Kopfes, der die politischen und sozialen Verhältnisse der 
Ententevölker völlig schief beurteilt und den chaotischen Osten zum 
Lehrmeister der deutschen Entwicklung machen möchte. Die Men- 
talität dieser blossen Mechaniker der gesellschalUlchen Entwicklung» 
deren ganze Propaganda im Grunde moralisch völlig in der LiSb 
stellt, ist mir genau so tief zuwider wie die Mentalität unserer real- 
politischen Ideologen des nationalen Gewaltstaates: es sind ganz die 
gleichen Naturen, nur dass die einen von unten das vollbringen 
wollen, was die anderen von oben praktizierten. Leider gehört nach 
meinem Eindruck auch die hiesige ,, Volksrecht" gruppe durchaus in 
diese Sphäre, — woher es sich auch erklärt, dass diese Gruppe in der 
demokratischen Schweiz eine vollständige moralische und politische 
Niederlage erleidet, wozu nicht zum wenigsten ihr Eintreten für die 
Terroristen der Lenin-Regierung beigetragen hat. Allen diesen Leuten 
sind Sie bereits verdächtig. Der Redakteur Horwitz repräsentiert — 
wenn ich ihn richtig verstanden habe — in typischer Weise eine 
Ansdiauung, die jetzt in gewissen von der Stimmung des revohitionären 
Ostens beeinflussten Kreisen der Schweiz grassiert: die sogenannte 
Entente sei der eigentliche Feind und repräsentiere den imperialistischen 
Kapitalismus in seiner höchstentwickelten Form ; alles konnme darauf 
an, die westliche Arbdterscfaaft im östlichen Sinne zu revolutionieren 
und dann gemeinsam gegen die Bourgeoisie vorzugehen. Eine Ver- 
ständigung mit der jetzigen Entente verhindere nur diese radikale 
Lösung. Diese Leute wollen also nach vier Jahren Weltkrieg nun- 
mehr den vierjährigen Bürgerkrieg als Mittel der sozialen Reorgani- 
sation entfesseln. Wenn dies das Programm des Fortschritts in 
Europa werden sollte, dann wüsste man wirklich nicht mehr, wofür 
man noch leben und kämpfen soll. Diese abstrakten Köpfe haben 
wohl zu wenig Phantasie, um sich zu fragen, wie der wirtschaftliche 
Wiederaufbau Europas möglich sei, wenn die gesellschaftliche Er- 
neuerung jetzt im östlichen Stile mit Hass, Absonderung und Gewalt- 
tat in Angriff genommen werden solle. Wir brauchen gewiss jetzt 
Führer und Programme, die aufs Ganze gehen und die das Volk 
zu grossen EntSchliessungen fortzureissen verstehen, aber diese Führer 
müssen die Fähigkeit haben, den Bun i der Handarbeit mit der In- 
telligenz und mit der technischen Welterfahrung in neuem Geiste zu 
begründen, statt diese Faktoren von einander loszureissen — und 
das in einem weltgeschichtlichen Augenblick, in dem von ihrer neuen 
Zusammenarbeit Leben und Gesundheit von Millionen abhängt — 

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vor allem auch die Hcrsteiiuag v^on neuen Lebensbedingungen für 
die Millionen, die vier Jahre im Kriegselend gesteckt haben. Sollen 
sie nun aus der Not des Wdtkri^es in die Schützengräben des 
Bürgerkrieges geworfen werden? 

Die Hauptsache ist: die Vertreter jener ganzen Propaganda 
haben keine Ahnung von Wesen und Tendenz der französischen 
und englischen Arbeiterbewegung. Die industriellen Artieiter sind 
in Frankreich eine absolute Minorität. Frankreich ist das Land der 
kleinen „Proprietäre". Diese haben alles, was sie wollen. Eine neue 
Revolution in Frankreich ist ausgeschlossen — genau so wie sie in 
der Schweiz ausgeschlossen ist. Es kann in beschränktem Kreise 
vorübergehende Unruhen geben — - aber nichts, was auch nur entfernt 
an Bolschewismus erinnert, kann sich dort durchsetzen. Was Eng- 
land und Amerika betriflft, so ist dort trotz der riesigen Industrie- 
arbeiterschaft eine Revolution völlig ausgeschlossen — einfach weil 
man dort von Gewaltaktionen nur Schaden erwartet und ausserdem 
jede Möglichkeit hat, sich im Rahmen der bestehenden Ordnungen 
aOmählich durchzusetzen. Ich bin über diese Dinge und ihren neuesten 
Stand ganz genau unterrichtet. Die Bolschewisten werden erldben, dass 
englische und amerikanische Arbeiter von Odessa aus gegen jene 
Anarchie, die das Zerrbild jeder Demolcmtie ist, genau so begeistert vor- 
marschieren , wie gegen den deutschen Müitn.r!smus . Der Westen hat dem 
Gewaltregime in jeder Form den Krieg erklärt, zum Teil aus Idealismus, 
zum grösseren Teil aus den Lebensbedürfnissen der geord- 
neten Weltwirtschaft heraus, während wir immernoch in der 
weltpolitischen Borniertheit des ostelbischen Denkens steckten. 

Ich habe diese Frage ausführlich behandelt, weil ich annehme, dass 
Ihnen in diesen Tagen von dem hiesigen hdsdiewistiscfaen Zentrum 
aus viele falsche oder schiefe Informationen über die inneren Verhältnisse 
im Ententdager zugetragen worden sind. Die Entente, ausgenommen 
Italien, ist absolut nicht vom Imperialismus beherrscht; Ihre Politik 
ist daher durchaus im Einklang mit dem wirklichen Sachverhalt. 

Ganz besonders wichtig schien mir das Interview, das die 
„Vossische Zeitung" betreffend Ihre Stellung zum Bolschewismus ver- 
öffentlichen konnte: ich werde sofort dem Bundespräsidenten Mit- 
teilung machen, der — unabhängig von meiner Ernennung — den 
Wunsch nach einer Aussprache mit mir über die internationalen 
sozialen Probleme geäussert hat. Wir brauchen den g^ten Willen 
der massgebenden Kreise der Schweiz ja jetzt mehr als je fiir alle 
Probleme unserer Übergangswirtsdiaft — und wir brauchen diesen 
guten Willen und dies Vertrauen umsomehr, als, wie Ihnen gewiss 
bdcannt geworden ist, in den letzten Monaten hier Machenschaften des 
Berliner Generalstabes ans Licht gdcommen sind, die das Ansehen des 
deutschen Namens aufs schwerste geschädigt haben ^) 

Es folgen Erörterungen über die Neubesetzung der deutschem 
Gesandtschaft in Bern, die hier nebensächlich sind. 



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Es wird zweifellos Früdite bringen, wenn ich jetxt in zahlreichen 
persönlichen Begeg^nungeii mit mas^benden Ententeleuten in Zürich, 
Bern und Genf Vertrauen zum neuen Deutschland zu schaffen suche, 
und ferner gewissen Hauptbeschwerden des neutralen und feindlichen 
Auslands gegen unsere weltwirtschaftlichen und diplomati?;chen Prak- 
tiken einmal auf den Grund gehe, damit so, im Verein mit ähnlichen 
Informationen anderer, den Zentralen unserer auswärtigen Politik 
Material zur Verfilgung steht, auf Grund dessen allmählich neue 
Traditionen füi unsere Diplomatie geschaffen werden können. Die 
Demokratisierung unseres Auslandsdienstes z. B. würde nicht nur in 
dessen pariamentarischeh Kontrolle, sondern vor allem audi darin 
zu sudwn sein, dass die Gesandtschaften und Konsulate in ganz 
anderm Stile als bisher die Sachkenner aller Volksscfaiehten um sich 
scharen, und zugleich in einem neuen Geiste leitend auftreten, indem 
sie z. B. fiir den wirtschaftlichen Umgang mit dem Ausland einen 
Ehrenkodex entwickeln helfen, statt das Banditentum in der Handels- 
konkurrenz obendrein noch zu ermutigen. Ich werde Ihnen einiges 
recht Charakteristische mitteilen, was ich inbezug auf abstossende 
und einzig dastehende deutsche Geschäftsusancen gegenüber dem 
Auslande hier erfahren habe. Geht man jenen ganz Übeln Tradi- 
tionen nicht an die Wurzel, so haben wir bloss wieder Mannesrnann- 
und andere Affaren. Bei den Friedensverhandlungen wird man erst 
in ganzem Umfange erkennen, wieviel die Wdtverärgerung über jene 
Praktiken zu den Vorbehalten Englands betreffend „Freiheit der 
Meerei" beigetragen hat Im grossen Publikum sind diese Dinge 
absolut unbekannt. Auch die anderen hatten ihre skrupellosen 
Elemente, bei uns aber waren gerade die tonangebenden Kreise 
skrupellos und fanden nirgends in der öffentlichen Meinung und in 
der Presse eine kontrollierende Gej^enwirkung. 

Weiter oben erwähnte ich des ausserordentlichen Misstrauens 
der Enteine inbezug auf Tiefe und Dauer der gegenwärtigen Um- 
walzung^ in Deutschland. Dieses Misstrauen richtet sich besonders 
auf den Ausgang der kommenden Neuwahlen. Die Entente fürchtet, 
dass dann die unbelehrbaren und noch nicht bekehrten Elemente wieder 
die alte Tonart reden und die alten Praktiken durchsetzen. Auf der 
änderen Seite wünscht auch sie nidit, dass die neue Riditung sidi 
mit nur äusserlichen Mitteln, also durch autokratische Herrschaft 
einer bestimmten Volksgruppe behaupte, wodurch die Erziehung des 
deutschen Volkes zu wahrer Demokratie verhängnisvoll durchkreuzt 
werden müsste. Auch biete sakibe Gewaltherrschaft erst recht keine 
solide Garantie. Dieses Dilemma ist anf^chetnend unlösbar. Ich glaube 
man muss hier unbedingt und ohne Kleingläubigkeit die Konsequenzen 
des demokratischen Prinzips ziehen. Würde sich dann zeigen, dass 
eine wahrhaft demokratisch zustande gekommene Volksvertretung 
zunächst noch einen sehr grossen Teil des jetzt scheinbar über^ 
wundenen alten Deutschland wieder zur Geltung bringt, so muss man 
das in Gottesnamen hinndunen, denn totschlagen oder äusserlich unter« 



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drücken kann man ja die Leute doch nicht, man muss vielmehr den 
Glauben haben, dass die Maclit unserer geistigen Propaganda im 
Verein mit der erschütternden Sprache der Konsequenzen des von den 
,,illhrenden" Klassen angezettelten und verlängerten Krieges doch 
allmählich einen so überwältigenden Teil des betrogenen deutschen 
Volkes auf unsere Seite bringt, dass wir in der Lage sind, alles das- 
jenige in organischer Entwicklung durchzusetzen, was durch eine 
blosse Autokratie von unten her doch nur künstlich und nur mit 
verhan^rnisvolien Konsequenzen für die jetzt doppelt notwendige 
innerpoiitische Ordnung und Einigkeit gesichert werden könnte. 
Die Hauptsache würde dann eben sein, dass man im grössten 
Massstabe an die Aufklärung des deutschen Volkes geht, dessen 
Bildungsschichten ja in der Tat noch keine Ahnung von den wahren 
Ursachen des Krieges und der Kriegsverlängerung haben. 

Eine gewisse Hinausschiebung der Wahlen lässt sich ja ganz 
offen mit der Notwendigkeit einer solchen Aufklärung begründen 
und ebenso mit dem Hinweis darauf, dass die bisher fuhrenden 
Klassen in ihrer Behandlung der weltpolitischen Fragen eine der- 
artige Verblendung gezeigt und Deutschland dadurch an den Rand 
des Abgrunds gebracht hätten, dass es nur eine berechtigte Not- 
wehr des leidenden deutschen Volkes sei, wenn es seine nächste 
und dringendste Rettungsaktion selbst in die Hand nehme und 
während derselben keine Mitwirkung der am schwersten kompro- 
mittierten Volksgruppen dulde — dabei kann man ja die ausdrückliche 
und nachdruckliche Zusicherung geben, dass von einem bestininuen 
Termin an unantastbar demokratisch organisierte Neuwahlen statt- 
finden würden und dass man sich allen Resultaten derselben ebenso 
fügen würde» wie man im gegenwärtigen Augenblicke Ordnung und 
Disziplin verlange. 

Mit diesen Bemerkungen wollte ich mich nicht mit meinem 
Rate aufdrängen — das mit Ententevertretem viel&ch erörterte Thema 
regte mich nur dazu an, die Frage nach einem Auswege aus dem 
oben bezeichneten Dilemma mit ein paar Bemerkungen zu berühren. 

Ist eigentlich Ihre höchst eindrucksvolle Broschüre über Marokko 
bereits wieder im Buchliandel erschienen? Dieselbe wäre für die 
oben besprochene Aufklärung besonders wichtig. Könnte ich wohl 
einige Exemplare sofort hierher erhalten, um sie an massgebende 
Franzosen, vor allem auch an die Redaktion des „Journal de Ge- 
n^e" weiterzugebend Es würde dnen höchst günstigen Eindruck 
in Frankreich machen, dass der Verfasser dieser Broschüre der 
gegenwärtige Ministerpräsident Bayerns ist 

In den letzten Tagen wurde ich wegen des Aussetzens aller 
bisher geltenden Vorschriften mehrfach um die Befürwortung von 
Pässen für die Einreise nach Bayern ersucht. Dem früher genannten 
Redakteur Horwitz wollte ich solche Befürwortung nicht versagen, 
dn derselbe eine Empfehlung vom Vorstand der hiesigen sozial- 
demokratischen Partei brachte. Ich bitte jedoch um Instruktion in 



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Benig auf diese Frage, da es ja doch sein kann, dass Gründe be- 
stehen, bestimmte Elemente gar nidit oder doch nicht ohne Einver- 
nehmen mit Mündien passieren zu lassen. 

In diesem Augenblicke tdephonlert mir ein französischer Kollege, 
der besonders gute Beziehungen zu den leitenden Pariser Blättern 
hat, ob ich ihm bald einen Pass nach München verschaffen könne. 
Ich glaube, dass solcher Besuch von grosser Tragweite wäre. Erbitte 
auch dafiir Instruktion. 

Zum Schluss möchte ich den Hinweis nicht unterlassen, dass 
Berlin gut täte, die hier bisher im Exil befindlichen deutschen Demo- 
kraten Röseineyer, Greiling, Fernau, die sich grosse Verdienste um 
das neue Deutschland erworben haben, nicht zu vergessen, sondern 
sie durch irgend ein Mandat heranzuziehen.^ Volksvortiüge der Ge- 
nannten in Berlin und München Über die Kriegsursachen wären eine 
gute Vorbereitung für die Neuwahlen. 

Ich werde — auch zur Ordnung persönlicher Angelegenheiten — 
Ende kommender Woche auf drei Tasje nach München kommen und 
mich dann sofort bei Ihnen melden. Darf ich für alle Fälle bitten, 
der Grenzbehörde Lindau die Anweisung zu geben, meine Frnu und 
mich undurchsiicht passieren zu lassen ; ich bringe eine Reihe wichtiger 
Dokumente betreliend die deutsche Kriegführung rait. 

In aufrichtigster Hochschätzung bin ich, sehr verehrter Herr 
Ministerpräsident, 

Ihr ganz ergebener 

Prof. Fr. W. Fo erster. 



Nr. 12 

Oeorge D« Herron in Genf an Eisner und JaW 

Telegramm Gent, den 17. November 191 8; 3^^ nachm. 

Ich habe mein möglichstes getan, imi den Präsidenten Wilson 
und die Entente-Regierungen zu überzeugen, dass Ihre Regierung 
vertrauenswürdig ist Ihre beiden Telegramme mit meinen Begleit- 
worten versehen wurden unverzüglich an den Präsidenten und an 

die Entente-Regierungen telegraphiert. Vor allem rate ich Ihnen 
dringend, möglichst viele deutsche Staaten zu überzeugen, Ihrer Führung 
zu folgen, zweitens die ersten Schritte zu einem vollen und offenen 

Bekenntnis der Schuld und Untaten der deutschen Regierung am 
Anfang des Krieges und an den Grausamkeiten der Kriegführung 
zu unternehmen. Die moralische Wirkung einer solchen Handlung 
wäre gewaltig und entscheidend. Drittens unternehmen Sie die ersten 
Schritte zur Berufung einer bayerischen oder deutschen Kommission, 



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die die verheerten Gebtete Ffankreidis und Belgiens besuchen und 
Ihrem Ministerium imversüglich darüber Bericht erstatten soUte. Ich 
bitte Sie, kühn, offen und unverzüglich zu handeln, nicht nur Deutsch- 
lands sondern der 2ävi]isation und der Menschheit wegen. 

George D. Herron 



Nr. 13 

Der Großsire Dn Weiss an GroBsire Frank Oondy» 

Denver* Colorado 

Telegrammentwurf Ohne Datum 

Die deutschen Oddfellows bitten den Großsire der Souveränen 
Grosslogfe drinc^end im Namen des Gesamtordens, bei der amerika- 
mbchen Regierun<^ auf eine Milderung der unerhört harten Waffen- 
stilistandsbedingungen hinzuwirken, besonders in der Frage der 
Volksemährung und auf Herbeiitihrung eines gerechten, jede Ver- 
gewaltigung ausschliessenden Friedens, damit sich die Völker ver- 
söhnt die Hand reichen können zu gemeinsamer Arbeit im Dienste 
der Menschheit. 

Grofisire Dr. Weiss 



Nr. 14 

Der Ministerpräsident an Dr, Weiss 

Telegramm München, den 17. November; lö^ vorm. 

Anregung durch meine eigenen Schritte bei der Entente über- 
holt, Waffenstillstandsbedingungen bedeutend gemildert und wesent- 
liche Zusicherungen von Lebensmitteln bereits erhalten. Weitere 
Verhandlungen schweben. 

Kurt Eisner 



Der bayerische Ministerpräsident wurde gebeten, diese Drahtung 
auf diplomatischem Wege nach Amerika weiterzugeben. AtUwurt in 
Stuck 14.. 



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Nr. 15 

Der Ministerpräsident an den Gesandten Foerster 

Tdegramin München, den 18. November 1918; lO*^ vorm. 

Ich bitte Sie folgendes Telegramm über Bundesrat Bern der 

Entente zu übermitteln : 

Wir bitten einer bayerischen Kommisson zu gestatten, dass 
sie die in Belgien und in Nordfrankreich durch die Okkupation 
deutscher Truppen verursachten Zerstörungen feststellt.^) 

Kurt Eisner 

Nr. 16 

Die Oeaatidtechaft in Bern an dae Ministerittm des 

Ättsaern 

Telegramm Bern» den 18. November 191 8; i2*<^vorm. / 

Längere Besprechungen mit verschiedenen Ententevertretern 
haben mir heute zur Gewissheit gemacht, dass es zur gegenwärtigen 
Stunde keine grössere Gefahr für den Fortgang der Nahrungsmittel- 
zufiibr und für die Milderung der Waffenstillstandsbedinguiigen gibt, 
als die in Ententekreisen beginnende Befürchtung, dass in den neuen 
deutschen Regierungen bolschewistische Einflüsse die Oberhand ge- 
winnen könnten oder bereits gewonnen haben. Blanche Pre88d>erichte 
aus Deutschland steigern diese Befürchtung ; auch ist die Entente in 
den Besitz von Briefen deutscher Sozialisten gekonunen, die eine 
Propaganda fide zur Revolutionierung der Arbeiterbewegung in den 
Ententestaaten enthielten. Obwohl die massgebende Entente vor- 
läufig- aus solchen Vorkommnissen noch keine weitergehenden Schlüsse 
zieht, sondern die ihnen bekannte Tatsache berücksichtigen will, 
dass russische Gelder und russische Stimmen zweifellos auf manche 
Elemente m Deutschland nicht ohne Einfluss bleiben konnten, so 
ist doch zu beachten, dass es in der Entente Hetzer gibt, die für 
eme militärisdie Besetzung ganz Deutschlands Ph)paganda fide machen, 
um so die bolschewistiscfae Welle abzudämiüen. 

Es wäre darum nichts wichtiger, als dass jetzt in Deutschland 
machthabende Kreise allen Anlass benutzen, um gerade durch den 
Mund ihrer radikalsten Wortführer deutlich zu erklären, dass man 
bei allem Radikalismus der sozialen Programme doch absolut nicht 
i^feneigt sei, den chaotischen Osten als Lehrmeister für deutsche Ent- 
Wicklung anzuerkennen. 



^) Siehe Nr. 12. 



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Ich bin hier mit Erfolg tätig, die Entente zu überzeugen, dass 
sie den Bolschewismus — worunter sie led^Uch die Anarchie und 
Gewaltmethode der sozialen Regenerationen versteht — am besten 
dadurch vorbeugen könne, indem sie die Frist der Demobilisierung 
verlängere, sich unmittelbar an der Verpflegung unserer Fronttruppen 
beteiÜg'e und vor allem die Drohung fallen lasse, d.iss die jenseits 
der bisherigen Frist noch anzutreffenden deutschen Truppen inLcrniert 
werden würden, was entschieden an der Panik schuld ist, die gerade 
unsere Etappen ergriffen hat. 

Wie ist es nur möglich, dass der deutsche Militär- Attache in 
Bern, Major von Bismarck, immer noch nicht abberufen ist. Dass 
dieser Bandit noch hier weilen darf, anstatt telegraphisch auf den 
Weg gebracht zu werden, macht hier den ungünstigsten Eindruck, 
da man weiss, dass er hier mit den schlimmsten Mitteln das bolsche- 
wistische Element unterstützt hat, ab Sprengstoff gegenüber den 
Entente-Regierungen. Nicht nur seine schleunigste Abberufung, 
sondern auch diejen^e seiner etwa 400 Helfershelfer ist dringend 
nötig, um Vertrauen zu schaffen. 

Poerster. von Böhm 



Nr. 17 

Der Gesandte in Bern an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Bern, den 19. November 1918; 3^® nachm. 

Ich bitte von allen Proklamationen und offiziellen Erklärungen 
der neuen Regierung umgehend und fortlaufend eme grössere Anzahl 
von Exemplaren der Gesandtschaft zuzustellen zum Zwecke der im 
gegenwärtigen Augenblicke besonders wichtigen Aufklärung über 
die Absichten der deutschen Regierung. 

Foerster 

Nr. 18 

Der Gesandte in Bern an den Ministerpri iid eii le n 

Dringendes Telegramm Bern, den 19. November 1918:3** nachm. 

Nach Einvernehmen mit massefeben eisten Stellen bitte mir An- 
trag zur Weiterleitung geben : AUiicrtcn-Koiiiraission möge nach 
Bayern kommen, um sich pensönUchen Eindruck vom neuen Geiste 
und von Nahrungsverhältnissen zu verschaffen. Gewährung wahr- 
scheinlich und folgenreich. 

Foerster 



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Nr. 19 

Der Ministerpräsident an den Gesandten in Bern 

Tdegramm München» den 19. November 1918; ii^ nachm. 

Bitte bei Alliierten anregen, dass sie eine Kommission entsende» 
um sich persönlich vom neuen Geiste zu überzeugen. 

Kurt Etsner 

Nr. 20 

Der Gesandte in Berlin Dr. Mückle an den Minister- 
präsidenten 

Berlin, den 19. November 1918 

Sehr verehrter Herr Eisneri 

Gestern abend, am 18. November, hatte ich eine lange Unter- 
redung- mit Maximilian Harden, der sich in einer verzweifditcn 
Stimmung befindet. Harden stimmt mir in der Beurteilung der 
politischen Lage vollkommen zu, und da ich nicht als Privatmann 
vor Harden stand, so erklarte er, durch mich erst habe er wieder 
einen Lichtblick gewonnen. Er bedaure sehr, mich nicht früher 
gesprochen zu haben, viele Qualen wären ihm erspart geblieben. 
Harden \md ich beurteilen die politische Lage folgendermassen : 
I. Die herrschenden Regierungsmänner sind unfähig, die grossen 
Aufgaben zu lösen, die in diesem Augenblick das niedergeworfene, 
von Kräften des Aufruhrs durchzuckte Deutschland bedrängen. 
Harden bekräftigt mein Urteil : es handelt sich um Klein- und Spless- 
burger oder doch um Menschen ohne Leidenschaft und Schwung, 
denen die Revolution kein heiliges Erbe ist, das es zu mehren gilt, 
sondern irgend ein politischer Vorgang, den man hinnimmt, wie 
einen Funkt der Tagesordnung einer Pariamentssitzung. Während 
in Bayern förmlich lebensdurstige Kräfte aufquellen, ein Drang zur 
Höhe die Massen belebt und ein feierlicher Ernst das gewaltige Er- 
eignis weiht, herrscht in Berlin Verdrossenheit, eine bange Schwule. 
Man hat den Eindruck, als ob das Ideal des Sozialismus die Re- 
gienmgsmänner kalt liesse, das Wort Soadalismus, mag es auch in 
eine ferne Zukunft weben, verpönt wäre. So bt die Folge, dass 
die den Kreisen der Reaktion angehörenden denkenden Gdister die 
Bewegung belächeln, als einen Vorgang ohne fortwirkende Kraft 
betrachten. Ebert mag ein aufrichtiger, pflichteifriger Mensch sein: 
jeder weite Bück, jede Selbständigkeit in der Beurteilung der Lage, 
der politische Instinkt, der das erst Werdende wittert, geht ihm ab. 



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Erzberger, den ich gestern sprach, hat man richtig als den süd- 
deutschen Scheidemann bezeichnet. Auch ich habe den Eindruck 
bekommen, dass er bei allem Flebs seiner Aufgabe nidit von ferne 
gewadisen ist. Er ist ein Kleinbüiger ohne tiefere Bildung, ein 
Emporkömmling, dessen ivichtigste Sol^ge war, zu fragen, ob ich mich 
mit Exzellenz anreden lasse. Und Männer solchen Schlages sollen 
dazu berufen sein, ein Volk, das in einem Abgrund stöhnt, wieder 
ans Licht zu fiihren. Harden ist verzweifelt, ich selbst aber komme 
aus dem Staunen nicht heraus, dass derartiges überhaupt möglich ist. 

2. Die Reaktion ist im Anzug: Die proletarischen Gruppen 
bekämpfen sich in leidenschaftlichster Weise, während auf der anderen 
Sritc eine ganze Reihe der schlimmsten Vertreter des alten Systems 
wichtige Positionen innehaben (Auswärtiges Amt, Auslandsver-* 
tretung u. a.). Die Offiziere, deren Geist sich selbstverständlich nicht 
von heute auf morgen gewandelt, wagen sich wieder keck hervor» 
im Reichskanzlergeälude — ein typisdber Fall, den ich selbst erlebt 
— schreit em Regierungsrat mit junkerlicher Stimme, dass die Halle 
erdröhnt, im Osten bemächtigen sich hohe Offiziere der Soldatenräte. 

3. Die Gefährdung durdi Liebknecht ist gross: Harden wie ich 
geben Liebknecht recht, wenn er betont, dass die Revolution eine 
Halbheit, ja weniger als dies ist, und dass es ein Leichtes sein 
wird, sie abzuwürgen. Liehknechts Hass richtet sich wohl auch 
gegen die Vertreter des alten Systems, vor allem aber, wie er sich 
ausdrücken k()nnte, gegen die Verräter unter den Sozialisten. Aber 
wenn Liebknecht die Diktatur des Proletariats preist und den Terror 
heilig spricht, so birgt eine solche Agitation ungeheure Gefahren. 
Sollte es Liebknecht gelingen, mit seinem Geiste grössere Arbeiter-- 
massen zu entflammen — und mit dieser Möglichkeit nmss gerechnet 
werden — so ist nicht nur nicht an Friedensschluss zu denken, sondern 
es muss selbst damit gerechnet werden, dass die Entente mit ehemer- 
Hand Ordnung schafft. Was das bedeutet, brauche ich nicht aus- 
zumalen. 

Süddeutschland, insbesondere Bayern, müssen unbedingt zu den 
Berliner Vorgängen Stellung nehmen. Siegt die Reaktion — und 
die heutige Regierung ist alles andere wie ein Wall gegen sie — 
dann werden selbstverständlich die Ergebnisse der Revolution des 
Südens in Frage gestellt. Schafft die Entente Ordnung, so sinkca 
wir in die tiefste Tiefe der Erniedrigung. Wir Süddeutschen allein 
bilden einen festen Mittelpunkt in diesem Wirbel, der uns hier um> 
brandet Wir verfügen über Machtmittel, die vidleicht stark genug 
sein könnten, die Klärung und Festigung herbeizaÜihren. 

Um die versinkende Flamme des revolutionären Geistes zu 
bdeben, mössen wir verlangen (das ist auch I Tardens Meinung) 

a) sofortige Veröffentlichung der Geheimakten, 
Verhaftung der Schuldigen, Einführung eines 
Staats eferichtshofes. Damit würde man Liebknecht 
zu einem gutem Teil das Wasser abgraben. 



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b) Es sollte versucht werden, die Regierung- sofort von 
den unfähigen Elementen zu säubern. Eine Regie- 
rung muss gebildet werden, die aus überzeugten, starken, 
hochgebildeten Männern sich zusammensetzt, die auch vor 
den Augen der Feinde bestehen können, und es ist sehr zu 
erwägen, ob nidit Liebknecht aufzunehmen yfäre, um 
ihn, der gelährlidi ist wie ein Sprengstofif, zu versöhnen. 

Sollte die Reidisregierung unseren ernstesten Vorstellungen kein 
(jehör schenken, so müssten wir den Abfäll des Südens 
wenigstens androhen. Preussen hat uns in das Unglück des 
Krieges gestürzt, es soll uns nicht noch tiefer in den Abgrund, aus. 
dem wir uns herauszuarbeiten suchen, hinabdrücken. 

Die Lage ist sehr ernst Der Hamburger Soldatenrat verlangt 
die Verlegung des Reichsmarineamtes nach Hamburg, in Sachsen 
macht sich ein gefährlicher Radikalismus geltend, kurz, ^^'ahrcnd im 
Süden Ordnung herrscht, f:^rullen im Norden dämoniscbc- Kräfte, die 
irgendwie gebändigt werden müssen. Vielleicht ist es gut, wenn 
Sie den Ministerrat einberufen, auf dass ich mit Vollmachten aus- 
gestattet werden kann. Es niuss sofort gehandelt werden. 

Harden ist weitaus der bedeutendste der Politiker, den ich bisher 
gesprochen habe. Eine gewisse Leidenschaft ist ihm nicht abzu- 
sprechen, an Bildung überragt er die anderen unendlich. Heute 
Abend wird er sich bei mir einsteilen. Ich glaube, dass Harden 
als Delegierter bei den Friedensverhandlungen schon 
seines Ansehens wegen, das er auf Seiten der Entente geniesst. 
Grosses leisten könnte. Wie stellt sich die Bayerische Regierung 
zu einer Entsendung Hardens? 

Ich erfahre soeben, dass der Vollzugsausschuss der Berliner 
Soldatenrätc für Hinausschiebimg der Einberufung der kon?»tituierenden 
V^ersammiung ist. 

Der Gesandte 

Fr. Mückle 

Nr. 21 

Das Schweizer Komitee zur Vorbereitung des Völker- 
bundes an die ba^^erische Volksregierung 

Telegramm Basel, den 20. November 1 9 1 i> ; 1 1 ** nachm. 

Wichtigste Gründe, vor allem Wilsons Europareise, erfordern (in) 
deutschem Interesse drillend Bildung verhandlungsföhiger Regierung 
spätestens Mitte Dezemto*. Empfehlen ausnahmsweise Zulässigkek 
Ausübung Wahlrechts am Aufenthaltsort auf Grund Geburtsschein 
oder Militärpass, wddie zur Vermeidung Doppelwahl vom Wahlbüro 



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abgestempelt werden. Hierdurch Wählerlisten überflüssig. Auf- 
stellung Kandidatenliste vornehmen Parteileitungen endgültig spätestens 
Wähltag. Partriintcressc gewährleistet Erfüllung lokaler \Vünsche. 
Walilzettel enthalt statt Namen Ordnungsnummer der Parteiliste. 
Anerbieten detaillierten Vorschlag. 

Schweizer Komitee Vorbereitung Völkerbundes Bern 



Nr. 22 

Der Ministerprftsident an die bayerische Gesandtschaft 

in Beriin 

Telegramm München, den 21. November 1918; 4^^^ nachm. 

Ersuche sofort namens bayerischer Regierung bei Reichsregierung 
Schritte zu tun, dass Urkunden über Ursprung Kriegs umgehend 
veröffentlicht werden. ^) Das ist das einzige Mitte!, um zu erreichen, 
dass Friedensverhandlungen im Gefühl gegenseitigen Vertrauens ge- 
führt werden. Bitte bei Waffenstillstandskommission sich zu beteiligen, 
am besten Dr. Mudde persönlich. Wenn dauernd nicht möglich, 
von Schoen abordnen und dann Dr. Mückle zdtweise beiwohnen. 

Äusseres Ministerium 

Kurt Eisner 



Nr. 23 

Der Gesandte in Bern an den Ministerpräsidenten 

Bern, den 2i. November 19 18 
Hochgeehrter Herr Ministerpräsident! 

Monta^r abend werde ich mit Herrn Dr. Muehlon in München 
eintreffen, möchte jedoch nicht unterlassen, einige besonders wichtige 
Angel^enheiten schon vorher darzulegen oder andeutend zu besprechen. 

Zunächst kann ich mitteilen, dass ich vorgestern vom Bundes- 
präsidenten anerkannt worden bin. Schon vorher hat der Bundes- 
präsident alle ihm von mir übermittelten Bitten der bayerischen Re- 
gierung umgehend an die Entente weitergeleitet. Wegen der Viel- 
köp6gkeit der Adressaten ist natürlich eine schnelle Antwort nicht 



i)Vgl. Nr. 20; 



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zu aivartcn. Das zuletzt mir telegraphierte .Ersuchen betreffend 
Germersheim ^) habe ich besonders dringend gemacht, da dasselbe 

ja auch mit dem schweizerischen Grenzschutz zusammenhängt. 

Ich bin übrigens auf Grund des mir von der Entente enti^ecren- 
gebrachten Vertrauens in der I.ag'c, schon jetzt direkt mit den 
fremden Gesandtschaften zu verkehren ; gestern abend war ich bei 
dem italienischen Gesandten und habe ihm besonders ans Herz ge- 
legt, es müge dafür gesorgt werden, dass bald Südfrüchte nach 
Bayern kommen. Soeben höre ich, dass der Gesandte die betreffende 
Anregung mit besonderem Nachdruck weitergegeben und die Aus- 
sieht auf baldige Berikiksichtigung gemacht hat Es herrscht Ubeiall 
anf jener Seite jetzt guter Wille, uns zu helfen, ganz besonders zu 
Bayern hat man Vertrauen; es fehlt aber noch an Organisation der 
Hilfeleistung. Diese kann meines Erachtens nur dann gefordert 
werden, wenn ein bis zwei Sachverständige aus Bayern baldigst 
hierher kommen und den Vertretern der fremden M.ichte hier ganz 
konkret Bayerns Bedürfnisse und Wünsche dmlLi^cn. Diese Aktion 
sollte unabhängig von der erbetenen Entente-Kommission, deren 
Aufgabe wohl mehr Information sein wird, sofort erfolgen. Ich 
habe alles hier so vorbereitet, dass die betreffenden Herren in meiner 
Abwesenheit sich hier im Bernerhof an Kommerzialrat Meinl wenden 
können, der alles andere vermittelt, d. h. die Herren sofort mit der 
Entente in Verbindung setzen wird. 

Die Lage scheint mir so zu sein, dass die Bauern ja noch genug 
haben, aber weniger wie je hergeben, weil die militärischen Zwangs- 
mittel an Kraft verloren haben. Da bleibt eben doch nur das Mittel, 
dass man bald eine feste Zusage von der Entente bekommt, 
worauf man dann in der Presse auf das Kommen des Ententegetreides 
hinweisen miis'te. Die Bauern werden dann, wenn sie den Weltmarkt- 
preis bekommen, in den Überschusvzentren sehr gerne hergeben. 
Der Staat musste dann auf offenem Markte kaufen und die Differenz 
zwischen dem jetzigen Preise und dem Weltmarktpreis durch Anleihe 
decken. Wir haben zuviel Zwangswirtschaft getrieben, man muss 
mehr mit der Bauernnatur rechnen, besonders in der jetzigen Krise. 
Das beifolgende Expose des Herrn Kommerzialrat Meinl aus Wien, 
Sachverständigen der Wiener R^ierung, begründet die hier ange- 
deuteten Notwendigkeiten eingehender.*) 

Betreffend die Gerüchte über Unterstützung des Bolschewis- 
mus durch die leitenden sozialistischen Kreise möchte ich bemerken, 
dass meine Haupttätigkeit hier darin bestanden liat, das ungeheure und 

1) Dringendes Telegramm dos Ministerpräsidenten vom 20. No- 
vember 1918; lo**® nachni : Ersuchen dringendst, bei Entente zu ver- 
mittehi, dass das grosse Russenlager in Germersheim unter der Bewa- 
chung der deutschen Soldaten bleibt, bis es den Franzosen übergeben 
xverden kann. Sonst schwerste Unordnungen befürchtet." 

*) Das Gutachten behandelt die angedeuteten wirtschafdichen Fragen. 



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täglich neue Nahrung ziehende Bfisstrauen gegen das neue Deutsch- 
hind zu zerstreuen. Natürlich konnte ich das Gerücht widerlegen, 

dass die bayerische Regierung oder die jetzige Reichsleitung irgend- 
welche Agitation in jener Richtung tfeibe. Ich habe den Herrn 
Bundespräsidenten gebeten, mir, wenn irgend möglich, von der Entente 
Beweise zu verschaffen. Er scheint das für recht schwierig zu halten, 
da die luitenle ihre Gewährsmänner natürlich nicht gerne ins Licht 
setzt. Heute kam jedoch ein Mitglied der französischen Botschaft 
zu mir und nannte mir die Namen folgen« l(»r deutscher Sozialisten, 
die am 14. in La Chaux-de-Fonds mit iVanzusibclieii Sozialisten 
zusammengekonunen seien: Sassenbach» Huber, AchiUe Graber?, 
Bauer, Gewerkscfaaftsvorsitzender aus Frankfurt. Nun ist es möglich, 
dass die Betreffenden keine Bolschewisten, sondern sogar Mitglieder 
der Mehrhdtssoziaiisten sind, die auf eigene Hand oder im Auftrage 
lokaler Zentren versuchen wollten, die französischen Sozialisten gegen 
die Waflfenstillstandsbedingungen der Entente motnl zu machen, ohne 
deshalb gleich Revolution in Frankreich anfachen zu wollen. Gleich- 
wohl würde auch ein solcher Versuch ein Beweis jener Illoyalität 
sein, die man den bisherigen deutschen Regierungen vorwirft: Man 
verhandelt offiziell mit den bestehenden Regierungen und treibt 
hintenherum noch eine Politik der Aussaat von Zwietracht in den 
Reihen der Gegner. 

Ich habe übrigens all jenen Gerüchten gegenüber hervorgehoben, 
dass die deutschen Regierungen natürlich ntcfat för Machenschaften 
verantwortlich seien, die von kleinen Gruppen extremer Elemente 
ausgingen, wie sie in allöi Ländern vorhanden seien. Bei all diesen 
Bemühungen habe ich immer wieder gesehen, wie sehr jetzt alles 
darauf ankommt, dass alles vermieden wird, was jenem Misstrauen 
neue Nahrung gibt. Deutschlands Leben hängt an einem Faden! 
Unbegreiflich war es von diesem Standpunkte aus, dass Scheidemann 
neulich den Vertreter der von dcutsc-ht-m Gelde bezahlten an ti englischen 
Propagandazeitung „Continental Times" als geeignet befand, über 
den englischen Hungerkrieg — der doch durch unser Minenlegen 
und unsere U-Boote provoziert war — zu schelten und das in dem 
gleichen Augenblick, in dem in der englischen öffentlichen Meinung 
die Ansicht durchdringt, dass Deutsdiland geholfen werden müssei 

Im Anschluss an diese Feststellung ist auch ein Wort über die 
ganz verzweifelte Situation der deutschen Gesamtvertretung in Bern 
zu sagen. Ist es nicht ein gänzlich unhaltbarer Zustand, dass jetzt 
in diesem Mittelpunkt internationaler Beratung und Verständigung 
das grosse Deutsche Reich einen Gesandten hat, der von einer leiten- 
den Zeitung des Landes als „moralisch nicht existierend" bezeichnet 
wird und der jedenfalls als Vertreter des alten Systems völlig isoliert 
dasteht. Herr von Romberg ist persönlich ein Ehrenmann, es sind 
aber unter seiner Leitung Dinge passiert, für die er nun doch einmal 
als der oberste Vertreter Deutschlands am hiesigen Orte verantwort- 
lich gemacht wird. Jeder neue Tag bringt mir neue Beweise dafür, 



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dass die Entente diesen Zustand der deutschen Vertretung als ein 
Zeichen dafür betrachtet, dass in Berlin noch nicht verstanden wird, 
-was die Stunde geschlagen hat. Es rächt sich jetzt aufs Schwerste die 
frühere Verbindung der deutschen R^erung mit dem Bolschewismus: 
Auch massgebende schweizerische Kreise haben den Verdacht, «dass 
noch jetzt gewisse Gruppen des Personals der deutschen Gesandtschaft 
die unterminierende Bombenpolitik des Militärattaches von Bismarck fort- 
setzen. Schleunigste Beendigung dieses Zustandes ist zu wünschen . . A) 

Für Bayerns neue Rec^ierung treffe ich überall die aufrichtigste 
Sympathie ; auch gestern abend beim italienischen Gesandten ; Berlin 
hingegen gilt als undurchdringliches Geheimnis. Man fürchtet von 
dorther eine imperialistische Republik". Ich habe das wachsende 
Vertrauen zu Bayern benutzt, um den beifolgenden Kommentar zu 
Ihrem Ersuchen um Sendung einer Kommission in die Hände der 
hiesigen Entente-Vertreter zu bringen.^) Vertrauliche BehancUung ist 
schon deshalb gesichert, weil die Herren offiziell noch kernen direkten 
Verkehr mit mir haben dürfen. Ich glaubte mit jenem Kommentar 
im Sinne Ihrer Worte zu handeln, „die besondere Form der baye* 
fischen Revolution in ihrem moralischen Einflüsse geltend zu machen". 
Es ist augenblicklich von hoher politischer Bedeutung, der Entente, 
gerade weil sie Berlin mit grösstem Misstrauen betrachtet, ohne den 
dortigen Schwierigkeiten gerecht v. erden zu können, die Perspektive 
zu eröffnen, dass Bayern die Klarung der politischen Entwicklung 
in Deutschland entscheidend bestimmen werde. 

Einen ganz ausgezeichneten Eindruck hat das kürzlich in den 
M. N. N. veröffentlichte Frogranmi der bayerischen Regierung überall 
gemacht. Was das schwer bedrückte deutsche Volk jetzt &$t noch 
mehr braucht als materielle Nahrung, das sind solche erhebende 
Perspektiven. Ich habe hier viele Antrage bekommen, mich inter- 
viewen zu lassen, wollte mich aber über prinspielle Probleme und 
politische Absichten nicht ohne enge Einvernahme mit der bayerischen 
R^erung aussprechen. 

In ausgezeichneter Hochachtung 

Ihr ergebenster Fr. W. Fo erster 

1) Es folgen Mitteilungen über organisatorische und geschäftliche 
Angelegenheiten der Gesandtschaft, hier ohne Bedeutung. 

*) D<ir Kommentar besagt, eine solche Kommission würde sich 
von der bedrohlichen EmShrungsIage der untern und mitderen Sdiichten 
ttberzeugen können, aber auch davon, dass das neue Regiment in 
Bayern auf moralischer Basis beruhe, und dass sein Geist geeignet sei, 
dasjenige politische und soziale Progranmi durchzusetzen, mit dem 
allein Deutschland wieder aufgebaut und die Welt vor der Ge^r 
des Bolschewismus bewahrt werden könne. Durch unmittelbare Augen- 
scheinnahme würden die Alliierten Vertrauen fassen und andererseits 
würde durch solche Beihilfe das Ansehen der bayerischen Regierung 
nicht nur im Lande, sondern auch im deutschen Norden gestärkt. 

4 



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50 



Nr. 24 

Der Oeaandte in Bern an den Ministerprisidenten 

Tdfigiamm Bern, den 22. November 191 8; S** nachm. 

Mit Bezug auf ankommenden Bericht mociite n.u?;drürklirh her- 
vorheben, dass meine provisorische und sozusagen inoffizielle An- 
erkennung durch die Bundesbehörde [nicht mit [der eigentlicheo 
Akkreditierung identisch ist 

Foerster 

Nr. 25 

Oer Ministerpräsident an den Gesandten in Bern 

Telegramm München, den 22. November 191 8; 9°° vorm. 

Der Bayerische Ministerpräsident empfing eine Abordnung von 
' 15 Franzosen aus dem Gefangenenlager PucSiheim. Er hielt eine 
Absprache an sie, in der er seiner alten Bewunderung fiir Frank- 
reich Ausdruck verlieh und die Gefangenen bat, bei ihrer Wieder- 
kehr in der Heimat zu wirken, dass ein Znstand des Vertrauens 
und der Freundschaft zwischen den beiden Völkern für immer ge- 
schaffen würde. Er versprach Sorge zu tragen, dass die Gefangenen 
möglichst rasch und sicher abtransportiert werden. Ein Sprecher 
der Gelaiigenen versicherte dem Ministerpräsidenten, dass sie in 
seinem Sume wirken wollten. Die Deputation war auf Ersuchen 
des Ministerpräsidenten erschienen. » Dass ich in Sachen Bolsche- 
wismus und sonst ganz ihrer Mdnung bin, Ist Ihnen bekannt Ich 
habe im November 191 7 schon in einer öffentlichen Versammlung 
gegen den Bolschewismus Stellung genommen und seitdem auch in 
der russischen Presse selbst ihn bekämpft. Die Berliner Regierung 
scheint mir ganz unmöglich. Ich Wierde persönlich versuchen, dort 
umgestaltend zu wirken. — Redakteur Horwitz, der [ein Wiirkopf 
ist, hat hier einigen Leuten den Kopf verdreht. 

Kurt Eisner 

Nr. 26 

Amtliche Mitteilungen aus bayerischen diplomatischen 
Aktenstücken in der Korrespondenz Hoffmann am 

23. November Ifns 

(Siehe oben Seite 3 ff.) 



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IV 

Nach der Enthüllung 

Nr, I 

ErklAning'frfiherer bayerischer Minister 
vom 25« November 

Amtliche Pressenutteüung 

IiTi Ministerrat des Volksstaates Bayern lag heute folgende münd- 
liche Erklärung der Herren SLaaLsnunister von Thelemann, von Breunig 
und von Knilling vor: 

„Wir erklären hiermit, dass wir von dem gestern durch die 
Presse bekanntgegebenen Bericht des bayerischen Gesandten 
in Berlin und den darin behandelten Tatsachen bisher weder 
amtlich noch privat die geringste Kenntnis erhielten oder hatten.** 

Dieser Erk^rung hat sidi auch der frühere Verkehrsminister 
von Seidlein angeschlossen. Der Ministerrat hat von sich aus be- 
schlossen, diese Erklärung zu veröffentlichen. 

Nr. 2 

Halbamtliche Mitteilung des Auswärtigen Amtes 

Deutsche Allgemeine Zeitung 25. November 19 18 

Nr. 600 

Die amtliche Korrespondenz der bayerischen Republik veröfTent- 

lichte gestern Auszüge aus den Gesandtschaftsberichten, die der ehe- 
malige Bevollmächtigte Bayerns beim Bundesrat, Graf Lerchenfeld, 
von Berlin aus in den kritischen Tagen vor Ausbruch des Krieges an 
seine Regierung gesandt hat Die Veröffentlichung entspringt der 
Absicht der jetzigen bayerischen Re^p-ierung, über die Vorfälle, die 
zum Kriege führten, und über die persönliche Schuldfrage 
dem deutschen Volke rückhaltlos die Wahrheit zu sagen. In diesem 
ernsten Willen wird sie nicht nur von allen Schichten des Volkes 
selbst, sondern auch von der jetzigen Reichsregierung unterstützt, 
die unseres Wissens ebenfalls mit einer zweifelfreien dokumentarischen 
Geschichte der Entstehung des Krieges aus den Akten des Auswär- 
tigen Amtes besdiäfUgt ist. . 

4» 



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f 



52 

Bei dieser Sachlage muss es fraglich erscheinen, ob eine bruch- 
stückweise Veröffentlichung von Dokumenten der Absicht, 
einer vollen Aufklärung zu dienen, geeignet ist. So wenig der neue 
Kurs in Deutschland Anlass hat, irgend etwas zu vertuschen oder 
Schuldige zu decken, so wenig kann er seine Aufgabe darin erblicken, 
einseitige Anklagen auf die äemalige deutsche Regierung zu häufen 
und unter Freisprechung der imperialistischen Ententepolitik das 
geschichtliche Urteil vorzeitig dahin festzulegen, dass Deutsdiland 
die alieinige Schuld am Kriege trage. 

Aus den Berichten des Grafen Lerchenfeld scheint nun das eine 
deutlicli hervorzutreten, dass die deutsche Regierung, entgegen ihren 
Behauptungen, die österreichisch-ungarische Note an Serbien 
zwar nicht wörtlich, wohl aber inhaltlich bereits am 1 8. Juli 19 14, also 
eine Woche vor ihrer Überreichung in Belgrad, gekannt hat, und 
dass sie wusste, dass „Serbien derartige mit seiner \\ urde als unab- 
hängiger Staat unvereinbare Forderungen nicht annehmen" konnte. 
Aus seinen Unterhaltungen mit dem damaligen Unterstaatssekretär im 
Auswärtigen Amt, Herrn Zimmermann, hatte Graf Lerchenfeld 
den Eindruck, dass die deutsche Regierung entschlossen war, Öster- 
reich-Ungarn zu einer Auseinandersetzung mit Serbien zu ermutigen 
und ihm dabei selbst auf die Gefahr eines Krieges mit Russland hin 
Blankovollmacht zu geben, weil sie überzeugt war, dass die fort- 
schreitende Zersetzung der Nationalitäten im Habsburgischen Reiche 
dieses bald aktionsunfahig machcm wiirde. 

Im übrigen bezieht sich der Inhalt der Lerchenfeldschen Be- 
richte auf die Meinungen und Spekulationen, von denen die deutschen 
führenden Staatsmänner (genannt ist nur Herr Zimmermann) in Be- 
zug auf den erlauf der Krise und die vermutliche Haltung der 
Entente beherrscht wurden. Es scheint daraus hervorzugdien, dass 
man in Berlin verhängnisvollerweise annahm, der gutartige Verlauf 
der bosnischen Krise von 1908 werde sich wiederholen und Öster- 
reich-Ungarn mit dem gestärkten politischen Ansehen, dessen es 
bedurfte, daraus hervorgehen. 

Die Veröffentlichung der Münchener Regierung, die wir aus 
dem oben angegebenen sachlichen Grunde bedauern, hat natur- 
gemäss dort das grösste Aufsehen erregt, wo man die relative 
Bedeutung dieser bruchstückhaften W ahrheiten nicht erkennen 
kann oder nicht erkennen will. Es kann auch nicht ausbleiben, 
dass das feindliche Ausland und parteiische neutrale Stimmen sich 
des gebotenen Stoffes bemächtigen, um in der Schuidfrage ein cnd* 
gültiges Urteil zu Lasten Deutschlands zu sprechen. Im Namen 
der Wahrheit legen wir dagegen Verwahrung ein. Es 
soll rücksichtslos volle Klarheit jgeschaffen werden. Nachdem die 
Veröffentlichung aus russischen Archiven durch die revolutionäre 
R^ierung die Schuld der zaristischen Regierung Idar erwiesen hat, 
ist die neue deutsche Regierung bereit, festzustellen, ob Deutschland 
eine Mitschuld trifft. Das ganze Gleichgewicht der historischen 



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I 



03 

Wahrheit jedoch wird erst hergestellt sein, wenn auch die Pariser 
und Londoner Archive durch das französische und englische Volk 
geöffnet sein werden. Um aber zu verhüten, dass unzulängliche 
Enthüllungen in diesen Prozess der historischen Gerechtigkeit störend 
eingreifen, möchten wir hoffen, dass die zusammenfassende Dar- 
stellung der Ursachen des Weltkrieges durch die deutsche Regierung 
tunlichst beschleunigt werde. 

Nr. 3 

Amtliche Mitteilung der bayerischen Oesandtschaft 

in Berlin 

Deutsche Allgemeine Zeitung 25. November 19 18 

Nr. 600 

Die bayerische Gesandtschaft teilt hierdurch mit, dass der erste 
der gestern verÖfTendichten bayerischen Gesandtschaftsbericfate nicht 
vom Grafen Lerchenfeld, sondern von Dr. Hans von Schoen ab- 
gefasst ist. 

Nr. 4 

Entgegnung Bethntann Hollwegs 

Deutsche Allgemeine Zeitung 27. November 191 8 

Nr. 603 

Der ehemalige Reichskanzler v. Bethmann Hollweg erklärt 
einem Vertreter der Deutschen Allgemeinen Zeitung folgendes : 

Ich bin dankbar, dass Sie mir Gd^enheit geben, mich zu den 
bayerischen VerÖflfentiichungen über den Ursprung des Kri^es zu 
äussern. Ich habe ein mindestens ebenso grosses Interesse daran, 
die Wahrheit festzustellen, wie die bayerische Regierung. Mir scheint 
aber, dass, wenn man der Wahrheit dienen will, man nicht Bruch- 
stücke herausgreifen und aus Ihnen Gesamtfolgerungen ziehen darf, 
wie es, soweit ich sehe, ein Teil der Presse schon tut. 

Die bishcrio-en Veröfifentlichunf^en der bnyerischen Regierung 
beziehen sich lediglich auf den osterreichisch-serbischt n Konflikt und 
auf unsere Stellung dazu, berücksichtigen also weder die Gesamt- 
situation, noch die Vorgänge, welche sich an den Konflikt mit Serbien 
angeschlossen liaben . 

Lassen Sie mich die entscheidenden Linien bezeichnen, soweit das 
in dnem kurzen Gespräch und ohne die Zuhilfenahme von Akten- 
material möglich ist. 



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54 



Es ist vollkommen richtig, dass wir Österreich beigestimmt haben, 
als es nach dem Attentat von. Sta^ewo em Vorgehen gegen Serbiea 
für nötig erklärte, dass wir uns auch mr ErfUUung unserer Bündnis- 
pflichtea ausdrücklich bereit erklärten, &Us sich aus dem Vorgehen 
gegen Serbien weitere kriegerische Komplikationen ergeben sollten 
Wir haben deshalb auch nie und in keiner Form, also auch nicht 
durch den Hinweis auf die Nordiandsreise des Kaisers und auf di^ 
Urlaub des Generalstabschefs und des Kriegsministers behauptet, wir 
seien durch die Aktion Österreichs überrascht worden. Aller- 
dings haben wir den Wortlaut des Ultimatums vor 
seiner Absend ung nicht g"ekannt. Die gegenteilige Behaup- 

-tun^ ist, jedenfall;! soweit meine Person in Betracht kommt, unrichtig. 
Ich habe das UlümaLum aucii, nachdem es danach zu meiner Kennt- 
nis gekommen war, für zu scharf gehalten, und unsere Politik hat 

« dieser meber Ansicht im Verlauf der Dinge vollkommen Rechnung 
getragen. Doch davon hernach. Zunächst Über die Gründe unserer 
Stellung zu dem Vorgehen österreicfas gegen Serbien. 

Wie lag die politische Gesamtsituation? Heute wird wohl 
niemand mehr bestreiten wollen, dass die grosse Politik Frankreichs 
seit 1S71 unverrückbar auf die Wiedergewinnung Elsass-Lotbringens, 
diejenige Russlands, mit besonderer Schärfe seit dem japanischen 
Kriege, auf die Beherrschung Konstantinopels gerichtet war. Russ- 
land betrieb gleichzeitig in Verfolgung dieser seiner Pläne durch 
Vermittlung Serbiens eine systematische Aushöhlung der Stellung 
Österreich-Ungarns auf dem Balkan. Beide xMachte verfolgten damit 
Ziele, die nur durch kriegerische Lösung verwirkliciit werden konnten, 
und beide Mächte erfreuten sich in ihrer Gesamtpolitik der ausge- 
sprochenen Unterstützung Englands. Dass diese Situation für 
, Deutschland lebensgefährlich war und immer lebensgefahr- 
licher wurde» je mehr die Stellung seines österreichisdien Bundes- 
genossen durch die mit russischer Beihilfe erfolgenden serbischen 
Umtriebe geschwächt wurde, liegt auf der Hand. Man muss sich 
dabei daran erinnern, dass das grosse Programm des Präsidenten 
Wilson über den versöhnenden Völkerbund^ das ja auch heute noch 
auf seine Verwirklichung wartet, jedenfalls damals noch keinerlei 
Geltung hatte, dass nationale Selbstbesciirankung im Interesse der 
Aufrechterhaltung des Friedens durchaus noch nicht als allgemeines 
Gebot internationaler Moral angesehen wurde, dass vielmehr vielen 
ungehenmiter Machtwiüe als nationale Tugend und der Krieg als 
loyales Mittel zu seiner Betätigung galt Ich meine, der russiscb- 
japaniscfae Krieg, der Burenkrieg, der italienisch-tripolitanische Krieg 
sind dafür Idas^sche Beweise. Mit diesem Zustand musste Deutsch- 
land rechnen, wenn es die Bedeutung der serbischen Machenschaften 
gegen Österreich-Ungarn richtig einschätzen wollte. Und das war der 

, Grund, der einzige Grund, weshalb Deutschland dem Vorgehen g^en 

^) VgLDie deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch Nr. 15 u. 26. 



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55 



Serbien zustimmte. Duldete Österreich-Un^m tatenlos seine weitere 
Unterminierung, so musste DeutscWand einem Zustand entgeg^en- 
sehen, wo es, sozusagen bündnislos, der auf die russische Allianz 
.und die englische Freundschaft gestützten Revanchepolitik Frankreichs 
allein gegenüberstand. 

Wie wenig es in unserer Absicht lag, den allgemeinen Krieg zu 
entfesseln, ergibt sich aus unserer gesamten weiteren Haltung. Ich darf 
die entscbddeoden Momente kurz rekaphuliefen. 

Unser Bestreben, den österreichisch'serbisclien Kon- 
flikt zu lokalisieren, war durchaus kein abwegiger Gedanke. 
Niemand anders als Sir Edward Gny hatte ihn mit aller Energie 
zu dem seinigen gemacht und unterstützt. Gescheitert ist imsere 
Absicht lediglich an Russland, das sich für berechtigt hielt, den 
Konflikt vor sein Forum zu ziehen. Nunmehr setzten unsere Ver- 
mittlungsversuche zwischen Wien und Petersburg ein. Sie erinnern 
sich, dass England zu diesem Zweck zuerst eine Konferenz vorschlug, 
sich dann aber ausdrücklich unserem Vorschlag eines direkten 
Meinungsaustausches zwischen Wien und Petersburgs anschloss. Sie 
erinnern sich weiterhin, dass wir das Wiener Kabinett energisch auf- 
forderten, die zwischen ihm und dem Petersburger Kabinett entstandenen 

• Iffissverständnisse zu beseitigen, und ihm in der denkbar scbär&ten 
Form zu erkennen gaben, wie wir zwar berat seien, unsere Bundes^ 
pflichten zu erfüllen, es aber ablehnen miissten, uns von Österreich^ 
Ungarn durch Nichtbeachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand 
hineinziehen zu lassen.^] Glauben Sie, dass man seinem Bundes- 
genossen, seinem einzigen Bundesgenossen' gegenüber eine solche 
Sprache führt, g-leichzeitig aber den Krieg will, den man ohne diesen 
Bundesgenossen gar nicht ausfechten kann r Sie erinnern sich endlich, 
wie infolge unserer Bemühungen die Konversation zwischen Wien 
und Petersburg in Fluss kam, als Russland plötzlich und entgegen 
den uns ausdrucklich gegebenen Versicherungen seine ganze Armee 
mobil machte. Dass diese Generalmobilmachung der Krieg war, der 

' von einer allmächtigen Partei Russlands gewolte Krieg — nun ich 
meine, daran kann nach den Enthüllungen des Prozesses Sucbomünow 
kein Mensch mehr dnen Zweifel haben. Das sind Tatsadien, die * 
durch nichts aus der Welt geschaht werden können. Uns die Schuld 
am Kri^;e aufbürden, heisst Gegner für schuldlos erklären, die jahr- 
zehntelang vereint Pläne betrieben, die sie nur bei kriegerischer Explo- 
sion verwirklichen konnten, es uns aber verwehren, uns dagegen 
au&ulehnen. Das ist nicht Recht, das ist Unrecht 

Der ehemalige Kanzler erörtert sodann noch die Frage, 
wie es kam, dass trotz dieser Tatsachen, über die er wieder- 
holt im Reichstage gesprochen habe, die Schuld Deutschlands 

^) Vgl.: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch Nr. 395, 
396 tt. 441. 



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56 



zur Überzeugaing fast der ganzen Welt geworden sei. Er 
weist hin auf die staunenswerte Propaganda, mit der die Gegner 
es verstanden, Deutschland durch Mischung von Wahrem 
und Falschem im Misskredit zu bringen, sich aber als die 
selbstlosen Verfechter aller grossen und edlen Menschheits- 
gedanken hinzustellen. 

Bethmann bekennt sich wieder zu sdnem Worte vom 
4. August 19 14 über Belgien, betont die Bedeutung der 
elsass-lothringischen Angelegenheit für das Urteil der Welt 
und meint, dass Deutschland durch Mängel seiner Politik 
und durch ,, Sünden seines aligemtinen Geba^ens'^ durch 
provokatorische Worte und „alldeutsche I reibereien ' zu der 
. Hochspannung beigetragen habe, aus der schliesslich der Krieg 
entstanden sei. 

Nr. 5 

Entgegnung des Staatssekretärs a. D. Dn Zimmermann 

Deutsche Allgemeine Zeitung 29. November 1918 

Nr. 607 

Der frühere deutsche Unterstaatssekretär des Auswärtigen 
Amts Zimmermann äussert sich zu einem Vertreter der 
Deutschen Allgemeinen Zeitung wie folgt: 

Wir sind in der Tat der Ansicht gewesen, dass mit der Bluttat 

von Serajewo für Österreich-Ungam die Schicksalsstunde geschlagen 
hatte. Seine innere Lage hatte sich im Laufe der Jahre derartig 
verschlechtert, dass die Nachbarn im Süden und Osten bereits die 
Möglichkeit des völligen Zerfalls der Donaumonarchie ins Auge fassten 
und unverliüllt Gebietsanspruche erörterten. Die während des Krieges 
bekannt gewordenen serbischen Urkunden beweisen, dass Russland 
schon seit Jahren der serbischen Regierung den Erwerb österreichischer 
und ungarischer Gebietsteile zugesichert hatte. Österreich-Ungarn 
war durch die panslawistbchen Treibereien in seiner Grossmachtstellung 
aufs äusserte gefährdet. Dass Deutschland gegenüber dieser Ge&hr» 
die dem mitteleuropäischen Bunde drohte, nicht gleichgültig bleiben 
konnte, lag auf der Hand; das europäüsche Gleicli^fewicht hatte sich 
bekanntSdi längst schon zu unseren Ungunsten verschoben, da wir 
mit einer aus drei mächtigen Staaten zusammengeschlossenen Gruppe 
zu rechnen hatten» die auf die Zurückdrängung des deutschen Ein- 
flusses aus war. 



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07 



^ Dass Österreich-Ungarn sich gegen die grossserbischen Machen- 
schaften, die zur Bluttat in Serajewo geführt hatten, zur Wehr setzte, 
war nicht nur sein gutes Rpcht, sondern lag auch im Interesse einer 
Gesimdung der Verhältnisse in Europa. Dies und insbesondere die 
Niederhaltung der grossserbischen Propaganda suchte Österreich- 
Ungarn zu errdcfaen durch eine Neuordnung der Machtverhältnisse 
auf dem Balkan, die es durch Heranziehung Bulgariens an den Dreibund 
an Stelle des unsicher gewordenen Rumäniens herbeizufuhren gedachte. 
Diese Gedanken und Ziele waren erörtert in einem Handschreiben 
Kaiser Franz Josephs ^) an Kaiser Wilhelm und einer damit verbundenen 
Denkschrift.^) Beide wurden am 5. Juli 19 14 durch den österreichisch- 
ungarischen Botschafter dem Kaiser Wilhelm überreicht. Eine Abschrift 
der Schriftstücke wurde gleichzeitig durch den Überbringer, Grafen 
Hoves, dem Auswärtigen Amt überreicht. Dies sind die Tatsachen, 
die zu der viel berufenen Legende von dem Krön rat in 
Potsdam Anlass gegeben haben. 

Über die Antwort, die dem Grafen Szögy^ny erteilt wurde, gibt 
eine von mir entworfene telegraphische Instruktion des damaligen 
Herrn Reichskanzlers an den Botschafter von Tschirschky in Wien 
vom 6. Juli Aufschluss. ') Sie befindet sich in den Akten des Aus- 
wärtigen Amtes und lautet meiner Erinnerung nach dahin: 

Die Gefahren der panslawistischen Agitation würden auch in 
Deutschland nicht verkannt. Der Heranziehimc^ Bulgariens an den 
Dreibund wurde mit gewissen Vorbehalten zugestimmt Ks \viirden 
Bemühungen in Bukarest in Aussicht gestellt, um Rumänien bei dem 
Bündnis zu erhalten und von der gefährlichen serbischen Propaganda 
loszumachen; zu dem Koiitl kt mit Serbien wurde eine Stellungnahme 
abgeleimt. Es wurde aber betont, dass Deutschland gemäss dem 
Btindius und der alten Freundschaft treu zu Österreich-Ungarn stehen 
würdet) 

Man wird danach wohl schwerlich, wie es der bayerische Stimmungs- 
bericht darstellt, von einer Blankovollmacht sprechen können. Wir 
haben Österreidi-Ungam zu seinem Vorgehen gegen Serbien weder 
zugeredet noch angestachelt, uns vielmehr lediglich darauf beschränkt, 
ihm davon nicht abzuraten. Unsere Haltung erschien mit Rücksicht 
auf unsere Bündnispflicht und die weltpolitische Lage c^eboten, und 
ich bin der Überzeugung, dass die grosse Mehrzahl der heutigen 
Kritiker dieser Politik damals nach gewissenhafter Prüfun?^ aller in 
Frage kommenden Verhältnisse ebenso gehandelt haben wurde wie die 
Reichsleitung. 

Der Inhalt des Ultimatums an Serbien stand meines Wissens zu 
jener Zeit noch nicht fest, jedenfalls war er uns unbekannt. Dass 

^) Vgl. Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch Nr. 13. 
<) Vgl. Ebenda Nr. 14. 

^) Vgl. Ebenda Nr. 15. 
4 Vgl. £benda Nr. 15. 



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68 



die in dem Bericht der bayerischen Gesandtschalt wicdergegebeien 
Forderungen von mir dem Herrn Berichterstatter mitgeteilt worden 
sind, bezweifle ich daher. Übrigens haben wir es, soweit mir erinner- 
lich, ausdfüddidi abgelehnt, 2u einer Formulierung der Forderungen 
an Serbien Stellung zu ndunen. Wie die Akten des Auswärtigen 
Amtes ergeben dürften, ist uns das von uns allseitig (w zu scharf 
gdialtene österreichisch-ungarisdie Ultimatum an Serbien erst so spät 
von Wien mitgeteilt worden, dass uns eine Möglichkeit, auf seine 
Milderung hinzuwirken, nicht mehr gegeben war. 

Wie sehr wir uns in der Folge bemüht haben, den Konflikt 
zwischen unserem Bundesgenossen und Serbien zu lokalisieren, 
ist allgemein bekannt. Unsere Bemühungen wären wohl auch erfolg- 
reich gewesen, wenn England seinen grossen Einfluss auf Petersburg 
ebenso enerjrisch geltend gemacht hätte, wie wir den unseren in Wien, 
Schliesslich hat dann die russische Gescuntmobilmachung, die von 
zum Kriege drängenden Gewaltpolitiken! in Petersburg überstürzt 
wurde, unsere Bemühungen zum Scheitern gebracht. 

Deutscherseits muss hiemach die Verantwortung für die Ent* 
widdung des Qsterreichisch>serbischen Konflikts zum Weltkrieg 
abgeldmt werden. Die Veröffentlidumg einseitiger Darstellungen 
ist nicht als geeignetes Mittel zur Aufklärung der Schuldfrage anzu- 
sehen. Ganz besonders gilt dies fiir die subjektiv gefärbten Stellen 
des bayerischen Berichts, dessen Verfasser doch nicht in die Vor- 
gänge intim genug einc^eweiht war, um ein objektiv zuverlässiges 
Bild der Dinge zu geben. Die historische Wahrheit wird erst dann 
festgelegt werden können, wenn einem StaatsgenchLshol oder noch 
besser einem internationalen Gerichtshof das einschlägige Material 
sämtlicher krieg iuhi enden Mächte gewissenhaft unterbreitet wud. 
Die Untersuchung der Scfauldfrage durch einen solchen unparteiischen 
Gerichtshof würde zweifellos allen jetzt unter schweren Verdächti- 
gungen leidenden deutschen Staatsmännern nur erwünscht sein. 



Nr 6 

Die erschwerende Wirkung der EnthfiUungien. 
Halbamtliche Mitteilung * 

Deutsche Allgemeine Zdtung ' Berlin, 28. November 19 18 

Nr. 605 

Die Ausschlachtung der bayerischen [Enthüllungen Uber den 

Urspnmf^ des Krieges durch die Fntentepresse hat begonnen. Schon 
machen sich englische Blätter daran, die Schuldfrage für gelöst zu 



^) Vgl. Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch Nr. 149. 



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50 

erklären und in diesem Sinne mit Rücksicht auf die kommenden 
Friedensverhandlung^en propagandistisch auf die öffentliche Meinung 
gegen Deutschland einzuwirken. So bemerkt die „Westminster 
Gazette* • : 

„Es ist eine erstaunlich g-enaue Aufdeckung der Schuldfrage. 
L^rchenfeld zeigt uns eine kleine Clique in Berlin und Wien, 
die entschlossen war, der Welt den Krieg zu bringen. Niemals 
in der pesdüchte wurde ein Verbredieii loütblittiger und mit 
mehr Überlegung vorbereitet Neben dieser kleinen Gruppe 
von Verschwörern in Beiiin und Wien erscheint Napoleon In 
seinen schlimmsten Augenblicken als ein unschuldiger Mann. 
Es ist wahr, sie hatten einen anderen Kri^ geplant, und der 
Kaiser konnte die Hand aufs Herz legen und erklären, er 
wünsche diesen Kriej^ nicht. Der Krieg, mit dem er rechnete, 
sollte Frankreich durch einen schnellen Schlag zu Boden werfen 
und Russland durch eine rasche Bewegung erledigc^n, während 
Deutschland Europa die Bedingungen diktieren wurde. Einen 
teuflischeren Plan hat es nie gegeben, niemals einen Plan, 
der auf so viel Fehlberechnungen gegründet war und der so 
vollständig scheiterte. Jetzt ist es Sache der Welt, die Urheber 
des Verbrechens der Gerechtigkeit zu überantworten." 
Wenn aber die „Westminster Gazette'* nur »»eine kleine Gique" 
zu den Urhebern des Verbrechens zu stempeln versieht, verallgemeinert 
der „Daüy Telegraph" die Schuldfrage und — das mögen die Ver- 
anlasser dieser Enthüllungen besonders beachten — will das ganze 
deutsche Volk verantwortlich gemacht wissen. Dieses extrem deutsch- 
feindliche Blatt erklärt: 

,,Von allen Seiten kommt die Bestätigung einer Uberzeugung, 
die schon längst von den Alliierten gehegt wurde. Wenn wir 
fragen, warum die deutschen Stämme soviel Wert darauf legen, 
ihre schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen, so 
ist die Antwort wahrscheinlich,' dass sie wünschen, ein für 
allemal das preussische Übergewicht zu beseitigen. Vielleicht 
werden schliesslich zwei Republiken entstdien, eine mit Frank- 
furt als Hauptstadt, die andere mit Berlin. Wir können nur 
hoffen, dass in Deutschland irgend eine dauerhafte Regierung 
entstehen wird, mit der in Friedensverhandlungen zu treten 
für die Ententemächte möglich ist. Aber wir können keinen 
Unterschied zwischen den verschiedenen Teilen des früheren 
Deutschen Reiches machen oder einige Staaten von der Ver- 
antwortung für den Krieg entlasten. Bayern ist genau so wie 
jeder andere Staat hineinverwickelt, und die Enthüllungen 
Lerchenfelds bestätigen nur unsere Ansicht, dass das ganze 
Deutschland sich dafür entschied, die Verantwortung für das 
Vorgehen der kaiserlichen Regierung zu übernehmen, und des- 
wegen muss es dieselbe Verurteilung und dieselbe Strafe 
erwarten.'* 



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60 



Beide Pressestunmen, die sicherlich nicht allein bleiben werden, 
liefern den klaren Beweis, dass durch derartige, aus dem Zusammen- 
hang gerissene Dokumente die an sich schon so schwierige Lage 
Deutsdilands auf dem Friedenskongress ins Ungemessene gesteigert 
wird. Bei jeder Gel^enheit werden die Ententevertreter damit 
hausieren und, um immer extremere Forderungen durchzusetzen, 
darauf verweisen. Ist es <les Schadens denn noch nicht genügt 



Nr. 7 

Pressenotiz des Auswärtigen Amtes 

BerUn, 26. November 191 8 

Das Auswärtige Amt hat gegen die Veröffentlichung der MUn- 
chener Regierung sofort protestiert. Sie muss nach Ansicht des 

Auswärtigen Amtes gerade jetct wie ein schwerer Schlag für unsere 
politische Arbeit wirken. Unsem Feinden und Verhandlungsgegnera 
ist sie eine Waffe in der Hand, die diese zu benützen wissen werden. 
Die Veröffentlichung steht im Zusammenhang damit, dass der Ver- 
treter Bayerns in Bern, Professor Förster, -einer Regienjng auf Ver- 
anlassung eines Mittelsmannes von Clemcnccau angeraten hat, Mit- 
teilungen über die Vorgeschichte des Krieges zu veröffentlichen, 
weil ein Bekenntnis Deutschlands zur Schuld am Kriege dazu dienen 
würde, den Frieden schneller Jiei beizufuhren. Nach unserer Aul- 
fassung unterliegt es keinem Zweifel, dass es Herrn Cldmeoceau nur 
darauf angekommen ist, uns vor aller Welt durch unser eigenes 
Zeugnis ins Unrecht zu setzen. In den schrecklichen Irrtum, dass 
Q^enoeau ein Mann wäre, der sich zur Milde stimmen liesse, wenn 
nur die Schuld am Kriege von Deutschland auf sich genommen 
würde, können nur Leute verfallen, die sich von dem Charakter des 
französischen Ministerpräsidenten ein falsches Bild machen. ') Die 
Akten des Auswärtigen Amtes werden auf Anordnung des Staats- 
sekretärs Dr. Solf vom Unterstaatssekretär Dr. David hinsichtlich 
der dem Kriegsausbruch vorangegangenen diplomatischen Aktionen 
geprüft und das Ergebnis veröffentlicht werden. -) 



1) Vgl, zu Nr 6 — II auch Abschnitt TTT 8, 9, 11, 12, 20, 23 
^} Bald darnach wurde Karl Kautsky von den Volksbeauftragten 
nut der Bearbeitung betraut. 



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n 

Nr. 8 

Professor Foerster gegen das Auswärtige Amt 

Pressemitteilung 28. November 191 8 

Das Berliner Auswärtige Amt beiiauptet, ich hätte auf Veran- 
lassung eines Vertrauensmannes von Cl^menceau angeraten, Mittei- 
lungen zur Vorgeschichte des Krieges zu veröffentlichen. Dazu - 
bemerke ich: 

Gewiss habe ich angeraten, das deutsche Volk iiber die wahre 
Vorgeschichte des Kriegen aufzuklaren. Dieser Rat aber entstammte 
keiner vom Ausland kcnnmenden Anregung. VIdmehr habe ich 
stets die Auffassung vertreten, dass die jahrelange Irreleitung des 
deutschen Volkes durch das Berliner Auswärtige Amt die Hauptschuld 
an der Kriegsverlängerung trage und dass die moralische Aussöh- 
nung Deutschlanc!^ mit dem Auslande erst dann möglich sei, wenn 
das deutsche Volk endlich wahrheitsgemäss erfahre, wie dieser 
Kri^ entstanden und gefuhrt worden ist. Um eine solche Auffas- 
sung zu vertreten, braucht man keine Anregung von Clemenceau, 
sondern nur ein wenig alte deutsche Wahrheitsliebe. Gewiss halte 
ich Aussprachen mit Entente- Vertretern, einen Rat in bezug auf 
deutsche Fragen aber habe ich dabei weder erbeten noch empfangen. 
Wohl aber zeigten mir jene Aussprachen, dass man drüben an 
eme wirkliche Erneuerung Deutschlands noch nicht glauben will: 
das* deutsche Volk, so sagt man, habe sich nur institutionell, aber 
noch nicht moraUscb gewandelt. Es ist darum zweifellos, dass 
das deutsche Volk allein durch die volle Erkenntnis dessen, was 
geschehen ist, die richtige innere Stellung zu der erschütternden 
Erfahrung der jetzigen Stunde finden kann. Wenn nun das Berliner 
Auswärtige Amt meint, dass solche Aufklärung im gegenwärtigen 
Augenblick unterbleiben sollte, so zeigt das leider, dass die dort 
massgebenden Männer noch immer nicht den unseligen Irrtum ab- 
getan haben, als müsse man um der Feinde \\ illcn dem deutschen 
Volke die Walirheit vorenthalten, als ob das Ausland nicht längst 
über alle jene Dinge genau informiert wäre, und als ob nicht gerade 
das freie Bekenntnis der Schuld dem Ausland allein die Burgschaft 
gebe, dass wir uns ehrlich von dem bösen Geiste lossagen wollen, 
der uns in diesen Krieg getrieben hat. 

Professor F. W. Foerster 



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Nr. 9 

Franztel8ches Dementi 

(Nach Münchener Zeitung 329 vom 30. November 191 8] 

Eine Note der ,,Agence Havas" besaget: 

Wir sind in der L^e, beliaupten zu können, dass diese Infor- 
mation völlig^ aus der Luft gegriffen ist. ^) Zu keiner Zeit und in 
keiner Form hatte Clömenceau jemals Beziehungen zu den offiziellen 
Agenten oder Sekretären Nord- oder Süddeutschlands. Kdner von 
ihnen konnte von der französischen Regierung inspiriert werden. 
Wie dem auch sei, zeigen die Funksprüche aus Nauen, dass die 
Berliner Regierung allen Liigen der alten Regierung Rechnung trägt. 

Nr. 10 

Auf Anr^^ng Cltoenceatts? 

Deutsche Allgemeine Zeitung 30. November 191 8 

Nr. 609 

Zu den Erörterungen über die Münchener Aktenver- 
öffentlichung erfahren wir, dass der hiesige Gesandte der baye- 
rischen Regierung, Dr. Mückle, als er von amdicher Seite wegen 
dieser Publikation zur Rede gestdlt wurde, sich dahin geäussert habe, 
dass die Veröfientlidiung auf eine Anregung Cl^menceaus 
erfolgt sei, der bei dem bayerischen Gesandten in Bern die Bekannt- 
gabe von Deutschland belastendem Material als friedenfördernd 
angeregt habe. 

Nr. II 

Professor Foersters Entgegnung 

Münchener Neueste Nachrichten i. Dezember 191 8 

Nr. 607 

Sie bringen in Ihrer Nr. 606 die Behauptung des bayerischen 
Ge?;andten in Berlin, dass die bekannten Enthülhingen aus den baye- 
rischen Akten auf Anregung Cl<^menceaus erfolgt seien, der bei mir 
die Bekanntgabe von Deutschland belastendem Matciial als friedens- 



1) Nämlich, dass die bayerische Aktenpublikation auf Anxeguiig 
Cl^mencaus erfolgt sei. 



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fördernd angeregt habe. Ich wiederhole, dass es sichj,hier um eine 
Legende handelt» an der keb wahres Wort ist. Ette bdutuptete 
Anregung ist mir weder von Clteenoeau noch von irgend dnen 
seiner Vertrauensmänner zugekommen. Ich habe nur ganz allgemein 
den Rat gegeben, nunmehr die ganze Literatur her^izulassen, die 
sich mit den Krieg^ursachen beschäftigt, weil meiner Überzeugung 
nach das vier Jahre unter Zensur gehaltene deutsche Volk ohne eine 
solche Aufklärung zu keiner moralischen V erständic^ung mit der Um- 
welt kommen kann. Ich darf wohl darauf rechnen, dass die ge- 
samte Presse, die jene Legende gebracht hat, ihren Lesern auch von 
diesem wiederholten Dementi Kenntnis gibt. 



Nr. 12 

Amtliche Mitteilung des bayerischen Ministeriums des 

Äussern 

Münchener Neueste Nachrichten. 2. Dezember 191 8 

Nr. 608 

Die Deutsche xVügemeine Zeitung meldet, die Verö0entlichung 
der bayerischen Gesandtschaftsberichte sei zurüdczofiihren auf dne 
Anregung C16nenceaus; C16nenceau habe das natürlich in Abrede 
gestellt Hierzu schreibt uns unser bayerischer Gesandter in Berlin, 
dass er sich über die Ursache der Veröffentlichung dahin geäussert 
habe, die bayerische Regierung wolle auf diese Weise einen Druck 
auf die Vertreter des alten Systems ausüben, dass sie ihren Posten 
endlich verlassen. Die bayerische Regierung habe aber auch die 
Überzeugung, dass eine solche VeröfTcntlichung das Vertrauen der 
Entente zur deutschen Regierung und zum deutschen Volk stärken 
müsse. 

Nr. 13 

■ 

Erwiderung von Dr. Mückle 

In der „Freiheit" vom 3. Dezember 191 8 erklärt Dr, Mückle; 

Die Deutsche Allgemeine Zeitung weiss zu berichten, ich hätte 
micfa dahin geäussert, dass die Veröfientiichung der auf den Kriegs- 
Ursprung sich beziehenden Akten durch die bayerische Regierung auf 
eine Anregung Cl^enceaus erfolgt sei. Diese Darstellung ist falsch. 
Jedem Ausfrager, dem ich Aufschluss gab, habe ich folgendes unter- 
breitet: Der provisorische bayerische Gesandte in Bern, Professor 
Feerster, welcher Beziehungen unterhält zu Männern, weiche mit den, 



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64 



Anschauungen Cl^menceaus verttaut sind, hat versichert, dass die 
Veröifentltdbung von Akten, welche erwiesen, wie sehr die deutadie 
Regierung 1914 zum Kriege drängte, besänftigend auf Cl^menceau 
wirken müssen und dass damit die Sache des Friedens nur gefördert 
werden könne. Im übrigen stehe auch ich gleich Professor Foerster 
auf dem Standpunkt, dass es dem deutschen Volke, welches in ein 
Netz von I.ügen eingesponnen worden war, sicher nicht schaden 
könne, wenn es endlich dieses Netz erbarmungslos zerreisst und der 
Wahrheit die Ehre gibt 



Nr. 14 

Erklärang Professor Foersters 

Freiheit Nr. 39 6. Dezember 1918 

Der bayerische Gesandte in der Schweiz, Professor Foerster, 
telegraphiert uns aus München; 

Der Herr Gesandte Dr. Mückle hat Ihnen mitgeteUt, ich hätte 
versichert, dass die Veröffentlichung von Akten zur Vorgeschicfate 
des Krieges besänftigend auf Cl^menceau wirken werde. Auch 
diese Formulierung geht auf ein Missverstandnis zurück. In meinen 
Berichten aus der Schweiz habe ich mich mit irgend einer Einwir- 
kung auf die Person Clemenceaus in keiner Weise beschäftigt, sondern 
nur von dem allgemeinen Unglauben an den Durchbruch eines neuen 
Geistes in Deutschland gesprochen. Dieser Unglaube werde wohl erst 
daim verschwinden, wenn das deutsche Volk gründUch über die wahre 
Vorgeschichte des Krieges unterrichtet werde. Dem vier Jahre syste- 
matisch irregeführten deutschen Violke müsse Aufklärung werden, in 
wie grossem Umfang die Anklagen der Gegner berechtigt seien. 



Nr. 15 

Die deutsche Reichsre^erung an die Regieningen der 

Entente 

<)flrent]iche Kundgebung Berlin, 29. November 191 8 

Für die Herbeiführung des Weltfriedens, für die Schaffung 

<iauernder Sicherheiten gegen künftige Kriege und für die Wieder- 
herstellung des Vertrauens der Völker untereinander erscheint es 
dringend geboten, die Vorgänge, die zum Kriege geführt haben, 
bei allen kriegführenden Staaten und in Einzelheiten aufzuklären. 
Ein vollständiges, wahrheitsgetreues Büd der Weltlage und der Ver- 



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65 



handlungen zwischen den Mächten im Juli 19 14 und der Schritte, 
welche die einzelnen Regierungen in dieser Zeit übernommen haben, 

könnte und würde viel dazu beitragen, die Mauern des Hasses und 
der Mi'^sdeutung niederzureissen, die während des langen Krieges 
zwischen den Völkern errichtet worden sind. Eine gerechte Würdi- 
gung der Hergänge bei Freund und Feind ist die Vorbedingung für 
die künftige Versöhnung der Völker, ist die einzig mögliche Grund- 
lage für einea dauernden Frieden und iur den Bund der Völker. 

Die deutsche Regierung schlägt daher vor, dass eine neutrale 
Kommission zur i'i uiung der Frage der Schuld am Kriege eingesetzt 
-werde, die aus Männern bestehen soll, deren Charakter und poUtische 
Erfahrung einen gerechten Urteilsspruch gewährleisten. Die R^iie- 
Clingen sämtlicher kriegführenden Mächte mUssten sich berdt »klären, 
einer solchen Kommission ihr gesamtes Urkundenmaterial zur Ver- 
Aigung zu stellen. Die Kommission soll befugt sein, alle jene Per- 
sönlichkeiten zu vernehmen, die zur Zeit des Kriegsausbruches die 
Geschicke der einzelnen Länder bestimmt haben, sowie alle 21eugen, 
«deren Aussagen ftir die Beweiserhebung von Bedeutung sein können.^) 

^) Die Vorarbeiten fttr eine deutsche Gesamtpublikation (Deutsche 
Dokumente zum Kriegsausbruch) wurden im Auftrage der Reichsregie- 
rung im November 19 18 von Karl Kautsky aufgenommen. Deutsche 
Dokumente, Vorwort. 



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66 



V 

Auseinandersetzung mit Berlin und Widerstände 

im Lande ^) 

Nr. I 

Reichskonfmnzim KongreBsaal des Reichskanzlerpalais 
atn Monti^t 25. November 1918 

Auszug nach dem gedruckten Verhandlungsprotokoll ^) 

Die deutscht: Stctatcnkonferenz, bei der Vertreter sämt- 
licher deutscher Länder anwesend sind, berät unter dem 
Vorsitz des Volksbeauftragten Ebert über die Lage des 
Reiches, über Wege zum Frieden und Wiederau! bau. 

Über die auswärtige Politik erstattet Bericht der Staats- 
sekrr^tär Dr. Solf, über die Waffenstillstandsverhandlungen 
der Vorsitzende der Waffenstillstandskommission, Staats- 
sekretär Erzberger. 

Ersterer legt unter anderem auch dar, dass die franzö- 
sische Regierung den Entqntesieg bis zur Zertrümmerung 
Deutschlands und seiner Einheit auszunützen gedenke, und 
dass die französische Diplomatie innerhalb der Entente an- 
scheinend (He Führung habe. Frankreich wolle trotz der 
Einheitlichkeit des deutschen Nationalkörpers eine Rand- 
staatenpolitik betreiben. Er sagt dann: 

Die gegenwärtigen Zustände in Deutschland, dauernde Übergriffe 
mehr oder weniger lokaler Behörden in die Befugnisse der Zentralgewalt, 
sowie das Fehlen einer gesetzlichen Grundlage für diese, das jeder- 
zeit im Innern einem separatistischen Vorgehen einzelner Bundes* 
Staaten als Vorbild dienen könne, erleichterten den Gegnern ihr 



Die Originale der im folgenden Abschnitt mitgeteilten Akten- 
stucke sind, wo nicht anders vermerkt, im Ministerium des Äussern. 
^ Im Ministerium des Äassem. 



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Ö7 

Spiel. Er zweifle nicht, dass der Rat der Volksbeauftragten 
die verderbliche Wirkung der Kontrollansprüche über die Zentral- 
regierung in ihrer ganzen Tragweite überschaue. Beschlüsse wie die 
des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrates, der die l^eziehunc^en 
zur Sowjetregierung gegen die Politik der Reichsregierung allein und 
selbständig recj^eln wolle, die Veröffentlichung einseitiger Darstellunf^en 
aus den Akten der Reichs- und Staatsbehörden, die Verhaftung eines 
vom Auswärtigen Amte nach Wien geschickten Kuriers, das Er- 
brechen von Siegeln der iveichsregierung seien uuerUaglicii. \\ erde 
dieser Zersetzung nicht sofort nachdrücklichst und mit durchschlagen* 
dem Erfolge entgegengetreten, so stehe zu befiirchten, dass die 
separatistischen Tendenzen in Deutschland bald die Zentralgewalt 
derart überwucherten, dass die französische Politik zur DurchnSirung 
ihrer Absichten weder besonderer Geschicklichkeit noch besonderer 
Anstrengungen bedürfte. Auf die Weise grüben wir uns selbst 
das Grab. Audi der beste Wille des Präsidenten Wilson, auf 
den wir wolil noch bauen rUirften, und selbst die besonnenen 
Elemente in England müssten dann schliesslich erlahmen. Damit 
schwände aber jede Aussicht auf den Frieden, vielmelir drohe 
dem Reiche völliger Untergang und der deutschen Nation die Ver- 
nichtung. 

Der Staatssekretär, der in der Entwicklung der innerpoliti- 
schen Verhältnisse ein „unüberwindliches Friedenshindemis" 
erblickt, richtet einen Appell an die versammelten Staaten- 
vertreter, die Zentralgewalt des Reiches zur selbständigen 
Leitung der Reichsgeschäfte und insbesondere zur alleinigen 
Führung der auswärtigen Politik in den Stand zu setzen 
und einen möglichst frühen l'erniin für die konstituierende 
Nationalversammlung anzukündigen. 

Die Verhandlunsfsniederschrift verzeichnet folo^ende Ein- 
Wendungen des bayerischen Ministerpräsidenten gegen diese 
Darlegungen und gegen die Ausführungen Erzbergers über 
den Waffenstillstand: 

Eisner (Bayern) findet, das, was die Referate gebracht hätteo, 
konnte auch vor zwei oder drei Monaten gesagt werden. Die Bericht- 
erstatter hätten der Meinung Ausdruck gegeben, dass wir auf Gnade 
und Ungnade den imperialistisch erhitzten Mächten ausgeliefert seien, 
so dass selbst der Präsident Wilson nicht mehr imstande sei, mildernd 
und besänftigend zu wirken. Und die Schilderung Herrn Frzber^ers 
habe nur den lundruck bestätigt, dass Marschali Focli uiiLyetahr 
ebenso verhandelt habe wie 1870 Bismarck. Herr Erzl)erg;er gab 
der Meinung Ausdruck, die Entente schicke sich an, einen Vorwand 
zu suchen, um einen neuen Krieg zu entfesseln, während er zwischen- 
durch die Bemerkung habe einfliessen lassen, dass Clemenceau, nach 

5* 



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68 

Meinung der Herron Solf und Erzberger zweifellos der grösste Chau- 
vinist, sogar bereit sei, Deutschland mit Lebensmitteln zu unterstützen. 
Das sei die unerhörte Grausamkeit der Kntente ! Man brauche sich 
doch nur an die Bismarcksche Politik von 1 870 zu erinnern, an die 
Ausliungerun^ von Paris und aü die übrigen brutaien Methoden der 
deutschen Kriegführung, der Deportation und der Aushungerung, um 
in Erstaunen zu geraten über die Grossmut der feindUchen Mächte, 
die uns, die am Weltkriege allein Schuldigen, mit Lebensmittdn za 
versorgen bereit sind. 

Es liege ihm fem, die Probleme, die uns gegenwärtig beschäf- 
tigten, in ihrer ganzen Tiefe und Furchtbarkeit zu erörtern. Aber 
wenn man zu einem Frieden der Verständigung, nicht der Unter- 
werfung kommen wolle, dann sei es notwendii^, nicht Männern die 
Leitung der Geschäfte in Deutschland zu übertragen, die wahrend 
der viereinhalb Kriegsjahre kompromittiert seien durch die ]<cp:ie- 
rungspolitik, die uns in den Abgrund gestürzt habe. Das gelte ins- 
besondere von der Entsciidung des Herrn Erzberger als Bevollmäch- 
tigter zu den Waffenstillstandsverhandlungen. Hier müsse jetzt rück- 
haltlos die Wahrheit gesagt vtrerden. Herr Erzberger habe jene Ver- 
giftung der öffentlichen Meinung organisiert, die uns in der ganzen 
Welt isoliert und so verhasst gemaicht habe. Und Herr Solf, ein 
Diplomat, halte es in der gegenwärtigen Situation für angebracht, 
nur mit Herrn Wilson zu verhandeln und somit gewissermassen die 
Leiter der übrigen feindlichen Mächte für minderwertig zu erklären. 
Derartiges sei j^eeig^net, die letzten Aussichten auf einen einigermassen 
günstif^en i^ riedcii hinf ällig zu machen. Wenn die Herren Solf und 
Erzberger die Absicht hätten, die Schuldigen des alten Systems 
dadurch zu retten, dass sie den Zorn und die Wut des Volkes auf 
jene erbarmunglosen Feinde ablenkten, die uns mit Lebensmitteln 
versorgen wollten, dann könnten sie nicht anders handeln. Das sei 
nicht Revolution, sondern Gegenrevolution. Zwar sei er nicht über 
die Stimmung in der Ententepresse unterrichtet, da er seit vienefan 
Tagen grundsätzlich keine Zdtungen lese; dafür habe er aber direkte 
Berichte von zuverlässigen Mitarbeitern.^) 

Die Entente verlange einmal mit einer Regierung zu vwiHoMn, 
die kein Ausdruck des alten Systems sei. Diese Fofdemni^ wd 
durchaus berechtigt. Man müsse wünschen, dass alle kompromittierten 
Vertreter des alten Systems so schnell als möglich den Weg nach 
Holland finden, soweit sie nicht als Landesverräter zu verhaften seien. * 
Es sei unbegreiflich, dass Leute wie Zimmermann und Jagow noch 
frei herumiiei'en. Man brauche neue, unbelastete Männer, die nach 
seiner Überzeugung von der Entente das erreichen würden, was den 
alten nicht gelungen sei. 



^) Vgl. für das Folgende Foersters und Hsrüm IflMite aus der 
Schweis; Abschnitt III, Nr. 4, 6, S, 9, 11, is, tj. 



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69 



Die zweite Forderung der Entente gehe dahin, dass Männer an der 
Spitze Deutschlands stehen, die das Vertrauen der Massen geniessen. 
Dieses Vertrauen könnten nur unbelastete Männer finden. So seien 
die Bedingungen der Entente nicht nur die Vorbedingungen eines 
günstigen Friedens, sondern. auch der inneren Erneuerung Deutsch- 
lands. Die Gesandtscfaaibberichte stellten noch Rückstände aus der 
bestellten Arbeit der früheren Machthaber vor. Not tue jetzt eine 
Reichsregierung, die wisse, was sie wolle, und die entschlossen sei, 
demokratische und sozialistische Politik ungehemmt zu treiben. Von 
diesem Gesichtspunkt aus mache er folgenden Vorschlag: 

Deutschland brauche ein provisorisches Präsidium, das an die 
Stelle des halb aufgelösten Bundesrats zu treten habe und aus neuen, 
unbelasteten Männern bestehen müsse. Dieses Präsidium müsste die 
Aufgabe haben, alle Verhandlungen mit der L^ntente zu führen. Nur 
auf diese Weise würden die separatistischen Strömungen verhindert, 
die sich jetzt stärker als je durchzusetzen versuchten. Nichts sei 
heute volkstümlicher als der Ruf: Los von Berlin ! Los von Preussen ! 
Er selbst stemme sich gegen diese Bestrebungen^ aber diese Los- 
lösungsbestrebungen seien nicht nur in den süddeutschen Staaten 
vorhanden, sondern auch in den westlichen Gebieten Preussens. Einer 
solchen verhäi^^nisvoUen Politik könne nur darch. eine revolutionär 
bestimmte, in Zielen und Personen unverdächtige Körperschaft ent- 
gegengetreten werden, die die Verhandlungen mit» dem P einde zu 
föhren hat. Nur so könne man zu einer Verständigung mit der Entente 
und zu ihrem Beistande gelangen, ohne den Deutschland untergehen 
müsse. Man solle deshalb reinen Tisch zu Hause machen, dann 
könne man zu emer neuen Zeit der Versöhnung der Völker gelangen 
und zu einem Frieden, wie wir ihn brauchen. 

Diese Ausführungen finden bei verschiedenen Vertre» 
tem in einzelnen Punkten Zustimmung, stossen aber bei 
anderen auf lebhaften Widerspruch. Er richtet sich 

auch gegen die bayerische Aktenveröffentliciiung, von der 
Scheidemann sagt, sie liabe für Deutschland i^ewirkt wie 
ein Keiilenschlag. Gegen die bisherige Führung der aus- 
wärtigen Politik dur^h Solf wenden sich mit Eisner auch 
die Beigeordneten im Auswärtigen Amte, Karl Kautsky und 
Bernstein. 

Die bayerischen. Vorschläge, ein besonderes Reichs- 
regiment ftir die Führung der auswärtigen Politik einzusetzen, 

finden keinen Anklang. Die grosse Mehrheit hält den Rat der 
Volksbeauftragten als oberste Reichsleitung für geeio^net und 
llir fähig, die Verhandlungen über den Vorfrieden einzuleiten. 
Im übrigen will sie die baldige Wahl einer konstituierenden 



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70 



Nationalversammlung, um dem Reiche eine neue Verfassung 
und eine voll verhandlungsfähige Regierung zu geben 

Der bayerische Ministerpräsident greift wiederholt in 
die Erörterung ein. Separatismus und Partikularismus 
überwinde man am besten durch Selbstbestimmung der 
Gliedstaaten. Er regt die Bildung einer provisorischen 
deutschen Nationalversammlung nach dem Muster der baye- 
rischen an, die auf die Arbeiter-, Soldaten- und Bauemräte 
gegründet sei, und verlangt, dass das Auswärtige Amt von 
völlig unbelasteten Personen, von radikalen Sozialisten, ver- 
waltet werde, da man dann leichter zum Frieden komme. 
Die Reichsregierung will er einer gründlichen Umgestaltimg 
unterziehen Er wiederholt seinen Vorschlag, eine Art 
provisorisches Reichspräsidium aus iünf bis sieben Personen 
zu schaffen, die sowohl Vertreter der Reichsregierung wie 
der Bundesstaaten sein könnten. Diese Körperschaft solle 
dann die Verhandlungen mit den Verbandsmächten führen. 

„Es sei ihm mitgeteilt worden, dass die Vertreter der Entente 
erklärt hätten, jedes sozialistische Regime, audi das radikalste, sei 
ihnen recht, nur müsse es eine Regierung sein, die regierungsfähig 
sei und die Massen hinter sich habe. Seines Wissens seien die 
Waffenstillstandsbedingungen schon in dem Augenblicke gemildert 
worden, als im Auslande bekannt geworden sei, dass es in Deutsch- 
land revolutionär gäre Die späteren chauvinistischen Strömungen 
rührten erst seit den unglücklichen Noten de^ Auswärtigen Amtes 
und des Gcneralfeldmarschalls Hindenburg her. Herr von Hinden- 
burg möge ja ein ausgezeichneter Feldhcn" sein, aber er solle doch 
wirklich endlich aufhören, zu telegraphieren und Kundgebungen zu 
erlassen. Er bitte die jetzige Reiclisregicruiig, in dem Sinne der 
Note zu wirken, die er gestern amtlich in Bayern habe verbreiten 
lassen. . 

^) Sie lautete: 

München, 23. November 1918 

Der bisherige Generalfeldmaischall Hindenburg erlässt in letzter 
Zeit wiederholt Kundgebungen, die geeignet sind, aufs empfindtichste 

die bevorstehenden Friedensverhandlungen zu stören. 

Der Ministerpräsident des Volksstaates Bayern nimmt Anlass, 
gegen diese ebenso unglückliche wie nnTiulfissif^e Einmischung des 
bisherigen Generalfeldmarsclialls in die Folitik entschieden Protest ein- 
zulegen. Es ist nicht mehr an der Zeit, den im deutschen Volke an- 
gesammelten Zorn auf das feindliche Ausland ablenken zu wollen. 

Der Ministerpräsident Kurt Eisner 



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71 



Es gebe nur swei Wege : Entweder gehe Deutschland in kürzester 
Xdt zugrunde» denn wie es mit unseren Rohstoffen und Lebensmitteln 
steht, sei bekannt, oder man versuche offen und ehrlich in voller 
Aufrichtigkeit und Wahrheit ohne die schädlichen Mittel der alten 
Diplomatie einen Frieden zu schaffen, der die erste Aktion des 
Völkerbundes sei. Der neue Friede werde den Völkerbund nicht 
schnffen, sondern der Völkerbund solle bereits der neue Friede sein. 
Wer aus dem Süden nach Berlin komme, der erschrecke beinahe 
über den Geist, der hier lierrsche. Man sehr eine neue Welt 
erstehen und hier finde man eine Ratlosigkeit und einen allgemeinen 
Katzenjammer in der Bevölkerung* 

Zum Schlüsse anerkennt die Staatenkonferenz als Richt- 
punkte für die Führung der Reichsgeschäfte: Aufrechter- 
haltung der Einheit Deutschlands in der deutschen Republik 
und die Bekämpfung separatistischer Bestrebungen ; Vorbe- 
reitung der Nationalversammlung, bis zu deren Zusammen- 
tritt die Räte als Repräsentanten des Volkswillens gelten und 
die schleunige Herbeiführung eines Vorfriedens durch die 
bestehende Reichsleiluncr der Volksbeauftraorten. 

Über die Vorschläge des bayerischen Ministerpräsidenten 
wird nicht weiter verhandelt. 



Nr. 2 

Der bayerische Bevollmächtigte beim Reich an den 
Rat der Voiksbeauftragten (Reichsregierung) 

Berlin, 27. November 1918 

Es hat sich gezeig^t, dass die fuhrenden Persönlichkeiten des 
Auswärtigen Amtes immer noch vom Geiste des alten Systems 
beherrscht sind und so, getreu den Methoden dieses Systems, im 
höchsten Masse die Interessen Deutschlands schädigen. Unsere Lage 
ist augenblicklich so, dass wir, versagt uns die Entente ihre Beihilfe, 
in kürzester Zeit in den Abgrund einer lUrditerlichen Hungersnot 
versinken. So ist es dringend geboten, dass die Entente mit Männern 
verhandelt, die nicht mit den Makeln des alten Systems behaftet 
sind, und denen sie volles Vertrauen entgegenbringen kann. Dass 
die Entente nicht an eine Vernichtung des deutschen Volkes denkt, 
zeigt die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten bereit sind, uns 
mit Nahrungsmitteln zu versehen. Um so reichlicher wird aber 
sicherlich diese Beihilfe tliessen, je mehr die führenden Männer 
Deutschlands Vertreter eines neuen, vertrauenerweckenden Geistes 



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sind, und auch von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, wird der 
Rücktritt der Vertreter einer Zeit verlangt, über die ein furchtbarer 

Richterspruch schon g-efrillt ist. Sollte diesen Vor stel Inneren 
kein Gehör geschenkt werden, so wird die bayerische 
Regierung die Beziehungen zum Auswärtigen Amt ab- 
brechen. 



Nr. 3 

Der Ministerpräsident an die Oesandtschaft in Berlin 

Telegramm München, den 26. November 191 8, 12*^° nachts. 

Ich bitte, das folgfende in der Wilhelmstrasse bekanntzugeben 
und die Redaktion der „Freiheit*' davon zu informieren: 

Die neuerlichen Versuche, die alten Methoden des Auswärtigen 
Amtes fortzusetzen und das deutsche Volk erneut um die Erkenntnk 
der Wahrhdt zu betrügen, veranlassen das Ministerium des Äussern 
des Volksstaates Bayern, jeden Vericehr mit den gegenwärtigen 
Vertretern des Auswärtigen Amtes abzulehnen. 

Kurt Eisner 



Nr. 4 

Kundgebung des Münchner Arbeiter-, Soldaten- und 
Bauemrats an den Vollzugsausschuss des Arbeiter- und 

Soldatcnrats in Berlin 

Müncheif, 3;. November 1918 

i Der Vollzugsausschuss des Arbeiter , Soldaten- und Bauernrates 
entnimmt aus den Verhandlungen der Konferenz der Vertreter der 
Deutschen Republiken mit Entrüstung die unerhörte Tatsache, dass 
noch immer die kompromittiertesten Vertreter des bisherigen Systems, 
die Herren Krzberger, Solf, David und Scheidemann den ent- 
scheidenden Einfluss besonders in der auswärtigen Politik ausüben. 
Wir verlangen die sofortige Beseitigung dieser konterrevolutionären 
Elemente und fordern den Arbeiter- und Soldatenrat in Berlui auf, 
mit allen Mitteln den Sturz einer Regierung herbeizuiiiliren, die 
weiterhin soldien Personen eine entscheidende Stellung einräumt. 



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78 

Nr. 5 

Die bayerische Gesandtschaft in Bern an das Ministerium 
des Attssern (für Gesandten Foerster) 

Telegramm Bern, den 27. November 1918; 5^ nachm. 

Julius mitteilte, amerikanischer Gesandter leugnet, dass Weiger- 
ung Foch, Milderung in Demobilisierung zu gewähren, Absicht von 
Wiederaufnahme Feindseligkeiten bedeute. Französische Regierung 
denke selbst nicht daran: Amerikaner würden es auch nicht zulassen. 

Bayerische Gesandtschaft 

Berchem 

Nr. 6 

Der bayerische Alinlsterpräsident an den Bevoilmäch- 

ti^ten in Berlin 

München, Ende November -1918 ^) 

Ich erfahre authentisch, dass die Bchaiiptung, Frankreich hat 
die Absicht, die Feindseligkeiten \s ieder aufzunehmen, völlig unwahr 
ist. £s ist dringend notwendig, dass von Berlin aus sofort dem 
Pressetreiben gegen die Entente auf jede Weise ein Ende bereitet 
wird. Das Auswärtige Amt muss unverzüglich von den £)lementcn« 
die diese Pressetreibereien alten Stils organisieren, gereinigt werden, 
wenn überhaupt Aussicht bestehen soll, zum Frieden zu kommen. 
Ich bitte diese Mitteilung, deren grossen Emst ich betone, der Reichs- 
regierung zu übermitteln. 

Nr. 7 

Die Bevollmächtigten der liayerischen ArlMiter-^ Soldaten» 
und Bauemrite in Berlin an den MinisterprSsidenten 

Eisner 

Telegramm Beriin 9, den 30. November 191 8; 4*^ nadim. 

Heute nachmittag 3 Uhr Sitzung der Soldatenräte Grossberlins. 
Unser Soldatenvertreter Haeterle abgibt folgende von Dr. Mückle 

*) Ohne bestinuntes Datum, 



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74 



mit uns gemeinsam verfasste Erklärung, da Veriialtnisse hier sowohl 
Soldatemat wie VoUzugsausschuss durchaus unklar: Ich stehe hier 

als Vertreter der bayerischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauemräte. 
Ich habe folgendes zu erklären : Wird nicht der Vollzugsrat aufrecht 
erhalten als Kontrollo ri^an der Regierung gegenüber, so ist die unge- 
heuere Gefahr der Gegenrevolution vorhanden. Wir Bayern haben 
die Revolution nicht als Kinderspiel vollbracht, es war uns vielmehr 
furchtbarer Ernst. Wir verlangen deshalb, dass im Norden, in Preussen 
kein Mittel unversucht gelassen wird, um die Ergebnisse der Revo- 
lution für alle Zeiten zu sichern. Wir verlangen deshalb neben der Auf- 
rechterhaltung des Vollzugs l ai.^, dass alle Vertreter des alten Systems 
im Auswärtigen Amt sofort entfernt werden, weil die feindlichen 
R^erungen mit diesen vertraueosunwürdigen Leuten keinen Frieden 
scUiessen werden. Wir sind deshalb zu der Forderung gezwungen, 
dass die revolutionären Gruppen Deutschlands sich zu einer festen 
Einheit zusammenfinden, dass der Bruderkampf in dieser tiefernsten 
Stunde aufhört, dass vor allem hier in Berlin sofort eine Klärung 
eintrete. Sollten diese Bedingungen nicht in der allernächsten Zeit 
erfüllt werden, so sieht sich das bayerische Volk gezwungen selbst 
zu handeln und Schritte zur Erreichung des Zieles flir ganz Deutsch- 
land zu unternehmen, da es weiss, dass seine Regierung das Ver- 
trauen des Auslandes besitzt. 

Breitenbach. Jakobi 

Nr. 8 

Die Bevollmlchtisten der bayerischen Arbeiter^ Soldaten- 
und Baaernrftte In Berlin an das Ministerium des Äussern 

Dringendes Tel^[ramm Berlin, den 30. November 1918; 4^^ nachm. 

Hiesige Verhaltnisse erfordern scliieumgsle Konsolidierung Ar- 
beiter-, Soldaten- und Bauemrates Bayerns. Dränget Aktionsausschuss 
zu schleuniger Terminsetzung fiir Zuwahl. 

Breitenbach. Jakobi 
Nr. 9 

Der Gesandte in Berlin an den Ministerprftsidenten 

Telegramm Berlin, den 30. November 19 iS; 4^*^ nachm. 

Habe als einziger gegen rasche Einberufung der Nationalversamm- 
lung protestiert. Suche Unabhängige und Mehrheitssozialistenzu ver* 
söhnen. Cohn billigt meinen Plan. Wilbrandt, der in Berlin, Idint ab, 
zudem Neurastheniker. Erkennt Schweizer Regierung Foerster an? 

Mückle 



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75 

Nr. IO 

Hessen gegen Bayern 

Pressemitteilung Darmstadt, den 30. November 191 8 

Das Stnatsministerium der Republik Hessen protestiert 
gegen den vom bayerischen Ministerpräsidenten und Minist( rium des 
Äussern für Bayern angeordneten Abbruch der Beziehungen 
zum Auswärtigen Amt in Berlin. Es sieht darin eine Gefahr ftir 
die Einheit des Reiches und befürchtet, dass dadurch der Separatismus 
gefordert werden könnte. Es erwartet von dem Gesamtministerium 
Bayerns, dass es seinen Ministerpräsidenten veranlasst, den ver- 
hängnisvollen Schritt rückgängig zu machen, denn das 
nationale Interesse aller Deutschen erfordert dringend, die engste Eitt' 
heitlichl-eit aller deutschen Stämme bei den Friedensverhandlungen 
aufrechtzuerhalten . 



Nr. II 

Aus der Rede des Ministerpräsidenten in der Landestagung 
der Arbeiter-» Soldaten- und Bauernräte, 28. November 1918 

Nach dem Stenographischen Bericht 

Ich kam nach Berlin als Vertreter Bayerns und sah da zu 
meiner grossen Überraschung, dass in Berlin die Konterrevolution 
nicht droht, sondern dass sie ruhig regiert. Die Konterrevolution 

regiert in Berlin ganz gemütlich, als ob gar nichts gesdiehen wäre. 
Als ich das sah, da holte ich aus meiner Aktenmappe jenes Schrift- 
4^ck, durch das nun der letzte Schleier von den Geheimnissen 
dieses Weltkriegs gerissen wird, jenen Bericht des Vertreters des 
Grafen Lerchenfeld, des Herrn von Schön, an den Grafen Hertling, 
in dein nun in aller J5chaglichkeit auseinandergesetzt wird, wie man 
heabsichtioi^te, den Weitkrieg zu entfesseln. Damit wollte ich die 
Konterrevolution, die rentierende Konterrevolution in die Luft sprengen. 
Ich habe dann diese .Arbeit fortgesetzt in der Versammlung der 
Vertreter der deutschen Republiken und ich hatte das Glück, un- 
mittelbar neben Herrn Efzberger und Herrn Solf zu sitzen. Ich 
habe mit aller Höflichkeit, die ich in solchen Fällen zu entwickeln 
pflege, ihnen die Wahrheit gesagt, so sehr die Wahrheit gesagt, 
dass ich erwartete, dass sie verschwinden würden. Als das auch ) 
noch nicht half, habe ich erklärt, dass ich mit Herrn Solf und den 
Seinen überhaupt nicht mehr verhandle. Das ist mir bitter ernst. 
Die Dinge liegen doch so : Der Hass gegen Berlin wächst, nicht 
gegen die Berliner Arbeiter, nicht gegen das Berliner Volk, sondern 



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75 



gegen das Hauptquartier des Weltkriegs. In Berlin ist das Ver- 
brechen ausgekocht worden und deshalb der Hass gegen Berlin, 
und ich« der ich dringend wünsche, dass diese Zersetzung Deutsch* 
lands nicht zu einer endgültigen Auflösung Deutschlands ilihre» 
sondern dass wir beisammen bleiben — ich bin der festen Über- 
zeugung, dass zunädist einmal die Einzelstaaten sich ihrer eigenen 
Haut wdiren müssen, so lange, bis wir wieder zusammen aktions- 
föhig werden. Wir können nicht mit dem alten System weiter- 
arbeiten. Wir wissen, unser Freund Karl Kautsky sitzt im Aus- 
wärtigen Amtf^ aber Herr Solf treibt Politik auf eigene Faust und 
Karl Kautsk)- erfahrt nicht einmal davon, was im Auswärtigen 
Amte geschieht. Ich habe den Eindruck, dass in Berlin unter dem 
Drucke des langen Krieges in dem Erschöpfungszustande der elenden 
Ernährungsverhältnisse beinahe die gesamte Bevölkerung so sehr 
zerrüttet und geschwächt ist, dass dort sich keine Entschlusskraft 
mehr fmdet. Man hat bisweilen den Eindruck, dass in Berlin ge- 
träumt und nicht gehandelt wird und deshalb war es meine Absicht, 
von hier aus, wo wir vielleicht unter dem Einflüsse der Höhenluft 
noch etwas frischer und kräftiger sind, von hier aus auch etwas 
frische Luft nach Berlin zu importieren. Meine Herren I Sie können 
diese Lage als gar nicht ernst genug betrachten. Was im Aus- 
wärtiG^en Amte sitzt, ob es nun alldeutsch ist oder ob es seit mehr 
oder minder kurzer oder langer Zeit für den Verständigungsfrieden 
gewirkt hat, das ist ganz gleich, diese Herren sind Vertreter des 
alten Systems und in ihren Händen ist noch der gesamte Apparat 
der öffentlichen Meinung, der Presse des In- und Auslandes. Der 
funktioniert noch genau so wie walirend des Krieges. 

Überall ^tzen die Agenten, in Bern, im Haag, in Kopenhagen, 
in allen Zeitungen Deutschlands und des neutralen Auslandes und 
versuchen ihre Unentbehrlkfakdt zu beweisen, alles durcheinander- 
zubringen, vor allem um sich selber zu retten. Sie finden jetzt die 
Presse angefüllt von Mitteilungen über die Absichten der Entente. 
Bald marschiert die Entente in Berlin ein, bald in München, bald 
verwüsten schwarze Horden die Pfalz .... Das Spiel, das gegen- 
wärtig im November 1918 getrieben wird, ist nicht minder ruchlos 
als das Spiel, das im Juli und August 19 14 getrieben wurde. Die 
bankerotten Politiker, die die neuen revolutionären Organisationen 
beseitigen wollen, scharen sich um das Banner der Nationalversamm- 
lung und die verbrecherischen Politiker, die den Weltkrieg gemacht 
und fortgesetzt haben und die uns in den Abgrund gestürzt haben> 
die versuchen heute nochmals, den Hass und den Zorn des deut- 
schen Volkes gegen die Entente zu schüren, damit man sie selbst 
und ihre Armsdigkdt vergisst 

Ich habe mir das Missfallen zugezogen dadurch, dass ich neu- 
lieh eine Note gegen Hindenbui^ erlassen habe^); das hat sehr viele 



1) Siehe V, I. 

8 



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77 

sanfte Gemüter verletzt. Ich wusste aber genau, was ich tat. Heute 
bin ich aus dem Hauptquartier antelephoniert worden und man hat 
mir mitgeteilt, dass der alte Generalissimus Hindenburg sehr verletzt 
wäre durch diesen gändkdi unerwarteten Angriff. Bd dieser Gele^ 
genheit habe ich dann erreicht, was ich erreichen wollte. Es ist 
telephoniscfa festgestellt, dass auch diese Kundgebung, die den Namen 
Hindenbufgs trägt, im Auswärtigen Amte in Berlin, wenn nicht 
geschrieben, so veranlasst ist. Ich habe dem Generalissimus Hin« 
denburg telephonirt, er sei ein Opfer der Berliner PoHtik geworden, 
und man hat mir versprochen, dass man künftig im Hauptquartier 
in politischen Dingen noch vorsichtiger sein werde als schon bisher. 

Meine Herren! Sie sehen hier an dieser einen Tatsache ein 
Beispiel der neuen Politik, die keine Geheimdipiomatie mehr kennt, 
sondern nur mehr mit der Wahrheit arbeitet. Sie sehen daraus, 
wie schnell es möglich ist, durch einen etwas kühnen V orstoss den 
Feind aus seinen Schlupfwinkeln. herauszuholen. 

Wenn ich als Minister des Aussem erklärt habe, dass idi mit 
dem Auswärtigen Amte in Berlin nicht mehr verk^e, so habe ich 
es im Bewusstsein getan, dass dort das Nest ist, das ausgeräuchert 
werden muss, wenn wir zum Frieden kommen \n ollen. Ich habe 
heute aus Bern von der bayerischen Gesandtschaft, und zwar nicht 
von unserem Gesandten, der gegenwärtig in München ist, sondern 
von seinem Vertreter, also einem von dem alten Personal, die Mit- 
teilung erhalten, dass ihm authentisch versichert worden sei, dass 
keine Rede davon sein könne, dass die Entente daran denke, was 
ja in den letzten Tagen in der deutschen Presse zu lesen war, wie- 
der einen Krie^ mit uns anzufangen 

Nein, meine Herren, ich verbürge mich dafür : In dem Augen- 
blicke, wo in Deutschland eine aktionsföhige Regierung ist, die das 
Vertrauen geniesst, dass sowohl die Massen hinter ihr stehen, als 
dass sie nun ehrlich und offen Frieden schliessen will, im selben 
Augenblick haben wir den Frieden. Und gleichgültig, wie man über 
diese Frage denken mag: Wir müssen in Deutschland den Frieden 
haben. Wir müssen jeden Weg gehen, um den Frieden zu haben. 

Mein^ Herren! Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel geben von 
der Verruchtheit jener Treibereien, die aus dem Auswärtigen Amte 
stanmien. Vor ein paar Tagen lief durch die Presse die Mitteilung, 
dass die Mitteilung unseres Freundes Haase über die Lebensmittel- 
«ot nicht richtig sei; in Berlin, im Lebensmittelininislcrium des Ge- 
nossen Wurm, sei man nicht so pessimistischer Anschauung. Solche 
Mitteilungen müssen also in den ehemals feindlichen Ländern den 
Verdacht erwecken, dass es in Deutschland noch nicht so schlimm 
steht, wie es in Wirklichkeit der Fall ist . . Und die Folge von 
solchen Ausstreuungen ist, dass man in Frankreich, in Engkind, in 
Amerika, in Italien meint, dass nun wieder überhaupt alles bei uns 
Schwindel ist. Die ganze Revolution wird für etneo Schwindel ge- 
llalten, nur iur eine Maskerade des alten S3rstems. . . 



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78 



So wirken diese Dinge im Auslande. Nun meine Herren, wir 
wissen, dass wir eine Revolution gehabt haben, und wir wissen auch, 
dass die Herren, die gestern regierten, nicht wiederkommen werden. 
Wir in Bayern haben Vertrauen. Es ist uns bereits gelungen mit der 
tschechischen Republik in Verbindung zu treten. Wodurch haben 
wir das erreicht? Nur dadurch, dass wir in vollkommener Offenheit 
verhandelt haben. So kommen wir auch nur zum Frieden. Aber 
in Berlin ist keine Regierung, die Frieden schliessen kann. Auch 
eine Nationalversammlung, die einberufen würde, würde keine Regie- 
rung' schaffen, die fähig wäre, den Frieden zu schliessen. Was not- 
wendig ist in Berlin, ist, dass die Massen sich rühren und ihrerseits 
eine aktionsfahige Regierung einsetzen. Bis dahin wird München 
allerdings der Vorort von Deutschland sein miissen. 

Meine Herren ! Die amtlichen Berichte, die uns in Berlin vor- 
getragen worden sind, lassen keinen Zweifel darüber, dass, wenn wir 
nicht sofort von der Entente Lebensmittel bekonmien, wir untergehen. 

Wir verhuf^ern Liegen die Dinge so, dann können Sie 

ermessen, welcher verbrecherische Wahnsinn dazu gehört, heute noch 
diese Treibereien g^en die Entente fortzusetzen, mit Protestkund- 
gebungen wegen Verletzung der WafFenstillstandsbedingungen wie 
Herr Erzberger zu arbeiten, und alles nur von einer kleinen Horde 
\'on Menschen, die fiir ihre Existenz fürchten und die am Leben 
bleiben wollen und deshalb heute noch die ganze Welt in Unordnung 
bringen. 

Das, meine Herren, wollte ich Ihnen heute sagen und das ist 
der Sinn meiner Aktion gegen Berlin ; ich habe nicht den Zweck, 
Bayern los/ulöscn vom Reiche, sondern handle aus der Erkenntnis, 
dass, wenn die Massen in Berlin nicht aufwachen und eine neue Regie- 
rung der auswärtigen Angelegenheiten schaffen, wir nicht zur Ruhe und 
nicht zum Frieden kommen. Deshalb versuche ich von hier aus, jetzt 
das Notwendige, das Notwendigste zu tun. Ob es gelingt, dass weiss 
ich nicht Aber wir haben keinen anderen W^, wir miissen zum 
Frieden kommen und ich appeliere an dieser Stelle an die Völker 
der Entente. Wir wollen nicht als Bittsteller kommen, nicht als 
Bettler, das tun wir nicht, wir kommen als Menschen, die das Be- 
wusstsein haben, dass wir nr.rf:^cräumt haben hier in Bayern mit den 
Verantworthchen des alten Systems. Wir kommen mit reinen Händen. 
Wir, die wir die Regierung hier leiten, haben von Anfang des Krieges 
an gegen die Kriegspolitik gekämpft, unter persönlichen Opfern, mit 
Hintansetzung aller Interessen, im Kampfe gegen die eigene Regie* 
rung bis zum Tode entschlossen. Deshalb dürfen wir so zur Entente 
reden: Wir sind Menschen, wir sind Vertreter von 70 Millionen 
Menschen, die leben wollen. Euere Pflicht drüben, ihr, unsere 
„Feinde'*, ist jetzt, zu vergessen und mit uns gemeinsam zu arbeiten 
und die neue Welt aufzubauen. 

Meine Herren ! Zum Schlüsse — und das will ich auch, ich weiss 
nicht, ob es gehört wird, über die Grenze hiniiberrufen — ; Man 



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furchtet sich drüben vor dem Bolschewismus, wie man sich auch bei 
uns fürchtet. Diese Furcht ist entstanden dadurch, dass wir Arbeiter-» 
Soldaten- und Banernräte gebildet, also das russische Beispiel in 
dieser Hinsicht nachgeahmt haben. Aber, meine Herren, wir, die 
wir ja Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte bilden, wiv wissen ganz 
genau, dass wir die russischen Methoden weder angewandt haben 
noch die russischen Ziele verfolgen. Russischen Bolschewismus gibt 
es nicht in Deutschland, vielleicht mit Ausnahme einiger Phantasten» 
Wir glauben nicht, dass auf russischem Wege das Ziel erreicht 
werden kann, das uns vorschwebt, die Demokratie und die soziali<> 
stische Gesellschaft. Wir glauben nicht, dass es uns möglich ist» 
die Produktion in dem Augenblicke zu vergesellschaften, wo die 
Produktion vollständig zerrüttet ist. . . ' 

Wir wollen durch Arbeit, unmitttelbare schöpferische Tätigkeit 
den Wiederaufbau Deutschlands so rasch wie möglich im Interesse 
der Gesamtheit zu Ende bringen und zu dieser Arbeit müssen uns 
die Völker drüben helfen. 

Ich habe den festen Glauben, wenn erst jene Elemente aus- 
getilgt sind, die noch von gestern übriggeblieben sind, dann kommen 
wir zu diesem Ziele. . . Deshalb zunaclist der Kampf mit allen 
Konsequenzen gegen die Berliner Regierung, soweit sie vertreten ist 
im Auswärligen Amte; zweite Aufgabe: sofortiger Frieden. Das 
wird die Aufgabe der bayerischen Regierung sein, zu versuchet, ob 
das ihr möglich ist, wenn Berlin versagt. Kein Separatfrieden» 
sondern der Versuch, fiir ganz Deutschland den Frieden zu bewirken. 



Nr. 12 

Auseinandersetzung im Landessoldatenrate. 30. November 

bis 3. Dezember 1918. 

Auszug nach den Stenographischen Berichten 

In seiner Eröffnungsrede wiederholt der Ministerpräsident 

im wesentlichen die am 28. November in der Sitzung des 
Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrates ausgesprociienen Ge- 
danken. Doch wird an seiner Politik nun lebhaft Kritik 
geübt, meist von Vertretern aus der Provinz. (Reden von 
Müller, Höllenreiner, Leutnant Nieberl, Brenner-Augsburg, 
Kothieringer-Augsburg, Weigel-Erlangen, Prem, Henne-Mün- 
chen, Lang-Kissingen.) 

Die Redner verweisen auf die Gewaltpolitik der Entente 
mit ihren vernichtenden Wirkungen für Deutschland, erklären 



0 



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so 



es für unmüglich, einen Separatfrieden zu schliessen und 
geben der Anschauung Ausdruck, dass nur eine konstituierende 
deutsche Nationalversammlung in der Lage sei, den Frieden 
lierbeizuführen. Sie bezweifeki, dass die gutgläubige Zu- 
versicht des Idealisten Eisner berechtigt sei. Sie wünschen 
dokumentarische Unterlagen daiur zu sehen, dass der von 
Ihm unternommene Versuch, mit der Entente in Verband- 
iungen zu kommen, Aussicht habe. Der Ministerpräsident 
habe hierüber keine Sicherheit geben können, er müsse aber 
doch durch den Gesandten Foerster in der Schweiz informiert 
sein, wie sich die Entente zu ihm stellen wolle. 

Gegen das Schuldbekenntnis und die Aktenveröffent> 
lichung werden ernstliche Einwendungen erhoben. Es sei 
verfehlt und politisch zveckloSi da die Entente es nicht in 
dem gewünschten Sinne aufgenommen habe. 

Der Bruch mit der Reichsleitung erregt Beunruhigung 
und Widerspruch, ebenso die damit in Zusammenhang stehende 
überscharfe Kundgebung des Vollzugsausschusses des Mün- 
chener Arbeiter- und Soldatenrates gegen sozialistische Mit- 
glieder der Reichsregierung. Man befürchtet von alledem 
Gefahren für die Reichseinheit. 

Es wird auch angeführt, dass Eisner selbst nicht völlig 
unbelastet erscheine, da er im Augenblicke des Kriegsaus- 
bruches im August 19 14, wenn auch nur vorübergehend, 
für die Bewilligung der Kriegskredite durch die Sozial- 
-demokratie eingetreten sei. Ferner wendet sich ein Redner 
gegen die Kabinettspolitik", von der die Räte nicht unter- 
richtet worden seien. Auch darauf wird hingewiesen, dass 
der Gesamtministerrat sich über die Methode der aus- 
wärtigen Politik keineswegs einig sei. 

Dem gegenüber bleiben die Münchener Vertreter (Schröder) 
«dabei, dass der Friede über Bayern kommen werde. Man 
werde ohne Nationalversammlung zu einem Präliminarfrieden 
^elangen^ wenn eine Regierung wie die bayerische mit reinen 
Händen die Verhandlungen aufnehme, auf der Grundlage des 
Vertrauens, das sie bei den bisherigen Feindstaaten zu ge- 
messen in der Lao^e sei. 

Die vom Landessoidatenrat bestellte Kommission für 
auswärtige Angelegenheiten berichtet nach persön- 



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81 



lieber Aussprache mit dem Ministerpräsidenten und nach Ein- 
sichtnahme in die schriftlichen Unterlagen wie folgt: 

Die Kommission ist zunächst auf Grund der personiichcn Ver- 
handlungen mit dem Ministerpräsidenten zu der Überzeugung ge- 
kommen, dass Eisner eine durdiaus ehrliche Friedenspolitik treibt. 
Die Unterlagen, die er uns mitteilte, lassen die Aussidit begründet 
erscheinen, dass die Entente mit ihm in Verhandlungen über einen 
Voffrieden eintreten wird. Feste Zusidierungen über das Gelingen 
seiner Bemühungen können heute noch nicht gegeben werden. Die 
Kommission glaubt jedoch, dass bei der hohen Wichtigkeit des an- 
gestrebten Zieles ein Versuch auf der Eisnerschen Grundlage nicht 
unterlassen werden darf. Eisner geht hier von der Voraussetzung 
aus, dass die deutsche Nationalversammlung den Vorfrieden zu be- 
stätigen habe. 

Am Abend des 2. Dezember folgt eine von Eisner ver- 
lesene Erklärung des Gesamtministeriums. Sie 
erhebt den staatlichen Wiederaufbau Deutschlands auf föde- 
rativer Grundlage zum Programmpunkt und übernimmt dem 

Auslande gegenüber die Bürgschaft, dass das neue bayerische 
Staatswesen sich in Ruhe entwickeln werde. Die Methode 
des Terrors und der privaten Expropriation wird abgelehnt, 
jedoch die Entwicklung der Arbeiter-, Bauern- und Soldaten- 
räte zu mitwirkenden Körperschaften in der neuen Ord- 
nung anerkannt. Abschaffung der stehenden Heere in aller 
Welt und baldige Einberufung der bayerischen National- 
versammlung bilden die Schlusspunkte. 

Noch am gleichen Tage macht der Ministerpräsident 
auf Grund dieser Verhandlungen der Rddisldtung den unter 
Nr. 13 folgenden Vorschlag. 

Nr. 13 

Bayerischer Antrag an die Reichsregierung auf eine 

neue Staatenkonferenz 

Telegramm München, den 2. Dezember 19 18 

Der Ministerrat des Volksstaates Bayern ist einstimmig der Meinung, 
dass sofort eine Konferenz der Vertreter der deutschen 
Regierungen nach Jena oder dnem anderen zentral gelegenen 
Orte dnberufen wird» in der eine programmatische Kund- 

6 



I 



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82 



gebung der äusseren und inneren Politik zu vereinbaren ist. Zu den 
unerlässlichen Prograininpunktcn gehören die Fragen der National- 
versammlung, der Besetzung des Auswärtigen Amtes in 
Beriinuiidder Aktenveröffentlichungen. Die Konferenz soll 
je nach der Grösse der Bundesstaaten aus i bis 3 Mitgliedern zu- 
sammengesetzt werden. 

Der Ministerpräsident des Volksstaates Bayern : 

Kurt Eisner 



Nr. 14 

Geheimer Beschluss des Ministerrates vom 3. Dezemtier ^) 

Es besteht Einverständnis, dass Ministerpräsident Eisner die 
Bezieiiungen zum Auswärtigen Amt wieder anknüpft, wenn Solf und 
Erzberger ausscheiden. Erzberger hat einen Kommissar beigeordnet 
erhalten. 



Nr. 15 

Beschluss des Vollzugsrates des Arbeiter- und Soldaten« 

rates Oross-Berlin 

Telegramm') Berlin, den 3. Dezember 

Der VoUzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates Gross -Berlin 
fordert im Einverständnis mit dem Vollzugsausschusse des Arbeiter- 
und Soldatenrates von Bayern, dass die bereits gestellte Forderung 
des sofortigen Rücktritts Solfs schleunigst erfüllt wird. 

Zweitens, dass an Stelle Solfs ein Mann tritt, der stets Gegner 
des alten S} stems und dessen Kriegspolitik war. 

Drittens die Zusicherung, dass Erzberger an den Friedensver« 
handlungen nicht mehr teilnimmt. 



^) Verhandlungsniederschrifit des Ministerrats im Ministerium des 
Äussern. 

^) Abgedruckt im stenographischen Bericht der 6. Sitzung des 
Landessoldatenrates. 



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■ 



83 

Nr. i6 

Die Reichsregierung an die Bayerische Regierung*) 

Beriin, den 4. Dezember 191 8. 

Der Wunsch der Bayenscfaen Regierung auf Einberufui^ einer 
Konferenz der Vertreter der deutschen Freistaaten nach Jena oder 
einem anderen zentral gelegenen Ort hat die Reichsregierung in 
ihrer heutigen Sitzung beschäftigt. Wir sind zu dem einmütigen 
Beschluss gelangt, von der Einberufung einer solchen Konferenz 
abzusehen, weil nach unserer Ansicht kein genügender Grund für 
ihren Zusannnentritt vorliegt. Die Reichsregieriuio hat das Programm 
ihrer äusseren und inneren Politik in ihren Kundgebungen festgesetzt. 
Die erste Reichskonferenz in Bcrhn hat sich mit ihr auf den gleichen 
StandpiAnkt gestellt. Auch uns beschäftigt der Gedanke, dass ein 
enger Zusammenhang zwischen der Reichsregierung und den einzelnen 
Freistaaten geschaffen werden muss. Es liegt uns seit einigen Tagen 
^ hierzu ein Vorschlag Preussens vor, der gründlich geprüft werden 
wird. Vor einer Neuregelung der Angelegenheit werden die einzelnen 
Staaten Gelegenhat bähen, ihrerseits Stellung zu nehmen. Die 
politischen Akten des alten Regimes sind von uns in Verwahrung 
genommen, und es ist alles geschehen, um Publikationen aus den 
Archiven mit gründlicher Sorgfalt vorzubereiten. Wegen der Neu- 
besetzung des Auswärtigen Amts wird im Kabinett beraten. 

Die Reichsregierung 

Ebert 

Nr. 17 

Im Vorparlament 

In den Verhandlungen des provisorischen bayerischen 
Nationalrates vom 13. bis 18. Dezember bilden die Friedens- 
politik des Ministerpräsidenten und seine Aktenveröifent- 

lichung, ähnlich wie bei den vorausgeo^angenen Tagiingen 
der Räte, einen wichtigen Gegenstand. 

Es wird Einspruch erhoben gegc n die Vorstellung, dass 
Deutschland die alleinige Schuld am Kriege trage, und dass 
man mit einem Schuldbekenntnis die Gegner versöhnlich 
stimmen könne. 



^) Urschrift im Auswfirtigen Amt in Beriin. 

6» 



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■ I 1 L L L 1 1 \ 



84 



Aus der Jlede von Professor Dr. Quidde (Stenogr. 

Bericht der 4. Sitzung vom 1 7. Dezember 1 9 1 8) : 

Als die neue Regierung ins Leben trat, hat uns der Herr Minister- 
präsident verkündet, er werde von München aus Rir das Deutsche 
Reich den Frieden bringen. In der Proklamation vom 7./8. No- 
vember hiess es: 

„Die demokratische und soziale Republik Bayern hat die 
moralische Kraft, für Deutschland einen Frieden zu erwirken» 
der es vor dem Sdilimmsten bewahrt." 

Wenn man heute dieses Wort liest, ich glaube, dann darf man 
sagen: O, welche Illusion und welch eine phantastische 
Idee, hier von Bayern aus dem Deutschen Reiche den 
Frieden bringen 7.u können! 

Der Herr Ministerpräsident hat uns auch gesagt, dass er durch 
Verhan dlungen mit den Tschechen, durch seine Beziehungen 
zu der tschechischen Republik uns Vorteile inbezug auf die Kohlenver- 
sorgung bringen werde. Wir haben vor wenigen Tagen aus dem Munde 
des Herrn Ministers Auer gehört, dass sich nichts von dem verwirk* 
licht hat Ebensowenig hat sich verwirklicht die Hoffnung, durdi 
Fühlungnahme mit Cl^enoeau Uber München dem Deutschen Reiche 
den Frieden bringen zu können. Das sind Illusionen gewesen, Phan- 
tastereien gewesen, die beweisen, dass der Herr Ministerpräsident die 
Tatsachen der auswärtigen Politik nicht nüchtern einschätzen kann. . . . 

Es kommt jetzt nicht darauf an, ob von München aus die Idee 
der neuen demokratischen sozialistischen Republik verkündet wird, 
dafvir geben die Gei^^ner nichts, das ist nicht entscheidend fiir die 
Friedensbedingungen. Sie wollen vor sich haben eine verhandlungs- 
iahige Regieninj^, eine verhan dlungsfähige Regierung nicht 
bloss für Bayern, sondern für Deutschland. Man kann 
vielleicht den Frieden von München aus anknüpfen, kann nützliche 
Vermittlungsafbeit leisten, aber den Frieden zu sdiHessen» dazu bedarf 
es dner Regierung, die das ganze Deutsche Reich vertritt. Dea 
Gedanken eines Sonderfriedens für Bayern aber weisen 
wir mit aller Schärfe zurück. Das wäre der Anfang zur 
Zertrümmerung des Reiches und wir wollen die Einheit 
des Reiches aufrechterhalten. 

Ich habe den Eindruck, der Herr Ministerpräsident hat sich den 
stärksten Illusionen über die Auffassung im Ententelager hingegeben. 
Er hat am 15. November gesagt: 

„Die leitenden Männer der Entente sprechen nach der Um- 
wälzung anders als zuvor. Der Geist des Patrioten, der die 
französische Republik leitet, spricht heute mit menschlichen^ 
Verständnis und Vertrauen." 
Ich glaube, von diesem menschlichen Verständnis und Vertrauen 
des Patrioten, der die französische Republik leitet, des Herrn Cle- 
menceau, haben wir bisher verflucht wenig verspürt. 



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85 



Herr Eisner schüttelt den Kopf, ich habe geglaubt, er würde 
mir zustimmen, dass er sich getäuscht habe. Wir alle haben Veran- 
lassung, vor der Menschheit Klage zu erheben gegen die Art, wie der 
Waffenstillstand gegen uns durchgefiihrt wird, Klage gegenüber dem 
Fnedensprogramm, das von massgebenden Personen in Frankreich in 
Widerpruch zu den Sozialisten» in Widerspruch zu den Gesinnungs- 
genossen des Herrn Eisners aufgestellt wird. Ich glaube, es ist ebenso, 
eine Illusion, dass wir bessere Bedingungen bekommen, wenn wir 
uns selbst recht erniedrigen. Es ist bei vielen jetzt eine form- 
liehe krankhafte Vorstellung, so krankhaft wie die 
Wahnidee des Militarismus während des Krieges , dasä 
wir im Büsserge wände den Feinden gegenübertreten 
müssten, dass uns das Sympathien verschaffe.... 

...Es wird einmal eine gründliche Aufklärung ge- 
schaffen werden müssen und gründl ich i m Lande abge- 
rechnet werden müssen. Aber das, meine ich, sollen 
wir verschieben, bis wir den Frieden haben und volle 
Ruhe und Ordnung.... 

Wir sollten in diesen Tagen des schweren nationalen Unglücks, in 
diesen Tagen, wo die ganze Welt darnach trachtet, uns mit Friedens- 
bedingungen niederzudrücken und wo wir auf der Gegenseite nur 
eine verhältnismässig kleine Zahl allerdings hoffentlich einflussreicher 
Personen haben, die an dem Gedanken der Gerechtigkeit festhalten, 
wir sollten heute stolzer als je und erhobenen Hauptes als Deutsche 
dem Ausland gegege nübertreten. Lassen Sie mich Ihnen das 
als Pazifist sagen. 

Der christliche Gewerkschaftssekretär Schwarzer be- 
merkt unter anderem: (Stenogr. Bericht der 5« Sitzung vom 
18. November 191 8): 

Das einzige, was den Franzosen und unseren Feinden vielleicht 
noch nicht ganz aus ihrem Gedächtnisse herauszubringen war, das 
war die Belastung ihres Gewissens, dass auch sie von der Schuld 
am Kriege jedenfalls nicht ganz freigesprochen werden können. . . . 

In diesem Augenblicke des Jubels und des Siegfeiern s bringt 
man dem französischen Volke und unsern Feinden noch das Ge- 
schenk der Gewissensentlastung, damit sie sich tatsächlich freuen 
und sagen können : Wir sind doch die besten und bravsten Menschen 
der ganzen Welt. 

Der mehrheitssozialistische Abgeordnete EduardSchmid 
beruft sich auf ein Wort Ledebours im Reichstage, dass die 
Schuld am Kriege erst nach eingehender Prüfung der ge- 
samten Akten und aller diplomatischen Verhandlungen richtig 
festgestellt werden könne und fügt an: 

Man muss die Geheimakten vergleichen kdnnen. Was aus den 
Geheimakten, die die russischen Bolscfaewisten veröfTentlicfat haben, 



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86 



hervorgegangen ist, hat anders gelautet. Die Boischewisten haben 
bewiesen, dass Russland zum Kriege getrieben hat.... 
Wir von un.serem proletaiisciien Standpunkt aus haben auszu- 
sprechen: schuld an dem fürchterlichen Morden werden alle Re- 
gierungen zusammen sein .... Darum woUen wir doch Klugheit in 
unserer Politik walten lassen und in aller Wahrheitsliebe, die uns 
beseelt, unsere Schuld im gegenwärtigen Moment nicht noch 
grösser machen, als sie schon ist; denn nicht die Schuldigen 
werden büssen, sondern wir, das geplagte, gequälte Volk 
wird dieses Bad austrinken müssen, das uns die anderen 
bereitet haben. Darum nach <]ieser Richtung mehr Vorsicht, Be- 
sonnenheit, im Interesse des werktätigen Volkes! 

Aus den Erwiderungen des Ministerpräsiden tt n (Stenogr. 
Berichte der 4. und 5. Sitzung vom 17. und 18. November): 

Das Auswärtige Amt existiert heute nicht mehr. Es ist aus- 
geräuchert .... 

Die aii.suärtigc l^)litik. die ich treibe, ist nicht ein Original- 
gedanke von mir. Diese auswärtige Politik beruht auf dem Ge- 
danken, mit dem die internationale Sozialdemokratie geboren wurde. 
So heisst es in der Inauguraladresse aus dem Jahre 1864 ungefähr, 
dass die Beziehungen zwischen den Völkern diktiert werden müssen 
durch dieselben einra<:hen Gesetze der Ehre und Sittlichkeit, die 
zwischen den Angehörigen derselben Nation bestehen müssen. Das 
ist das ganze Geheimnis und die einzigmögliche Fruchtbarkeit aus- 
wärtiger Politik. Das erklärt alle meine Massnahmen und alle meine 
Kundgebungen. 

Herr Professor Quiddc irrt .sich ausserordentlich über den Ein- 
druck, den gerade meine Kundgebungen im Au.slande hervorgerufen 
haben. Icli möchte ihn dringend bitten, mir Beweise dafiir zu geben, 
da.ss diese Auslassungen nicht zu unseren dunsten gewirkt haben. 
Wenn ein engli.sches antideutsches Blatt von einer moralischen Re- 
volution in Bayern gegen das bisherige System sprach, wenn es 
davon sprach, dtiss die bayerische Revolution nicht hervorgerufen sei 
durch Lebensmittelnot oder durch den militärischen Zusammenbruch, 
sondern durch eine moralische Auflehnung gegen das alte System, 
so frage ich den Herrn Vorredner, ob das zu unseren Gunsten oder 
zu unseren Ungunsten ist. Wir haben gegenwärtig keine andere Ein- 
wifkung auf das Ausland als moralische Einwirkung. . . . 

Wir haben immer noch nicht ganze Arbeit geleistet Noch 
leben die Agenten in Bern, noch arMten sie, das Werk ist noch 
nicht getan, aber wir werden es fortsetzen und fortsetzen werden wir 
auch den Kampf um die Wahrheit über den Krieg, da können wir 



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87 



nicht warten bi6 zum Frieden ; denn diese Wahrheit ist die Vor- 
bedingung jenes Vertrauens, das Herr Dr. Quidde am Schlüsse seiner 
Rede als GrancUage des Völkerlebens gepredigt bat. Ich hoffe, dass 
die Urkunden bald von Berlin aus kommen werden; sie werden 
rdnlgend wirken und wir von Bayern aus könnten sie ja dann vielleicht 
ergänzen, auf sehr interessante Weis^ ergänzen. 



* * 

Es ist selbstverständlich Pflicht jeder revolutionären Regierung, 
dass sie das System der früheren Regierung cndarvt. Noch niemals 
hat eine revolutionäre Regierung darauf verzichtet. Die Aktenstücke 
der deutschen Regierung werden vollständig in allemächster Zeit 
veröflfentlicht werden . . . Ob die Wahrheit nützt oder schadet, 
die Wahrheit muss gesprochen werden . . . Man soll nicht damit 
arbeiten, dass, wenn wir die Wahrheit über uns selbst sagen, es 
draussen unangenehm berührt. Die Aktenveröffentlichung hat — 
und dafür könnte ich Ihnen bergehohes Material vorlegen — , wenn 
überhaupt irgend etwas günstig für uns gewirkt hat, günstig gewirkt . . . 
Wenn man diese weit^uriickliegenden Ursachen (des Weltkrieges) 
erörtert, kann man vielleicht bis 1813/15 zi! rück gehen. Darum handelt 
es sich nicht, wenn man die Frage der Kriegsschuld betrachtet, 
sondern nur darum, wer hat die Verwegenheit besessen, in einer 
explosiven Welt den Funken hineinzuwerfen und anzuzünden. 

Darum handelt es sich und darüber ist gar kein Zweifel. Noch 
niemals ist die Ursache emes Krieges, der unmittelbare Anlass, die 
unmittelbare Herbeiführung eines Krieges so klar gewesen wie in 
diesem Kriege. Die ganze Welt weiss es, jedes neutrale Land ... 

Man wirft uns aber vor, dass wir in Deutschland, die Schuldigen 
des Krieges, die Alten c^ehlicbcn seien, dass das neue System noch 
die Verantw Ortung ubemnnint für <las alte, und das wäre unser letztes 
Verderben, wenn wir diese Schuld auf uns lasten lassen wollten ; 
deshalb ist Reinigung, Entsühnung die erste Forderung der Politik. 
Was hat man denn in der Hetzpiesse des Auslandes von unserer 
Revolution gesagt ? Immer nur : „Diese Revolution ist ja gar nicht 
wahr, die ist Schwindel, sie ist gemadit worden von den Herrschen- 
den von gestern, nur um die Völker des Auslandes zu betrugen." 
Die herrschenden Hetzer im Auslande fürchten sich vor ihren V<^kem 
und deswegen sollen die fremden Völker nicht Vertrauen zum neuen 
deutschen Volke bekommen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Ver- 
trauen zu verdienen und zu erarbeiten. Darum handelt es sich und 
wer recht behält, das wird die Zukunft beweisen. 



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8b 



Nr. i8 

Der Gesandte in Bern an den Ministerpräsidenten 

Bern, den 22. Dezember 1918 

Hochgeehrter Herr Ministerpräsident! 

Zunächst möchte ich berichten, dass ich die telegraphisch 
erhaltene \V'"eisung betreftend Wahlerlaubnis ^) in den besetzten Gebieten 
der Pfalz sofort an das politische Departement der ludgenossenschaft 
zur Weiterleitunii nach Paris gesandt habe. Antwort ist noch nicht 
eingetroffen. Ebenso habe ich einem nach Paris gehenden Ver- 
trauensmann der dortigen Regierung eine eingehende Information 
über das positive Wirken unserer Arbdter- und Soldatenräte mitge- 
geben. Doch scheint man gerade in Frankreich sehr die ansteckende 
Wirkung dieser revolutionären Instanzen auf die besetzenden Truppen 
zu furchten. 

Die Einreiseerlaubnis für Herrn W. Franke wurde beantragt 
In meinem letzten Briefe stellte ich in Aussicht, dass es nicht 
ausgeschlossen sei, dass der bereits in meinen früheren Berichten er- 
wähnte -) f{an7 persönliche Vertrauensmann Clemenceaus nach München 
käme. Um ]vc]cs Missverständnis auszuschliessen bemerke ich, dass 
es sich hierbei nicht um einen von Clemenceau ausgehenden Antrag 
handeln würde, genau so wenig wie das in den bisherigen Unter- 
redungen des Betreffenden mit mir der Fall war, sondern einfach 
darum, dass der Erwähnte, wahrscheinlich sogar ohne Wissen 
Clemenceaus, ganz als Privatmann zum Zwecke zuverlässigster Infor- 
mation nach München käme. Es scheint jedoch, dass diese Mög- 
lichkeit zurzeit etwas in die Feme gerückt ist, weil allen memen 
Eindrüdcen nach auf Seite der Entente-Leute die Färole ausgegeben 
ist, zunächst Besprechungen mit deutschen Vertretern aus dem 
Wege zu gehen, bevor nicht in Paris aUgemeine Richtlinien für die 
weitere Behandlung der deutschen Frage zwischen den beteiligten 
Staatsmännern vereinbart worden sind. Auch der übermässige Zu- 
drang aller möglichen deutschen Elemente, die seit einigen Wochen 
hier an den Entente-Gesandtschaften antichambrieren, mag zu der 
erwähnten reservierten Haltung beigetragen haben. Hingegen scheint 
man sich mehr und mehr dahin zu entscheiden, dass von offiziellen 
und inoflfiziellen Vertretern der Entente-Mächte Deutschland bereist 



^) Telegramm des Ministerpräsidenten vom 17. Dezember 1918: 

liiUe Entente den Wunsch zu übermitteln, dass sie in der Pfalz 

Wahtbewegung und Wahlen für Nationalversammlung zum 12. Januar 

ermöglicht. „ ^ . 

Kurt Eisner. 

3) Siehe m, II. 



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89 



werden solle, damit zuverlässige Informationen als Unterlage der 

Ernähnjng"sakt!on und besonders der Kreditgewährung gewonnen wer- 
den. Heute war der ^anz offizielle Kommissär der amerikanischen 
Regierung, Mr. Draesel, bei mir, der zunäciist nacii Berlm geht und 
sich dann in München bei Ihnen melden wird. Er ist sozusagen 
ein Vorbote der Ernahrungskommission, er will wissen, ob eine 
stabile Regierung in Deutschland zu erwarten ist. Es wird gut 
sein, ihn audh mit Herrn Eiffe bekannt zu macben und ihn femer 
einmal am Nachmittage durch die ärmeren Quaitiere Münchens 
fuhren zu lassen. 

Soeben teilt mir Mr. Draesel mit, dass er doch lieber zuerst 
nach München geh^ will, womöglich schon Donnerstag. Es ist in 
diesem Falle unbedingt notwendig einen Sonderzug bereitzustellen, 
denn von solchen Besuchen hängt jetzt Deutschlands Leben und 
Sterben ab. Da Mr. Draesel auch nach Berlin geht, so ist es ja 
nur in der Ordnung, dass Berlin sich beteiligt. Alles Nähere wird 
telegraphisch angemeldet werden. 

Neben dem Vertreter des Progr^ de Lyon, der schon bei Ihnen 

war, haben sich heute für die Reise nach München zwei höchst 
intelligente und objektiv urteilende französische Journalisten gemeldet: 
M. de Kucharski (Matin) und Marcel Rey, die von Müncht n nach 
Prag Weiterreisen wollen. Die Herren werden sich sofort bei liinen 
melden. Es wäre gut, sie an Versammlungen teilnehmen zu lassen, 
sie verstehen und sprechen gut deutsch. 

In bezug auf die allgemeinen Absichten der Entente -Völker 
gegeniiber Deutschland glaube ich folgendes feststellen zu können : 
Frankreich ist noch von völligem Misstrauen erfüllt: Greift kein 
Militär ein, so heisst es: voilä ranai;chie et le bolschdvisme — wird 
mit Truppen gedroht, so heisst es: voüä la contre-r6volution i Der 
Franzose, der von der Idee au^eht, vermisst bei uns noch jede 
Spur von „repentir'* und glaubt daher an keine gründliche Umkehr. 
Die Leitartikel des „Temps*' bestätigen das immer wieder. Ich 
zitiere folgende treffende Worte aus dem „Temps'* Nr. 20 979 in 
bezug auf Eberls Rede zu den Truppen: 

L'hiver dernier le prince Max affectait de dire qu'il fallait remettre 

en honneur le Sermon de Montagne. H a oubliö ce projet quand 
il a pass6 an pouvoir, mais son successeur a depuis un an l'occasion 
d'accom|)lir son voeu. Ce serait bien le moment de precher en 
Allemagiie un retour ä la morale chretienne, ou bien ä la morale 
tout courl. Ce serait le moment d'expliquer ä ces adorateurs du 
dieu Thor et du demi-dieu Bismarck que la d^faite doit etre la 
source du repentir et que le repentir est le seul chemin 
de la r^habilitation. 

Die Aufklärungspropaganda in bezug auf die Schuldfrage ist 
aus diesem Grunde höchst wichtig. Für Frankreich ist ein neuer 
Geist in Deutschland weit entscheidender als neue Institutionen. 



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90 



Ich möchte deshalb sehr befurworlcn, <lass man (Jen Herren von 
der Freien Zeitung, die in der Schuldfrage ganz ausgezeichnet ge- 
arbeitet haben, ihre Absichten in Deutschland möglichst erleichtert 

Die Amerikaner fragen wenij^er nacli der Schuldfrage, 
ihnen kommt alles auf die praktische Frage an, ob sich bei 
uns eine wirklich demokratische Regierung mit vollkommener 
Ordnung durchsetzen kann, so dass die Lebensmitteltransporte nicht 
in ein Chaos hinein Icummen. Es werden keine Abmachungen statt- 
finden, bevor über diesen Punkt keine zuverlässigen Informationen 
vorliegen. Daher ist die Mission des Mr. Draesel in bezug auf die 
materielle Versorgung DeutscMands ganz entscheidend. 

Was England betrifft, so scheint es mir nach vielen Infor- 
mationen, als ob dort eine neue Orientierung in bezug auf Deutsch- 
land zum Üurchbrucli käme, die möglicherweise auch in Kapitals- 
anlagen grossen Stils — schon um uns nicht ganz in anicnkanische 
Abhängigkeit zu bringen — ihren Ausdruck fuiden könnte. Damit 
hängen viele an mich gelangende Anfragen von englischer Seite 
zusammen in bezug auf die ledige Möglichkeit geordneter Zustände 
in Deutschland. Mr. Hcnderson war kürzlich in Genf; ich konnte 
Informationen beruhigender Art in bezug auf die Konsolidierung 
der Ordnung in Deutschland in seine Hände gelangen lassen. 

Ein Mitglied der Independant Labour Party, Member of Parltament» 
schrieb mir von London aus einen Brief, dessen Kopie ich beilege. 
Diesen Brief darf ich wohl ganz besonderer Vorsicht empfehlen, 
damit nichts daraus in die Zeitungen komme 

Als meine Hauptaufgabe betrachte ich hier, durch Expos^, die 
ich in die mir zugänglichen Kreise der Entente gelangen lasse, sowie 
durch mündliche Informationen das Vertrauen zur deutschen Ordnung 
und zu allmählichem Durchbruch der Wahrheit zu stärken ....*) 

Fr. W. Foerster 



') Der Bfiel stammte von Stephen Sanders, Sekretär der 
Fabiao^Gesdlschaft und gab der Befürchtung Ausdruck, dass eine 
Reicharegierung mit Scheidemann, Ebert und Landsberg, aber ohne 
LedebouT und Liebknecht zwar neue Männer aufweise, dass aber die 
alten Methoden geblieben seien. 

•) Es folgen noch Mitteilungen über den deutschen Handels- 
verkehr und die Tätigkeit deutscher wilder Aufkäufer in der Schweiz^ 
wovor der Gesandte warnt. 



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91 



Nr. 19 

Aus dem Begleitschreiben Foersters zu handelspolitischen 
Berichten der Berner Gesandtschaft^) 

Bern, den 22. Dezember 1918 

Was den Vorschlag des Herrn Dr. Lindner hinsichtlich einer 
bayerischen Ausluhrzcntrale betrhit, so wäre eine baldige Verwirk- 
lichung schon deshalb wünschenswert, damit von da aus eine Hand* 
habe ^'egcben würde, die Pfäsidialmacht Berlins ganz konkret>praktisch 
auszuschalten. Da Erhaltung und Ausbau der Reichseinheit schon 
aus ökonomischen Rücksichten ganz unentbehrlich ist, so wird die 
blosse Betonung der Sonderrechte der Bundesstaaten gar keinen 
greifbaren £ffekt haben. Es kommt darauf an, durch föderative 
Zusammenfassung aller Sonderinteressen eine neue Reichsinstanz zu 
schaffen, der s'ch dann die Berliner Zentralen als dienende Organi- 
sationen zu unterwerten hätten. I^ies köi.ntc so geschehen, dass 
Bayern die Gründung von Ausfuhrzentralen im ganzen Reiche an- 
regt, worauf dann diese Zentralen eine Oberinstanz in I'Vankfurt, 
Hamburg oder Berlin schalifcn miissten, die an die Stelle einer jetzt 
etwa in Berlin entstehenden bureaukratischen Reichsexportstelle zu 
treten den Anspruch erbeben müsste. An ein solches Vorgehen, 
das dne symbolische Bedeutung haben würde fUr den Weg, der 
auf allen Gebieten gegangen werden müsste, um die Föderativ* 
zentrale an die Stelle der Berliner H^emooie zu setzen, könnten 
sich dann die verschiedensten anderen Versuche anschltessen, die 
Sonderinteressen zur Geltung zu bringen, sie aber zugleich der 
Reichseinheit zu unterwerfen. Es ist zweifellos, dass uns auf diesem 
Wege die deutschen Hansastädte ganz besonders lebhaft entgegen- 
kommen lind uns durch ihre überragende kommerzielle I'>fahrung 
in den Stand setzen w lirden, dem von Berlin ausgehenden Zentralis- 
mus wirksam zu begegnen. 

Auch wenn uns gerade auf dem Boden der National versamm- | 
lung eine neue Reichscinheit begründet wird, ist es von grösster 
Bedeutung, dass jene neue Zentrale von beratenden und kontrollieren- 
den Körperschaften umgeben sei, die auf dem Prinzip des föderativen 
Zusammenwirkens der verschiedenen geschichtlichen Lebenskreise 
aufgebaut sind und dadurch ein Gegengewicht gegen die Gefahren 
einer zentralistischen Bureaukratie bieten. 

Fr. W. Foerster. 



1) Siehe V, 18, Anm. 2, 



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92 



Nr. 20 

Badisches Mlnisteriitm des Äusseren an das 

Ministerium des Äusseren in München 

Karlsruhe, den 27. Januar 1919 

• Nach zuverlässigen Informationen, die wir aus der Schweiz 
erlialten liaben, ist der Einfluss des Deutschen Reiches dort deswegen 
so gering, weil die Gesandtschaft auf der einen Seite nidit so 
arbeitet, wie sie sollte und weil sie auf der anderen Seite insbeson- 
dere durch die bayerische Sondergesandtschaft gehindert ist. Neuer* 
dings hat Bayern auch eine Handeisabteilung eingerichtet, die ohne 
jede Verbindung bisher mit der Hrmdelsabteilunc: des Deutschen 
Reiches stand. Wenn die Schweiz auch mit dieser Haiidelsabteilung 
arbeitet, so hat das getrennte Vorgehen doch zur Folge, dass 
gegebenenfalls der eine gegen den andern ausgespielt wird oder die 
Massnahmen des einen die des andern durchkreuzen. Will Deutsch- 
land im Auslande überhaupt wieder zu Ansehen kommen, und hier 
kommt zuerst in Betracht das neutrale Ausland, so muss es nach 
aussen hin seine Einheit dokumentieren, und das geschieht dadurch, 
dass nicht die verschiedenen Bimdesstaaten im Auslande auf eigene 
Faust handeln, sondern dass fiir sie und damit fiir das Reich die 
deutsche Gesandtschaft und deren Organe handeln. 

Dieser Gedanke ist übrigens auf der Stuttgarter Konferenz 
anerkannt worden und das sollte gefordert werden durch die sCid^ 
deutsche Kommission, die bis heute nicht zustande gekommen ist. 
Will man sie nicht, so muss man aber in vollem Umfang das Reich 
gelten lassen und sich dessen Vertretung bedienen, wenn man im 
Auslande etwas will. Wir möchten daher nochmals die dringende 
Bitte stellen, Sonderaktionen im Auslände zu unterlassen und ent- 
weder das Reich wieder in alle seine Rechte einzusetzen oder aber 
ein gemeiiiscliaftliches Handeln der vier süddeuLscheii Staaten durch 
Schaffung der süddeutschen Kommission zu sichern. 



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r 



93 

VI 

Besondere Schicksale der bayerischen Dokumente 

I 

Unter dem Titel ,,Die Entstellung der Waliiheit durch 
Eisner" schrieb der Geheime Legationsrat H. von Schoen, 
der Verfasser des Gesandtschaftsberichts vom i8. Juli 
191 4, in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. August 
19 19 (Nr. 364) einen Aufsatz, worin er darlegte, dass sein 
Bericht bei der Veröffentlichung in einer seiner Ansicht nach 
rinnentstellenden Weise gekürzt worden sei. 

Durch die Wiedergabe weggelassener Stellen, besonders 
derjenigen, die von der Lokalisierung des serbtsch-öster* 
reichischen Konflikts und den darauf gerichteten Absichten 
der deutschen Reichsregierung handeln, lenkte der Artikel- 
schreiber das Interesse der Öffentlichkeit auf den vollen 
Wortlaut seines Gesandtschaftsberichtes hin. Einige Tage 
später ersdiien dieser in vollem Umfang in der Deutschen 
Allgemeinen Zeitung.^) 

Der Aufeatz Schoens sagt einleitend, Eisner habe die 
Welt glauben machen wollen, dass Deutschland im Juli 19 14 
den europäischen Krieg gewollt und betrieben habe. 
Der Bericht vom 18. Juli 19 14 aber zeige im Gegenteil, 
„dass die Reichsleitung auf die Lokalisierung des Konflikts 
zwischen Österreich und Serbien hinarbeitete und emstlich 
bestrebt war, den Ausbruch eines europäischen Krieges hint- 
anzuhalten/^ 

Er macht dann, von polemischen Auslassungen gegen 
Eisners Methode abgesehen, folgende Bemerkungen: 

Worum es sldi in fndfiein Bericht handelt, habe ich in dessen 
Eingang mit den Worten gesagt : Ich bedire mich „über die von 
der österretchisc^ungarischen Regierung beabächtigte Auseinander- 

^) Deutsche Allgemeine Zdtung Nr. 3S6 vom 10. August 191 9. 



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94 



Setzung mit Serbien das Nachstehende zu berichten." Diesen Passus 
hat Eisner unterdrückt, um die Aufincrksiunkcil davon abzuleiilccn, 
dass das Thema des Berichts die Auseinandersetzung zwischen Öster- 
reich und Serbien bildet und um die Meinung tovorzurufen, als 
habe der Verfasser nicht diesen, sondern einen allgemeinen europäi* 
sehen Konflikt im Auge. 

In meinem Bericht heisst es dann A citer: ,,VVie sich die anderen 
Mächte zu einem kriegerischen Konflikt zwischen Österreich und 
Serbien stellen werden, wird nach hiesiger Auffassung wesentlich 
davon abhängen, ob Osterreich sich mit einer Züchtigung Serbiens 
begnügen oder auch territoriale lüitschädij^nni^en fiir sich fordern 
wird. (Anmerkung: Wie bekannt, enthielten die Ziele der österreichi- 
i>chen Aktion tatsächlich keine Annexionsgedanken; vgl. Deutsches 
Weissbuch über die \ erant i illichkeit der Urheber des Krieges 
Seite 67.) In er>tereui i aile duritc es gelingen, den Krieg zu loka- 
lisieren im anderen Falle dagegen wären grössere Verwicklungen 
wohl unausbleiblich. 

Diesen ganzen Satz hat Eisner gestrichen 1 Statt dessen sucht 
et durch die Bemeikung ,,es wird dann in diesem Bericht des Grafen 
Lerchenfeld an Graf Hertling weiter über die diplomatische Aktion 
Deutschlands geplaudert'*, auch hier den Eindruck zu erwecken, als ob 
es sich nicht so sehr um den österreichisch-serbischen Konflikt, als um 
einen Anschlag Deutschlands gegen den Frieden gehandelt habe* 

Und nun kommt der Kernpunkt des Berichts, der für die ganze 

Beurteilung der Lage und Tür die Absichten der Reichsleitung ent- 
scheiden<1 ist: nämlich die Darlegunc^ dessen, was die Reichsieitung 
zur Vermeidung einer Ausdehnung des österreichisch -serbischen 
Konflikts zu unternehmen gedachte. Das alles hat Eisner nicht ver- 
öffentlicht, vielmehr nur einen Satz aus dem Zusammenhang heraus- 
gerissen. 

(Es folgt die Wiedergabe eines Absatzes, der von der Loka* 
lisierung des Krieges handelt.] 

Deutlicher als diese, auf den Mitteilungen des tlaiiialigen Unter- 
staatssekretärs Zimmermann beruhende Darlegung kann wohl nichts 
beweisen, dass der Wunsch der Reichsleitung dahin ging, eine Au.^- 
ddhnung des Konflikts, in den D«itschland hineingezogen werden 
könnte, zu vermeiden. 

Auch im folgenden arbeitet Eisner mit der Schere. So fehlen 
in seiner Wiedergabe die Sätze: „England wird Österreich nicht 
hindern, Serbien zur Rechenschaft zu ziehen*' und weiter unten: 
„Sehr wenig Freude würde Italien an einer Züchtigung Serbiens 
durch Österreich empfinden' Eisner passt es eben, wie schon oben 



1) Anmerkung des Herrn von Schoen : „Eine Aui&ssung, die ich 
für meine Person in Anbetracht der Weltlage allerdings nicht geteilt 
habe". 



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95 



bemerkt ist, nicht, dass der Leser daiaa erinnert wird, dass ich nicht 
von dem Weltkrieg spreche, sondern von der Haltung der Mächte 
im Falle eines Krieges zwischen Osterreich und Serbien ! Aus diesem 
Grund unterlasst er auch die Wiedergabe dessen, was ich über die 
zwischen Osterreich und Italien damals bestehende Spannung als 
„ein die Situation sehr erschwerendes Moment" geschrieben habe. 
Eine weitere Irreführung der öfTentlichen Meinung bezweckt Eisner, 
wenn er meine Meldung über eine etwaige Abtretung des Trentino 
an Italien nur auszugsweise veröfTentliirht und mit dem Ausruf ver- 
sieht: ,,also schon damals i" Denn während meine Darlegungen 
deutlich erkennen lassen, dass die Frage einer Entschädigung Italiehs 
nur im Hinblick auf Art. VII des Dreibundvertrages in Wien von 
uns angeregt wurde, d. h. dass Österreich Italien eine Kompensation 
geben sollte, damit dieses sich dem österreichischen Vorgehen gegen 
Serbien nicht widersetze, sucht Eisner durch seinen Zusatz den 
Glauben zu erwecken, als ob der später (im Winter toi 5) gemachte 
Versuch, Italien durch Abtretung österreichischer Gebiete von einem 
Eingreifen in den europäischen Krieg auf seiten unserer Gegner 
abzuhalten, schon im Juli 1914 ins Auge £^efasst w orden wäre, es 
also fiir die Reichsleitung sich von vornherein nicht um einen öster- 
reichisch-serbischen Konflikt, sondern um den europäischen Krieg 
gehandelt hätte . . . 

Auch bei der Auswahl der von ihm veröfientUchten Berichte 
der bayerischen Gesandtschaft ist Eisner dolos vorgegangen. Dass 
er die sämtlichen Berichte aus der Zeit vor Ausbruch des Welt- 
krieges durchsucht hatte, unterliegt wohl keinem Zweifel. Er hat 
aber alle diejenigen unterdrückt, die die eifrigen Bemühungen der 
Reichsleitung zur Erhaltung des Friedens erkennen lassen . . . 

Freilich — und diese Erkenntnis ist wohl heute in Deutschland 
eine allgemeine — Fehler sind auch von der deutschen Regierung, 
sowohl in früheren Jahren als in den kritischen Tagen des Juli 19 14, 
begangen worden. Die Hofinung des damalii^cn Unterstaatssekretärs 
Zimmermann, dass Russland sich wie bei trulieren Gelegenheiten, so 
auch in diesem Falle darauf beschränken würde, zu „bluffen", und 
dass sowohl England als Frankreich auf Russland in friedlichem 
Sinne einwirken würden, war bei der damaligen Weltlage, um es 
müde auszudrücken, reichlich optimistisch, und wenn Staatssdcretär a. D. 
von Jagow in seiner Schrift Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges" 
{Seite iio] schreibt, er habe nach Kenntnisnahme des langen Textes 
des österreichischen Ultimatums dem Botschafter Grafen Szögyeny 
gesagt, dass ihm der Inhalt als „reichlich scharf und über den Zweck 
hinausgehend" erscheine, so werden viele finden, dass in Anbetracht 
der \ erhängnisvollen Folgen, die der Schritt Österreichs auch für 
uns hatte, Herr von Jagow der deutschen Staatskunst damit selbst 
kein gutes Zeugnis ausstellt. * 

1) In Berlin 1 



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96 



Aber von einer Schuld Deutschlands in dem Sinne zu reden, 
wie es unsere Feinde tun, daas nämlich die deutsche Regierung den 
Krieg gewollt habe, ist — und die Ententeregierungen wissen dies 
selbst am besten 1 — eine bewusste Entstellung der Wahrheit. . . . 

Der Bericht der Ententekommission, die „für die Feststellung 
der Verantwortlichkeit der Urheber des Krieges und die aufzuerlegende 

Sühne" eingesetzt worden ist, beruft sich darauf, dass „der Inhalt 
meines Berichts vom' i8. Juli 19 14 niemals offiziell dementiert worden 
ad". Es ist bedauerlich, dass der Wortlaut der deutschen Kommission 
in VcrSciiüe«:; nicht zuf^^änt^lich g^ewesen ist und sie daher nicht in der 
Lage war, in ihren Gegenberaerkung^en die Tntsache der tendenzir^s 
verstümmelten Wiedergabe durch Eisner hervorzuheben. Ich selbst 
konnte leider, abgesehen von einem mündlichen Hinweis im Aus- 
wärtigen Amt im November 1918, zur Aufklärung nicht früher bei- 
tragen, da der damalige interimistische bayerische Gesandte m Berlni 
die politisdien Akten, darunter meinen in Frage stehenden Bericht, 
an sich genommen hatte. Erst vor kurzem war es mir möglich, eine 
Abschrift davon zu erhalten und die Eisner'sche Wiedeigabe mit dem 
Wortlaut zu vergleichen« 

2 

Die letzten Bemerkungen des Artikelschreibers legen 
die Frage nahe, wieso es kam, dass die Bekanntgabe des 
Wortlautes der Dokumente nidit früher stattfand. 

Die Akten im Ministerium des Äussern weisen darüber 

folgenden Tatbestand aus : 

Am IG. Januar 1919 ersuchte der neu ernannte 
bayerische Gesandte in Berlin Dr. von Preger das Staats- 
ministerium des Äussern in München um Rückgabe einer 
Reihe von politischen Akten der bayerischen Gesandtschaft 
in Berlin, cUe zu verschiedenen Zeiten in das Ministerium 
nach München verbracht worden seien. In einem Ver- 
zeichnis wurden die Schriftstücke im einzelnen aufgeführt, 
unter ihnen auch die beiden bei der Veröffentlichung be- 
nützten Gesandtenberichte vom 18. Juli und 4. Aucrust 19 14. 
Für den Fall, dass die Akten noch gebraucht würden, 
wünschte der Gesandte Empfangsbestätigung. 

Ministerpräsident Eisner liess unterm 25. Januar 19 19 
durch Dr. Merckle den Empfang der Akten bestätigen und 
gleichzeitig mitteilen, dass sie auch weiterhin noch gebraucht 
würden. 



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97 



Zum zweiten Male erhob sich die Frage nach dem 
Verbleib der Akten im Mai 19 19, also einige Monate nach 

dem Tode Eisners. Das Auswärtige Amt in Berlin richtete, 
damals im Namen der deutschen Friedensdelegation in 
Versailles das Ersuchen an die Bayerische Gesandtschaft 
in Berlin um „abschriftliche Mitteilungen der sämtlichen po^ 
litischen Briefe der bayerischen Gesandtschaft in Berlin um 
die Zeit vom i8. Juli bis zum Kriegsausbruch/^ 

Den Anlass zu diesem Ersuchen hatte die Tatsache 

gegeben, dass die Eisnerschen Enthüllungen in der Schuld 
anklage der Entente in Versailles eine hervorstechende 
Rolle spielten, und dass die deutsche Delegation den Wort- 
laut der verwerteten bayerischen Dokumente kennen lernen 
wollte. 

Die bayerische Gesandtschaft in Berlin gab den Wunsch 
des Auswärtigen Amtes am 7. Mai 19 19 telephonisch 
nach München weiter, wo das Ministerium nach kurz vorher 
erfolgter Beseitigung der Räterepublik und Befreiung der 

Landeshauptstadt seine Amtsgeschäfte wieder aufgenommen 

hatte, indes die Regierung unter der Leitung des Minister- 
präsidenten Hoftmann und der Landtag noch in Bamberg 
weilten . 

Den gleichen Wunsch übermittelte übrigens auch die 
preussische Gesandtschaft in München unmittelbar dem 
bayerischen Ministerium des Äussern. 

Die sofort vorgenommenen Nachforschungen ergaben, 
dass die verlangten Akten sich nicht in den Räumen des 
Ministeriums befanden. Sie wurden dann am 11. Mai un- 
versehrt in der Privatwohnung Eisners aufgefunden und 
wieder in amtlichen Verwahr genommen. 

Die vom Auswärtigen Amt erbetenen Abschriften wur- 
den sofort hergestellt, darunter auch eine solche des Berichts 
des Geschäftsträgers von Schoen. Sie gingen alsbald nach 
Berlin ab und wurden durch die bayerische Gesandtschaft 
dem Auswärtigen Amte übermittelt. Dieses hat darüber 
unterm 22. Mai Empfangsbestätigung ausgestellt. 

Für die GegendenkschHft der deutschen Viererkom- 
mission über die Schuldfrage haben die Dokumente keine 
Verwendung mehr gefunden. Diese Denkschrift ist noch 

7 



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98 



vor dem 28. Mai abgeschlossen worden, an welchem i age 
sie von Brockdorff-Rantzau der Entente zugeleitet wurde. 

Auch in der Zeit bis zum Ultimatum der Verbands- 
mächte vom 16. Juni 19 19 und bis zum Abschluss des 
Friedensvertrags ist eine VeröfientHchung des Wortlautes 

nicht erfolgt. Erst durch den obio en Artikel des Geheimen 

Leg^ationsrats von Schoen wurde die Bekanntgabe des Wort- 
lautes in der Deutschen Allgemeinen Zeitung herbeigeführt. 

Die deutsche Viererkommission stellte in ihrer Erklä- 
rung vom Anfang August 19 19 fest, dass sie erst aus dem 
Artikel des Herrn von Schoen vom 2* August 19 19 den 
vollen Inhalt des Gesandtenberichtes vom 18. Juli 19 14 
kennen lernte.^) 

Die übrigen in der Eisnerschen Publikation verwerteten 
diplomatische [) Schriftstücke sind im Wortlaute erst bekannt 
geworden durch den Abdruck in der von Kautsky be- 
arbeiteten und von Montgelas und Schücking heraus- 
gegebenen Urkundensammlung „Deutsche Dokumente zum 
Kriegsausbruch^^ 



^} Siehe Abschnitt II, 3, Seite 23. 



* 



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B. Bayerische Gesandtenberichte 

aus den 

letzten Vorkriegswochen 



7* 



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101 



Vorbemerkungen 



. I 

Die amtliche deutsche Aktenpublikation enthält im 4. Band 
als Anhang IV fünfunddreissig diplomatische Schriftstücke 
der bayerischen Gesandtschaft in Berlin aus der Zeit vom 
2. Juli 1914 bis zum 5. August 1914. Damit wurde in die 
deutsche Aktensammlung alles aufgenommen, was die baye- 
rische Gesandtschaft in Berlin in den kritischen Wochen 
vor dem Kriegsausbruch über die aussenpolitische Lage 
nach München zu melden hatte.*) 

Im Hinblick auf die Rolle, welche vier dieser Akten- 
stücke infolge; der Mitteilungen Eisners in der Versailler 
Schuldanklage spielen^ musste es angezeigt und zweckmässig 
erscheinen, die ganze Reihe der Berichte und Meldungen 
der bayerischen Gesandtschaft in Bei'lin zu veröfTentlichen. 
Gleichwohl tauchte in dem Pressestreit über die Enthüllung 
vom 23. November 191 8, der sich von Zeit zu Zeit erneuerte, 
die Behauptung auf, es gebe ausser den in der deutschen 
Aktenpublikation abgedruckten bayerischen diplomatischen 
Schriftstücken noch andere baverische Gesandtenberichte, 
die von grossem Belang für das Urteil in der sogenannten 
Schuldfrage seien, die aber in jenen Sammlungen nicht er- 
schienen seien. Ja, es wurde geradezu die amtliche deutsche 
Publikation als solche in ihren Grundlagen angegriffen mit 
der Angabe, es habe im diplomatischen Dienste Deutsch- 
lands und Bayerns einen doppelten Schriftverk^r gegeben, 



'} Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch, Band IV, Seite x 25 ff. 



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102 



nämlich einen geheimen, in dem die Vorgänge, Geschehnisse 

und Verhältnisse wahrheitsgemäss geschildert worden seien, 
und einen gewöhnlichen amtlichen, der absichdich so zurecht* 
gestutzt worden sei, dass er gegebenenfalls zur Irreführung 
der üflentlichen Meinung hätte dienen können. Damit krache, 
so hiess es, der ganze kunstgerecht aufgerichtete Bau der 
deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch in den innersten 
Fugen. 

Von der bayerischen Berichterstattung wurde gesagt^ 
sie habe in privaten geheimen Mitteilungen an den Minister- 
präsidenten die politische Lage wahrheitsgetreu freier und 

ülfener ckirgestellt als in den ordnungsmässigen amtlichen, 
mit laufenden Nummern versehenen Berichten, welche die 
Lügen für die Öffentlichkeit enthielten. 

Vermeintliche Widersprüche in dem Gesandtschaftsberichte 
des Geschäftsträgers von Schoen vom 1 8. Juli 1914 wurden 
damit erklärt, dass in diesem Schreiben der offizielle amtliche 
und der private geheime Teil zusammengeworfen seien, „weil 
der Verfasser anscheinend von der Übung der doppelten 
Buchführung im diplomatischen Dienste keine Kenntnis hatte". 
Daher hätte an einer Stelle des Berichtes die Rede sein 
können von der Lokalisierung des serbisch-österreichischen 
Konflikts, an einer anderen von der Unterstützung des öster- 
reichischen Vorgehens, selbst auf die Gefahr weiterer Ver- 
wicklungen hin: „Die Lokalisierung des Konflikts war die 
für die Öffentlichkeit bestimmte Lüge und der ins Auge 
gefasste europäische Krieg die für Herrn Bertling bestimmte 
privatime Information des preussisch-deutschen Generalstabs.'* 

Die genaue Prüfung der bayerischen Aktenbestäiide hat 
ergeben, dass diese schweren Vorwürfe unhaltbar rind. 
Gewiss haben die bayerischen Gesandten neben den laufenden, 
an das Ministerium des Äussern gerichteten amtlichen Mel- 
dunoren und Berichten zuweilen auch besondere Infcjrmationen 
an den Ministerpräsidenten oder auch an den König gelangen 
lassen. Aber hinter dieser äusseren Verschiedenheit der 
Berichterstattung verbarg sich keineswegs der verwerfliche 
Zweck, der in jener öffentlichen Anschuidigung behauptet wird. 

Hierüber gibt folgende Aussage Auskunft^- welche der 
frühere bayerische Staatsrat Sigmund von Lössl auf Befragen 



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103 



an die Feststellungskommission des Bayerischen Landtags 
gelangen Hess: 

Es ist selbstverständlich, dass es im Ministerium des Aussem 
auch vertrauliche Berichte gibt, die geheim gehalten werden müssen. 
Zu den Aktenstücken dieser Art wurden seit jeher die politischen 
Berichte der Gesandtschaften gezählt, denn sie enthielten ja viel- 
fach Mitteilungen, die den Gesandten nur vertraulich gemacht 
wurden und die dann weiterhin vertraulich behandelt werden 
niussten, widrigenfalls das Vertrauen, das ein auswärtiger Vertreter 
geniessen muss, sofort untergraben worden wäre. Um nun diese 
vertrauliche Behandlung sicherzustellen, wurden die politischen 
Berichte der Gesandten regelmässig- nicht an das Staatsministerium, 
sondern an den Minister selbst adressiert und auf dem Umschlag 
mit dem Vermerk „persönlich*^ versehen. Solche Berichte durften 
dann nur vom Minister oder seinem Vertreter persönlich geöffiiet 
werden und wurden nicht in den gewöhnlichen Geschäftsgang ge- 
leitet. Insoweit ist es also richtig, dass es zweierlei Bericht- 
erstattungen gab. Die Behauptung aber, dass diese Einrichtung 
dazu gedient haben soll, in dem persönlichen Berichte die wahre 
Sachlage, in einem daneben laufenden offiziellen Berichte aber die 
fi^r die Öffentlichkeit beistimmten f a 1 s c h e n Darstellungen unter- 
zubringen, ist völlig aus der Luit gegriffen, und ebenso unbegründet 
ist es davon zu sprechen, dass Herr von Schoen (der doch schon 
seit einer Reihe von Jahren als jeweiliger Vertreter des Gesandten 
fungierte), in seinem Berichte aus Uuerfahrenheit wahre, o-eheim 
zu haltende und falsche, für die Öffentlichkeit bestimmte Nach- 
richten vermisdit habe. Der Schönsche Bericht gehörte selbst* 
verständlich in seiner Gesamtheit zu den vertraulich zu behandeln- 
den Berichten und der Passus über die deutschen Bestrebungen» 
einen etwaigen kriegerischen Konflikt zwischen Österreich und 
Serbien zu lokalisieren, war sicher ebenso emsthaft gemeint als 
wie der übrige Inhalt. 

Herr von Schoen, der Verfasser des Berichtes vom 
i8. Juli 19 14, äussert sich in einem Schreiben an den Be- 
richterstatter der Landtagskommission wie folgt: 

Die Behauptung der Morgenpost, dass ich keine Kenntnis von 
der Übunf^ einer doppelten Buchführung im diplomatischen 

Dienste gehabt hätte, ist richtig. Aber nicht, weil ich ,,ein junger 
unerfahrener Diplomat war", sondern weil eine solche doppelte 
Buchführung in dem Sinne einer für die Öffentlichkeit zurecht- 
gestutzten Darstellung^ einerseits und einer geheimen, aber wahrheits- 
getreuen Berichterstattung anderseits überhaupt nicht existiert hat. 

Man wird diese Angaben durch die nachfolgende Samm- 
lung bayerischer Aktenstücke bestätigt finden. In ihr sind 



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104 



alle Berichte der in Berlin, Wien, Petersburg, Paris und 
Rom, also in den Hauptstädten kriegführender Staaten, tätig 
gewesenen bayerischen Gesandtschaften aufgenommen, die 
sich mit der politischen Hochspannung und der 
drohenden Kriegsgefahr in den letzten Vorkriegs- 
wochen befassen. Auch die schon in der deutschen Akten- 
publikatton erschienenen Berliner Berichte sind, der Vollständig- 
keit halber, und um sofortige Vergleiche und eine leichtere 
Übersicht zu ermöglichen, hier nochmal beigegeben.^) 

Aus der Zusammenstellung, wie überhaupt aus den 
bayerischen diplomatischen Akten ergibt sich Folgendes: 
Ein Teil der Schreiben ist gerichtet an das Ministerium 
des Äussern als solches ; ein anderer Teil an den Vor- 
sitzenden im Ministerrate persönlich; wieder ein anderer 
Teil immittelbar an den König« Ein Unterschied in der 
Berichterstattung in dem Sinne, als ob die gewöhnliche 
laufende Berichterstattung nut der Wahrheit absichdich zurück- 
gehalten hätte und als ob nur die . sogenannten geheimen 
und persönlichen Berichte diese zum Ausdruck brächten, 
ist nicht zu erkennen. Sämtliche Mitteilungen, gleichviel an 
wen sie gerichtet sind, und wie ihre Anschrift lautet, galten 
als amtliche Aktenstücke und sind im Ministerium des 
Aussem als solche behandelt worden. Man kann auch von 
den Berichten und Meldungen, die privat an den Vorsitzen- 
den im Ministerrate adressiert waren, nicht schlechthin als 
von ,,Privatbriefen" sprechen, wie das in der deutschen 
Aktenpublikation geschieht, sofern man unter Privatbriefen 
eine nichtamdiche Mitteilung verstehen könnte. Auch diese 
sind, wie gesagt, als amdiche Schriftstücke behandelt und 
zu den geheimen Akten genommen worden. Ebenso ge- 
langten die unmillelbar an den König gerichteten Schreiben 
der Gesandten an das Ministerium des Äussern und wurden 
dort als amtliche Berichte in Verwahr genommen. 

In der nachfolgenden Veröffentlichung sind die diplo- 
matischen Schriftstücke nach den im Ministerium des Aussem 
vorhandenen originalen Ausfertigungen wiedergegeben, so- 
weit es sich um die Gesandtenberichte aus Wien, Peters- 



) Dort nicht enthaltea ist der Bericht unter Nr. x uad 2. 



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105 



bürg, Paris und Rom handelt. Die Berliner Schriftstücke 
erscheinen, wie in der amtlichen deutschen Publikation, 
nach den in den bayerischen Gesandtschaftsakten in Berlin 
vorhandenen Urschriften. 



2 

Ihrem Inhalt nach flKgen sich die bayerischen Ge- 
sandtschaftsberichte ein in die Sammlung der „Deutschen^ 
Dokumente zum Kriegsausbruch.'^ Sie können, soweit man 

sie als Geschichtsquellen oder als urkundliche Zeugnisse in 
der Frage der Schuld am Kriege zu Rate ziehen will, nur 
im Kähmen und im Zusammenhang dieser grossen 
deutschen Aktenpublikation richtig gewertet und 
verwertet werden. Hierbei darf auch die österreichische 
Aktenveröffentlichung nicht übersehen werden, die unter 
dem Titel „Das Wiener Kabinett und die Entstehung des 
Weltkrieges*^ von Roderich Goos im Auftrage des Wiener 
Staatsamtes des Aussem eingehend behandelt ist. 

Sie ermöglicht vor allem lehrreiche und nützliche V^er- 
gleiche mit den bayerischen Meldungen aus Wien und 
Berlin. Auch ausländische Dokumente und Veröffentlichungen, 
die im Laufe der letzten Jahre amtlich, privat, in Memoiren- 
werken oder sonstwie in den Verbandsländern und aus rus- 
sischen Archiven bekannt geworden sind, kommen in Betracht. 

Es ist zu beachten, dass Gesandtenberichte überhaupt 
die Vorgänge, Handlungen, Ereignisse, Verhältnisse nicht 
immer nach unmittelbaren Wahrnehmungen oder Beobach- 
tungen schildern können, sondern zuweilen auch auf Infor- 
mationen aus zweiter und dritter Hand angewiesen sind. 
Und die bayerischen Gesandtschaften in ausserdeutschen 
Ländern waren ja keineswegs völlig selbständige aussen- 
politische Dienstesstellen, sondern bestanden auf Grund der 
bayerischen Reservate lediglich als Vertretungen mit be- 
schränktem Aufgabenkreis in Anlehnung an die Botschaften 
des Deutschen Reiches, neben denen sie ein eigenes Tätig- 
keitsfeld auf dem Gebiete der auswärtigen Politik nicht 
hatten und nicht haben konnten. 



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106 

Diese Umstände sind für die Wertung ihrer Berichte 
von erheblicher Bedeutung". 

Was Berlin anlangt, so war es dort üblich, die Ver- 
tretungen der deutschen Einzelstaaten von Zeit zu Zeit 
über die wichtigsten aussenpolidschen Angelegenheiten zu 
unterrichten, soweit das vom Auswärtigen Amt für notwendig 
erachtet wurde. Die Bayerische Gesandtschaft pflegte sich 
aber selbstverständlich auch aus anderen Quellen Infor- 
Dilationen zu verschaffen. Die persönlichen Beziehungen, 
die dem langjährigen bayerischen Gesandten Grafen Ler- 
chenfeld in der Reichshauptstadt zu allen leitenden Persön- 
lichkeiten, insbesondere auch zu dem Reichskanzler von 
Bethmann Holl weg, zu Gebote standen, setzten ihn in die 
Lage, auch während der letzten kritischen Tage vor dem 
Kriegsausbruch die Münchner Regierung meist rasch und 
zutreffend zu unternditen. 

Was im besonderen den viel umstrittenen Bericht des 
Geschäftsträgers von Schoen betrifft, so gibt dieser einleitend 
selbst seine Informationsquellen an, nämlich den Unterstaats- 
sekretär Dr. Zimmermann und die Referenten für die Baikan- 
poHtik und Dreibundangelegcnheiten im Auswärtigen Amte, 
dann den Botschaftsrat der österreichisch-ungarischen Bot- 
schaft in Berlin. 

Gewiss Persönlichkeiten, die im allgemeinen als gut 
unterrichtet gelten konnten» die aber doch nicht als ver- 
antwortliche Mithandelnde in erster Linie standen. 

Aus diesen Umständen erklärt sich ganz natürlich, 
dass der Bericht vom 18, Juli 19 14 verschiedene Ab- 
schattungen in der Darstellung der Vorgänge, Ereignisse und 
Zusammenhänge auiwcist, die von mancher Seite als Wider- 
sprüche gedeutet worden smd und dass einzelnen Angaben 
des Berichts von beteiligter Seite widersprochen wurde. ^) 



^) Vgl. die Entgegnungen Bethmann HoUwegs und Zimmermanns, 
Abschnitt A IV, 4, 5. — Weiter die Äusserungen dieser beiden Staats- 
männer im Beilagenband zu den Verhandlungen des Untersuchungs- 
ausschusses der Nationalversammlung, i. ITnterausschuss : „Zur Vor- 
geschichte des Weltkrieges" S. 12 ff.; 31 ff. Dort auch die Denk- 
schrift Viktor Naumanns S« 36. — Ferner die nachfolgend angeführten 
Darlegungen Tuchers und von Lössl's S. 55 und S. 89. 



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107 

Es ist von Nutzen, in diesem Zusammenhang auch 
eine Mitteilung kennen zu lernen, welche der ehemalige 
bayerische Gesandte in Wien, Freiherr von Tu eher unterm 
5. Januar 1920 an den Untersuchungsausschuss des Deut- 
schen Reichstages gelangen Hess, ebenso eine solche Mit- 
teilung des Staatsrats a. D. von Lössl. 

Dieser Ausschuss hatte sich auch mit dem Vorwurf zu 
befassen, dass der ehemalige deutsche Botschafter in Wien, 
Herr von Tschirschky zum Kriege gehetzt habe. Entgegen 
dieser Beschuldigung und übereinstinunend mit anderen 
Aussagen, z. B. derjenigen des Vertreters der „Frank- 
furter Zeitung*' in Wien, erklärt Freiherr von Tucher, 
dass er in der Tätigkeit des deutschen Botschafters in Wien 
kein Drängen oder Treiben zum Kriege wahrgenommen 
habe und führt dann an: 

Wenn Herr von Tschirschky eine den Krieg schürende Hai- 
tung angenommen hätte, so wäre es mir bei meinen fast täglichen 

"Rcf^egnvine^en mit dem Botschafter sicherlich aufgefallen. Ich 
würde mich darüber mit meinem verstorbenen sächsischen Kollegen 
Grafen Rex ausgesprochen haben und mich dessen gewiss entsinnen. 
Auch würde ich, der ich selbst von Anfang an von der grossen 
Gefahr des Kriegsuntern chmens bei ungenügender diplomatischer 
Vorbereitung durchdrungen war, zweiteUos eine solche Haltung des 
Botschafters für bedenklich und unheilvoll gehalten und zum Gegen- 
stand meiner politischen Berichterstattung gemacht haben. Davon 
findet sich jedoch in meinen Berichten nicht die entfernteste 
Andeutung. 

Dagegen ist mir in lebhafter Erinnerung, dass Herr von 
Tschirsch^ immer wieder betont hat, Österreich-Ungarn habe zu 
beurteilen, was seine Lebensinteressen seien und zu entscheiden, 
wie und wann es dieselben zu verteidigen habe. Deutschland stehe 
dem Bundesgenossen treu zur Seite und werde alle Konsequenzen 
aus dem Bündnis ziehen. 

Diese Blankovollmacht, die sich heute als verhängnisvoll dar- 
stellt, erschien uns damals in Wien in der Entwicklung der Ereig- 
nisse nach dem Attentat durchaus nicht als zu weitgehend, sondern 
als etwas selbstverständliches, ja sogar als das mindeste, was 
Deutschland tun konnte. Unser Haupteindruck war, dass Österreich- 
Ungarn, dessen Balkanpolitik ich keineswegs gutheissen will, durch 
die grossserbische Propaganda in seiner Existenz bedroht war und 
dass Deutschland den Bundesgenossen, der ihm Beweise seiner 
Treue (Algeciras, Haag, Ischl) gegeben hatte, nicht im Stiche 
lassen könne. Eine gewisse Scheu, auf die Erwägungen und Be- 



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106 



Schlüsse der österreichisch-ungarischen He^^ierung einzuwirken, ent- 
sprach der grundsätzHciicn Eiuhakuiig der li,inmischung, welche 
durch die grosse Empfindlichkeit der Österreichischen wie der unga- 
rischen Staatsmänner und der öffentlichen Meinung in Österreich* 
Ungarn geboten war. 

Jetzt sieht sich freilich alles das in ganz anderem Lichte an. 

Auf Herrn von Tschirschkys Haltung zurückkommend, muss 
ich nach meinem Wissen für ungerechtfertigt erklären, den ver- 
storbenen Botschafter als Kriegsschürer hinzustellen und ihm einen 
wesentlichen Teil der Verantwortung^ für das Vorgehen der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung geilen Serbien aufzubürden. 

Über die Einwirkung der politischen und militärischen Stellen 
der deutschen Regierung auf Herrn von Tschirschky vermag^ ich 
nichts auszusagen, da mir der Botschafter bei aller Intimitat keine 
Mitteilungen über seine Instruktionen machte. Unsere Aussprachen 
bezogen sich auf den Gang der Ereignisse und das Vorgehen der 
österreichisch-ungarischen Regierung, nicht aber auf die Aufträge 
der deutschen Regierung. 

Das Ergebnis meiner Erkundigungen und Beobachtungen habe 
ich pflichtgemäss, und ich glaube sagen zu dürfen, erschöpfend in 
den Berichten an meine Regierung niedergelegt. Was sich dort 
an ein?G^ermassen wichtigen Vorgängen nicht erwähnt findet, ist 
auch nicht zu meiner Kenntnis oder Wahrnehmung gelangt. 

Auf die Frage des Untersuchungsausschusses des Reichs- 
tages, wann und wie das österreichisch-ungarische Uitimatum 

bei der Regierung in München bekannt geworden sei, 
antwortet der Staatsrat a. D. Sigmund von Lössl, 
der Wortlaut oder volle Inhalt des Ultimatums sei der 
bayerischen Reo^ierung erst am 24 Juli 191 4 aus der in 
den Zeitungen erfolgten Veröffentlichung der österreichisch- 
ungarischen Note zur Kenntnis gekommen. Er fligt bei: 

Von der Absicht der Österreichisch-ungarischen Regierung, 
eine befristete Note an Serbien zu richten, und von einzelnen 
Punkten der Note hat die ba3rerische Regierung allerdings schon 
früher Kenntnis erhalten. 

(Es werden die einschlägigen Stellen aus den Berichten des 
Wiener Gesandten vom 6., 10., 14., 18,, 21. und 23. Juli zitiert.) 

Am 24. Juli erschien, dann In den Zeitungen der Worttaut der 
österreichisch-ungarischen Note an Serbien vom 22. Juli 19 14. Die 
Mehrzahl der* in dieser Note Serbien auferlegten Bedingungen war 
meines Wissens der bayerischen Regierung vor der Veröffentlichung 
unbekannt; auch möchte ich erwähnen, dass es sich bei den oben 
aufgeführten Gesandtschaftsberichten» in denen einzelne der Be- 
dingungen enthalten waren, nur um Berichte über eingezogene Er- 



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109 



kuridigungen, nicht aber um Initiativmitteilungen der österreichisch- 
ungarischen Regierung oder der Reichsleitung handelte. Inwieweit 
neben diesen Berichten etwa auch mundliche Mitteilungen des öster- 
reichisch-ungarischen und des preussischen Gesandten in München 
emhergingen, entrieht sich meiner Kenntnis. Eine offizielle^ Ver- 
ständigung der. bayerischen Regierung von dem Vorgehen Öster- 
reich-Ungims gegen Serbien ist erst am 24. Juli, also am Tage der 
Veröifenüichiing durch die Presse, erfolgt, indem der hiesige öster- 
reichisch-ungarische Gesandte dem Ministerpräsidenten Grafen Hert- 
ling die Note, die Österreich-Ungarn am 24. Juli 1914 an die Drei- 
bundbotschafter gerichtet hat und worin auf das veröffentlichte 
Ultimatum Bezug genommen ist. durch Vorlesen bekannt ^nh. 

Wenn nun an diese Feststellungen über das Bekanntwerden 
des Ultimatums etwa die Frage geknüpft werden sollte, warum 
die bayerische Recrieruncr nicht die kriegerische Entwickiune^ der 
Dinge zu hemmen versucht hat, so weiss ich nicht, ob niciitGraf 
H e r 1 1 i n g vielleicht tatsächlich in diesem Sinne, sei es in Privatbriefen, 
sei es in mündlichen Besprechungen, gewirkt hat. Da die Akten 
über einen bezüghchen Schritt nichts enthalten, möchte ich aber 
hervodieben, dass die ba3rerischef Regierung nicht berechtigt war, 
sich offiziell in den Gang der auswärtigen Poh'tik einzumischen. 
Die auswärtige Politik war nach der alten Reichsverfassung — 
ebenso wie nach der neuen — ausschliesslich Sache der Reichs* 
leitung, und die bayerische Recyierun^ hnt sich von jeher zurück- 
gehalten, bei Fra^^en (ier auswartit^^en Politik mit Ratschlägen her- 
vorzutreten, denn sie hätte sich dabei berechtigter Zurückweisung 
ausgesetzt. Die Natur der Sache erfordert, dass die auswärtige 
Politik an einer Stelle gemacht wird, wie es ja auch praktisch un- 
möglich ist, gerade bei Abwicklung getahrlicher politischer Situationen, 
wo jede Stunde neue Wendungen bringen kann, die einzelnen bundes- 
staatlichen Regierungen über alle rasch aufdnander folgenden Schritte 
auf dem laufenden zu halten» geschweige denn zu jedem Schritt 
erst die Zustimmung der einzelnen Regierungen einzuholen. Die 
Reichsverfassung hat mit Recht die Leitung der auswärtigen Politik 
der Reichsregierung allein übertragen, die daher auch allein die 
Verantwortung dafür trägt. Die alte Reichsverfassung hatte allerdings 
einen B un de s ra t s a u s sc h u s s für auswärtige Angelegenheiten 
unter dem Vorsitze Bayerns geschaffen, allein schon die Tatsache, 
dass in diesem Ausschusse Preussen nicht Mitglied war, besagt 
deutlich, dass es sich dabei nicht um eine beschliessende Stelle 
gehandelt hat, sondern um ein Organ, das lediglich flir Mitteilungen 
der Reichsleitung an die Regierungen der grösseren Bundesstaaten 
bestimmt war. Richtig ist, dass die bayerische Regierung bestrebt 
war, diesem Ausschuss mehr Bedeutung zukommen zu lassen, als 
dies in den ersten 30 Jahren des Reiches der Fall war, in denen 
der Ausschuss nur fünfmal zusammenberufen war, und es wurde 
erreicht, dass seit dem Jahre 1908 der Ausschuss regelmässig einmal 



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110 

im Jahf€ zu Beginn der Etatsberatung versammelt wurde. Erst im 
Lairfe des Krieges wurde der Ausscfauss öfter berufen und vor Be- 
ginn des scharfen U-Bootkrieges fend darin sogar eine förmliche 
Beratung statt; doch auch da wurde von einer Beschlussfassung 
abgesehen. 

Die Berufung des Bundesratsausschusses für auswärtige Angre- 
legenheiten wurde regelmässiö^ vorher zwischen dem Reichskanzler 
und dem bayerischen Ministerpräsidenten vereinbart. Die Initiative 
ging dabei bald von der einen, bald von der anderen Seite aus. 
Ob eine solche Anregung von einer der beiden Seiten auch vor 
Kriegsausbruch 19 14 erging, erinnere ich mich nicht; die Ministerial- 
akten enthalten nichts davon. Vor der Veröffentlichung des öster- 
reichisch-ungarischen Ultimatums war die Berufung des auswärtigen 
Ausschusses wohl schon deshalb ausgeschlossen, weil durch dessen 
Zusammentritt, der ja nicht verborgen bleiben konnte, grosses Auf- 
sehen erregt und die von Österreich-Ungarn verlangte Geheimhal- 
tung der Angelegenheit durchkreuzt worden wäre. Am Tage nach 
der Ablehnung des Ultimatums, d. i. am 26. Juli, erging aber schon 
ein Schreiben des Reichskanzler-Stellvertreters, worin die Bundes- 
regierunrren ersucht wurden, mit Rücksicht auf die politische Lage 
Fürsorge zu treffen, dass , falls die schleunige Versammlung des 
Bundesrats notwendig werden sollte, die Regierungen vertreten sind. 
Es konnte also angenommen werden, dass die Berufung des Bundes- 
ratsplenums demnächst erfolgen werde, was den besonderen Zu- 
.^ammentritt des Ausschusses ftir auswärtige Angelegenheiten wohl 
«licht notwendig erscheinen liess. 

Die Frage, ob zu der Bundesratssitzung auch die leitenden 
Minister erscheinen sollten, wurde zwischen den nächstbeteiligten 
bundesstaatlichen Ministern und dem Reichskanzler - Stellvertreter 
•erörtert; auf Grund mehrfacher Telephonate und Berichte aus Berlin 
unterblieb aber schliesslich die Reise des Grafen Bertling nach Berlin, 
wobei die Besorgni«; mitbestimmend war, dass die alsbaldige Rück- 
reise von Berlin vielleicht nicht mehr möjjlich sein würde. Ich 
erinnere mich in dieser Beziehung an cmc Äusserung des Grafen 
Hertling, wornach er in diesen Tagen seine Anwesenheit in München 
für wichtiger hielt, als seine Teilnahme an den Verh:indlun<Ten in 
Berlin. Ich glaube, Graf Hertling war davon überzeugt, dass die 
Reichsleitung — bei aller Unterstützung unseres Bundesgenossen — 
-sich die erdenklichste Mühe geben würde, Deutschland vor den 
Schrecken des Kri^es zu bewahren. Graf Lerchenfeld hatte noch 
am 29. Juli berichtet: 

,,Die Politik des Deutschen Reiches ist darauf gerichtet, dass 
der Alliierte mit einem Gewinn an Prestige aus- der Sache hervor- 
geht, aber der Weltfriede erhalten bleibt." ^) 



Siehe B, 47. 



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III 

i 



Gesandtenberichte 



Nr. I 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Mnisterrate 

Bericht 328 Beflm, den 4. Juni 1914 

Hocfaverdirter Freund I 

Wie ich gestern schon berichtete, war ich bei Herrn von Beth- 
mann, den ich seit dem Tode seiner Frau nicht gesehen hatte. Ich 
fand ihn weich, aber gefasst und aufrecht» fest entsdilossen, seinen 
Dienst wie bisher zu leisten. 

Abq^esehen von dem, was (ier Reichskanzler mir über Mexiko 
und Albanien mitteilte (Rericht vom 3. ds. Mts. Nr. 307) sprach er 
auch über die allgemeine politische Lage und zwar diesmal, wie ich 
besonders unterstreichen will, durchaus nicht optimistisch. Ich will 
damit nicht {gesagt haben, dass Herr von Bethmann bei seinen Mit- 
teilungen im diplomatischen Ausschuss oder bei früheren Gesprächen 
mit mir und memen Kollegen absichtlich die Stellung Deutschlands 
in der Welt zu rosig geschildert hat. Aber idi kann die Kritik nicht 
ganz unterdrucken, (^s in Beurteilung der Gesinnimg anderer Mächte, 
namentlich Englands und Russlands, der Leiter unserer Politik oft von 
einer imberechtigten Vertrauensseligkeit erfüllt gewesen ist. Man liatte 
manchmal den Eindruck, als wenn jede Versicherung freundschaftlicher 
Gesinnung vom Reichskanzler für bare Münze hingenommen würde, und 
als ob Verständicfim^en über untergeordnete Dinge von ihm viel zu hoch 
in ihrer Wirkung auf die allgemeine Tolitik eingeschätzt würden. 
Manchesmal klang sogar eine gewisse Zuversicht durch, dass es 
gelingen werde, unsere Beziehungen zu England und Russland völlig 
umzugestalten. Emen gewissen Erfolg in der Besserung der Be- 
ziehungen kann man dem Reichskanzler gewiss nicht absprechen. 
An die Stelle Aes geradezu gespannten Verhältnisses zu den Staaten, 
auf die es zurzeit ankommt, sind dank der grösseren Ruhe, die die 
deutsche Politik im Vergleich zu der Aera Holstein charakterisiert 
und durch das Vertrauen, das die Person des leitenden Staatsmanns 
sich überall erworben hat, normalere und korrektere Beziehungen 



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112 



getreten. Aber die Grdklrichtung der englischea und ntssischen 
Politik uns gegenüber hat Herr von Bedunann nicht zu ändern Ver- 
modbt Das hat sich bisher jedesmal gezeigt, so oft Fragen auf- 
tauchten, die das tiefere politische Leben jener Staaten berührten. 
So ist es Herrn von Bethmann trotz wiederholter Versuche nie 
gelungen, einen Neutralitätsvertrag mit England abzuschliessen und 
was Russland betrifft, so hat dessen Behandlung der Anstellung des 
Generals Linian in der Türkei mit aller Deutlichkeit gezeigt, auf wie 
gerinsj^es I entgegenkommen Deutschland in Petc^rsburir zu rechnen 
hat, sobald es sich um eine Kernfrage der russischen l'olitik handelt. 
Dass in der Liman-AnL^elegcnlieit England sofort auf die russische 
Seite getreten ist, hat dieses Bild unlieb vervollslandigt. 

Es scheint, dass solche Erfahrungen ihren Eindruck auf den 
Reichskanzler nicht verfehlt haben, denn seine gestrigen Ausfuhrungen 
waren von der früheren Vertrauensseligkeit völlig frei, ja er bezeichnete 
rund heraus unsere auswärtige Lage als keine schöne. 

Was England betrifft, so lauteten seine Ausfuhrungen ungefähr 
dahin: Zu allen Zeiten habe die britische Macht immer gegen die 
stärkste Macht auf dein Kontinent gestanden. Zuerst gegen Spanien, 
dann gegen Frankreich, später gegen RussUnd, jetzt gegen Deutsch- 
land. England woUe kdnen Krieg. Er ^ der Rdcfaslcanzler — 
wisse bestimmt, dass die englische Regierung in Paris wiederholt 
erklärt habe, dass sie keine provokatorische Politik und keinen vom 
Zaune gebrochenen Krieg gegen Deutschland mitmache. Aber das 
hindere nicht, dass, wenn es zum Kriege käme, wir England nicht 
auf unserer Seite finden würden. Ob, fuhr der Reichskanzler fort, 
nicht von seinem V or^änger versäumt worden sei, sich mit England 
seinerzeit zu verständigen, wolle er dahingestellt lassen. England 
habe sich — das stehe fest — angeboten, aber er glaube noch immer, 
dass die englische Freundschaft auch damals nur um den Preis zu 
erlangen gewesen wäre, dass Deutschland keine starke Kriegsflotte 
baue. Ob uns dieser Verzicht möglich gewesen wäre, darüber sei 
es heute mÜssig zu sprechen. 

Ich erwiderte, dass, wenn England wirklich die Erhaltung des 
Weltfriedens wolle, es nicht mit Frankreich und Russland, sondern 
mit uns gehen müsste. Die platonischen Verwarnungen vor einem 
Aggressivkriege hätten keinen Wert, wenn bei den Ententemächten 
das Vertrauen auf Unterstützung wach erhalten würde. Solche 
Gerüchte, wie dass eine Kooperation der russischen mit der englischen 
Flotte für den Kriegsfall vereinbart werden solle, seien, wenn sie 
unwidersprochen bleiben, durchaus geeignet, den kriegerisch gesinnten 
Elementen den Rücken zu stärken. Wenn es zum Kriege komme, 
so würde England die Schuld daran tragen. Der Reichskanzler gab 
dies bis zu einem gewissen Grade zu. 

Ich bemerkte dann weiter, dass bei dem Riistungsfieber in Russ- 
land und Frankreich und vor allem bei der teüs auf Unverstand, teils 



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113 



auf Gewissenlosigkeit beruhenden Presshetze in allen Ländern es Über 
kurz zum Kriege kommen müsste, wenn Irgendwo ein Mann erstünde, 
der die Verantwortung auf sich nehmen wollte, zuerst das Schwert 
zu ziehen. 

Der Reichskanzler pflichtete dem mit dem Hinzufügen bei, dass 

zu allem anderen der moderne Krieg das Rätsel aufgeben würde, 
wie mnn die Bevölkerung^ in Kriegszeiten ernähre. So rasch wie 
der Krieg von 1870 werde bei der Verwendung der Millionenheere 
der künftige Kampf sich nicht abspielen. Von Frankreich drohe 
kaum die Gefahr. Man werde trotz der Beschlüsse von Paris die 
dreijährige Dienstzeit durchfuhren. Aber den Krieg wolle man in 
Frankreich nicht Russland sei gefahrlicher. Dort könne der Slaven- 
taumei die Köpfe so verdrehen, dass Russland eines Tages Dumm- 
heiten macht , 

Die Unterredung kam dann auf den von vielen Militärs gefor- 
derten F^ventiidcrieg. Ich sprach die Ansicht aus, dass fUr Sesen 
der rechte Augenblick schon versäumt sei. Der Reichskanzler bestätigte 
dies, indem er die militärische Lage im Jahre 1905 als diejenige 

bezeichnete, die für uns die grössten Chancen geboten hätte. Aber 
der Kaiser habe keinen Präventivkrieg geführt und werde keinen 

fuhren. Es gebe aber Kreise im Reich, die von einem Krieg eine 
Gesundung der inneren Verhaltnisse in Deutschland erwarten, und 
zwar im konservativen Sinne. Er — der Reichskanzler — denke 
aber, dass ganz im Gegenteil ein Weltkrieg mit seinen gar nicht zu 
übersehenden Folgen die Macht der Sozialdemokratie, weil sie den 
1 ricdcn predigt, gewaltig steigern und manche Throne stürzen könnte. 

Der Reichskanzler kam dann auf Rüstungsfragen, insbesonders 
die strategischen Bahnen zu sprechen und wiederholte, was mir schon 
Minister Breitenbach vor einigen Tagen gesagt hatte. Danach stellt 
sich auf Grund der letzten Fofderungen des Generalstabs der Kosten- 
voranschlag auf 700 Millionen. Es handelt sich nicht allein um 
neue Aufmarschlinien an der Ost- und Westgrenze, darunter eine 
sdir kostspielige moselaufwärts, sondern um Rochadelinien durch das 
ganze Reich, die es ermöglichen sollen, jedes einzelne Korps von 
West nach Ost und umgekehrt rasch zu befördern. Preussen hat 
bereits mit dem Bau begonnen, ohne die parlamentarische Genehmigung 
abzuwarten und ohne mit dem Reich sich über eine Kostenteiking 
verständigt zu haben. Verhandlungen hierüber sind im Zuge. 
Minister Breitenbacb sagte mir noch, dass er nicht kleinlich sein 
wolle und bereit sei, eine sehr hohe Pauschsumme zu übernehmen. 
Die ganzen Kosten könne aber auch Preussen nicht tragen. 

[Es folgen kurze Mitteilungen über innenpolitische Gegenstände.) 
In getreuer Verehrung und mit vielen Grüssen 

Lerchenfeld 
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Nr. 2 

Der Gesandte tu Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 356 Beriin, den 29. Juni 1914 

Das furchtbare Ereignis in Serajewo ist zuerst durch eine Meldung 
des dortigen deutschen Konsulats hier bekannt geworden. 

Ich habe gestern und heute mit dem Botschafter Grafen Szögyeny 
und einigen Herrn die mög^lichen Folgen des Ereignisses besprochen. 
Man war der Ansicht, dass abzuwarten sein wird, ob die Erhebungen 
in Serajewo Fäden zu Tage fördern, die nach Belgrad reichen, und 
wenn dies der Fall sein sollte, welche Kreise in Serbien an einer 
Verschwörung beteiligt gewesen sind. Sollten sich dabei ftir die 
der Regierung nahestehenden Kreise belastende Momente feststellen 
lassen, so könnte eine Spannung zwischen Serbien und Österreich- 
Ungarn eintreten, die auf die ganzen Balkanverhältnisse eine bedenk* 
liehe Wu-kung haben miisste. 

In Österreich-Ungarn selbst sollte der Tod des Thronfolgers 
zunächst nichts ändern. Aber sein Einfluss, namentlich in Personal- 
fragen, war doch in den letzten Jahren ein so ausschlaggebender 
gewesen, dass man das Fehlen dieses Einflusses bald überall fühlen 
dürfte. 

Dass die Politik des Grafen Berchtold manchen Gegner in Öster- 
reich liat und dass sie auch im hiesigen Auswärtigen Amt nicht 
günstig beurteilt wird, ist Euer Exzellenz bekannt Graf Berchtold 
ist aber der Mann des Thronfolgers gewesen, und es könnte darum 
wohl geschehen, dass der Grraf, seiner stärksten Stütze beraubt, über 
kurz oder lang zurücktritt. Ebenso könnte g^eschehen, dass eine 
andere Schöpfung des Erzherzogs, Graf Czemin in Bukarest, der 
nach hiesiger Uberzeugung unglücklich dort amtiert, einer gewand' 
teren Persönlichkeit Platz macht. 

Erzher^oq' Franz Ferdinand war kein Freund der Ungarn, und 
es ist ihm zuzuschreiben, dass mit der seit den sechziger Jahren 
bestehenden Tradition gebrochen wird, wonach ein Ungar den Ge- 
sandten- und Botschafter-Posten in BerUn bekleidet hat. Es hat auch 
der ganzen Überredungskunst des Erzherzogs bedurft, vuii S. M. dem 
Kaiser Wilhelm, der den Grafen Szögyeny sehr geschätzt hat und 
dem Prinzen Hohenlohe nicht sehr geneigt scheint, die Zustimmung 
zu dem bevorstehenden raschen Wechsiel zu erhalten. 

Man kann also darauf gefasst sein, dass mit anderen Männern 
auch eine andere Richtung der Politik Österreich- Ungarns sich an- 
bahnen wird, die hoffentlich bessere Erfolge als die bisherige erzieh. 
In zwei Beziehungen wird allerdings der Hingang des Erzherzc^- 
Thron folgers eine schwere Lücke zurücklassen. Einmal wird sein 
Einüuss auf die österreichisch-ungarische Armee fehlen imd dann 



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wird das von Jahr zu Jahr intimere Verhältnis zwischen Kaiser Wilhelm 

und dem Österreich - ungarischen Thronfolger oft vermisst werden, 
wenn es sich darum handeln wird, Gegensätze zwischen dem alliierten 
Deutschland und Österreich-Ungarn auszugleichen. 

Ich habe versucht, über die T age in Albanien und Mexiko 
einiges zu erfahren. Nach den Aufschlüssen, die ich im Auswärtigen 
Amt erhielt, sind aber die Zustande in beiden Ländern noch so ver- 
worren, dass sich nichts vorhersagen lässt. 

Uber die Lage in Albanien scheint nur so viel zu sagen zu sein, 
dass die Aufständigen sich scheuen, Durazzo ernsthaft anzugreifen, 
weil sie fürchten, unter das Feuer der Schiffskanonen zu geraten. 
Im Lande selbst geht aber alles drunter und drüber. Der Gedanke, 
falls der Fürst Wilhelm sich nicht halten könnte, ihn durch den 
ägyptischen Prinzen Fuad zu ersetzen, ist ganz aufgegeben, wdl die 
Balkanstaaten, an der Spitze Serbien, erklären, sie hätten nicht den 
Kampf g^en die Türkei unternommen, um jetzt ein neues moham- 
medanisches Fürstentum entstehen zu lassen. Über den österreich- 
ungarischen Vorschlag, den englischen Oberst Philipps als Befehls- 
haber der internationalen Truppen in Skutari eine Miliz bilden zu 
lassen, wird zwischen den Mächten nicht mehr gesprochen. Er 
scheint aufgegeben. Was aber geschehen soll, wenn Fürst Wilhelm 
beseitigt wird oder zurücktritt, ist eine offene Frap-e. Wie mir im 
Auswärtigen Amte gesagt wird, herrscht bei allen Mächten eine ent- 
scliiedene Abneigung, dem ,,Was dann" irgendwie naiicrzutreten. 
Soll zunächst die europäische Kontrollkommission die Regierung 
übernehmen, soll ein neuer Fürst gesucht werden, darüber müssten 
die Mächte sich Idar werden. Sie lehnen dies aber ab und so dauern 
Kampf und Aufstand einstweilen fort. 

Aus Mexiko ist die Nachricht gekommen, dass Tepik, wo die 
bedeutendsten deutschen Interessen sind, zurzeit nicht bedroht ist 
In der Hauptstadt würden alle fremden und alle besseren mexika- 
nischen Elemente dringend die Besetzung der Stadt durch die Ameri* 
kaner wünschen, um vor Raub und Plünderung durch die Aufstän- 
dischen geschützt zu werden. Amerika scheint aber nicht daran 
zu denken, überlässt vielmehr das Land seinem Schicksal. Die Ver- 
handlungen in Niagara scheinen wenig Zweck zu haben? da die 
Generäle Caranza und Villa ihre eigenen Zwecke verfolgen und einer 
Konsolidierung der Verhältnisse unter einem anderen Präsidenten 
ebensowenig geneigt sind wie der unter Huerta. 

Lerchenfeld 



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Nr. 3 

Der Gesandte in Wien an den König 

Bericht 236/XV Wien, den 30. Juni 1914 

Angekommen i. 7. 14. 

Das Attentat in Sefajewo, wddies am Sonntag vormittag dem 
Erzherzog-Thronfolger und sdner Gemahlin das Leben raubte, wurde 
im Laufe des Nachmittags bekannt und hat allenthalben Entsetzen 
und Empörung hervorgerufen. 

Nach Ischl gelangte die Trauerbotschaft gegen i Uhr und \\'urde 
dem Kaiser durch den Gencraladjutanten Grafen Paar übermittelt. 
Seine Majestät hörten die Meldung gefasst an, bestimmten sofort flir 
den folgenden Tag die Rückkehr nach Wien und %vünschten das 
Diner allein einzunehmen. Der NachmittajT verging mit der gewohnten 
Arbeit, nach wohldurchschlafener Nacht wurde die Reise nach Schön- 
bruim unternommen und seit gestern Mittag weilt der Kaiser dortselbst, 
wo er Audiensen erteilt und die notwendigen Anordnungen trifft. 

[Folgt eine Schilderung des Hergangs des Überfalls.) 

Die Planmässigkeit der Attentate ist offenkundig, die Verbrecher» 
in deren Besitz sich grössere Geldbeträge fanden, sind bosnische 
Serben, die in letzterer Zeit in Belgrad weilten, woher sie auch die 
Bomben erhielten; sie gestehen, auf Verabredung t^ehandelt zu haben. 
Der Anschlag ist also zweifellos eine Frucht der seit Jahren von 
Belgrad her betriebenen Verhetzung der Serben der Monarchie und 
zeugt von der Tiefe des Hasses der Serben des Königreichs gegen 
Österreich-Ungam. Erzherzog Franz Ferdinand lallt als Hmdemts 
der Durchführung der grossserbiscfaen Idee und ab G^;ner über- 
wiegend russischen Einflusses auf dem Balkan. 

So ergreifend und bedauernswert der gemeinsame Tod des in 
Liebe verbundenen hohen Paares und die doppelte Verwaisung ■ der 
erzherzoglichen Kinder ist, so wird dieses Drama noch weit über- 
tro flfen durch die schmerzliche Erkenntnis der trostlosen politischen 
Zustände, welche dieses Attentat gezeitigt haben. Die Monarchie ist 
schwer krank, die seit Jahren in der auswärtigen und inneren Politik 
begangenen Fehler rächen sich. Der Hass der Serben, der unter 
den Obrenowitsch nicht bestand, ist fast systematisch gezüchtet 
worden; das selbstsüchtige Agrariertuni hat ihn gepflanzt, die Aus- 
beutung seitens der österreichischen Industrie hat ihn entwickelt und 
die hochmütige Politik des Ballplatzes hat ihn gross werden lassen. 
Im Innern zeigte sich die Regierung den Slaven gegenüber Immer 
sdiwacfa, den Slaven war alles erlaubt, überall mussten ihnen die 
Deutschen und Italiener weichen. Die Wdterentwicldung der Zu» 
stände, als deren Symptom das Attentat angesehen werden muss, 
ist unberechenbar. 



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Mit Erzherzog Franz Ferdinand tritt eine Persönlichkeit vom 
Schauplatz der Monarchie und Europas ab, die bereits im Thronfolger- 
Stadium eine ungewöhnlich markante wnr. Für das verbündete 
Deutschland waren seine Freundschaft mit Kaiser Wilhelm und sein 
warmes Interesse für Herr und Marine, überhaupt für die Schlag- 
fertigkeit der Monarchie, wertvolle Faktoren ; gefahrdrohend war 
seine Abneigung gegen Ungarn und seine tiefgewurzelte Feindselig- 
keit gegen das Königreich Italien. Das temperamentvolle Eintreten 
für seine Pläne hat dem Kaiser und den Ministem vide schwere 
Stunden bereitet, diejenigen, die sich seinen Absichten widersetzten, 
hat er mit unerbitdicher Heftigkeit verfolgt Seine Ehe mit Comtesse 
Chotek brachte viele Schwierigkeiten mit sich und würde nach der 
TJironbesteigung noch grössere verursacht haben. Dies alles bewirkt« 
dass sich vielfach ein Gefühl der Erleichterung geltend macht und 
dass die Teilnahme, die sich ja überall bekundet, mehr der schreck- 
lichen Todesart als den Persönlichkeiten, deren Unbeliebtheit beim 
Volke durch übertriebene Sparsamkeit erhöht wurde, gilt. 

Um dem Kaiser, den die Trauerbotschaft am Tage nach dem 
Eintreffen in Ischl erreichte, die baldipfe Ruckkehr dorthin zu ge- 
statten und um ihn vor Krmüduiig zu bewahren, ist die Beisetzung 
baldmöglichst anberaumt und die Beteiligung auswärtiger Fürstlich- 
keiten dankend abgelehnt worden, nur iäUser Wilhehn wird es sich 
nicht nehmen lassen, dem Freunde, dessen Gast er noch vor kurzem 
in Konopischt gewesen ist, die letzte Ehre zu erweisen. Er wird 
voraussichtlich am Freitag gegen Mittag eintreffen und alsbald nach 
der Einsegnung in der Hofburgpfarrkirche wieder abreisen. 

Die Rückkehr des Kaisers Franz Joseph nach Ischl ist für 
Sonntag in Aussicht genommen. 

Tucher 



Nr. 4 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 364 Berlin, den 2. Juli 1914 

S. M. der Kaiser hat die Reise 7ur Beerdig-ung nach Wien auf- 
gej^eben, wie offiziell G^csa^t werden wird, wegen eines kleinen Un- 
wolilseins. Nach meinen Informationen ist aber der wirkliche Grund, 
dass man, um den Kaiser Franz Joseph zu schonen, den Kaiser 
Wilhelm gebeten hat, von dem Besuche Umgang zu nehmen. Warum 
man in Wien nach Ablehnung aller anderen hohen Besuche nicht 
auch gldch den Besuch des Kaisers abgelehnt, sondern noch alle . 
Einzelheiten der Reise vereinbart hat, entzieht sich meiner Kenntnis. 



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Die gestrige Alarmnachricht, derzufolge Österreich-Ungarn die 
Führung der Untersuchung in Serbien fiir sich in Anspruch genommen 
und Serbien diese Einmischung abgelehnt hätte, ist inzwischen demen- 
tiert worden. Im hiesigeii Auswärtigen Amt bofift man auch, dass 
Serbien jetzt nichts unterlassen werde, um an dem Komplott schuldige 
Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Unterstaatssekretär Zimmermann 
hat auch zunächst den hiesigen serbischen Greschäftsträger ernstlich 
auf die Folgen hingewiesen, zu denen ein Versagen Serbiens in dieser 
Hinsicht führen könnte, und hat femer dem hiesigen russischen Bot- 
schafter nahegelegt, seine Regierung zu bestimmen, in Belgrad die 
gleiche Sprache zu führen. Herr Zimmermann hat, wie er mir mit- 
geteilt hat, diesen Rat damit begründet, dass bei der Entrüstung, 
welche die Tat von Serajewo in Österreich-Ungarn erzeugt habe, man 
nicht wissen könne, was geschieht, wenn die serbische Regierung 
ihre Pflicht nicht erfülle. Dass aber ein Konflikt zwischen Serbien 
und Österreich-Ungarn sofort Bulgarien gegen Griechenland in Be- 
wegung setzen und in seinen weiteren Folgen gar nicht zu über- 
sehen sein würde, dies brauche er dem Botschafter nicht auszuftttiren 
und das lasse ihn — Zimmermann — hoffen, dass die von dem 
Wunsche, den Weltfrieden zu erhalten, geleitete russische Regierung 
bereit sein werde, ihre Stimme in Belgrad im Sinne eines loyalen 
entgegenkommenden Verhaltens hören zu lassen. 

G, H. Lerchenfeld 

Nr. 5 

Der Gesandte in Wien an den König 

Bericht 240/XVI Wien, den 2. JuH 19 14 

Angekommen 4. 7. 14. 

Die von Serajewo nach Wien zurückgekehrten Persönlichkeiten, 
welche Zeugen der Bluttat vom letzten Sonntag waren, ergänzen die 
bereits bekannten Tatsachen. Nachdem das erste Attentat sein Ziel 
verfehlt, habe man allgemein das Gefühl gehabt, dass Gefahr von 
allen Seiten drohe; in der Tat haben sich noch mehrere Bomben 
vorgefunden und sind viele verdächtige Individuen verhaftet worden. 
Trotz aller Vorstellungen habe sich der Erzherzog von der Fort- 
setzung der Fahrt nicht abhalten lassen. 

In der hiesigen Presse wird die bosnische Regierung heftig wegen 
ungenügender Vorsichtsmassregeln angegriffen, dagegen wehrt sich 
die Bdiörde durch Bekanntgabe der getroffenen Anordnungen. Für 
einen Ort, der von Agitationen so unterminiert ist und für eine solche 
Veranlassung war die Polizei jedenfalls zu schwach dotiert, umso- 
mehr, als die Garnison am Sonntag von dem Manöverterrain noch 
nicht zurückgekehrt war. 



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Das gemeinsame Finanzministerium lehnt die Verantwortung ab, 
da die Veranstaltung eine militärische war und die Anordnungen 
nur von dem Armeeinspektor und Landeschef Gcnefalfeldzeugmeister 
Potiorek aiisgingen. Dieser soU sich wiederam dahin geäussert haben, 
dass er in Wien sdt Monaten auf die zunehmende grossserbische 
Agitation hii^^ewiesen und vor deren Folgen gewarnt habe; ener- 
gisches Auftreten gegen die Bewegung sei ihm nicht gestattet worden. 

Die Propaganda antiösterreichischer Gesinnung in Bosnien und der 
Herzegowina hat es vornehmlich auf die Mittelschüler abgesehen, wie 
auch Vorfälle aus der jüngsten Zeit in Sernjewo und Mostar beweisen. 
Der augenfällige Zweck der Agitation ist, die Ruhe in Bosnien dauernd 
zu stören und die friedliche Entwicklung des Landes zu hindern. 
Die von Serbien herüberkommenden Wühlereien waren einer der 
Beweggründe der Annexion. Sie wurden nach derselben noch leiden- 
schaftlicher fortgesetzt und werden andauern, bis Bosnien zu Gross- 
serbien gehört — wenn sie nicht vorher mit Blut und Eisen aus- 
gemerzt werden. 

Es ist höchst bezeidmend, dass gerade jetzt in der französischen 
Presse das Gerücht eines geplanten engeren Zusammenschlusses 
Serbiens und Montenegros auftaucht. Dass serbischerseits dieser 
Plan besteht, wird hier nicht bezweifelt ; man hat angenommen, dass 
nach dem Tode des Königs Nikita an dessen Ausführung heran- 
getreten werde. Die Attentate vom Sonntag haben gezeigt, wie weit 
die c^rossserbische Propaganda fortgeschritten ist. Es ist daher nicht 
ausgeschlossen, dass die Monarchie sich schon früher vor die Frage 
gestellt sehen wird, ob sie den Entscheidlingskampf gegen die gross- 
serbische Umklammerung führen oder durch Kompromisse eine Liqui- 
dation maskieren will. 

Der hingemordete Erzherzog hätte sich bd aller Vorsicht und 
persönlicher Friedfertigkeit für ersteres entschieden, das wusste man 
in Bdgrad und Moslotu, daher musste er fallen. 

Tucher 



Nr. 6 

Der Gesandte in Wien an den König 

Bericht 242/XVII Wien, den 3. Juli 1914 

Angekommeu 4. 7. 14. 

Die ir<&chen Überreste des Erzherzogs Franz Ferdinand und 
seiner Gemahlin sind gestern abend 10 Uhr programmässig vom 
Südbahnhof am Belvedere vorbei über den Ring in die Hofburg 
verbracht worden; der Zug war kurz, ohne grössere mUitärische 
Begleitung^ ohne Gepränge, ohne Trauermusik. 



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Trotzdem drängte sich auf dem ganzen Wege ein grosser 
Menschenstrom zu dem düstem Schauspiel ; während hier tider Emst 
herrschte, johlte eine zahlreiche Volksmenge vor dem vom serbischen 
Gesandten bewohnten Hause in der Paulanergasse und verlangte mit 

Ungestüm die Entfernung der zum Zeichen der Trauer gehissten 
Trikolore, Diese Demonstrationen finden allabendlich statt und 
werden auch für heute abend erwartet. 

Die Erregiing g^^^«"" Serbien ist eine tiefc^ehen^ie und ruft an 
vielen Orten, wo Serben wohnen, insbesondere in Kroatien und 
Bosnien, Ausschreitungen hervor, die, wenn auch entschuldbar, so 
doch wegen der Rückwirkung auf die Stimmung in Serbien sehr zu 
bedauern sind ; die Sprache der dortigen Presse ist ohnehin grossen- 
teils eine unfreundliche und gereizte. Die offiziellen Organe bezeichnen 
das Attentat als ein Werk einzelner Überspannter und sprechen ihre 
Verwunderung darüber aus, dass die öffentliche Meinung in der 
Monarchie Serbien für die Verbrechen mitverantworüich macht, 
weil alle Spuren nach Serbien fuhren, von wo die Mordwerkzeuge, 
die Geldmittel und die Inspiration geholt worden sind. Am Schlüsse 
eines offiziösen Artikels im Pester Lloyd wird ausgesprochen, „dass 
wenn die Untersuchung Beweise liefern sollte, dass auf serbischem 
Territorium die Leute leben, die die Mordgesellen geschult, gedungen, 
bezahlt und entsendet haben, der Zeitpunkt gekommen sein werde, 
um der serbischen Regierung gegenüber mit dem Ansinnen aufzu- 
treten, diesen verbrecherischen Umtrieben mit rücksichtsloser Strenge 
ein Ziel zu setzen und Bargscliaften dalüf zu geben, dass der nieder- 
trächtige Unfug ein für alle Mal eingestellt werde". 

Die Einsegnung in der Hofburgpfarrkirche hat in Anwesenheit 
Sdner Majestät des Kaisers und sämüicher Mitglieder des Erzhauses 
unter der Beteiligung mehrerer Kardinale, des Hofes, der Staats- 
würdenträger und offiziellen Persönlichkdten, soweit es der so be- 
schränkte Raum zuliess, stattgefunden. Seine Majestät und die 
Fürstlichkeiten nahmen in den Hoforatorien Platz ; der Kaiser blickte 
fast unverwandt auf die beiden Särge ; die Feierlichkeit dauerte kaum 
eine Viertelstunde; die Temperatur in der Kirche war sehr hoch, 
so dass zu verwundern ist, dass keine Unfälle vorkamen. Die meisten 
Missionschefs vertraten ihre Souveräne, darunter auch der serbische 
Gesandte. 

Das Fernbleiben des Deutschen Kaisers wird seit dem Belcannt- 
werden gestern nachmittag in der öfTendichkeit lebhaft erörtert. 
Das Gerücht, dass Rücksichten auf die persönliche Sicherheit des 
hohen Gastes mitgesprochen hätten, wird heute nachmitt^ dementiert, 
so bleibt nur der offizielle Grund: Hexenschuss. 

Heute abend lO Uhr erfolgt die Überführung der Leichen nach 
Schloss Artstetten, wo morgen vormittag in Gegenwart der nächsten 
beiderseitigen Verwandten die Beisetzung in der neuerbauten Familien- 
gruft stattfindet. Die Gruft wird sich also morgen, am letzten Tage 
der Woche, an deren erstem die Mordschüsse gefallen, über den 



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Opfern schliessen, die Folgen der Zustände aber, welche die Untat 
gezeitigt haben, werden sich erst nach und nach einstellen — sie 
sind unberechenbar. 

Tucher 

Nr 7 

'Der Gesandte in Wien an den König 

Bericht 247/XVni Wien, den 6. Juii 1914 

Angekommen 8. 7, 14. 

Die Leichen des so schrecklich hingemordeten Erzherzogs Franz 
Ferdinand und seiner Gemahlin sind zur letzten Ruhe bestattet, aber 
die durch das entsetzliche Drania erregten Gemüter fahren fort, ihren 
Unwillen zu äussern, und 2war In verschiedenen Riditungen. 

Im OÜfizierskorps herrsdit Unzufriedenheit, Weil dem „General 
Inspektor der gesamten bewaffneten Macht** in der Hauptstadt Wien 
nicht die üblichen militärischen Ehren erwiesen wurden, die Aristo- 
kratie findet gleichfalls, dass die Veranstaltungen ein dem hohen 
Range des Thronfolgers entsprechendes Gepränge vermissen Hessen, 
und im Volke, das die Entfaltung grossen Pompes liebt, macht sich 
Enttäuschung Luft. Der ostentative Anschluss einer grossen Anzahl 
Mitglieder des Adels an tlcn Leichenkondukt auf dem Wege von 
der Hofburg zum Westbahnhof sollte der Missstimmung Ausdruck 
geben. Der Tadel an den Anordnungen des Leichen bee^ängnisses 
wird uüterstuLzL und verbreitet durch die dem ehemaligen Thronfolger 
nahestehende Presse, die auch die Erwartung einer den üblichen 
Rahmen übersdireitenden Leichenfeier genährt hatte. Die Hofstellen 
verteidigen sich gegen diese Anklagen mit dem Hinweis auf das 
althergebrachte spanische Zeremoniell und auf die Voi^fänge bei der 
Beisetzung der Kaiserin Elisabeth und des Kronprinzen Rudolf. 

Weit ernster sind die Vorwürfe aufzufassen, die in der Presse 
und in politischen Kreisen gegen die Persönlichkeiten erhoben werden, 
welche bisher die Venvaltung Bosniens und der Herzegowina leiteten. 
Trotz der offenkundigen Tendenz der Serben im Köni^^reiche, ihre 
Konnationalen in Bosnien mit grossserbischen Ideen zu erfüllen, sie 
zu BedriK kten und der Erlösung Entgegenharrenden zu stempeln 
und so die Losreissung Bosniens vorzubereiten, wurde, als diese 
Propaganda aucii nacli der Annexion andauerte, eine PoUtik der 
SerbenbegUnstigung gewählt: Die bosnischen Serben sollten durch 
Entg^^kommen gewonnen und durch Heranziehen zu öffentlichen 
Stellen und Ämtern verpflichtet werden. Dies Bestreben veranlasste 
die Entlassung dter, erprobter, meist deutscher Beamter, die Anstel- 
lung grossserbischer Parteigänger und die Belohnung versteckter 
Feinde der Monarchie durch Orden und Auszeichnungen. Die Regie- 



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122 



rung wollte die ^Anklage, dass die Serben in Bosnien bedrückt werden, 
Lügen strafen, statt dessen hat sie der grossserbischen Propaganda 
die W^;e geebnet; ihr Entgegenkommen wurde als Schwäche aus- 
gd^ und bestärkte den Glauben, dass die Monarchie morsch sei 
und nach der Türkei mit ihr abgerechnet werden könne. 

Der serbophile Kurs, von Burian eingesdilagen, wurde von 

Bilinski noch vertieft und erweitert. Die Serben konnten sich alles 
erlauben ; im Rücken die fanatisierten Grossserben im Königreich, 
im Lande eine nachgiebige Regierung — was Wunder, dass die 

Propaganda riesig^e Fortschritte machte und einen grossen Teil der 
serbischen Bevölkerung ergrifl. Das Attentat vom 2^. Juni hat den 
Schleier von den beschönigenden Berichten weggerissen und den 
Abgrund der planmässigen Vorbereitung der Losreissung Bosniens 
aufgedeckt. Die öffentliche Meinung fordert einstimmig die Abkehr 
vom serbophilen Kurs. 

Es wird hier zurzeit hin und her überlegt, was zu machen ist. 
Die Träger der bisherigen Richtung sind begreiflicherweise gefährdet, 
vielldcht werden sie abberufen und durch Manner ersetzt, wdche 
die Dinge sehen, vne sie sind und darnach handeln. 

Eine wirksame Bdcämpfung der grossserbischen Agitation ist 
nur zu fUhren mit äusserster Strenge und rücksichtsloser Gewalt 
In Serbien wird man toben, wenn (^terreich-Ungam zu dem Mittel 
greift, das es langst hätte anwenden sollen, doch dort, wo man den 
Spiess bereits umgekehrt hat und über die Verfolgung der Brüder 
zetert, klagt man die Monarchie unter allen Umständen, auch unter 
den die Serben begünstigenden, der Gewalttätigkeit an Wenn 
Österreich im eigenen Lande mit Recht und Gerechtigkeit Ordnung 
macht, sollten die Verdächtigungen Serbiens in Europa kein Gehör 
finden, zumal da es selbst in den neuerworbenen Gebieten mit Aus- 
rottung arbeitet. , 

Es wird auch davon gesprodien, aus den Attentaten einen 
Kriegsfisül zu konstruieren und früher Versäumtes nachzuholen, da 
mit den Serben nicht anders fertig zu werden ist Dazu li^ heute 
noch kein genügender Grund vor. £r.st wenn Serbien sich weigern 
sollte, die Forderungen, welche je nach den Ergebnissen der Unter- 
suchung in Serajewo von Österreich-Ungarn gestellt werden, zu 
erfüllen, zum Beispiel Aiiriö.snnfy der Narodna Odbrana und anderer 
grossserbischer Vereine, Bestrafung der Anstifter und Mitschuldigen 
der Attentate und dergleichen, könnte man an Gewaltmassregeln 
gegen Serbien denken. Es ist sicher, dass sich Kaiser Franz Joseph 
nur unter dem Drucke zwingender Unistande zu Schritten entschhessen 
wird, in deren Gefolge dn europäischer Krieg entbrennen kann. 

Skeptiker, die Land und Leute kennen, ghuben, dass so gut 
wie nichts ge»chdien wird und höchstens nach einer Anstandsfrist 
einige Personalvedtnderungen verfugt werden. 

Tuch er 



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Nr. 8 

Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 373 Beilin, den 9. Juli 19 14 

Hocligeborener Graft 

Gestern suchte ich ci^e^jen Abend den Unter^tnatssekrctär des 
Auswärtigen Amtes auf, um mich ihm als Geschäftsträger vorzustellen. 
Bei dieser Gelegenheit trug ich ihn nach der Richtis^kcit einer Meldung 
der gestrigen „B. Z. am Mittag", wonach neuerdings Verhandlungen 
schweben sollen zwecks Abkommandierung einer grösseren Anzahl 
deutscher Offiziere als Militärmstnikteure nach China". Herr Zimmer- 
mann bezeichnete mir die Meldung in dieser Form als „sehr ver- 
früht*'. Richtige sei jedoch,^ dass er persönlich sich schon lange mit 
dem Gedanken trage, Deutschland solle eine Militärmission nach 
Chinä entsenden, die ähnlich zu organisieren wäre, wie die Mission 
des Generals v. Liman. Bei gelegentlicher Fühlungnahme mit chine~ 
sischen Staatsmännern habe der Unterstaatssekretär ein sehr ge- 
neigtes Ohr fiir seine Idee gefunden, nur fehle es noch an den nötigen 
finanziellen Mitteln, um den Plan schon jetzt zur Ausführung zu 
bringen. Es würden wohl noch 2 bis 3 Jahre bis zu seiner Verwirk- 
lichung vergehen; doch werde die Angelegenheit vom Auswärtigen 
Amt standig im Auge behalten werden. 

Ich ersudite den Unterstaatssekretär, die K. Regierung sdner- 
zeit so rechtzeitig von der bevorstehenden Entsendung der Mission 
zu benachrichtigen, dass auch bayerischen Offizieren die Möglichkeit 
gegeben werden kann, sich zur Teilnahme an der Mission, die doch 
wohl als „deutsche" bezeichnet würde, zu melden. Herr Zimmermann 
sicherte mir dies bestimmt zu und teilte mir dann ganz vertrau- 
lich, aber mit der Krm'richtigung K. K. hiervon Meldunt^ 7.u machen, 
mit, dass sogar an einen bax erischen Oftizier als Leiter der Mission 
gedacht werde, nämlich an den K. Generalleutnant Grafen Max Mont- 
gelas. Er — Zimmermann — halte den Grafen wegen seiner persön- 
lichen Qualitäten und auf (kund seiner in Ostasien gemachten Er- 
fahrungen für besonders geeignet fiir diesen Posten. Er habe auch 
schon in diesem Sinne mit dem im Amte tätigen Bruder des Grafen 
Fühlung genonunen und glaube, dass der General unter Umständen 
nicht abgendgt sein werde, dte ihm zugedachte Stelle anzunehmen. 

Die in den letzten Tagen stattgefundenen Ministerbesprechungen 
in Wien haben sich, wie das Auswärtige Amt er£üiren hat, nur mit 
innerpolitischen, auf Bosnien und die Herzegowina bezüglichen An- 
gelegenheiten befasst. Die Fracke, ob und in welcher Weise Oster- 
reich etwa gegen Serbien vorzuc^ehen gedenkt, falls die Untersuchung 
des Attentats eine Komproraittierung der dortigen offiziellen Kreise 



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zutagfe fördern sollte, ist bei den Besprechungen nicht berührt worden 
und liarrt noch ihrer Lösung, Unterstaatssekretär Zimmermann würde 
den gegenwärtigen Zeitpuiäet för Osterreich als sehr gUnstig ansehen, 
um, wie er sich ausdrückte, einen „Rachezug' * gegen den südlichen 
Nadibam zu unternehmen und glaubt bestimmt, es würde gelingen, 
den Krieg zu lokalisieren. Er zweifelt aber dsuran, dass man sich 
in Wien hierzu entsdiliessen wird. 

Von Berlin aus wird man der Wiener R^erung, (alls sie eine 
diesbezügliche Anfrage stellen sollte, keinesfalls abraten, mit allen 
Mitteln g^en Serbien vorzugehen, wird ihr vielmehr bedeuten, dass 
Österreich, möge kommen was wolle, den Bundesgenossen auf seiner 
Seite sehen werde. Man wird es aber auch vermeiden, Österreich 
gegenüber in dieser Beziehung die Initiative zu ergreifen. Den Ver- 
tretern der anderen Mächte gegeniiber hat das Auswärtige Amt betont, 
dass es die Lage ohne jede Nervosität anseiie, und hat /.um Beweis 
hiefiir darauf hingewiesen, dass andem&lls S. M. der Kaiser es unter- 
lassen hätten, die Nordlandsreise anzutreten, dass dann der Rmchs- 
kanzler nldit nach Hohenfinow, der Chef des Generalstabes nicht 
in Urlaub gefahren wäre. 

In Albanien haben sich die Dinge seit dem letzten Bericht des 
K. Gesandten Uber die dortigen Verhältnisse nicht geändert. Die 
Berichte des Herrn v. Lucius lauten nach wie vor so schlecht, dass 
das Auswärtige Amt die Lage des Fürsten Air vollständig verzweifelt 
ansieht. 

■ 

Der Frage, was geschehen soll, wenn Fürst Wilhelm zur Ab* 

dankung gezwungen wird, sind die Mächte bis jetzt immer noch 
ängstlich n^us dein Wege gegangen. Nach der Ansicht des Aus- 
wärtigen Amtes wird nichts anderes übrig bleiben, als zunächst der 
Internationalen Kontrollkommission die Regierung des unglücklichen 
Landes zu übergeben und dann nach einem neuen Fürsten Umschau 
zu halten. 

Uber den nunmehr vollzogenen Abschluss der bulgarischen An- 
leihe, der seit gestern der Sobranje zur Genehmigung vorliegt, äusserte 
sidi Herr Zimmermann sehr befriedigt; der Inhalt des Vertrags ist 
in dem hier ganz gehorsamst beigefügten Artikd in Nr. 773 der 
Köhlischen Zeitung richt^ wiedergaben. 



Schoen 



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125 

f 

Nr. 9 

Der Gesandte in Wien an den König 

Bericht 2SI/XIX Wien, den lajuli 1914 

, At^ekoramen 11. 7. 14. 

Über den Verlauf des gemeinsamen Ministerrates am 7. ds. wird 
das tiefste Schweigen beobachtet.^) 

Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich unter dem Siegel der Ver- 
schwiegenheit, dass alle Teilnehmer darüber übereinstimmten, die 
bisherige Regierungsmethode in Bosnien und der Herzegowina sei 
ein Irrtum gewesen ; sie basierte auf der Annahme, dass das serbische 
Element, das 4/9 der Bevölkerung ausmacht, für dne lo3^e Teil- 
nahme an der konstitutionellen Regierung des Landes zu gewinnen 
sei, während es sich jetzt in erschreckender Weise gezeigt habe, 
dass die Serben mit wenigen Ausnahmen der grossserbischen Rich- 
tung ergeben seien. Da die Fäden dieser Richtung nach dem 
Königreich Serbien laufen und die Propaganda im eigenen Lande 
nicht ausgerottet werden könne, ohne dass auch der Ursprung 
zerstört werde, und da femer die Vorbereitung der Attentate in Sera- 
jewo nach Serbien weise, sei eine Demarche in Belgrad zu machen > 
welche volle Garantie gegen die Weiterzüchtung der grossserbischen 
Ideen biete. 

Bis hierher reichte die Einstimmigkeit. Die Majorität im Minister- 
rate war der Ansicht, dass diese Garantie nur mit Gewalt zu errreichen 
und daher die Demar^e so durchzuftihren sei, dass ein verkleinertes 
Serbien daraus hervorgehe ; dabei müsse sich Österreich-Ungarn jeder 

Gebietserweiterung enthalten, dagegen die anderen Balkanctaaten, 
Rumänien einbegriffen, sich auf Kosten Serbiens bereichern lassen. 
Für eine solche Strafexekution hofift man die Zustimmung Europas 
zu erhalten. 

Die Minorität glaubte, sich mit den uneiiasslichen Garantien auf 
diplomatischem Wege begnügen zu können und erst dann zu militä- 
rischen Mitteln raten zu sollen, wenn serbischerseits die diesseitigen 
Forderungen nicht vdle Genüge fanden. Dieser Ansicht wiirde 
entgegengestellt, dass der papierene Weg den unergründlichen Hass 
Serbiens nur noch vertiefe, ohne eme (^währ für das Halten gege- 
bener Versprechungen zu bieten. 

Da die in Bosnien selbst vorzunehmenden Massregeln, wie 
stärkere Überwachung der Grenze, Reorganisation der Polizei, Reform 
des Schulwesens, Einführung strenger Zensur und dergleichen, von 
dem Verlauf und dem Charakter der Demarche in Belgrad abhängen, 
so wurden diese Punkte nur an zweiter Stelle besprochen. 



Über diesen Ministerrat genaues bei Goos, das Wiener Kabinett 
und die Entstehung des Weltkrieges S. 50 ff* 



126 



Graf Berchtold, der dem Kaiser in Ischl gestern einen andert- 
halbstündigen Vortrag gehalten hat, ist abends nach Wien zurück- 
gekehrt. Mein Gewährsmann glaubt annehmen zu dürfen, dass Seine 
Majestät sich mit dem Teil der Beschlüsse/ die einstimmig gefasst 
wurden, einverstanden erklärt habe. Bis jetzt ist als einziges Resultat 
der Reise des Ministers ein von ihm angeordnetes Dementi bekannt 
geworden, womach die Meldungen über den Verlauf und die Ergeb- 
nisse seiner Audienz beim Kaiser authentischer Grundlage entbehren. 

Tucher 



Nr. lo 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Wien, den ii. Juli 1914; ii-*^ vorm. 

* Angekommen: l^^ nachm. 

Bin um strengste Geheimhaltung gestriger politischer Mitteilungen 
ersucht worden. Kaiser neigt den schärferen Massregeln zu und 
findet in Berlin Unterstützung. 

Tucher 



Nr. II 

Der Gesandte in Wien an den König 

Bericht 254/XXI Wien, den 14. Juli 1914 

Angekommen 15. 7, 14. 

Die Demarche der Österreichisch-Ungarischen Regierung^ in 
Belgrad hat sich etwas verzögert; zunächst hat man in Scrajewo 
Aufschlüsse über die Ergebnisse der Untersuchung erholt, dana gilt 
es, einige Widerslände des Grafen Tisza, der den Weg friedlidier 
Bdkgung offen gehalten wissen will, zu überwinden und sich über 
den Wortlaut der Note an die serbische Regierung zu einigen. Grat 
Berchtold möchte der serbischen Regierung solche Bedingungen 
stcUen, die sie nicht annehmen kann, damit das Ergreifen von 
Gewaltmitteln erfolgen muss. Wenn der Inhalt der Note feststeht, 
muss sie noch dem Kaiser in Ischl vorgelegt werden — es wird 
darüber das Ende der Woche herankommen. 

Die Kenntnis dieser folgenschweren Vorbereitungen ist nur auf 
wenige Eingeweihte beschränkt; die grosse Öffentlichkeit ahnt nicht, 
wie ernst sich die nächste Zukunft gestalten wird, es besteht nur 



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f 



127 



ein Gefühl der Unsicherheit, das von der Börse durch starke, an- 
haltende Rückgänge der Kurse markiert wird. Von vielen Seiten 
hört man die Vermutung aussprechen, dass die Sache mit dem Aus- 
tausche einiger Noten werde abgetan werden; auch fremde Diplo- 
maten nehmen dies an. 

Die Haltung Deutschlands ist die gleiche wie während der ganzen 
Balkankrise: Österrelch-Ungam hat zu erkennen» was seine Lebens- 
interessen sind und zu entscheiden, wie und wann es dieselben zu 
verteidigen hat. Deutschland steht dem Bundesgenossen treu zur 
Seite und wird alle Konsequenzen aus dem Bündnisse ziehen. 

Die Antwort der serbischen Regierung auf die österreichisch- 
ungarische Note hängt von den Ratschlägen Russlands ab. Es darf 
mit der Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, dass die serbische 
Regierung, vorausgesetzt, dass sie noch Herr der Situation ist und 
nicht die Militärpartei, alle Forderungen Österreich-Ungarns annimmt. 
Dann würde es sich zeigen müssen, ob der Wille zur Zerstückelung 
Serbiens, wie er bei der Mehrheit des gemeinsamen Ministerrates 
besteht, ein unerschütterlicher ist Man will es aber zu dieser zweiten 
Entscheidung gar nicht kommen lassen und der Note dnen unan- 
nehmbaren Inhalt geben, damit man gezwungen sd, nach Zurück- 
weisung derselben sofort die militärische Aktion zu b^;innen. Dies 
soU der Gedankengang des Ministeriums des Äussern sein« 

Während man hier fest entschlossen ist, sich zum Verteidigungs- 
kampfe gegen die slavische Umklammerung aufzuraffen, lässt die 
österreichische Regierung die Slaven in ihren deutschfeindlichen Vor- 
stössen überall gewähren. Es ist eine nlte Kampfmethode der Slaven, 
in deutschen Städten oder solchen mit vorherrsch end deutscher Be- 
völkerung allerlei Feste zu veranstalten; die Regierung gestattet diese 
Feste unter einigen, von den Veranstaltern meistens nicht eingehaltenen 
Bedingungen und mobilisiert die Schützmannschaft Wenn die Deut- 
schen gegen die Eroberungszüge der Slaven protestieren und sich 
den Eindringlingen entgegens^en, werden die herausgeforderten 
Deutschen, die ihren Besitzstand verteidigen, von der Regierung und 
den Slaven als die Unruhestifter behandelt und gebrandmarkt. 

An solchen Vorgängen sind die Sommersonnta^e von jeher 
reich, auch die letzten Sonntage haben den Deutschen aufreizende 
Eiczesse in Brünn, Bilitz, Troppau und anderen Orten der Sprach- 
grenzen gebracht. Der Widerspruch der inneren und äusseren Politik 

war nie greitbarer. 

Auch in Berlin liegen Nachrichten vor, dass die Rebellen in 
Albanien von Belgrad aus unterstützt werden. Man sieht, wie plan- 
mässig Serbien vorgeht und überall tätig ist, wo e^i güt, die Pläne 
Österreich-Ungarns zu durchkreuzen. Der Wille, dieses Wespennest 
auszubrennen, ist nur zu begreuiich und docli — ich kann mir ein 
serbisches Pcden nidit vorstdien. 

Tucher 



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Nr. 12 

Der Gesandte in Rom an den König 

Befidit 2li/XVn Rom» den 14. Juli 1914 

AngekQmmen 17. 7. 14. 

[Mitteilungen über das Befinden des erkrankten Herzogs von Aosta.] 

Während meines Aufenthalts in Fiuggi hatte ich Gelegenheit, 
zu beobachten, wie der Minister des Äussern und der deutsche Bot- 
schafter fortgesetzt Erörterungen über die politische Lage, besonders 
über die albanische Frage pflegten. 

Die italienische Regierung geht in dieser Frage noch immer im 
Einvernehmen mit der österreichisdi-ungarischen vor, es wird aber dem 
deutschen Botschafter immer schwerer, Italien an der Seite Österreichs 
zu halten, weil der Marchese San Giuliano hierin nicht die öffentlidie 
Meinung Italiens für sich hat und ein italienischer Minister des Äussern 
nicht auf die Deiner eine Politik im Gep^ensatz zu derselben machen 
kann. Rr scheint auch sich mit den Mächten der Triple-Entente ^ut 
stellen zu wollen, wofür ein Anzeichen ist das grosse Entgegen- 
kommen, das Italien Frankreich gegenüber beim Abschluss des Ver- 
trags bezüglich der Regelung der Verhältnisse der italienischen Koionial- 
Untertanen in Tunis und der Tunisier in Libyen gezeigt hat. 

Die Meldungen aus Albanien lauten immer dahin, dass die In- 
surgenten auf der Entfernung des Fürsten bestehen, dass dieser den 
Posten, auf den ihn Europa gestellt hat, nicht verlassen will, daltir 
aber von Europa auch Schutz verlangt. Darüber, ob und wie dieser 
Schutz zu gewähren ist, schweben noch die Verhandlungen. 

Die albanische Frage ist noch schwieriger geworden durch die 
epirotische. Die Epiroten halten sich nicht an die Abmachimt^en 
von Corfu, gehorchen nicht ihrem Führer Zographos, der sich ge- 
berdet, als ob er sich an diese Abmachungen halte, und werden 
von Griechenland unterstützt, obwohl dies vom König und der 
Regierung auf das bestimmteste bestritten wird. 

Die schwierigste Frage ist aber das Verhältnis österreidis zu 
Serbien, das noch zu ernsten Verwicklungen fuhren kann. 

Auf den 15. Juli ist in Italien der Reserve-Jahrgang von 1891 auf 
unbestimmte Zeit eingerufen worden ; ausgenommen sind nur die Reser- 
visten der Kavallerie unb der reitenden Artillerie. Diese Massregel 
erregt grosses Aufsehen und wird in Verbindung gebracht mit etwaigen 
äusseren Komplikationen. Die Reg^ierimg gibt als Reg^riindung r\n, 
dass sie für ctwaip;e Vorfälle im Innern gerüstet sein wolle; die zur 
Verfügung stehende TruppenzaM müsse vermehrt werden, weil ein 
grosser Teil der Truppen durch Übunr-^cn von den Garnisonen entfernt 
sei und die noch nicht völlig beendigten admmistrativen Wahlen die 
Entsendung von Truppen in viele Wahlbezirke notwendig machen. 

[Mitteilungen über innerpolitische Vorgänge in Italien.] 

v. d. Tann 



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129 

Nr. 13 

Der OeschfiiMficer in Berlin an den Vorsitzenden Im 

Ministerrate, 

Bericht 586 Berlin, den 18. Juli 1914 

(Sidie Teil A Seite zff] 



Nr. 14 

Der Gesandte in Wien an den Minister des Äussern 

Bericht 264 Wien, den 18. Juli 19 14 

Vertraulich I 

Hochgeborener Graf, 

Hochzuverehrender Herr Staatsminister 1 

Bezugnehmend auf meinen letzten politischen Bericht vom 14. ds. 
Nr. XXP) beehre ich mich, Euer Exzellenz gehorsamst zu melden, 
dass die Absendung der österreichisch-ungarischen Note an die 
serbische Regierung eine neuerliche Verzögerung erfahren hat. 

Als Gründe sind mir angegeben worden, dass man die Ein- 
bringung der Ernte abzuwarten wünsche und den Besuch des Präsi- 
denten der französischen Republik in St. Petersburg voriibergdien 
lassen woOe, um den bei diesem Anlass versammelten Scharfmacfaenis 
Poincar^» Iswolsky u. a. nicht Gelegenheit zu bieten, auf den Zaren 
einen Druck im Sinne serbenfreundlicher Parteinahme auszuüben. 

An der Auffassung des hiesigen auswärtigen Ministeriums, wie 
ich sie zuletzt wiedergegeben, hat sich nichts geändert. Man äussert 
sich besorgt, dass eine vollkommene Nachgiebigkeit Serbiens das 

Ausholen zum Schlage erschweren könne und meint, wenn Russland 
die T.okalisierung des Streits mit Serbien nicht zulasse, so sei der 
jetzige Augenblick zur Abrechnung günstiger als jeder spätere. 

Grosse Genugtunnjr erweckt auf dem Ballplatz der Umschwuno- in 
Bezug auf die Beurteilung Serbiens in Berlin, wo jetzt die Unmöglichkeit 
eines freundnachbarlichen Verhältnisses zu Serbien klar geworden ist. 

1 u c ii e r 



^) Siehe £, 11. 

0 



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Nr. 15 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Bericht 266 Wien, den 21. Juli 191 4 

Angekommen 22. 7. 14« 

Die Note der österreicliisch-ungarischcn Regierung über die Er- 
gebnisse der Untersuchung in Serajewo soll am nächsten Donnerstag 
oder Freitag der serbischen Regierung überreicht werden. Der Inhalt, 
über den voUkonunene Überdnstimmung, auch mit dem Grafen 
Tisza, hergestellt wurde, dürfte heute dem Kaiser in Isclil, wohin 
sich Graf Berchtold gestern abend hieben hat, zur Genehmigung 
voi^egt worden sein. 

Am Freitag soll die Note in der Presse erscheinen. Der Inhalt 
wird streng geheimgehalten, ich konnte nur erfahren, dass er doch 
nicht .so ganz unannehmbar flir Serbien sei. 

Gleichzeitig mit der Überreichung in Belgrad wird die Note der 
italienischen Regierung mitgeteilt und die Erklärung abgegeben 
werden, dass Österreich-Ungarn sich unter keinen Umständen serbisches 
Gebiet dauernd aneignen werde. Diese Erklärung ist notwendig, 
weil man andernfalls von Italien die Aufwerfung der Frage der 
Kompensation zu gewärtigen hat, der man aus mehr wie einem 
Gründe vorbeugen will. 

Der Verzicht auf jedweden Zuwachs an serbischem Gebiete 
ist der österreichisch-unganschen Regierung um so leichter, als 
durchaus keine Neigung besteht, die Bevölkerung serbischer Nationalität 
der Monarchie nodi zu vermehren; Graf Tisza hat sich von Anfang 
an auf das Entschiedenste gegen dne soldie Eventualität aus- 
gesprochen. 

Die Trinkspräche in Peterhof, insbesondere derjenige des Zaren, 
werden hier insofern günstig gedeutet, als sie keine Ermutigung der 
Serben enthalten und die Annahme gestatten, dass auch von Seiten 
des Zweibundes eine lokalisierte Austragung des Streites zugelassen 
werde. 

Eine Bestätigung der Zeitungsnachricht, dass die serbische Ant- 
wort auf die Demarche innerhalb eines bestimmten Zeitraumes 
geforciert werde, konnte ich nicht erhalten. Doch scheint mir die 
Beiristung nicht ausgeschlossen, da sie nicht in Abrede gestellt wird* 

Tucher 



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Nr. 16 

Der Geschäftsträger in Berlin an das Ministerium des 

Äussern 

Telegramm Berlin, den 23. Juli 1914, 9^ vorm. 

Überreichung österreichischer Note an Serbien erfolgt schon 
heute nachmittap^. 

Fristabiauf Samstag, nachmittag 5 Uhr. 

S choen 

Nr. 17 

Der Vorsitzende im Ministerrate an die Oeeandtschaft 

in Berlin 

Telegramm München, den 23. JuU 1914 7^^ nachm. 

Angekommen 9ß* nachm. 

Ersuche im Auswärtigen Amt anzufragen, ob gegen die Zustel- 
lung östeneichischer Einberufungaorders an in Bayern lebende öster- 
rdcfaische Wehrpflichtige durch Vermittelung bayerisdier Behörden 
Bedenken bestehen. 

Formelles Gesuch liegt nodi nicht vor. ^) 

Hertling 

Nr. 18 

Der Oeachäftstriger in Berlin an den VorattEenden im 

Miniaterrate 

Bericht 394 Berlin, den 23. Juli 1914 

Wie ich gestern abend in später Stunde erfahren und Ew. Exz. 
soeben mit ciiifffierter Depesche gemeldet habe*), soll nach einem 
neueren EntscMuss des Wiener Kabinetts die Überreichung der 
österreichischen Note an Serbien nicht erst am 25., sondern schon 
heute gegen Abend erfolgen, und zwar tunlichst so spät, dass ihr 
Inhalt in Petersburg nicht vor der heute abend um 11 Uhr statt- 
findenden Abreise des Herrn Poincar^ nach Stockhohn bekannt 
werden kann. 



^) Der Geschäftsträger in Berlin antwortete telegraphisch am 84. Juli: 
^,Reichsleitung ohne Bedenken.'* 
^) Siehe B, 16. 

9* 



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132 



Morgen vormittag soll dann die Note den Grossmächten durch 
die Vertreter östenreidi''Ungani5 offiziell zur Kenntnis gebracht werden. 
Die Note wird von einem Annexe begleitet sein, in dem das Er- 
gebnis der Untersuchung über das Attentat von Serajewo nieder- 
gel^ ist, und die Mitsdiuld auch amtlicher serbischer Kreise nach- 
gewiesen wird. 

Die von einzelnen Blattern gebrachte Meldiin^^, wornach der 
serbischen Regierung eine Frist für die Annahme der österreichischen 
Forderungen nicht gestellt werde, ist unzutreffend ; vielmehr wird, 
wie ich Ew. Exz. bereits zu melden die Ehre hatte, eine Frist von 
nur 48 Stunden statuiert. 

Das lange Zuwarten des Wiener Kabinetts hat an den hiesigen 
amtlicfaen Stdlen unangenehm berührt, und man hätte gewlinsdit» 
dass das Sühneverlangen der Ermordung des Erzherzogs möglichst 
auf dem Fusse gefolgt wäre. Aber das mehr scheinbare Zaudern 
der österreichischen leitenden Kreise hat doch auch sein Gutes gehabt, 
denn in Serbien hat man sich dadurch m dem Glauben verleiten % 
lassen, das«; Österreich es auch diesmal nicht zum Äussersten kommen 
lassen werde. In diesem Glauben aber hat die serbische Presse 
und hat sogar der serbische Ministerpräsident Osterreich gegenüber 
eine Sprache angenommen, die für die österreichische Regierung 
die beste Rechtfertigung zu ihrem Vorgehen vor der Welt bildet. 

Über die weitere Entwicklung der Dinge lässt sich heute dne 
sichere Voraussage nicht geben. £4e Möglichkeit besteht ja immerhin, 
dass Serbien zu Kreuz kriecht und sich den Forderungen Österreichs 
unterwirft. Nach seiner bisherigen Hältung zu scMiessen, ist die 
Wahrscheinlichkeit hierfür allerdings eine recht geringe. Weist es 
die österreichischen Forderungen zurück, so fragt es sich, ob man 
in Österreich dann zunächst die Mobilisierung durchführt — wozu 
12 bis 16 Tage benötigt werden — oder ob man zur Durchsetzung 
der Forderungen gleich in Serbien einrückt. 

Auch über die Haltung, die die österreichische Regierung nach 
der Niederwerfung Serbiens einzunehmen gedenkt, ist das Auswärtige 
Amt noch nicht unterrichtet. Wie midi mein Gewährsmann iut 
wissen lassen, hat die Unterredung des Botschaftsrats Prinzen Stolberg 
mit dem Grafen Berchtold, von der ich Ew. Exz. in mdnem gehoiv 
samsten Bericht vom 18. lfd. Mts. Nr. 386 Meldung machte» nur 
„zum Teü" stattgefunden. Graf Berchtold soll nämlich erklärt haben^ 
dass „eine dauernde Besetzung serbischen Grebietes von österreichischer 
Seite nicht beabsichtigt sei, und daher auch etwaige Kompensationen 
für dritte (Italien) nicht in Frage kamen". 

Offenbar will sich das Wiener Kabinett nicht vorzeitig die Hände 
binden, sondern den weiteren Verlauf der nun beginnenden Aus- 
einandersetzung abwarten. 

Von entscheidender Bedeutung wird es dabei sein, ob die 
Lokalisiening des Konflikts gelingt oder nicht 

V. Schoen 



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1 



133 



Nr. 19 

Der Gesandte in Wien an das Minisferlum des Äussern 

Bericht 270 Wien, den 23. Juli 1914 

Angekotnoien 24. 7. 14. 

Die Note der österreichisch-ungarisclien Re^erung wird heute 
nachmittag vom k. u. k. Gesaodien Baron Giesl der serbischen Regie- 
rung übergeben werden. Der deutschen und italienischen ist sie bereits 
bekannt gemacht und morgen soll sie der Fresse und den Signatar- 
mächten mitgeteilt werden. 

Man erwartet die Antwort aus Belgrad am Samstag abend und 
wenn sie, was man auf dem Ballplatz wünscht, abschlägig ausfällt, 
sollen sedis Armeekorps auf Kriegsstand gesetzt werden und zwar 
diejenigen in Serajewo, Ragusa, Agram, Hermamistadt, Temesvar 
und Pest Diese Mobilisierung wird 10 Tage dauern, die gleiche Zeit, 
nimmt man an, werden die Serben brauchen, ihre Divisionen aus 
Mazedonien an die österreichisch-ungarische Grenze zu ziehen. 

Die Erwartung, dass man mit den Serben bald fertig werde, 
kann ich nicht teilen, vielmehr mich des Eindrucks nicht erwehren, 
dass man hier die Schwierigkeiten eines Feldzuges gegen Serbien 
unterschätzt Die serbischen Truppen haben sich in den letzten 
Balkankriegen über alles Erwarten gut geschlagen, sind vorzüglich 
ausgerüstet und sind in einem ausgezeichneten KrieG^straining, dazu 
von einem geradezu fanatischen Patriotismus durchdrungen 

Selbst wenn Russland entschlossen sein sollte, einer Strafexeku- 
tion gegen Serbien untätig zuzusehen, muss befürchtet werden, dass 

es bei einer längeren Dauer des Kampfes die öffentliche Meinung 
nicht halten kann. In diesem Falle ist es auch fragHch, ob die 
Haltung der Südslaven der Monarchie durchwegs eine loyale bleibt 

Der österreichische Generalstab hüllt sich über seine AngriiTs- 
pläne in tiefes Schweigen, mit Recht: mögen sie wohl durchdacht, 
wohl vorbereitet sein und nicht an dem alten Fehler der Unterschätzung 
des Gegners kranken. 

Die hiesigen Ententediplomaten sind noch in Unkenntnis der 

Absicht des Ballplatzes, den Bruch mit Serbien herbeizuführen. Der 
Engländer ist auf dem Land, der Russe ist vorf^^estern abend auf 
Urlaub über Petersburg nach seinen Gütern abgereist und Herr 
Dumame hat gestern noch den Versuch gemacht, dem Ersten Sektions- 
chef Baron Maccbio zu empfehlen, den Bügen nicht zu straff zu 
spannen. 



134 



In Bankkreisen glaubt man nur mk Widerstreben an den Emst 
der Lage und betont den vollkommenen Mangel einer finanziellen 
Kriegsvorberettnng. 

Die Veröfientlichuttg der Note wird wie eine Bombe wirken. 

Tucher 



Nr. 20 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Telegranun Wien, den 25. Juli 1914; 9^^ nachm. 

Serbische Antwort ungenügend. Gesandter Baron Giesl von 
Belgrad abgereist. Serbien mobilisiert. Hof und Regierung nach 
Kr^ujevac abgegangen. 

Tucher 



Nr. 21 

Der Geschäftsträger in Berlin an das Ministerium des 

Äussern 



Telegramm Berlin, den 35. Juli 1914; 3*^ nachm. 

Im Nachgange mm Telegramm von gestern. 

Reichsleitung ersucht wegen einheitlichen Vorgehens im Reich 
Vermittlung bayerischer Behörden bei Zustellung österreichischer 
Einberufungsorders oder Bekanntmachung österreichischen Mobil* 
machungsbefehls zu unterlassen, solange iScht auch deutsche Mobil- 
machung. Dagegen Eisenbahnerleichtenmgen bei Heimschaffung öster- 
reichischer WehrpBichtiger genehm. 

Näheies hierüber direkt vom Rdchsdsenbahnamt. 

Schoen 



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Nr. 22 

Der Oeaandte in Wien an das Minleterium cies Ansaern 

Bericht 273 Wien, den 25. Juli 19 14 

* Ang^äummtn 37. 7. 14. 

Die VeröffentUchung der österreichiscli-uiisarischen Note an die 
serbische Regierung in den gestrigen Morgenblättem hat hier in 
Wien^ da weder Zeit noch Inluilt genauer bekannt war, eine grosse 
Bewegung hervorgerufen. 

Der entschiedene Schritt der Regierung wurde allgemein zustim- 
mend besprochen und die Notwendigkeit betont, dass man aus dem 
Handel und WanHel lähmenden Verhältnis zu Serbien endlich einmal 
herauskommen müsse. Diese Entschlossenheit hörte man schon seit 
einiger Zeit am lautesten in den Kreisen der Industrie und Finanz 
äussern. 

Den gestrigen Tag über war die Physiognomie der Stadt die 
gewöhnliche ; abends machte sich in den öffentlichen Lokalen und 
Garten, wo Musikkapellen konzertierten, eine gehobene Stimmung 
bemerkbar ; überall wurden patriotische Weisen, zuerst „Prinz Eugen» 
der edle Ritter", dann „O du mein Österreich", der Radetzkymajnsch 
und „Gott erhalte" gespielt, woran dch würdevolle Demonstrationen 
knüpften. 

Die Ansichten, dass Serbien die Forderungen nicht annehmen 
könne oder dieselben annehmen werde, hielten sich die Wage; audi 
bis heute nachmittag besteht vollkommene Unsicherhat und ist die 
Spannung aufs höchste gestiegen. 

Noch bevor die Entschddung hier bekannt sein wird, kann ich 
mir nicht versagen, auszusprechen, dass im Falle der Annahme der 
demütigenden Bedingungen Österreich- Ungarns seitens Serbiens zwar 
der Friede, zugleich aber auch der Zvistand erhalten wird, der zu all 
den unheilvollen Beunruhigungen Veranlassung gibt. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Serbien die neuen Ver- 
sprechungen besser hält, als die 1909 gegebenen, nicht nur, weil die 
Versprecliungen unter Zwan^ gegeben sind, sondern auch, weil sie 
das Aufgeben von Aspirationen enthalten, die den Serben von heute 
in Fleisch und Blut übergegangen sind. 

Ich fürchte vielmehr, dass die Pflicht und das Streben der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung, Serbien zur Erfüllung seiner Ver- 
sprechungen anzuhalten, beständige Reibereien mit sich bringen, die 
sdiliesslidi dodi zum Austrag mit den Waffen fuhren, aber in einem 
Augenblicke, den Russland bestimmt, weil er ilun besser konveniert 
als der gegenwärtige. 

Tucher 



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Nr. 23 

Der Gesandte in Paris an den König 

Bericht 317/XXIX Paris, den 25. Juli 1914 

Angekommen 29. 7.14. 

Der dem Präsidenten Poincar^ nahestehende politische Kor- 
respondent des Gaulois, Herr Ren^ d'Aral, hat in dem hier aller- 
iintertänigst angeschlossenen Leitartikel^) zur Reise des Präsidenten 
nach Russland sehr treffend bemeri<t, dass die grosse Menge nicht 
immer die Tragweite der einzelnen Etappen des (gewaltigen Schach- 
turniers zu erfassen vermöge, das sich zwisciien den Kanzleien der 
Grossmächte abspiele. 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die französische Politilc einen 
engeren Anschlass zwischen Russland und England anstrebt, um 
dadurch die Schlagfertigkeit der Triple-Entente zu erhöben. 

Dieses Ziel ist hier während des Besuches des Königs von Eng- 
land in diesem Jahre verfolgt worden imd es hat auch der jetzigen 
Reise des Präsidenten nach Russland vorgeschwebt. 

Internationale Kundgebungen pflegen in Frankreich stets von 
langer H.ind vorbereitet zu werden; sie werden regelmässig künstlich 
durch eine Reihe von Gefälligkeiten und Höflichkeitsakten angebahnt, 
die, aus dem Zusammenhange herausgerissen, rasch vergessen werden, 
aber doch für den gewollten Erfolg typisch und häufig unent- 
behrlich sind. 

So ist von der Presse em Vortrag kaum besprodioi worden, 
den Lord Esher auf Einladung der Sorbonne kürzlich vor dem 
Besuch des Königs von England in Färis gehalten hat. 

Die Rede des Lord Esher ist interessant und bitte ich dieselbe 
in einem Ausschnitt der Revue bleue vom 9. Mai ds. Js. allerunter- 
tänigst hier anschliesscn zu dürfen. 

Eine weitere Gefrillig'keit war die Veranstaltung einer englischen 
Aufstellung der dekorativen Kunst im Louvre mit den daran sich 
knuptenden Auszeichnungen und Lobartikein. (Bericht vom 13. v. Mts. 
Nr. 242). 

Ihr Iblgte eine Ausstellung h anzösischer Kunst in London unter 
dem Proktektorat der Comtesse de Greffulhe. (Bericht vom 3. JuU 
ds. Js. Nr. 276). 

Femer wurde hier dne Ausstellung englischer Architektur im 
jeu de Paume des Tuileriengartens veranstaltet, die gleichfalls von 
der Fresse und Fachliteratur sehr gefeiert wurde. 

So wurde innerhalb weniger Monate dreimal die Kunst in auf- 
feilender Weise vor den Staatswagen der Politik gespannt. 

KaLim war der englische Königsbr such vorüber, veranstaltete in 
England das comite franco-anglais eine Rundreise durch England, 

^) Die erwähnten Zeitungsausschnitte liegen dem Berichte bei. 



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137 



welche die Franzosen mit allen Teilen der Bevölkerung vertraut 
machen sollte. 

Ein diesbezüglicher Bericht aus London ist hier gleichfalls an- 
geschlossen. 

Ferner erschienen hier dutzendweise lange Artikel äber die Nea- 
faebridenfrage und ihre Vorgeschichte, wdd^ der englischen öffent- 
lichen Memung zeigen sollten, wie sehr Frankreich zu wdteren 
Abmachungen und Zugeständnissen geneigt sei. Ein solcher aus 
dem Correspondant vom 25. vor. Mts. ist aU Beispiel hier ailerunter- 
tänigst beigefugt. ' 

Gleichzeitig- wurden die Bürgermeister der grossen eni^li^chen 
Städte mit jenen von Petersburg, Moskau, Amsterdam, Gent, Luttich, 
Madrid, Toledo usw. eine Woche hindurch von den hiesigen Stadt- 
vätern gefeiert. 

Auch diese Buigermeisterzusainmenkunft von verbündeten oder 
befreundeten Ländern war eine Neuheit und musste notwendig eine 
gewisse Rückwirkung auf die Öffentliche Mdnung der fraglichen 
Länder ausüben. 

Einen Ausschnitt aus dem Excelsior vom 3. Juni ds. Js., der 
die anlässlich der Bürgermeisterzusammenkunn: auf dem hiesigen Rat- 
haus gehaltenen Reden enthält, ist hier beigefiigt. 

Kur;! nach den Bürq^ermeistern erschien eine recht stattliche 
russische Studenten-Abordnung auf Einladung der Vereinigung fi^ir 
Tourismus in Paris, die durch ihre Uniform auffiel und überall aufs 
wärmste begrüsst wurde. 

Dann traf der russische Marineminister hier ein, dem tagelang 
ganze Spalten in der französischen Presse gewidmet waren. 

Der Ministerpräsident Viviani gewährte gleichzeitig der Nowoje 
Wremja das hier angeschlossene interessante Interview. 

Schliesslich kam wie auf Bestellung die angeblidhe Erklärung 
des englischen Botschafters in Petersburg, dass die öffentliche Meinung 
in Eni^and fiir einen engeren Zusammenschluss mit Russland reif sei. 

Inwiefern diese Erklärung des englischen Botschafters, sowie die 
Entsendung des englischen Geschwaders nach Russland und die Ein- 
ladung des russischen Generalstabschcfs zu den englischen Manövern 
auf französischen Einfluss zurückzuführen ist, lässt sich schwer fest- 
stellen. Immerhin ist es aber naheliegend, dass etwaige diesbezüg- 
liche Wünsche der Iranzösisciiea Politik nach allen vorangegangenen 
Liebenswürdigkeiten schwerlich auf starken Widerstand weder in 
England nodi m Russland gestossen sein dihAen. 

Wenn auch die offiziellen Trinksprüche in Petersburg nicht aus dem 
üblichen Rahmen solcher Kundgebungen herausfallen, so enthält doch 
die Ansprache des Präsidenten an die französische Kolonie auf der 
französischen Botschaft manche lehrreichen Andeutungen, die tief in 
den Organismus der französischen auswärtigen Politik hineinleuchten. 

Es ist dies der Hin\veis auf den gewaltigen l^inlluss der instituts 
frangais in Petersburg, London, Madrid und Florenz, die gewisser- 



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138 



tnassen das Gerippe der zunehmenden französischen Propaganda im 
Ausland bilden. 

Die in der Rede enthaltene ZusammensteHung aller Faktoren 
des französischen Einflusses in Petersburg in Gestalt von Sditden, 

Vereinen usw. verdient ebenfalls Beachtung. 

Die diesbezügliche Rede des Präsidenten ist hier alleninlertänigst 

beigefügt.^) 

Bemerkenswert ist auch, dass bereits der Gedanke aufgetaucht 
ist, ein analor^cs, russisches Institut in Paris zu' gründen, das die 
Franzosen im eigenen I ,ande über alle russischen Eigentiimlichkeiteu 
und Bedürfnisse aufklaren soll. 

So wird von russischer und franzuüiüchcr Seite nichts versäumt, 
um den Bund immer mdir zu befestigen und durch bleibende 
Einrichtungen gegen alle Eventualitäten der Zukunft zu sichern« 

Die Rückreise des Präsidenten über Stockholm, Kopenhagen 
und Norwegen charakterisiert den geheimen Wunsch der französischen 
Politik, auch diese Länder im Bann der Triple-Entente zu sehen. 

Der Zufall wollte es, dass ich kürzlich mit dem ehemaligen 
Privatsekrctär des Ministerpräsidenten Kokowzefir, Graf Üxküll, zusam- 
mentraf, der jetzt an der hiesigen russischen Botschaft attackiert ist. 

Letzterer teilte mir bezüe^lich der russischen Grenzbahnen und 
den darüber erschienenen bekannten Artikel des Correspondant 
(Bericht vom 25. März 1. Js. Nr. 107) mit, dass Herr Kokowzeff 
den Inhalt dieses Artikels durchaus nicht gebilligt habe. 

Auf der Reise von Rom hätte Herr Kokowzeff ihn beauftragt, 
m seinem Namen in diesem Sinne an den russischen Botschaftsrat 
in Berlin zu schreiben. 

Die Grenzbahnen seien ursprünglich Privatbahnen gewesen und 
die Regierung sei denselben nur um deswillen beigesprungen, um 
den Betrieb derselben aufrecht erhalten zu können. 

Ritter 

Nr. 24 

Der Gesandte in St Petersburg an das Ministeriam des 

Attssem 

Bericht 83 St. Petersburg, den 25. Juli 19 14 

Angekommen 27. 7. 14. 

Uber das österreichische Ultimatum hat gestern eine russische 
Ministerratssi t7 13 ng stattgefunden. Der Ministerrat hat beschlossen» 

den Grossmächten mitzuteilen, dass die russische Regierung in dem 
österreichisch-serbischen Konflikt eine internationale Angelegenheit 
erblidce, weil und soweit das Ultimatum sich auf die durch Art. 25 

^) Liegt bei. 



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,189 



des Berliner Traktats behandelten Verhältnisse beziehe. Gleichzeitig 
fordert die russische Regierung eme Verlängerung der in dem Ulti- 
matum gestellten 48stündigen 'Frist. 

Die heutigen MorgenUätter bringen eine offizieUe Erldarung der 
rusnschen Regierung zu dem XJltimatum, deien Wortiaut Ich Euer 
Exzellenz in der Anlage ganz gehorsamst überreiche. ^) 

Der Schlusssatz dieser Erklärung» dass Russland dem öster- 
reichisch-serbischen Zusammenstoss gegenüber nicht gleichgültig 
bleiben kann, spiegelt die tatsächlich im russischen Kabinett durch 
das in solcher Schärfe nicht erwartete Ultimatum hervorgerufene Er- 
regung wiedeik 

In der Presse, die ihre unfreundlichen Gefühle schon seit dem 
Attentat von Serajewo nicht zu beherrschen vermochte, wird der 
während der Halkankrise angesanmielte Hass gegen Österreich von 
neuem aufflammen. Bis jetzt liegen mir nur die Äusserungen der 
hier erschdnenden deutschen Zdtungen vor. Während die „Peters- 
burger Zeitung" zwar den Emst der Situation und die Gefahr eines 
europäischen Konflikts betont, aber das Vorgehen Österreichs ver- 
ständig zu beurteilen bemüht ist, prophezeit der ., Herold*' Öster- 
reich die tödliche Feindschafl der slawischen Welt für die Demütigung 
imd Verhöhnung Serbiens und nennt das Ultimatum ein Verbrechen 
gegen den Weltlrieden. 

Grunelius 

Nr. 25 

Der Oesch&ftsträg^r in Berlin an das Ministerium des 

Äussern 

Telegramm Berlin, den 26. Juli 1914; i^^ nachm. 

Zum Telegramm von gestern. 

Rekhslettung und Kanzler persönlich ersuchen dringendst» jede 
Mitwirkung bayerischer Behörden bei Zustellung oder Bekanntmachung 
österreichischer Mobihnachungsorder zu unterlassen, da solche Neu- 
tralitätsbruch erschiene. 

Österreichische Botschaft hier völlig einverstanden. Österreichische 
Regierung" hat Konsulate in diesem Sinne angewiesen. 

Strengste Geheimhaltung der Kisenbahnerleichterungen erforderlich. 

Schoen 



^) Sie lautete: „Die Regierung ist über die eingetretenen Ereig- 
nisse und die Absendung des Ultimatums Österreich-Ungarns an Serbien 
sehr besorgt. 

Die Kegierung verfolgt sorgsam die Entwickelung des serbisch- 
österreichischen Zusammenstosses, dem gegenüber Kussland nicht gleich- 
gültig bleiben kann." 



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140 



. 26 

Der Gesandte in St Petersburg an das Ministerluni des 

Äussern 

Telegramm St Petersburg, den 26. Juli 19 14 2^ vorm. 

Höre zuverläss^, dass heutiger Ministenat Krieg bescMosseii 
hat, sobald Österreich Serbien angreift; alle Manöver abgesagt, 
Truppen in Garnison zurückbeordert. Mobilisation In Kiew, anscbsi- 
nend auch Moskau — Warschau. Stimmung in Militär-Krdsen sehr 
kri^^erisdi. 

Grunelius 

Nr. 37 

Der Gesandte In St Petersburg an das Ministerium des 

Äussern 

Telegramm St. Petersburg, den 26. Juli 1914; 2^^ nachm. 

Sasonow erklärt heute an deutselien BotschalLer, dass Russland 
europäischen Krieg nicht will, er bittet deutsche Mitwirkung zwecks 
Ausgleich; Mobiiisaüon nur für Kiew — Odessa bestätigt. 

Grunelius 

Nr. 28 

Der Oeschiffstraser In Berlin an das Ministerluni des 

Äussern 

Telephonische Meldung ^) Berlin, den 26. Juli 191 4; 7^ nachm. 

Nach Erkuncligung bei Herrn von Stumm telephonisch dahin 
beantwortet, dass S. M. der Kaiser heute nacht nach Potsdam zurück- 
kehre, dass es aber bei der Möglichkeit rascher Rückkehr nach 
München nicht erforderlich und, um nicht unnötig Unruhe zu erregen, 
auch nicht einmal ratsam sei, wenn S. M. der K{&g die beabdcfat^;te 
Landesreise aus politischen Gründen aufgebe. 

Eine Anfrage der sächsischen R^erung, ob die Rückkehr 
S. M. des Königs von Sachsen, der zurzeit in Tirol weile, ver- 
anlasst erscheine, sei gleichfalls in obigem Sinne, d. h. negativ, 
beantwortet worden. 

Schoen 



^) Antwort auf telegraphische Anfrage Ministeriums des Äussern 
vom 26. Juli 12*5 nachm., „ob Kaiserreise unterbrochen wird" und 
ob „König achttägige Inlandreise, zunächst Bayreuth, absagen" (soiij. 



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141 



Nr. 29 

Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 400 Berlin, den 26. Juli 19 14 

Die Nadiriclit von der Abidinung der Forderungen Österreichs 
durch Serbien, die liier gestern am s|>äten Abend bekannt wurde, 
ist von der Bevölkerung von Berlin mit warmer Anteilnahme für 

die verbündete Donaumonarchie aufgenommen worden. Allenthalben 
bildeten sich Menschengruppen, die sich zu grossen Zügen verbanden 
und unter Absin^ng patriotischer Lieder und unter Hochrufen auf 
die verbündeten Häuser Hohenzollern und Habsburg vor dem Schloss, 
dem Palais des Reichskanzlers und der österreichisch-ungarischen 
Botschaft demonstrierten. Was diesen Demonsrationen, die auch 
heute noch fortdauern, ihren besonderen Stempel aufdrückt, ist der 
Umstand, dass die Teilnehmer sich nicht, wie dies hier sonst der 
Fall zu sein pflegt, aus den unteren Schichten der Bevölkerung zu- 
sammensetzten, sondern überwiegend den gebildeten Ständen an- 
gehören, em Bewds, wie sehr im Publikum Verständnis cbiför besteht, 
dass es sich bei dem Kampfe, dem die Donaumonarchie entgegen- 
geht, im Grunde um die Abwehr des slawischen Ansturms gegen 
germanisches Wesen handelt, und daher der Kampf auch fiir uns 
gefuhrt wird. 

Leider haben die Demonstranten, anstatt sich damit zu bcCTnii2:en, 
ihre Sympathie fiir Osterreich zu bckunrien, sich auch zu einigen, 
wenn auch nicht sehr bedeutenden, unfreundlichen Kundgebungen 
vor der russischen Botschaft und vor der serbischen Gesandtschaft 
verleiten lassen. Dieser Umstand hat Anlass zu einem mit „Ruhig 
Blut** überschriebenen Artikel gegeben, der in einem soeben er- 
schienenen Extrablatt des ^Berliner Lokalanzeigers** enthalten ist 
und in dem es, offenbar offiziös» hetsst:; 

„Demonstrationen gegenüber den Vertretern der beteiligten 
und unbeteiligten Mächte, die die Interessen ihrer Länder 
mit der gleichen Würde vertreten wie die unsrigen im Aus- 
lande, sind sinn« und zwecklos, sind Übel in der Hauptstadt 
des Deutschen Reiches. Das sollte für jeden unserer Mit- 
büi^r ausnahmslos die Fdrole sein Bir die konmienden Tage I** 

In dem Auswärtigen Amt, in dem ich heute wiederholt Erkundi* 
gungen eingezogen habe, liegen an positiven Nachrichten nur die 
der Ablehnung der österreichischen Forderungen durch Serbien mit 
dem darauffolgenden Abbruch der diplomatischen Beziehungen und 
der teilweisen MobiiinacliLing der österreichisch-ungarischen Armee vor. 

An amtlichen Meidungen aus Russland fehlt es mit Ausnahme 
eines Telegramms des MiUtärbevoiimächtigten bis zur Stunde voll- 



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I 



U2 

kommen. General v. Chelius berichtet auch nur, dass die öster« 
reichische Note im russischen Hauptquartier grosse Erregung hervor- 
gerufen habe, und dass von der Absicht, mobil zu machen, gesprochen 
werde* Aucii die Agenten des Grossen Generalstabes melden von 
Massnahmen, die auf den Beginn der Mobilmachung in Russland 
scUiessen lassen. 

Dass die ablehnende Haltung der serbischen R^erung nicht 
ohne Zutun Russlands erfolgt ist, ^t im Auswärtigen Amt als sidier. 

Die Situation wird daher an massgebender StcUe „als durchaus 
kritisch" beurteilt. Gleichwohl hält man hier in der Hoi&iung fest, 

dass England und Frankreich, denen beiden zurzeit ein europäischer 
Kri^ im höchsten Masse unwillkommen wäre, auf Russland in 
mässigendem Sinne einwirken werden. 

Die Meldung einiger Pariser Blätter, dnss Deutschland bei der 
französischen Regierung eine Demarche unternommen habe, der der 
Charakter einer Drohung zukomnie, ist durchaus unzutreffend. Die 
Reichsleitung hat vielmehr, wie ich es Ew. Exz. schon vor 8 Tagen 
als ihre Absicht anzukündigen die Ehre hatte in Paris, Petersburg 
und London gleichmässig dahinzidende Schritte unternommen, 
dass die Mächte den Konflikt zwischen Österreich-Ungam und Serbien 
ab eine Angeli^renheit betiachten, die diese beidai Staaten aUdn 
angehe und deshalb lokalisiert bleiben müsse. Weder auf dem Aus- 
wärtigen Amt noch auf der österrdchisch-ungarischen Botschaft liegen 
irgendwelche Nachrichten aus Bdgrad vor, wo, nach Zeitungsmeldungen, 
schon geschossen werden soll. Da Projektile auf dem österreichischen 
Donauufer nicht \s ahrgenommen wurden, würde es sich, nach diesen 
wenig wahrscheinlichen Gerüchten, um in Belgrad ausgebrochene 
innere Unruhen handeln. Ob etwa von osterreiciiischer Seite schon 
mit einer kriegerischen Aktion begonnen worden ist, ist hier gleich- 
falls nicht bekannt. 

Der Schutz der österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen in 
Alt-Serbien ist von Deutschland übernommen worden. In den neu- 
serbischen Gebieten, in denen Deutschland keine Konsulatse unterhält, 
wohl aber Italien, soll dieser Schutz den italienisdien Behörden über- 
tragen werden. 

Bei dem Emst der Lage, bd der audi flir uns rasche Entsdilüsse 
sich als nötig erweisen können, ersdiien sowohl dem Kaiser wie der 
Reichsleitung die Rückkehr Sr. M. erwünscht. S. M. werden heute 
nacht in Potsdam eintreifen. 

V. Schoen 



1) Siehe Bericht 386 vom 18. Juli. (A; I, S. 4 flf.) 



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143 



Nr. 50 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Bericht 274 Wien, den 26. Juli 1914 

Angekommen 28. 7. 14. 

Der serbische Ministerpräsident Pasitsch hat dem österreicfaisdi- 
ungarischen Gesandten in Belgrad gestern abend vor 6 Uhr die 
Antwort seiner Regierung auf die ihr 48 Stunden vorher überreichte 
Note überbracht. Da Baron Giesl die Antwort ungenügend fand, 
notifizierte er dem Minister den Abbruch der diplomatischen Be- 
ziehungen und verhess um 6 Uhr 30 mit dem Gesandtschaftspersonal 
Belgrad. Den Schutz über die in Serbien bleibenden Österreicher 
und Ungarn hat die deuLaciie Gesandtschaft Übernommen. Schon 
nacfamittags 3 Uhr ist die Mobilmachung des serbischen Heeres an- 
geordnet worden, der Hof und die Regierung werden nach Kragu- 
jevac verlegt 

Vorstehende Nachrichten wurden gegen 8 Uhr abend hier be- 
kannt» nachdem am Nachmittag durch das Abendblatt der Neuen 

Freien Presse ein Telegramm verbreitet worden war, nach welchem 
Serbien die Bedingungen Österreich-Ungarns unter Protest nngenommen 
habe. Es scheint in Belgrad tatsächlich ein Umschwung stattgefunden 
zu haben, derselbe wird durch Eingreifen Russlands und der Militär- 
|>artei erklärt. 

Die Nachricht von der Abreise des Gesandten und der Mobili- 
sierung Serbiens wurde in Wien überall in den Lokalen, öffentlichen 
Gärten und auf den Strassen mit patriotischen Kundgebungen begrusst ; 
vor dem Kriegsministerium stand schon am Nachmittage eine grosse 
Zahl Ungedu^ger, die alsbald in stUmusche Demonstrationen aus- 
brach. Die am Feierabend auf dem Ring zusammenströmende 
Menge teilte sich in Gruppen, die nach der deutschen und italienischen 
Botschaft zogen oder sich in die innere Stadt, nach dem Minister- 
rats-Präsidium und dem Ministerium des Äussern wandten, überall 
patriotische Lieder, darunter ,, Deutschland, Deutschland über alles" 
und „Die Wacht am Rhein" singend und Hochrufe auf Kaiser Franz 
Joseph und Kaiser Wilhelm ausbringend ; in den Gärten, wo Musiken 
spielten, hörte man immer wieder die gleichen Weisen ertönen und 
unzählige Male „Gott erhalte" anstimmen. Diese Manifestationen 
dauerten bis nach Mitternacht; die Ordnung wurde nirgends gestört; 
ein Versuch, vor die serbische Gesandtschaft zu ziehen, scheiterte 
an den Vorkehrungen der Polizei. 

Der heutige Tag brachte eine Reihe von behördlichen Ver- 
fügungen, so die Ankündigung einer teüweisen Mobilisierung imd 
teiiweisen Einberufung des Landsturms durch die Statthai terei. Ent- 
gegen früheren Bestimmungen sollen nachstehende Armeekorps 
mobilisiert werden: Hermannstadt, Temesvar, Agram, Serajewo, 
Ragusa, Graz, Prag und josephstadt; das erstere soll wegen der un- 



144 



sicheren Haltung Rumäniens vorerst nicht in Aktion treten, in der 
Heianziehung der beiden letzteren erblickt man eine Vorsichtsmass- 
f^egel gegfin. die Tschechen. Bfit einiger Spannung sieht man dem 
Verlauf der Etnrüdoingen in den slavisdien Landesteüen entgegen» 

Um den Kursstürzen etwas Einhalt xu tun und dem Publikum 
Zeit zum Oberlegen zu lassen, hat die Börsenkammer besdilossen, 
die Börse drei Tage zu scfaliessen. Wenn der Krieg mit Serbien 
lokalisiert bleibt, so verfügt die Regierung Über genügende Geld- 
mittel für die nächsten Worhf^n ; es ist eine Finanztransaktion geplant, 
welche später zur Durchführung gclanjT'en soll, man spricht von der 
Ausgabe von Schatzscheinen. Sollte der Krieg grossere Ausdehnung 
annehmen, so müssen umfangreichere Aktionen unternommen werden. 

Vom nächsten Dienstag an wird der Personenverkehr auf den 
für die Truppentransporte m Betracht kommenden Eisenbahnen auf 
je einen Personenzug täglich in jeder Richtung beschränkt. Auf 
der Westbahn tritt eine solche Einschränkung vorerst nicht ein. 

Bis heute Mittag ist auf dem Ballplatz ein Schritt Russlands und 
Frankreichs im Sinne einer Intervention nicht erfolgt. 

Tucher 

Nr. 31 

Der Gesandte in Paris an den König 

Bericht 318/XXX Paris, den 26. Juli 19 14 

Angdcammcn 28. 7. 14. 

Die französische Regierung, die französische Presse und die franzö- 
sische öffentliche Meinung haben sich durch die Überreichung der 
österrekhischen Note an serbische Regierung in ungeahnter Weise, 
überraschen lassen. 

Deputierte und Senatoren haben nach den aufregenden Debatten 
über die Einkommensteuer der Metropole den Rücken gekehrt, und. 
Paris ist seitdem wie ausgestorben. 

Alle Botschafter mit Ausnahme des Freiherrn von Schoen sind 
von Paris abwesend. Der italienische Botschafter Herr Tittoni ist, 

in Island. 

Die Gesandten der Tripie-Entente waren nicht in Belgrad und 
die beruhigenden Erkhirungen des Grafen Berchtold an den russischen 
Botschafter Schebeko in VVien vor Antritt seines Urlaubs Hessen hier 
niemand an einen bevorstehenden Konflikt glauben. 

Die Ldtung des Ministeriums des Äussern ist dem in auswärtiger 
Politik wenig eriahrenen Siegelbewahrer Bienvenu Martin übertragen» 



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145 



Mit dem Consdlpräsidenten imd Ifinister des Äussern Hefm 
Viviani nmimt audi der Kabmettschef Gesandter de Marguerie an 
der oftiziellen Reise des Präsidenten nach Ruasland und den skandi- 
naviscfaen Ländern teil. 

Herr Cambon in Berlin wollte eben seinen grossen Sommer- 
urlaub antreten, und am Donnerstag kündigte die Pariser Presse noch 
die unmittelbar bevorstehende Abreise des deutschen Botschafters 
nach Deutschland an. 

Dies alles lässt erkennen, wie gänzlich unvorbereitet die plötzlich 
auftretende Kriegsgefahr die hiesigen politischen Kreise angetroffen hat. 
Ich befand mich Freitag, den 24. mittag, bei dem Kaiserlichen 

"Botschafter, als er eben von der österreichischen Note Kenntnis 
erhalten hatte, über deren Scharfe er nicht wenig erstaunt war. Die 
Morgenblätter halten die Note noch nicht s^ebracht. 

Auf der Börse hat die Note eine wahre Panik erzeug. Die 
Rente fiel auf 78. Nur einer scharfen Massnahme des Syndikats 
der Börsen-Agenten ist es zu danken, dass nicht noch tiefere Kurse 
der Rente zur Notierung kamen. 

Eine diesbezügliche Betrachtung aus dem Gauiois vom Heutigen 
ist hier alleruntertänigst angeschlossen. 

Die von dem Kaiserlichen Botschafter au ftrags gemäss verlesene 
Erklärung, dass unberechenbare Folgen eintreten konnten, wenn der 
Konflikt nicht zwischen Wien und Belgrad lokalisiert bliebe, ist von 
der Fresse sehr verschieden gedeutet worden, » 

Während man anfangs in derselben einen konzilianten Schritt 
erblidcen wollte, war man später überwiegend geneigt, dadn ein an 
die französische Adresse geriditetes „hands oft" zu erblicken. Dazu 
trug besonders der Umstand bei, däss nicht eme analoge Demarche 
von deutscher Seite gleichzeitig m England und Russland ge- 
macht worden ist. 

Vid besprochen wird auch eine angebliche Äusserung des 
Kaiserlichen Botschafters, der nach Verlesung seiner Erklärung hinzu- 
geftigt hätte: „Tout . • • plutdt que la continuation de la crise 
economique actuelle." 

In hiesigen Klubkreisen verschliesst man sich nicht der Berech- 
tigung österreichischer Reklamationen, sofern die Mitschuldigkeit 
serbischer Beamter und Vereine ans dem gesammelten österreichischen 
Akten material sich ergeben sollte. Dagegen findet die Form der 
Note grösstenteils Missbilligung. 

Ritter 



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146 

Nr. 32 

Der Gesandte in St Petersburg an das A/Unisterium des 

Äussern 

■ 

Bericht 84 St Petersburg, den 26. Jtdi 19 14 

Euer Exzellenz beehre ich mich meine telegraphiscfaen Meldungen 
von heute nacht und heute mittag zu bestätigen und bitte ganz 
gehorsamst, da Zeit drängt, um diesen Bericht mit sicherer Ge- 
legenheit heute 7M expedieren, im Telegraomistil die mir zugekommenen 
Nachrichten rekapitulieren zu dürfen. 

Während Russland anscheinend zunächst kriegerisches Eingreifen 
nur für den Fall territorialer Schädigung Serbiens vorgesehen, hat 
gestriger Ministerrat — auf Rereitschaftsversicherung (trotz innerer 
Unruhen) durch Kriegsmimster — Krieg schon im Falle österreichi- 
schen Angriffs auf Serbien beschlossen. 

Mobilisation^nachricht bestätigt sich bis jetzt nur für Bezirke 
Kiew und Odessa Manöver und Revuen sind abgesagt, Truppen 
in Garnisonen zurückbeordert. 

Militärattache von Eggeling und General von Chelius berichten 
von gestriger Revue in Krasnoje, dass auf Bekanntwerden des 

Ministerratsbeschlusses unter Militärs grosse Erregung Persönliche 
Beförderung der Kriegsschuler zu Offizieren durch Kaiser auf Parade* 
feld drei Monate vor üblichem Termin. Gestern abend im Theater 
Krasnoje stürmische Ovationen für Kaiser unter wiederholtem Ab- 
singen der Hymne. Bei Diner toastet Staiimeister Gruiiwaid mit 
seinem Nachbar von Chelius auf Wiedersehen in besserer Zeit 
österreichischer Angriff wurde in russischen Militärkreisen gestern 
abend bestimmt erwartet. 

Graf Pouriales iieule über längere Unterredung mit Sasonow 
optimistisch gestimmt. Sasonow erklärt, dass Russland europäischen 
Krieg, den keine Regierung verantworten könne, nicht will. Er 
beschwört Graf Pourtal^ um Mitwirkung Deutschlands, damit Brücke 
gefunden werde, die eine Belegung des drohenden Konflikts er- 
m(^liche. 

Graf Pourtalte hat bei Sasonow Mittdlung an Fresse erwirkt, 
dass österrekfassche Note nicht vor Überreichung in Berlin vorgelegen 
und im Wortlaut gebilligt worden ist. Abdruck der von deutsdher 

Botschaft in russisch und französisch abgefassten Pressmitteilung 
wird nach Hoflager Peterhof geschickt. Diese Alction richtet sidi 
b^nders gegen Hetzartikel der Nowoje Wremja. 

Graf Pourtal^ wird bei Sasonow vorstellig, weil französischer 
Botschafter Fäl^logue hier in Gesellschaft (dirdct dem italienischen 



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U7 



Botschafter gegenüber) äussert, dass Deutschland zum Krieg treibt, 
<es handle sich nicht mehr um serbische Frage, sondern um deutsch- 
trussischen Konflikt 

Auf Botschaft liegen Telegramme aus Färis und London (via 
Berlin) vor. Grey betont Notwendigkeit, Krieg zu verhüten, aus 
seinen Worten hervorgeht, dass England seine Anteilnahme an even- 
tuellein Krieg ausschliesst; er spricht nur von Kri^ zwischen Deutsch- 
land, Österreich, Russland, Frankreich. Er spricht für Aktion der 
Grossmächte zum Ausgleich zwischen Russland und Österreich, Genug- 
tuung^ seitens Serbiens unerlässlich. Monarchisch regierte Staaten 
müssen sich über notwendige Massnahmen gegen Serbien einigen. 

Äusserungen französischen Justizministers an Botschafter Schoen 
haben auch Tendenz, Kriech zu verhüten unter Annahme guten Willens 
:zur Genugtuung seitens Serbiens. 

# 

Auf Zuspruch des Grafen Pourtal^s wird Sasonow heute öster- 
reichischen Botschafter empfangen, um Zusicherung entgegenzunehmen, 
4iass Österreich keine territorialen Absichten gegen Serbien hat. 

Grunelius 



Nr. 33 

Der Gesandte in St Petersburg an das Ministerium des 

Äussern 

Telegramm ^St. Petersburg, 27. JuU 1914; i" vorm. 

Nach Unterredung mit Szäpäry hält Sasonow Einigung über 
Serbien Note möglich wenn Wien zu Änderungen bereit. Sasonow 
auf Vorschlag; Pourtal^s zu Versuch dieses Wegs bereit. Russische 
Militärs anregen bei General Chelius Telegramm deutschen Kaisers 
an Zaren mit AppeU an Monarchie. 

Grunelius 



148 



Nr. 34 

Der Geschäftsträger in Berlin an das Ministerium des 

Attssem 

Telegramm Berlin, den 27. Juli 1 914; 1^^ nachm. 

Lage fmdet nach Bffitteflui^eii aus Petersburg vorerst ruhige 
Beurtnlung. 

Schoen 

Nr. 35 

Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden Im 

Ministerrate 

Bericht 402 Berlin, den 27. Juli 1914 

Wie ich Ew. Exz. teleg^aphisch gehorsamst gemeldet habe,^) wird 
die Lage heute im Auswärtigen Amt weniger kritisch beurteilt, als 
es gestern der Fall war. Es hat sich nanilich inzwischen enviesen, 
dass die gestern verbreiteten russischen Mobilmachungsmeldungen 
den Tatsachen zum mindesten vorauseilen. 

Sowohl Herr Sasonow als der russische Kriegsminister haben» 
und zwar dieser eiirenwörtlich, dem Grafen Pourtalte versichert» 
dass kein Befehl zur Mobilisiening, auch nicht zu einer tdlweisen» 
ergangen sei Nach einer Meldung des deutschen Militärattaches 
sollen allerdings vorbereitende Massnahmen für eine eventuelle Mobil« 
macfaung in ziemlich weitgehendem Masse getroffen werden, aber 
vor dem Erlass der Mobilmachungsordre scheut die russische Regie- 
rung offensichtlich in der Erkenntnis der Folfren, die dieser Schritt 
haben würde, noch zurück. Man dürfte ^ch in Petersburg darüber 
klar geworden sein, dass Deutschland ihr schon deshalb nicht ruhige 
zusehen würde, um nicht den Vorsprung zu verlieren, den unsere 
schnellere Kriegsbereitschaft uns bietet. 

So wird man von Petersburg aus in den nächsten Tagen zu* 
nächst mit diplomatischen Mitteln versuchen, das Ärgste von Serbien 
abzuwenden. Kritisch wird die Lage, wie Henr v. Stumm mir heute 
sagte, erst in dem Augenblick werden, in dem die österreichisch- 
ungarische Armee in Serbien einrückt. Dies wird aber nach einer 
Äusserung, die General Conrad v. Hötzendorf dem Botschafter Frei- 
herm v. Tschirschky gegenüber gemacht haben soll, nicht vor dem 
10., vielleicht erst am 12. August der Fall sein. 

Dass Frankreich alles tun wird, um Russland von kriegerischem 
Vorgehen abzuhalten, beweist die Haltung der französischen Presse. 

^ Siehe B, $4. 



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149. 



Wie gross die Bestürzung in Paris war, zeiget der Umstand, dass die 
französische Rente an der vorgestrigen Börse einen Tiefstand erreicht 
hat, wie er seit dem Jahre 1870 nicht verzeichnet worden ist, und 
der die Schliessung des Rentenmarktes nötig gemacht hat. 

Was die von dea Zeitungen gebradite Meldung von einer Ver* 
nitdungsaktion der Mächte brtrifit, so- habe ich von dem GModten 
Grafen Mirhadi erfahren» dass Sir Edward Gre3r allerdings eine 
d&narche ä quatre (Deutschland, England» Italien, Frankreich) an- 
geregt hat. Bei dieser d^narche könnte es sich aber nicht um eine 
Vermittlung zwischen Österreich und Serbien handeln, da Österreich 
eine solche als unfreundliche Einmischunc^ empfinden würde, sondern nur 
um Bemühungen, die die Lokalisierung des Konflikts zum Ziele haben. 

Die italienische Regierung hat, wie heute auch amtlich bekannt- 
gegeben worden ist, dem Wiener Kabinett erklaxen lassen, dass sie 
in einem allenfalisigen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich und 
Serbleo eine freuodschaftlicheund dem Bundesverhältnisse entsprechende 
Haltung einnehmen werde. Sie hat aber, wie idi ganz vcrtraniidi 
von österrdchischer Seite erfahren habe, dabei bemerkt, dass sie 
auf Grund des Artikels Vn des Bündnisvertrages auch bei nur provi- 
sorischer Besetzung serbischen Gebiets durch östorretch Kompensa- 
tionen für sich beanspruchen werde. 

In Wien will man eine so weitgehende Auslegoing dieses Artikels 
nicht gelten lassen und hat demgemäss in Rom geantwortet, dass 
Kompensationen nicht in Frage kämen, da eine dauernde Besetzung 
serbischen Territoriums österreichischerseits nicht in Aussicht ge- 
nommen sei. In dem Auswärtigen Amt bedauert man das Auftauchen 
dieser Kontroverse zwischen Wien imd Rom und hätte es, um Italien 
auf alle Fälle „an der Stange zu halten**, fUr ratsam gehalten, wenn 
Graf Berchtold sich dem, zunächst nur voraoigUdbi eriiobenen, italieni- 
schen Anspruch g^enüber entgegenkommend gezdgt hätte. 

Wie weit die Verhandlungen zwischen Wien und Sofia gediehen 
sind, ist hier nicht bekannt. Es liegt nur eine etwas unklare Er- 
klärung der bulgarischen Regierung vor, wonadi sie in dem Konflikt 
neutral bleiben werde. 

Das Auswärtige Amt hat daher heute nach Sofia zwecjks Klar- 
stellung der Haltung Bulgariens telegraphiert. 

Auch die Stellungnahme der i urkei ist eine für Oesterreich 
günstige. Nach einem Telegramm des Graien Pallavicini an Graf 
Beicfatold hat der Grosswesir den Botachafter der Sympathien der 
Türkei versichert und ihn zu dem Voigi^ien öalcrreichs gegen Serbien 
beglüdcwiinscht. 

Wie mir der serbische Geschäftsträger erzählte, dem ich heute 
begegnete, wäre die serbische Regierung bereit gewesen, die sämt- 
lichen österreichischen Forderungen mit Ausnahme jener zu erfüllen, 
die sich auf die Vornahme von Amtshandlungen durch österreichische 
Organe m Serbien beziehen. Sogar die verlangte Proklanmtion und 
den Tagesbefehl an die serbische Armee hätte die Regierung zu- 



150 



gestanden und die Verhaftung des angeschuldigten Majors Tankositsch 
tatsächlich schon vor Ablauf der 48 stundigen Frist vorgenommen. 

Der Geschäftsträger glaubt, dass die serbische Armee sich zu- 
nächst aus Belgrad zurückziehen werde, damit die Stadt nicht be- 
sdiossen werden könne. Man werde sich dann auch weiter auf 
die Defensive beschränken und so vidleicht die Möglichkeit 2x1 
weiteren diplomatischen Verhandlungen lassen. 

Die Reise des Präsidenten der französischen Republik ist infolge 
der Ereignisse vorzeitig abgebrochen worden, und auch die Besuche 
in Petersburg und Stockholm scheinen keinen grossen Erfolg gebracht 
zu haben. 

Wie ich ganz vertraulich erfahren liabe, ist die Hnllung. die 
Schweden im Falle eines Krieges zwischen Dreibund und Zweibund 
einzunehmen erklärt hat, eine derartige, dass sie für alle, die in 
Petersburg und l'arib an die Reise des Hct in l'oincare nach Stock- 
holm irgendwelche dem Zweibund gunstige Hoffnungen geknüpft 
haben, eine bittere Enttäuschung bedeuten würde. 

V. Schoeir 

Nr. 36 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Änssem 

Bericht 278 Wien, den 27. Juli 1914 

Angekommen 28. 7. 14. 

Die österrdchisch-ungarische Regierung wird den zu gewärti* 
genden -Versuchen der Ententemächte, den ^rdgnissen jetzt noch 
eine friedliche Wendung zu geben, Vermitdungsversuchen, denen 
g^eniiber sie sich ablehnend verhalten müsste, dadurch vorbeugen^ 
dass sie die Kriegserklärung an Serbien herbeiführt, umsomehr als 
die Feindseligkeiten von gegnerischer Seite heute schon bei Temes^ 
Kubin an der Donau bej^onncn worden sind. 

Was die Lokalisierung des Krieges mit Serbien betrifft, so wird 
angenommen, dass England und Frankreich auf Russl^md einwirken» 
um dessen Eingreifen lünlanzuhalten. Ks fragt sicii, ob der Zar stark 
genug ist, der Kriegspartei zu widerstehen ; inzwischen trifft Russland 
gewisse militärische Massregeln. 

Der König von Rumänien hat erklären lassen, dass er seiner 
Dreibundpolitik treu bleiben werde, auch der König von Schweden 
hat geäussert, dass er auf Seite des Dreibunds stehe. 

Mit jgrosser Genugtuung hat man im Ministerium des Äussern ^ 
von den Osterreich Ungarn freundlichen Demonstrationen in München, 
insbesondere von der begeisterten Ovation vor der K. und K. Gesandt- 
Schaft, Kenntnis genommen. 



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löl 



In Hofkreisen verlautet, dass der Kaiser Franz Joseph bald nach 
Wien zurückkehren werde, sein Befinden sei das denkbar beste. Die 
Dauer der Mobilmachung wird auf 14 bis t6 Tage berechnet 

Tucher 

Nr. 37 

Der Gesandte in St Petersburg an das Ministerium des 

Äussern 

Bericht 85 St. Petersbufg, den 27. Juli 1914 

Im Anschluss an meinen Bericht vom 26. ds. Mts. Nr. 84^), 
unter Bestätigung meines Telegramms von beutet nacht beehre ich 
mich Euer Exzellenz das folgende ganz gehorsamst zu melden. 

In gestriger Unterredung haben Minister Sasonow und Bot- 
schafter Graf Szäpäry den ganzen Wortlaut der österreichischen Note 
an Serbien durchgesprochen. Minister Sasonow &nd einen Teil der 
Forderungen berechtigt, bei anderen hat er Einwände namentlicfa 
gegen die Form zu erheben. Er ersuchte den Botschafter, seiner 
Regierung eine Modifikation der Note anheimzustellen. Nach der 
Unterredung, die einen beruhigenden Verlauf hatte, besprach Minister 
Sasonow mit Graf Pourtal^s die Möglichkeiten eines Ausgleichs. 

Minister Sasonow regte an» dass die Könige von England und 
Italien in Wien intervenieren. 

Graf Pourtales machte den Vorschlag — ausdrucklich als seine 
persönliche Anschauung, ohne Auftrag von Berlin — dass russische 
Regierung in Wien sondieren lasse, ob Österreich auf eine Revision 
seiner Note einzugehen bereit sei. Dann sollten die Modiiikationen 
verabredet, von Russland auf Serbien zur Annahme der modifizierten 
Forderungen und gleichzeitig von dritter Seite auf Österreich zwecks 
friedlicher Auseinandersetzung eingewirkt werden. Minister Sasonow 
sagte zu, in diesem Sinne an die russische Botschaft in Wien tele- 
graphieren zii wollen. 

Gestern abend hat auf Veranlassung des Herrn Sasonow der 
russische Kriegsminister den deutschen Militärattache von Eggeling 
zu sich gebeten um ihm die militärische Lage darzulegen. Er hat 
versichert, dass sich tatsächlich noch kein Korps in Mobihsation 
befinde, „es sei noch kein Soldat euiberufeu, kein Pferd ausgehoben". 
Es seien nur vorbereitende Massnahmen ftir Mobilisation und zwar 
nur an der österreichischen Grenze ftir Gouvernement Odessa, Kiew, 
Moskau erlassen ; wenn Osterreich kriegerisch vorgehe, werde Russ- 



Siehe B, 32 



16% 

land mir gegen östendcb mobüläeren, nklit gfigea Deutschland 
und nkfat in den Gouvernements Wilna, Warvdhaii, Petersburg. 
Russland wolle keinen Krieg mit Deutschland. 

General von Chelius meldet, dass mehrere als monarchisch 
gesinnte und deutschfreundlich bekannte höhere Militärs ihm den 
Wunsch kundgegeben hätten, dass Kaiser Wilhelm II. persönlich an 
den Zaren telegraphieren und ihm unter Appell an monarchische 
Idee um Mitwirkung zur Vermeidung eines Krieges bitte. 

Im Auftrage des Reichskanzlers wird Graf Pourtales heute dem 
Minister Sasonow mitteilen, dass russische Mobilisation eine Spitze 
gegen Deutschland habe, und dass Fortsetzung der russisdiea Bdass- 
nahmen sofortige Mobilisation Deutschlands sowohl gegen Russland 
als gegien Frankreidi zur Folge haben werde, was Krieg bedeute. 
Der Reichskanzler hofTt, dass Russland nicht den Kneg entfesseln 
wird. Da Österreichs territoriales Desinteressement nicht zu be* 
zweifeln und auch Deutschland nicht beabsichtige, die Existenz Serbiens 
als Staat in Fra^e stellen zu lassen, könne Russland wohl abwartende 
Haltung^ einnehmen. Trotzdem die letzten Unterredungen des Ministers 
Sasonow mit den beiden Botschaftern Aussichten auf Erhaltung des 
Friedens eröffnen, hält auch Graf Pourtal^ die Lage noch nicht für 
beruhigend. 

DKe Ungewissheit über weitere Unternehmungen Österreichs 
und sein ansdieinendes Zaudern venusadit hier nervöse Spannung. 
Nadi der kriegerisdien Stimmung vom Samstag erscheint der tnmsi- 
gente Ton in der Haltung der Minister Sasonow und Suchomlinow 
unvermittelt. Die Frage drängt sich auf, ob zuerst nur geblufft 
werden sollte und ob man jetzt hier die Nerven verloren hat, oder 
ob das jetzige Verhalten nur „reculer pour mieux sauter** bedeutet. 

Grunelitts 



Nr. 38 

Der Gesandte in Rom an den Kdnig 
Bericht 222/XVIII Rom, den 27. Juli 19 14 

Angdcommen 30. 7. 14, 

Der hiesige serbische Gesandte hat heute gesagft, dass Serbien 
nachgeben werde, und Mitglieder der englischen Botschaft haben 
sich dahin geäussert, dass es nicht zum Krieg kommen werde. 

Es ist nun abzuwarten, ob der serbische Gesandte die Wahrheit 
gesagt hat, und welciien Erfolg die vom Minister Sir Edward Grey 
vorgeschlagene Vermitdung der vier weniger beteiligten Grossmäcbte 
durdi eme Konferenz in London haben wird. 

Das Vorgehen, österfeich^agams gegen Serbtcs wifd V64C der 
italienischen Fresse im grossen und ganzen ruhig beurteilt und die 



1S|3 

Entwickeiung der Ereignisse wird abgewartet. Die italienische 
Regierung hat durtA den Botschafter in Wien erklären lassen, dass 
sie In der gegenwärtigen intemationaien Lage eine freuncQielie Haltung 
beobadbtea werde, wie sie den Bedingungen des Bündnisvertrags 
entspreche. Es ist nur die Frage, ob im Emst&U die Anfiassui^ 
der italienischen Regierung von der Ausdehnung ihrer Verpflichtinigen 
jener der österreichisch-ungarischen Regierung entsprechen wird. 

Der Minister des Äussern Marchese di San Giuliano ist heute 
• von Fhi^o^i hierher zurückgekehrt und wird am 29. Juli den im Pan- 
theon veranstalteten Gedächtnis-Gottesdienst fiir Seine Majestät den 
König Humbert beiwohnen. Er hatte ursprünglich die Absiebt, 
sofort nach dem Gottesdienst Rom wieder zu verlassen, um sich nach 
VaUombrosa zu begeben, wohin ihm auch der deutsche Botschafter 
gefolgt wäre, der sich seit Wochen gleichzeitig mit ihm in Fiuggi 
beAmden hat und morgen ebenladls nadi Rom zurUckkefaren wäd. 

Bei dem Emst der Lage und der Schwierigkeit Air die hiesigen 
Diplomaten, mk dem Minister zu verhandefai, wenn er nicht in Rom 
selbst ist, dürfte er es dodi vorziehen, in Rom zu bleiben. 

V. d. Tann 

Nr. 39 

Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 
Telegramm Paris» den 38. Juli 1914; 9** nachm. 

AagekonMieii S9. 7. 14« s"* foim. 

Zwei Berichte unterwegs. Presse macht Deutschland für Aus- 
bruch der Feindseligkeiten verantwortlich. Stimmung verschärft. 
Botschafter hält Lage sehr ernst. Anheimstelle Fonds für Heim- 
schafiung von Bayern bei Firma Ganz und Comp, bereitzuhalten. 
Sofortige Ausweisung der Deutschen kaum zu erwarten. Fritaident 
kehrt heute zurück. 

Ritter 

Nr, 40 

- Der Gesandte in Berlin an den Vorsitsenden im 

Ministerrate ^) 

Bericht 406 • Berlin, den 28« Juli 1914 

Das Teleg^ramm Fw. Exz. von vorgestern habe ich gestern vor 
meiner Abreist noch erhalten. Es war in St. Gilla liegengeblieben, 



^) Vorher erfolgte kurze telephonische Inhaltsangabe nach Münchea. 



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154 

4 

da man dort irrtümlich annalmi, idi sei bereits telephonisch von 
dessen Inhalt verstandigt. 

Heute habe ich versucht, den Rdchskanzler zu sehen» leider ver- 
geblich, weil er zum Kaiser nach Potsdam gerufen worden war. Vom 

Unterstaatssekretär Wahnschaffe habe ich aber erfahren, dass der 
Reichskanzler beabsichtige, Sr. M. dem König die Lage schriftlich 
darzulegen, und deswegen mit mir noch sprechen will. 

Einstweilen kann ich über den Stand der Dmge auf Grund von 
Rücksprachen mit anderen Persönlichkeiten folg^endes melden : 

Der Konferenzvorschlag Greys wird hier für durchaus inopportun 
gehalten, weil er wegen des Verlangens, dass einstweilen die Feind- 
seligkeiten zu ruhen haben, lUr Österreich-Ungarn nicht annehmbar 
ist. Man verdenkt es dem deutschen Botschafter m London, dass 
er den Versuch unterlassen hat, Sir E. Grey von dem Schritte ab- 
zubringen. 

Ich gestehe, dass auch auf mich der Vorschlag einen befrem- 
denden Eindruck gemacht hat. Denn wenn der englische Minister 
erklärt, sich nicht in den Streit zwischen Österreich-Ungarn und 
Serbien einmischen zu wollen, so kann er nicht von Österreich- 
Ungarn verlangen, dass dieses bis zum Spruch der Konferenz Serbien 
nicht angreift. 

Man rechnet hier mit Bestimmtheit darauf, dass in Wien abgelehnt 
wird, die verlangte Zusidierung zu geben, und dass damit die Konferenz, 
jedenfiüls in der vorgeschlagenen Form, nicht zu Stande kommt. 

Sehr wenig erbaut ist man hier, dass Österreich-Ungam sich 
ausser Stande erklärt, vor Ablauf von 14 oder mindestens 10 Tagen 
den Angriff /u crölTnen. Vom militärischen Standpunkt mag diese 
Vorsicht berechtigt sein. Vom politischen aber nach der hiesigen 
Ansicht nicht, denn man befürchtet ein gewisses Abflauen des Fn- 
thusiasmus, den das entschiedene Vorgehen des Kaiserstaates dort 
und in Deutschland hervorgerufen hat. 

Bisher bin ich hier noch niemand begegnet, der eine bestimmte 
Ansicht über die weitere Entwicklung der Dinge geäussert hätte. Dass 
keine der Grossmächte einen europäischen Krieg will, dass namentlich 
Frankreich und England für eine Lökali^erung des Kampfes zwisdien 
Österreich-Ungarn und Serbien sehr entschieden in Petersburg ein- 
treten, steht ausser Zwei^ Krieg oder Frieden wird also nur davon 
abhängen, ob die russisdie Regierung gewillt und im Stande ist, 
dem Drängen der Panslawisten auf Einmischung Widerstand zu leisten. 
Sowohl hier als in Wien sind die Militärs der Ansicht, dass die 
russische Armee nicht fertig ist. Bekanntlich haben aber die Russen 
sich dadurch bei anderen Gelegenheiten nicht hindern lassen, einen 
Krieg zu beginnen. 

Während ich Ew. Exz. schreibe, erfahre ich, dass Deutschland 
den Konferenzvorschlag Greys abgelehnt hat. 

G* H. Lerchenfeld 



ia!5 

Nr. 41 

Der Gesandte in Wien an das Ministeriam des Äussern 

Bericht 280 1) Wien, den 28. Juli 19 14 

Angekommen 19. 7. 14. 

Euer Exzellenz beehre ich mich anruhend ein Exemplar des 
Memoire gehorsamst zu unterbreiten, welches die österreichisch- 
ungarische Regierung durch ihre Botschafter den Signatarmächten 
des Berliner Vertrages zugleich mit ihrer Note an die serbische Regie- 
rung vom 23. ds. Mts. hat mitteilen lassen. 

Das Memoire gibt Aufschlüsse über die serbische Propaganda 
und deren Zusammenhang mit dem Attentat am 28. Juni und bildet 
eine Art Bc^^ründung des Vorgdiens österreich«Unganis. 

Tucher 

P. S. Die Bdittdhing des M^oire ist nicht gleichzeitig mit der- 
jenigen der Note erfolg sondern erst, jetzt zur Verfügung gesteUt 
worden, da die Drucklegung nicht fertiggestellt war. 

Tucher 



Nr. 42 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Bericht 2S1 Wien, den 28. Juli 1914 

Angekommen 29. 7. 14. 

Die Kri^serklärung ist heute erfolgt, morgen ergdit ein Manifest 
des Kaisers an die Völker. Voraussichtlich werden Seine Majestät 
am Donnerstag nach Wien kommen» gleichzeitig mit dem Thron- 
folger, der zurzeit in Ischl weilt. Es ist beabsichtigt, dem Kaiser^ 
der von der loyalen Haltung der Ungarn tief gerührt ist, nahezul^en, 
Air kurze Zeit nach Budapest zu gehen, sich den Truppen zu zeigen 



^) Dem Bericht liegt das Memoire der Österreichisch-Ungarischen 
Regierung, eine Druckschrift von Xn/32 Seiten 2®, bei. Abgedruckt in 
den Farbbüchern Österreichs, Deutschlands und Frankreichs. Tuchers 
Bericht wurde am 29. Juli präsentiert; am 4. August mit dem Blei- 
stiftvermerk : „Das Memoire wurde hier vom Österr.-Ungar. Gesandten 
bereits am 27. ds. Mts. tibergeben" und dem Tintenvermerk ,,Das 
Memoire ist bereits Allerhöchsten Ortes unterbreitet worden" zu den 
Al^ten genommen. 



156 



und überhaupt den vorhandenen Enthusiasmus durch sein Erscheinen 
noch mehr /.u entfachen. 

Mit der Kriegserklärung sind die Versuche der Ententemächte, 
auf Grund der serbischen Antwortnote noch vor Ausbruch der Feind 
Seligkeiten zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu vermitt^« 
abgeschnittea. Botschafter Englands und Russlands» die heute 
mittag auf dem BaUplatz vorsprachen, konnten auf die bereits erfolgte 
Kriegserklärung hingewiesen werden. 

Die Bemühungen der Iklachte zur Herbeiführung der Lokalisie- 
rung dauern fort, Russland hat sidi nodi nicht ausgesprodien und 

man fürchtet, dass es einer bestimmten Erklärung ausweicht. Einst- 
weilen hat es angedeutet, dass es die Militärbezirke Kiew, Odessa, 

Moskau und Kasan mobilisieren werde, sobald die österreichisch- 
ungarische Armee die serbische Grenze überschreite. Aus Odessa 
wird gemeldet, dass dort die Mobilmachung^ schon angeordnet, aber 
nicht publiziert sei ; der Nachricht ist beigefügt, dass die Massregcl 
auch durch die schwere Besorgnis für die innere Sicherheit veranlasst 
sein könne. In Warschau, von wo auch militärische Vorkehrungen 
gemeklet werden, sind Puhrennagazine auf der StaddDe expk>diert, 
nach offizieller Angabe infeige Blitzschlag. 

Die Mobilisierung in österreicfa*Ungam ist im vollen Gange. 
Die Einrückungen vollzogen sich bis jetzt anstandslos auch in den 
slavischen Gebietsteilen, die Stimmung wird durchwegs als eine aus- 
gezeichnete geschildert, woritfier grosse Genugtuung herrscht. 

Tucher 

Nr. 43 

Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Berlin, den 29. Juli 19 14; 11^ nachm. 

Lage infolge russischer und französischer Kriegsvorbereitungs- 
massnahmen heute abend sehr gespannt. Deutscher Grosser General 
Stab für entsprechende Gegenmassnahmen, worüber aber Entscheidung 
noch aussteht. Meine Unterredung mit Reichskanzler kann erst 
morgen stattfinden. 

Lerchenfeld 



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Nr. 44 

Der Gesandte in St Petersburg an das Ministerium des 

Äussern 

Tdegramm St. Petersburg, 29. Juli 1914; 7^ nachm. 

Zwischen Sasonow und Pourtal^s freundlicher Austausch über 
Kanzlers Erklärung. Russischer Mobilmachungsbefehl gegen öster^ 
reich erfolgt heute abend, ant^eblich weil Umfang österreichischer 
Mobilmachung dass sie nicht nur gegen Serbien p-ericbtet. 

Nach Information der Botschaft erfolgen auch einleitende Vorberei- 
tungen nach deutscher Grenze Sasonow verneint wiederholt kriege- 
rische Absicht und äussert Wunsch direkter Verständigung mit Wien* 

Grunelius 

Nr. 45 

Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Paris, 29. Juli 19 14; 7^^ nachm. 

Herr Jswolsky betrachtet Lage sehr ernst. Bisherige russische 
Zurückhaltung durch Truppenansammlung bedingt. Nach russischem 
Botschaftsrat Situation d^sesper^. Französische Presse ruhiger^ 
Diplomatenempfang abgesagt. 

Ritter 

Nr. 46 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 407 Berlin, den 29. Juli 19 14 

Mein badischer Kollege hat mir soeben mit^reteilt, dass Minister 
von Dusch und Herr von Weizsäcker abgemacht haben, persönlich 
an der Sitzung des Bundesrats teil?unclimen, die etwn wegen der in 
Rücksicht auf die äussere Lage zu fassenden Beschlüsse einberufen 
werden würde. Herr von Dusch beauftragte Graf Berckheim, bei 
Herrn Delbrück anzuregen, dass die Ersten Bevollmächtigten zu der 
Sitzung eingeladen werden. 

Idi habe daraus VeranUissung genommen, Herrn Delbrück ca 
bittten, die Bundesratssitzung so rechtzeitig anzusetzen und die Ersten 
Bevollmächtigten telegraphisch zu verständigen, damit die Herrea 
Minister Zeit haben » für die Sitzimg nach Berlin zu kommen. Einer 
besonderen Einladung bedarf es hierzu ja nidit. 



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158 



Weiter habe ich zu melden, d^ss Staatsminister Delbrück den 
Bürgemieistier von Berlin aufgefordert hat, für alle Fälle für die Ver 
proviantierung von Berlin Sorge zu tragen. Ferner, dass sich das 
Reich möglichst viel Getreide zu sichern im Begriffe steht, um die 
Aufmarschgebiete und die Festungen zu versorgen. 

Herr Delbrück bemerkte hierzu, dass, wenn auch das Reich 
davon ausgehe, dass die Verproviantierung der Bevölkerung Sache 
der Einzelstaaten sei, er doch geglaubt habe, auch von Reichs wegen 
in der angegebenen Beschränkung Sorge tragen zu sollen. Dabei 
ergebe sidi die Schwierigkeit, dass alles vermieden werden müsse, 
was im Ausland den Anschein erwecken könnte, als ob Deutschland 
2um Kriege dränge. Diesen Gesiditspunkt sollten auch die Bundes 
Staaten bei ihren Massnahmen nicht aus dem Auge verlieren, solange 
über Krieg oder Frieden nicht entschieden seL 

Staatsminister Delbrück nimmt übrigens an, dass die Getreide- 
versorgung dank der stehenden Ernte und der Grösse der Vorräte 
^keine Schwierigkeiten machen werde. 

G. H. Lerchenfeld 



Nr. 47 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate ^) 

Bericht 408 Berlin, den 29. Juli 19 14 

Die Lage sieht heute vormittag etwas friedlicher aus als gestern 
abend. Man konnte erwarten, dass die Kriegserklärung Österreichs 
an .Serbien Russland zu einem entscheidenden Schritt veranlassen 
werde. Dass ein solchcir Schritt bisher nicht gemeldet ist, dürfte 
schon beweisen, dass man in St. Petersburg vorläufig nicht zum 
Äussersten entschlossen ist. Es liegt aber auch die Nachricht vor, 
dass Russland den Konferenzvorschlag Greys im Prinzip angenommen 
hat, sich aber vorbehält, weiter unmittelbar mit Österreich-Ungarn 
zu verhandeln, und endlich hat nach einer Mitteilung aus dem Aus- 
wärtigen Amt Minister Sasonow dem Grafen Fourtal^ gesagt, Russ- 
land wünsche den Weltfrieden zu erhalten und suche nach dem Wege, 
dieses Ziel zu erreichen. Von London wird gemeldet, dass Sir Edward 
•Gtey dem Fürsten Lichnowsky gesagt habe» England würde in Zukunft 
mit Deutschland gehen, wenn dieses jetzt das Seine tue, um den 
Krieg zu vermeiden. 

All diesen Nachrichten scheint mir aber nur ein symptomatischer 
Wert beizumessen zu sein. Eine Klärung der Lage liegt nicht vor. 



^) Telephonische Mitteilung erfolgte vorher um 9*^ nachm. 



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159 



Die PoEtik des Deutsdien Reiches ist dafauf gerichtet, dass der 
Alliierte mit einem Gewinn an Prestige aus der Sache hiervorgeht, 
aber der Weltfrieden erhalten bleibt. 

Wie ich schon gestern Ew. Exz. berichtet habe, ist die Lage 
dadurch sehr erschwert, dass Österreich-Ungarn dabei bleibt, den 
Einmarsch in Serbien bis zum 12. August aufschieben zu müssen. 
Wie es möglich sein wird, die jetzige Spannung so lange dauern 
zu lassen, ohne dass etwas reisst, scheint mir sehr schwierig. 

Ew. Exz. werden die Wolffsche Depesche vom Gestrichen gelesen 
haben, welche die Antwort Serbiens auf das Ultimatum enthalt. Dar- 
nach wird sich schwerlich bestreiten lassen, dass Serbien &st in allen 
Punkten den Forderungen Österreich-Ungarns zu entsprechen bereit 
gewesen ist. 

Dass Österreich-Ungarn Zweifd hegt, dass Serbien das gegebene 
Versprechen auch erfüllt haben würde, ist sicherlich berechtigt, aber 
andererseits muss das grosse EntgegenJcommen Serbiens es Russland 
erschweren, diesen slavischen Bruder im Stiche zu lassen. 

Ich werde heute den Reichskanzler voraussichtlich sehen und 
dann wieder berichten. 

Die gestrig'en sozial demokratisclicn W-rsammlungen und Demon- 
strationen gegen den Krieg sind zieinlich ruhig verlaufen. Die 
Stimmung der hiesigen Bevölkerung ist im allgemeinen eine gemessene. 
Man verlangt nicht den Kri^, aber man hat sich mit dem Gedanken 
abgefunden. 

G. H. Lerchenfeld 



Nr. 48 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Bericht 282 Wien, den 29. Juli 1914 

Aat^konunen 30. 7. 14, 

Euer Exzellenz beehre ich mich anbei in Abschrift die Verbal- 
note des K. u. K. Ministeriums des Äussern vom Gestrijr^-n, mit 
welcher dasselbe die Kriej^serklänmc^ Österreich-Ungarns an Serbien 
mitteilt, gehorsamst zu ijl)crreichen. ^) 

Die erfolgte Kriegserklärung ist in meinem gehorsamsten Bericht 
vom Gestrigen Nr. 28 1 gemeldet worden. Die Verbalnote ist gestern 
abend nach Postabschluss eingelaufen. 

Tucher 

1) Beigelegt: Abschrifit des französischen Textes der VOTbalnote, 
die der bayer. Gesandtschaft in Wien von der östeireichisch-unganschen 
Regierung ttbermittdt worden war. 



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160 

Nr. 49 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Aussem 

Bericht 283 Wien, den 29. Juli 1914 

Geheim! 

Es ist (lir den strategischen Aufmarsch von höchster Wichtigkeit, 
baldmöglichst Klarheit über die Absichten Russlnnd? zu erhalten. 
Lässt es die Lokalisierung zu, SO können alle Armeekorps, deren 
Mobilisierung angeordnet ist, auf den serbischen Kriegsschauplatz 
gebracht werden. Tritt aber Russland sofort in den Kampf ein, so 
wird man Serbien gegenüber in der Defensive bleiben und den 
Schwerpunkt nach Gaiizien verlegen. Womöglich ist zu vermeiden, 
dass es Russland überlassen bleibt, den Augenblick seines Eingreifens 
frei, d. h. etwa dann zu wählen, wenn ein starkes österreichisch^ 
ungarisches Heer in Serbien engagiert ist. 

In Rücksicht auf diese Erwägungen finden zwischen Wien und 
Berlin Gedankenaustausche statt, ob es geraten sei, in Petersburg 

unter stärkerem Drucke eine Entscheidung zu verlangen; die Bot« 
schafter Pourtalte und Szäpäry haben bei Herrn Sasonow bereits 
die Folgen etwaiger militärischer Parteinahme fiir Serbien angedeutet, 

aber ohne besondere Wirkun[^; vielleicht wird ein solcher Hinweis 
deutlicher wiederholt. Gegen eine direkte Anfrage mit darin ver- 
steckter Drohung hat sich der deutsche Reichskanzler ausgesprochen, 
da Russland und auch England in solchem Vorgehen eine Heraus- 
forderung erblicken und letztere Macht, auf deren Neutralität der 
allergrösste Wert zu legen ist, dadurch auf die Seite Russlands 
gebracht werden könnte. 

Es ist nun Nachst^endes beschlossen worden : Wenn die Ent- 
scheidung in Petersburg nicht vorher eintritt oder von dort durqh 
weitgehende militärische Massregeln herbeigeföhrt wird, sollen in den 

ersten Augusttagen die böhmischen Armeekorps nach dem südlichen 
Kriegsschauplatz abgehen und dann der Kampf mit Serbien durch- 
gefochten werden, selbst wenn inzwischen Russland mobilisiert, in 
welchem Falle man an der galizisch-mssischen Grenze in der Defen 
sive bleibt. 

Die Auffassung des deutschen Reichskanzlers findet eine An 
erkennung ihrer Richtif^keit in emem Telegramm des Grafen Mens- 
dorff, der die Befiirchtun^ ai^ssprirht, Sir Edward Grey könne aut 
die russi seile Seite al)sclivveiikcn, wenn er zur Überzeugung gelange, 
dass Deutschland den Krieg mit Russland provozieren wolle. 

Die hiesige Börse bleibt bis zum 6. August geschlossen. 

Tucher 



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161 



Nr. 50 

Der Gesandte in Rom an das Ministerium des Äussern 

Bericht 22$ Rom, den 29. Juli 19 14 

Angekommen 31. 7. 14« 

Die Kriegserklärung- Österreich-Ungarns an Serbien wurde hier 
gestern abend etwa um ^ '29 Uhr durch Ausgabe von vierten Auflagen 
der Abendblätter bekannt. Die Nachricht wurde ohne besondere 
Aufregung aufgenommen, und in den Strassen war von Demon- 
strationen nichts zu hemmen. Das Publikum ist der Ansicht, dass 
der österreichisch-serbisdie Streit Italien nicht angehe, Italien könne 
den Zuschauer spielen, es bleibe alla iinestra. 

Der Ansicht, dass Italien an dem Streit nicht interessiert sei, 
tritt der Berliner Korrespondent des „Giornale d'Italia'* in dem ehr« 
erbietigst angefugten Artikel entgegen. Er sagt, Deutschland habe 
Interesse daran, dass Österreich-Ungarn nicht als Macht ausgeschaltet 
werde, weil Deutschland sonst vereinzelt zwischen die feindlichen 
Mächte Frankreich und Russland eingekeilt würde. 

Italien hätte ein Interesse daran, dass Deutschland als Macht 
erhallen bleibe, weil Italien sonst ganz Frankreich ausgeliefert würde,* 
wobei die Folgen gar nicht auszudenken seien. Deshalb sei Italien 
an das Schielt Deutschlands gebunden. Italien dUrfe sich nicht 
desinteressieren; in dem Augenblick, wo Russland sich darüber zu 
entscheiden habe, ob es mit den Waffen eintreten soll oder nicht, 
würde es schwer in die Wagschale fallen, wenn es hörte, dass Italien 
Zuschauer bleiben wolle, während es sonst einen Feind mehr zu 
bekämpfen haben würde. 

V. d. Tann 



Nr. 51 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Wien, den 30. Juli 19 14; 2^^ vorm. 

Angekommen 3** TOnn. 

Im Ministerium des Äussern liegen amtliche Nachrichten von 
der Mobilisierung Russlands vor. 

Tuch er 

- - -. . . — 

1) Liegt bei. 

11 



162 



Nr. 52 

Der Gesandte In Bertin «n das Minlsterittm des Aussem 
Tdegramm Berlin, den 30. Juli 191 4; i^^ nachm. 

Aofdcommeii 3*^ naclun. 

Reichskanzler mitteilt, dass Deutschland Vermittlungsversuch in 
Wien macht auf Grundlage, dass Österreich Erklärung in Petersburg" 
wiederholt, keinen dauernden Territorialerwerb zu beabsichtigen und 
Besitzstand Serbiens nicht tangieren zu wollen, sondern lediglich zu 
bezwecken, durch temporäre Besetzung Garantien zu erhalten, dass 
Serbien österreichische Wünsche erfüllt; daneben Vermittlungsvor- 
schlag Sir Edward Greys auf gleicher Basis, der durch Reichskanzler 
zur ernsten Erwägung nach Wien weitergegeben ist. Reichskanzler 
hat umgehend zustimmende Antwort erbeten. Bis Eintreffen öster* 
reichischer Antwort bleibt Zustand der drohenden Kriegsgefahr, 
worauf Mobilmachung folgen würde, aufgeschoben. Reichskanzler 
gibt Hoffnung nicht ganz auf, obs^leich seine Vermittlungsaktion 
durch russische Mobilisierung sehr erschwert.*) 

Lerchenfeld 

Nr. 53 

Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Berlin, den 30. Juli 191 4; 4^*^ nachm. 

Nachricht des „Lokalanzeigers", dass die deutsche Mobilisierung 
angeordnet sei, ist folsch. 

Lerchenfeld 

Nr. 54 

Der Gesandte In Berlin an das Ministerium des Aussem 

Telegramm Berlin, den 30. Juli ; 7'^ nachm. 

Grey hat in Wien vorgeschlagen : 

Österreich solle Belgrad und andere Plätze besetzen. Dann 
sollen die Mächte gemeinsam auf Serbien Druck üben, dass es die 
österreichischen Forderungen annimmt. Kaiser Wilhelm hat soeben 
telegraphisch von Kaiser Franz Joseph Zustimmung zum Vermitdungs- 
vorschlag erbeten. 

Lerchenfeld 

Vorher teiephonisch nach München berichtet. 



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163 



Nr. 55 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 0 

Bericbt 410 Berlin, den 30. Juli 19 14 

Heute habe ich endlich den Reichskanzler gesehen. Er hatte 
mich schon wiederholt bestellt gehabt, war aber bisher jedesmal 
verhindert worden, mich zu empfangen. 

Er beauftragte mich, Sr. M. dem König zu melden, dass er 
seit zwei Tagen mehrere Briefe und Telegramme angefangen habe, 
um darin 3r. M. die Lage zu schildern, dass aber jedesmal vor der 
Fertigstellung eine Änderung der Lage eingetreten sei, die den 
begonnenen Bericht vollständig überholt hätte. 

Über die heutige Lage könne er mir folgendes mitteilen: 

Deutschland habe es übernommen, mit einer Vermittlungsaktion 
einzusetzen. Er — der Kanzler — habe dem Wiener Kabinett den 
Rat erteilt, in Petersburg zu .erklären, dass Österreich-Ungarn mit 
seiner Aktion gegen Serbien keine Territorialerwerbung anstrebe 

und auch nicht berihsichtige, den Besitzstand Serbiens zu tangieren, 
dass es sich vielmehr nur um eine temporare Besetzunj^ serbischer 
Gebietsteile handle zu dem Zweck, von Serbien Garantien für künf- 
tiges Wohlverhalten zu erzwingen, da auf die blossen mündlichen 
wie schriftlichen Eiklaiungeu der serbischen Regierung nichts zu 
geben sei. 

Er habe in Wien geltend gemacht, dass es darauf ankomme, 
Russland ins Unrecht zu setzen. 

Sir Edward Grey habe in der gleichen Richtung durch ihn — 
den Reichskanzler — auf Österreich-Ungarn zu wirken versucht und 
habe sich stark gemacht, wenn Österreich-Ungarn diese Erklärung 
in Petersburg abgebe, Russland zur Mässigung zu veranlassen. 

Ausserdem finde ein Austausch von Telegrammen zwischen 
dem Deutschen Kaiser und dem Zaren statt. Die ersten Depeschen, 
in denen der 2^r das Vorgehen Österreichs als ungerechtfertigt hin- 
stellte, und der Kaiser es erklärte, hatLen »ich gekreuzt. 

Vorläufig wäre von Wien noch keine Antwort da. Der Kanzler 
habe aber heute nacht in energischster Weise dem Wiener Kabinett 
erklärt, dass Deutschland sich nicht in das Schlepptau der Balkan- 
politik Österreichs stellen könne. Für den Fall, dass Österreich 
zustimmend antworte, gebe der Reichskanzler die HofTnimg auf die 
Erhaltung des Friedens nicht auf. Sicher sei dies aber nicht, da 
die von Russland bereits vorgenommene Mobilisierung den russischen 



^) Nach den Münchener Akten auszugsweise telephonisch nach 
München übermittelt. 

11* 



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164 



Ruckzug sehr erschwere. Das Vorgehen Deutschlands werde dadurch 
sehr erschwert, dass man nicht wü>se, was bei den getroffenen Mass- 
r^eln in Russland und Frankreich Bluff oder Ernst sei. 

Solange die österreicbische Antwort nicht eingetroffen sei, gehe 
Deutschland nicht damit vor, den „Zustand der drohenden Kriegs- 
gefahr'* zu erklären» dem, wie die Dinge in Deutschland lägen, die 
Mobilisierung, und zwar nach unserer Militärverßusung die Mobili- 
sierung der ganzen Armee, folgen müsse. Lange dürfe mit der 
Entscheidung in Deiitsrhknri nicht (jezö^ert werden, da vnr SOOSt 
gegen Russland und l'Vaiikreich ins I Im t er treffen kämen. 

Vorläufig sei man m Deutschland, nachdem schon die Beschützung 
gewisser Kunstbauten (Brücken, Tunnel, Funkspruchanlagen usw.) 
durch die Polizei verfügt worden sei, dazu übergegangen, auch den 
militärischen Schutz zu verfügen. 

Gegen Deutschland habe Russland noch nicht mobilisiert 

Italien stdie zum Dreibund und habe nur eine gewisse Modi 
fikation seiner Hilfeleistung angekündigt 

Die Haltung von Bulgarien und Rumänien sei unsicher 

England habe keinen Zweifel gelassen, dass, wenn der Krieg 
ausbreche, es nicht in der Lage sei, ruhig zuzusehen. 'England werde 
nut den Ententemächten gehen. 

Der Reichskanzler äu.sserte zum Schluss : Es sei traurig, sagen 
zu müssen, dass gewissermassen durch elementare Kräfte und die 
langdauernde Verhetzung zwischen den Kabinetten möglicherweise 
ein Krieg entfesselt wäre, den kein Staat wünsche. 

G. H. Lerchenfeld 

Nr. $6 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 0 

Bericht 414 Berlin, den 30. Juii 1^14*) 

Zum Telegranmi von gestern 

Ew. Exz. beehre ich mich m Ergänzung meiner telegraphischen 
Meldung von heute Nachstehendes geh. zu berichten: 

Das Auswärtige Amt steht auf dem Standpunkt, dass kein An- 
lass gegeben sei, besondere Massnahmen bezüglich der Heimschaffung 
mittdloser Deutscher aus Frankreich zu treffen. 



i elephonische Mitteilung nach München vorher 7** nachm. 
^ Der Bericht erfolgte auf eine Anfrage, ob die bayerische Ver- 
tretung in Paris Gelder für Heimschaifung bayerischer Staatsangehöriger 
angewiesen erhalten soUe. 



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165 

Solange Deutschland dort konsularisch vertreten sei, sei es 
Sache der deutschen Konsularbehörden, fiir die Heimschaffung der 
Deutschen Sor^e zu tragen. Diese Verpflichtung erstrecke sich selbst- 
verständlich auch auf die bayerischen Staatsangehörigen. 

Von dem Augenblick an, in dem die deutschen Vertretungen 
aus Frankreich abberufen würden, trete diejenige fremde Mission in 
Tätigkeit, der der Schutz der deutscheu Staatsangehörigen übertragen 

werde. 

Archiv und Kasse werde der betreffenden Mission übergeben, 
und es würde ihr dann in der gleichen Weise wie sonst der deutsdien 
Vertretung obliegen, (Ur die Heimschafiung der deutschen Staats- 
angehörigen Sorge zu tragen. 

Besondere Massnahmen der k. Regierung für bayerische Staats- 
angehörige hält das Auswärtige Amt unter diesen Umständen nicht 
fiir veranlasst. 

Nach Ansicht der Reichsleitung hätte die von dem k. Minister- 
residenten in Paris angeregte Massregel sogar gewisse Bedenken, 
insofern nämlich, als bares Geld dem Zugriff der französischen 
Regierung ausgesetzt wäre. 

^G« H. Lerchenfeld 

Nr. 57 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 
Bericht 286 Wien, den 30. Juli 1914 

Die Situation^ hat sich seit gestern bedeutend verschärft, da 
Russland die Mobilisierung seiner südwestlichen Müitärbezirke, das 
hdsst von 12 Armeekorps, angeordnet hat. 

Minister Sasonow hat sich den Botschaffem Pourtaics und 
Szäpäiy gegenüber beklagt, dass Graf Berchtold keinen Gedanken- 
austausch zulasse, und dass die unverhältnismässig grosse Zahl 8 
der mobilisierten Armeekorps eine Spitze gegen Russland habe. Die 
Mobilisierung der 12 Ariru ekorps sei noch nicht der Krieg, sondern 
nur eine Vorsichtsmassrepel ; auch beabsichtige er noch nicht, den 
Botschafter Schebeko von Wien abzuberufen. 

Graf Pourtaics hat erwidert, dass hierauf auch Deutschland zum 
Kri^svorberdtungszustand werde übergehen müssen. Graf Szäpäry 
klärte das Missverständnis auf, indem er darlegte, Graf Berchtold 
habe nur eine Diskussion der Notentexte und des Konfliktes mit 
Serbien abgelehnt, während er und er selbst (Szäpäry) jederzeit zur 
Besprechung der österreichisch-ungarisch>russischen Beziehungen be- 
reit sei. Die Zahl 8 der Armeekorps sei nach den seinerzeit in 



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166 



Bosnien und der Herzegowina gemachten Erfahrungen und in An- 
betracht der teiiidseligen Haltung Montenegros nicht zu gross. In 
Betreff der russischen MobÜmadbung machte er auf den schlechten 
Eindruck, den die Massregel in Österrdch-Ungam machen müsse, 
aufmerksam. Bei Empfang der Telephonnadiricht, dass Belgrad 
beschossen werde, geriet Herr Sasonow in soldie Aufregung, dass 
die Fortsetzung der Konversation unmöglich wurde. 

Aus Paris liegt dem Ministerium des Aussei n die Mddung vor, 
dass Frankreich militärische Vorbereitungen treffe. Baron Schoen 
soll diesselben bei dem Minister Viviani zur Sprache bringen und 
darauf hinweisen, dass Deutschland die gleichen Massrej^eln werde 
ergreifen müssen, was eine grosse Beunruhigung verursachen würde. 

Kaiser Wilhelm und der Zar haben Telegramme, die sich kreuzten, 
ausgetauscht. Kaiser Wilhelm telegraphierte, der Zar soll sich der 
Serben, die es jetzt nicht verdienten, nicht annehmen; Österreich- 
Ungarn habe vollk onimen recht, energisch gegen Serbien vorzugehen, 
am Schlüsse wird an die Friedensliebe des Zaren appelliert. 

Der Zar sagt in seinem Telegramm, Österreich-Ungarn sei voU- 
konmien im Unrecht, über Serbien herzufallen, Russland stehe hinter 
Serbien. Kaiser Wilhelm möge in Wien kalmierend einwirken. 

Der Gegensatz dieser zwei ielegramme ist beredt, eine Brücke 
zwischen beiden ist nicht denkbar. 

Tucher 

Nr. 58 

Der Gesandte in St Petersburg an das Ministerium 

des Äussern 

Bericht 86 

Bleistift* Aufzeichnung St* Petersburg, den 30. Juli 19 14 

Bericht vom 27. N. 85 nachzutragen, dass Kanzlertelegramm 
warmen Appell an Deutsch-Russische freundschaftliche Beziehungen 
enthielt. Siehe Notiz vom 28. Mittags. Direkte Verständigung 
mit Wien erscheint ^anz gescheitert, zudem dass Russland Revision 
der Note will, was Österreich nicht diskutieren kann. 

Am 29. teilt Pourtal6s Sasonow im Auftrag des Reichskanz- 
lers mit, dass russische Mobilmachung; gej^en Ö'^terreich automa- 
tisch deutsche Mobilmachung zur Folge haben wird. Betont aus- 
drucklich auch in späteren Unterredungen, dass diese Mitteilung 
keine Drohung, sondern nur freundschaftliche Warnung vor den 
Folgen der von Russland beabsichtigten Massnahmen bedeute. 
Sasonow erklärt wiederholti dass Russland keinerlei kriegerische 



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167 

Absichten gegen Deutschland habe (dasselbe erklart russischer 
Generalstabschef dem Major v. Eggeling). Rus^sche Armee könne 
monatelang mobil bleibe», ohne dass daraus direkte kriegerische 
Massnahmen entstünden. 

Am 29. nachm. erklärt Herr Sasonow dem Grafen Pourtal^ 
dass russische Mobilmachung ge^en Österreich bevorstehe, dass 

aber Russland vorläufig keine kriegerische Aktion gegen Österreich 
beabaichtige. <jrund der Mobilmachung s. Telegramm 29. Juli 
nachm. Dazu teilt Chelius ein Gespräch aus Club mit Nikolai 

Michailowitsch mit, der sagt, dass Russland sich deshalb mit Mobi- 
lisation beeilen müsse, weil Österreich seit vorigem Jahr nicht i^anz 
demobilisiert und deshalb zu seinem Vorsprung von 14 Tagen 
noch 6 dazu voraushabe. 

Sasonow beharrt auf dem Standpunkt, dass Russland Serbien 
nicht im Stich lassen könne und ist allen Vorstellungen des Grafen 
Füurtaies, dass Österreich sein territoriales Desinteressemeiit bewiesen 
hat, unzugänglich. Ebenso beharrt Sasonow darauf, dass Deutsch- 
land Österreich veranlassen müsse, seine Forderungen an Serbien 
zu modifizieren. 

Unterredung, die Graf Pourtalte 29./30. nachts 12— 1V2 hatte, 
drehte sich immer wieder um dieselben Punkte. Sasonow erklärt, 
Österreich müsse aus Note alles eliminieren, was auf europäische 
Politik Bezug hat. Im Stichlassen Serbiens würde Bestand der 
russischen Monarchie gefährden. Graf Pourtal^s legt wiederholt 
den deutschen Standpunkt dar, dass österreichisch-serbischer Kon- 
flikt nur diese beiden Staaten angehe und dass Russland von 
Deutschland unmöglich dasselbe von Österreich zu tun verlangen 
könne, was Russland von Österreich gegen Serbien nicht dulden 
wolle, nämlich, dass Deutschland in einer die Souveränität Öster« 
reichs verletzenden Weise auf Österreich einwirke. 

Diese Vorstellungen finden bei Sasonow kein Verständnis. 

Englands Vorschlag einer Konferenz auch hier zwischen 
Sasonow und Pourtal^s diskutiert, aber anscheinend ohne Et folg, 
da Modalitäten und Aussichten der Konferenz nicht definierbar. 

Mübilisationsdekrct heute nacht 4 Uhr veröffentlicht des 
Inhalts, dass Mannschaft der Bezirke Kiew, Odessa, Moskau, 
Kasan, die Kosakenheere von Don, Kuban, Terek, Astrachan, 
Orenburg, Ural einberufen, d. i. 14 Corps. Nach Eggeling geht 
aus dem Einberufungsbefehl hervor, dass auch die Marinemann- 
schaften einberufen sind. 

Weiterhinaus soll bis jetst in den Bezirken Warschau, Wilna, 
Petersburg keine Einberufung voiltegen. 

Grunelius 



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168 

Kr. 59 

Der Gesandte in Rom an das Ministerinm des Äussern 

Bericht 226 Rom, den 30. Juli 1914 

Angekommen 4. 8. 14. 

Ich habe gestern abend den von Fiuggi hierher zurückgekehiten 
Botschafter von Flotow gesprochen. Er hält es trotz des grossen 

Ernstes der Tn^e noch immer nicht fiir völlige ausg"eschlossen, dass 
der Krieg aul Österreich und Serbien beschrankt bleibe. Aus den 
ihm zugegangenen Nachrichten hat er den Eindruck empfangen, 
dass weder Frankreich noch Russland besonders für den Krieg 
gestimmt seien. Was Russland betreffe, sei es bezeichnend, dass 
der Kaiser sich jetzt nach Finnland begeben hätte. Schwieriger sei 
die Frage bezüglich Englands. Deutschland habe den Vorechlag 
Sir Edward Greys, ebe Konferenz der Botschafter der vier weniger 
beteiligten Grossmächte zu berufen, vorläufig abgelehnt, weü schon 
Besprechungen im Gang seien zwischen dem russischen Minister des 
Äussern und dem österreichisch-ungarischen Botschafter in Petersburg ; 
es könnte übrigens Österreich durch eine Konferenz vergewaltigt 
werden, auch uolle Deutschland seinem Alliierten nicht in den Arm 
fallen; die Besprechung der Frage zwischen den Kabinetten sei einer 
Konferenz vorzuziehen ; es sei auch nicht ausgeschlossen, dass man 
auf den Vorschlag Sir Edward Greys später zurückkomme; auch 
werde vielleicht ein Depeschenwechsel zwischen dem deutschen Kaiser 
und dem Zaren eintreten — von einem solchen melden auch heute 
morgen schon die Zeitungen — . 

Deutschland will vermeiden, den englischen Minister, der ehrlich 
für den Frieden ist, zu verletzen und ihn den Befürwortern des 
Krieges in die Arme zu treiben. 

Die Verhandlungen des Botschafters mit der italienischen Regie- 
rung sind immer recht schwierig. Durch Beeinflussung der Presse 
wurde aber wenigstens eine einigermassen dreibundfreundliche Haltung 
derselten erreicht ; gerade von den einflussreicheren Blättern jedoch 
sind einige, wie der „Corriere della Sera" und der „Messaggero" 
unzugänglich; — ich lege die heutige Nununer des „Messaggero** 
bei mit einem Artikel des Sozialisten Bissolati, der sich ftlr die Neu^ 
tralität Italiens ausspricht — 

Deutschland hat von der in Bdgrad zu übergebenden österreichisch» 
ungarischen Note vorher Kenntnis erhalten und Italien sollte als ver- 
bündete Macht wenigstens kurz zuvor hiervon in Kenntnis gesetzt 
werden. Wegen Erkrankung des Botschafters von M^rey hat sich 
der Botschaftsrat am Tage, wo die Note in Belgrad übergeben werden 



^) Liegt bei. 



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169 



sollte, zum Marchese di San Giuliano nach Fiuggi begeben und hat 
ihm in ailgeraeinen Ausdrücken davon gesprochen, dass seine Regie- 
rung in dner Note an Serbien die verschiedenen Beschwerden zur 
Sprache bringen werde, die sie gegen die serbische Regierung zu 
erheben habe. Der Minister antwortete, diese.MitteUiing sei so allge- 
mein gehalten, dass er sich darauf gar nicht äussern könne; da man 
in so wichtigen Angelegenheiten schriftlich verkehren müsse, wolle 
er ihm dies schriftlich geben. Er tat dies und kann sich nun darauf 
berufen, dass er von dem lohalt der Note vorher keine Kenntnis 
erhalten habe. 

Marchese di San Giuliano hat die Absicht, nach Vallombrosa 
zu gehen, vorläufig aufgegeben und bleibt wenigstens die nächste 
Zeit in Rom. 

Der König ist zum Gedächtnis-Gottesdienst für den König 
Umberto nach Rom gekommen, hat sich nach der Feier nach Santa 
Anna di Valdieri in Piemont begeben, wo sich Ihre Majestät die 
Königin befindet, wird aber in einigen Tagen nacii Rom zurückkehren. 

V. d. Tann 



Nr. 60 

Fernsprech-Meldung der Berliner Gesandtschaft 

In München aufgenommen 51. Juli vorm. 7^* 

Eine Antwort auf die gemeinsame Demarche Englands und 
Deutschlands bt aus Wien bis nachts 12 Uhr nicht eingelaufen 
gewesen. Man erwartet sich in den Berliner massgebenden Kreisen 
nicht, dass die Demarche einen Erfolg haben wird, ist vielmehr über- 
zeugt, dass die zweifellos redlichen Bemühuncren Grey^, für die Er- 
haltung des Friedens zu wirken, den Gang der Dinge nicht aufhalten 
werden. 

Wir haben gestern abend, wie immer in diesen Ta^^^^cn, im 
Bristol gegessen, das gegenwartig eine Art Diplomatenborse bildet. 
Wir fanden die Österreicher noch ernster wie in den letzten Tagen. 
Sie schwiegen vollständig. 

^•i Von den Reisen der bundesstaatlichen Minister hierher kann 
man sich nur wenig versprechen; zudem besteht noch die Gefalir, 
dass die Herren nicht mehr nach Hause kommen könnten. 



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170 



Nr. 6i 

Der Gesandte In Berlin an das Mlnleterlnm des Aussem 

Tdeeramm 1) Berlin, den 31. JuH 1914; 12^ nachm. 

AnfekommeD 3^ naclms. 

Antwort nus Wien noch nicht eingfetroffen, da Tiszas Ankunft 
in Wien erst abi^^*wartet wird, doch wird sie heute iiachiiiittiif;^ er- 
wartet. Sollte Österreich dem deutschen und englischen Vermittlungs- 
vorschlag zustimmen, wird er dem Zaren mit Umgehung^ Sasonows 
telegraphiert und gleichzeitig Ultimatum wegen EmsLellung der 
Rüstungen gestellt England arbeitet mit uns, und es ist nicht aus- 
geschlossen, das8 es ncch in letzter Stunde die Aktion zum Stehen 
bringt; Lage bleibt kritisch, da Russlands Stellung zum Vermitdungs- 
Vorschlag zweifelhaft ; diesseitiger Generalstab drängt auf Entscheidung. 

Lerchenfeld 

Nr. 62 

Der Gesandte in Wien an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Wien, den 31. Juli 19 14; 12*° nachm. 

Angekommen 2^ nachm. 

Kaiser hat Mobilisierung gesamter Wehrmacht angeordnet. 

Tucher 

Nr. 63 

Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Berlin, den 31. Juli 1914; 1^^ nachm. 

In Pr^usscn werden landwirtschaftliche russische Arbeiter im 
Kriegsfall nicht ausgewiesen. 

Lerchen f eld 
Vorher telephonisch nach Manchen um 11^* vorm. mitgeteilt. 



171 



Nr. 64 

Die Gesandtschaft in Berlin an das Ministerium des 

Äussern 

Teiephottische Mitteilung Berlin, den 31. Juli 1914; 3*^" nachm. 

In Bundesratssitzunt»' wurde soeben mitgeteilt, dass ganze russische 
Armee mobilisiert ist, und (huaufhin S. M. der Kaiser den Zustand 
drohender Kriegsgefahr angeordnet hat. dem Mobilmachung in 24 
bis 48 Stunden folgt Die heute angekündigten Vorlagen, über die 
morgen i Uhr der Bundesrat zu bescfaliessen hat, sind unterwegs. 
Der Reichstag wird gleichzeitig mit Mobilmachungsordre einberufen 
werden. 



Nr. 65 

Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Äussern 
Tel^pramm Paris, den 31. Juli 1914; 4^*^ nachm. 

Angekommen nachm* 

Herr Jswolsky hnt mich soeben aufgesucht und mich gebeten, 
bayerische Regierung möchte seiner Frau und Kindern, die sich per 
Auto nach der Schweiz via Lindau beo:eben, Grenzübergang sichern. 

Botschafter h?ilt Lage äusserst ernst. Anfrage deutscher Bot- 
schaft habe Sasonow vorgeschlagen, Österreich möchte Erhaltung 
Independance Serbiens versprechen. Diese umfasse mehr als terri- 
toriale Integrität; es sei dies eine Hoffnung. 1909 dürfte sich nicht 
wlederholea; Deutechland habe damab einen schweren Fehler be- 
gangen ; bedingungslose Annahme Österreichs Forderungen an Serbien 
würde eine neue Demütigung Russlands bedeuten; letzteres bestehe 
daher auf Berücksicht^ng seiner Wünsche. Ein Wort der Mässigung 
von deutscher Seite würde in Wien genügen, dessen sei er gewiss; 
Anfrage in Petersburg sei der erste Vermittlungsschritt Deutschlands. 
Vorher habe Deutschland Österreich nur in seinem Vorcrehen bestärkt; 
Österreich werde wie Russland vor dem Japan-Krieg von einer 
Camarilla in den Krieg gehetzt. 

Ritter 



172 



Nr. 66 

Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Aussem ^) 

Telegramm Berlin, den 31. Juli 1914; 7®^ nachm. 

Angekommen lo^'^ nachm. 

Kaiser Franz Joseph hat Verinittlungsvorsciilage mit Hinweis 
auf russische MobUisierung abgelehnt Deutschland hat Russland 
aufgefordert, binnen 12 Stunden Mobilisierung einzustellen, widrigen- 
falls Deutsdhland mobilisieren würde. Fiai&ddi ist um Antwort 
binnen 18 Stunden gebeten worden, ob es sich neutral verhalten 
wolle. An ablehnender Antwort seitens Russlands und Frankreichs 
besteht kein Zweifel. England ist erneut Neutralitäts vertrag angeboten 
worden, den Sir Krhvard Grey abpfclehnt hat.^ Stellung Italiens 
und Rurnaniens noch unkhr, aber Hoffnung, dass Italien beim Drei- 
bund, Rumänien neutral bleibt. 

Lerchenfeld 



Nr. 67 

Fernsprech-Metdung der Berliner Gesandtschaft 

In München aufgenommen 31. Juli 19 14; 8^ nachm. 
Es laufen zurzeit zwei Ultimata: 

Petersburg 12 Stunden, Paris 18 Stunden. Petersburg Anfrage 
nach Grund der Mobilisierung, Parts Anfrage, ob neutral bleibt. 

Beide werden selbstverständlich ablehnend iKantwortct werden. 

Mobilisierung spätestens Samstag, den i. August um Mitternacht. 

Preussischer Generalstab sieht Krieg mit Frankreich mit grosser 
Zuversicht entgegen, rechnet damit, Frankreich in 4 Wochen nieder- 
werfen zu können ; im französischen Heere kein guter Geist, wenig 
Steilfeuergeschütze imd schlechteres Gewehr. 



^) Um 10** nachm. folgte telephonische Mitteilung, dass Ertc^land 
„Neutralität mit Begründung abgeieiint hat, es müsse sich die Uäude 
freihalten". 



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Nr. 68 

Der Gesandte in Paris an das Ministerium des Aussem 

Telegramm Paris, den 31. Juli 1914; nachm. 

Axigekommen i. August lo^ vorm. 

Deutsdier (Botschafter?) hat heute abend fianzästscher Regieruag 
mitgeteilt, Russland habe, während Verhandlungen schwebten, ganze 
Armee und Flotte mobil gemacht, deshalb Kri^gefahr in Deutsch- 
land verkündet Wenn Russland nicht in 12 Stunden die ganze 
Mobilmachung rückgängig mache, erfolge deutsche Mobilmachung, 
dann Krieg unvermeidlich. Botschafter fragte, ob französische Regie- 
rung in einem deutsch-russischen Krieg neutral bleibe. Antwort in 
18 Stunden erbeten, abläuft morgen. (Habe) österreichischem Bot- 
schafter Gespräch Iswolsky mitgeteilt: Annahme der Independance- 
Erkläruno' verhindere Krieg-, alle Welt erwarte Erklärung, wie weit 
Osterreich gehen wolle. Iswolsky versöhnlich. Graf Szecsen sagte, 
er habe längst diesen Wunsch übermittelt, aber keine Weisung er- 
halten. Hiesige österreichische Korrespondenten meinen, man sei 
sich darüber am Ballplatz nicht schlüssig. Französische R^erung 
bestreitet die allgemeine russische MobiUsienmg. 

Ritter 

Nr. 69 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerräte 

Bericht 417 Berlin, den 31. Juli 1914 

Zum Telegramm von gestern 

Ew. Exz. beehre irh mich im Vollzüge des telegraphi sehen 
Auftrags von gestern nachstehendes gehorsamst zu berichten: 

Die Berufskonsuln feindlicher Mächte werden bei Kriegsaus- 
bruch angewiesen,^) nach dem Ausland abzureisen, erhalten keine 
Pässe, 



Das Ministerium in München hatte am 30. JuH angefragt, wie 
gegenüber den Konsuln iVindlichcr Mächte zu verfahren sei, und ob 
in Pässen für fremde Diplomaten Fristbestimmung erfolge. 



Die Wahlkonsuln können im Lande bleiben, dürfen aber keine 

Funktionen mehr ausüben. 

Die Pässe der fremden Diplomaten, die alle (nicht nur die 
Chefs) Kaiserpässe bekommen, werden nicht befristet. 

Die Gesandtschaftskanzler können unter folgenden 2 Voraus- 
setzungen im Lande bleiben: 

1, dass sie der fremden Mission beigeordnet werdea, die den 
Schutz der betreffenden Staatsangehörigen übernimmt, 

2. dass die Gegenseitigkeit gewährleistet wird. 

Bleiben sie nicht, so erhalten die Kanzleichefs Kaiserpässe» 
das übrige Personal den Pass des Auswärtigen Amts. 

G. H. Lerchenfeid 



Nr. ;o 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 418 Berlin, den 31. Juli 1914 

Ew. Exz. habe ich in Chiffre die heutige Lage gemeldet. 

Wie mir im Auswärtigen Amt gesagt wurde, sind die Würfel 
dadurch in das Rollen gekommen, dass der russische Botsdsafter 
Swerbejew die falsche Nachricht des Lokalanzeigers, Deutschland 
mobilisiere, nach Petersburg gemeldet hat, ohne sich von der Richtig- 
keit zu versichern. Man nimmt an, dass das Dementi, das er seiner 
Meldung nachsandte, ungenügend war, weil der Botschafter seinen 
Fehler nicht glatt eingestehen wollte. 

Dass Kaiser Franz Joseph die VermittlungsvorsclTläi^o abgelehnt 
hat, wird hier bedauert, weil damit Russland noch mehr ms Unrecht 
versetzt w^orden wäre. 

Immerhin herrscht die Meinung vor, dass, nachdem Russland 
zur partiellen Mobilisierung geschritten ist, der Weltkrieg nicht mehr 
aufzuhalten gewesen ist. Kaiser Niki^laus wäre kaum stark genug 
gewesen, die Demobilisierung zu verfügen ohne eine Satisfaktion von 
Österreich-Ungarn, die, wie die Dinge liegen, nicht zu erhalten war. 

G. H. Lerchenfeld 



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175 



Nr. 71 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Berlin, den 31. Juli 1914 

Hochverehrter Freund! 

Ich glaube auf den drei Wegen des heutigen Verkehrs, Telephon, 
Telegraph und Post, aUes gemeldet zu haben, was zu melden gewesen 
ist. Trotzdem will ich mit diesen Zeilen das gegebene Bild noch 

etwas vervollständigen. 

Zunächst möchte ich sa^en, dass ich sehr damit einverstanden 
bin, dass Ew. Exz. nicht hierher kommen. Sic sind in Bayern not- 
wendiger als hier, und die Rückkehr wäre zum mindesten schwierig. 
Das ist auch die Überzeugung Delbrücks. Er hat auch in diesem 
Sinne an Dusch und Weizsäcker telegraphiert. 

Der deutsch-englische Vermittlungsvorschlag, der noch eine 
gewisse Hoffiiung auf Erhaltung des Friedens bot, ist durch die 
Mobilmachung in ganz Russland erledigt Sasonow hat vor einigen 
Tagen verlangt, dass Österrdch-Ungam auf die Erfüllung einiger 
Punkte seines Ultimatums verzichte. Das war fUr Österreich unmöglich. 
Den englisch-deutschen Vorschlag hätte man in Wien annehmen 
können. 

Die Haltung Englands ist dunkel. Der König hatte vor kurzem 
noch dem preussischen Prinzen Hemrich in London versichert, England 
werde zunächst neutral bleiben. Auch der heute in unsern Blättern 
abgedruckte Artikel der „Westminster Gazette* lässt auf solche 
Absicht schliessen. Da der Redakteur dieses Blattes ein intimer 
Freund Sir E. Greys ist, liaben Äusserungen der ,, Westminster 
Gazette" eine gewisse Bedeutung. Dem steht aber gegenüber, dass 
Sir E. Grey dem Fürsten Lichnowsky erklärt hat, England könne 
den Ereignissen nicht untätig zusehen. Ob dies den Zweck hatte, 
uns zu einer Pression auf Österreich zu veranlassen, oder ob England 
sich schon für ein Eintreten fUr die andern Ententemächte entschlossen 
hat, muss sich erst zeigen. 

Während ich dies schreibe, hat es sich bereits gezeigt. England 
geht mit der Entente. 

Von Italien glaubt man, dass es bei dem Dreibund beharren 
werde, dass es aber bei dieser Gelegenheit etwas erwerben wolle. 
Nicht aber Valona, das lehnt es ab. 

Rumänien sollte nach Ansidit des Auswärtigen Amts wenigstens 
neutral bleiben. Man glaubt genügende Pressionsmittel zu haben, 
es dazu bestimmen zu können. 



^) Siehe B, 66. 



176 



In hiesigen militärischen Kreisen ist man des besten Mutes 
Schon vor Monaten hat der General Stabschef Herr von Moltke sich 
dahin ausgesprochen, dass der Zeitpunkt militärisch so günstig sei, 
wie er in absehbarer Zeit nicht wiederkehren kann. Die Gründe, 
die er anluhrt, sind: 

1. Überlegenheit der deutschen ArdDerie. Frankreich und 
Russland besitzen keine Haubitssen und können daher keine 
Truppe in gedeckter Stellung mit Steflfeuer bekämpfen. 

2. Überlegenheit des deutschen Infanterie-Gewehres. 

3. Ganz ungenügende Ausbildung der französischen Truppe 
infolge zweijähriger Dienstzeit bei der Kavallerie und der 
g^Ieich zeitigen Einberufung zweier Jabrgän^^e bei allen Waffen- 
gattungen infolge der Wiedereinführung der dreijährigen 
Dienstzeit, darunter muss die Ausbildung gelitten haben. 

Auch in den Kreisen der Bevölkerung ist die Stimmung eine 
ruhige und zuveraichüiche. Die SozialdeniokraLeu liabeii für den 
Frieden pflichtmässig demonstriert, halten sich aber jetzt ganz still. 
Ein Al^ieordneter, sdlerdings revisionistischer Richtung, mit dem der 
Reichskanzler gesprochen hat, hat versichert, dass an Aufruhr oder 
Generalstreik in der Sozialdemokratischen Partei von niemand ge- 
dacht werde. 

Was den Kaiser betrifft, so weiss ich, dass er nach einigem 
Wechsel in der Stimmung während des Beginns der Krisis, jetzt sehr 
ernst und sehr ruhiL; ist. 

Fnnz Oskar wird heute im Hausministeriura getraut werden. 
Alle preassischen Prinzen treten in der Front ein. Der Kronprinz 
erhielt die I. Garde-lnfanterie-Division. 

Wie man annimmt, wird das Hauptquartier zunächst in Berlin 
bleiben. Wie im Jahre 1870 werden zwei Stafifeln gebildet werden. 
In der ersten der Kaiser, in der zweiten die anderen Bundesftirsten, 
die den Krieg mitmachen wollen. 

Mit besten Grüssen Ihr 

^ Lerchenfeld 

Nr. 72 

Der Gesandte in Wen an das Ministerium des Äussern 

Bericht 290 Wien, den 31. Juli 1914 

Angekommen 3. 8. 14. 

Kaiser Franz Joseph hat einen auf Wunsch des Zaren unter- 
nommenen Vermittlungsversuch des deutschen Kaisers mit der Er- 
widerung abgelehnt, dass eine neuerliche Rettung Serbiens die 
ernstesten Folgen fiir seine Länder nach sich ziehen würde. Er sei 
sich der Schwere der Verantwortung voll bewusst und rechne auf die 
unerschütterliche Bundestreue Deutschlands. 



177 



Auf dem Ballplatz spricht man nicht mehr von Lokalisierung, 
sondern erivägt nur die Chancen des Krieges; das Eingreifen Eng- 
lands an der Seite Fiankreicfas wird fUr mehr als wahrscheinlidi 

gehalten. 

Die K. Gesandtschaft wird bestürmt mit Anfragen, ob Deutsch- 
land mobilisiere und ob die Militärpflichtigen einzurücken hätten. 
Umgehende Benachrichtigung nach er (olgter Entscheidung ist dringendst 
erwünscht. 

Tucher 

Nr. 73 

Der ^Vorsitzende im Ministerrate an die Gesandtschaft 

in Berlin^] 

Telephonische Mitteilung München, den i . August 1 9 1 4 ; 9»* vorm. 

Dem von Sr. M. dem Kaiser fiir notwendig gehaltenen Beschlüsse 
im Sinne des Art. II Abs. 2 der Reichsverfassung wird mit Aller- 
höchster Ermächtigung Sr. M. des Königs zugestimmt. 

Hertling 

Nn ;4 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 420 . Berlin, den i* August 1914 

Heute 6 Uhr war die Lage folgende: Russland hat das deutsche 
Ultimatum, alle Kriegsrüstung gegen Deutschland und Osterreich 
einzustellen, bisher nicht beantwortet. Daraufhin ist nach der Be- 
schlussfassung im Bundesrat Russland die Kriegserklärung für den 
Fall zugestellt worden, dass es nicht dem Verlangen des Ultimatums 
entspricht. £s wird bezweifelt, ob hiernach Russland überhaupt 
antwortet. 

Frankreich ist eine Verlängerung der Frist bis heute i Uhr 
gewährt worden. Um 6 Uhr war die Antwort noch nicht da, was 
aber mit Verzögerung der telegraphischen Beförderung zusammen- 
hängen kann. Die Bemerkung des Reichskanzlers in seiner heutigen 
Rede, die Antwort sei da, hat auf einem Irrtum beruht 



^)Mit Bericht 419 vom gleichen Tage meldet der Gesandte den 
VoUzug dieser Weisung durch Erklärung Bayerns in der Bundesrats- 
sitznng. 

13 



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178 

Italien hcit sich vom Dreibund losgelöst, indem es erklärte, 
Österreich habe durch seinen Angriff auf Serbien Russland de facto 
angegriffen. Der casus foederis läge also nicht vor. Da von Wien 
mitgeteilt worden ist, dass Osterreich alle italienischen Fordetungen 
erfüllt habe, so ist die Stellung Italiens vielleicht noch keine end- 
gültige. Hiefilr liegen euüge Anzetdien vor. 

Die Mobilmachungsordre ist heute um 5 Uhr 30 Min. nachm. 
nach einer Beratung im Schloss vom Kaiser unterzeichnet worden. 

G. H. Lerchenfeld 

Nr. 75 

Der Gesandte in Wien an das Ministerinm des Äussern 

Bericht 293 Wien, den i. August 1914 

Angekommen 6. 8. 14. 

Graf Pourtal^ hat gestern den Auftrag erhalten, in Petersburg 

zu erklären, dass, wenn die allgemeine Mobiüsierung in Russland 
nicht in 1 3 Stunden eingestellt werde, Deutschland auch mobilisieren 
werde; desgleichen hat Baron Schoen in Paris auftragsgemäss in 
18 Stunden Antwort auf die Frage verlangt, ob Frankreich in einem 
Kriege Devitschlands ;::^e?>'en Russland neutral bleiben werde. 

Die lermine laufen heute ab, man erwartet daher heute die 
Anordnung der Mobilmachung Deutschlands. 

Die Haltung Schwedens ist noch unbestimmt, ebenso diejenige 
Rumäniens. König Karol hat dem österreichisch-ungarischen Ge> 
sandten erklärt, die Einhaltung der MÜitarkonvention sei ,,so gut wie 
unmöglich** ; dem deutschen Geschäftsträger, der ihm ein Telegramm 
des Kaisers Wilhehn mit der Mahnung zur Vertragstreue überreichte, 
hat der König ausweichend geantwortet und ges^, er werde dem 
Kaiser direkt antworten. 

Mit der Türkei schweben Verhandlungen wegen der Insurgierung 
Neuserbiens. Bulgarien wünscht sich dem Dreibund anzuschliessen. 

In Tokio wendet die Regierung den Ereignissen in Europa die 
grosstc Aufmerksamkeit zu; ob sie die Allianz mit England für die 
Regelung der mandschurisch-mongolischen Frage hingeben wird, 
steht dahin. 

Kaiser Wilhelm hat gestern ein Telegramm in bewegten Worten 
an Kaiser Franz Joseph gerichtet; der Bitte, möglichst viele Streitkräfte 
gegen Russland ins Feld zu ftihren, wird sofort entsprochen, obwohl 
dadurch ein teilwdser Rücktransport von Truppen veranlasst wird 

Private, die aus Italien kommen, berichten, dass die dortige 
Presse für das Halten der Bündnistreue spreche, die Bevölkerung 
auch, aber ohne jede B^eisterung. 

Tucher 



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179 



Nr. y6 

Die Gesandtschaft in Berlin an das Ministerium des 

Äussern 

Telephonische Mitteilung Berlin, den 2. August 1914; I2<^^ mittags 

Ultimatiuii in Petersbufg übergeben. Bedingte Kriegserldärung 
'wahrschdniich von Russbnd unterschlagen und nicht an Botscha^ 
gelangt. Weder Antwort noch Emp&ngsbestätigung eingetroffen. 
Da Feindseligkeiten an der Grenze begonnen, wird hier Kriegszustand 
^genommen, und sind russischem Botschafter Pässe zugestellt. 



Nr. 77 

Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äussern 

Telegramm Beriiii, den 2. August 1914; 12^^ nachm. 

Frankrdch hat auf Ultimatum gestern geantwortet, es müsse 

sich vorbehalten, seine Interessen zu wahren, hat uro mobilisiert. 
Kriegserklärung g-egenüber Frankreich noch zurückgehalten, da dessen 

Stellung noch nicht ganz geklärt. Italien vorläufig neutral. England 
gibt ausweichende Antworten, Möglichkeit einer Neutralität andeutend, 
falls wir belgische Neutralität achten. Trotzdem wird hier ange- 
nommen, dass es sich zum Angriff auf uns entscheiden wird. Däne- 
mark schielt nach England. 

Lerchenfeld 

Nr. 78 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Sericht 423 Berlin, den 2. August 19 14 

Ich habe Ew. Exz. schon teils telephonisch, teils mit Chiffre- 
telegramm ^) über die l^ge berichtet. Darnrich ist die Hoffnung, dass 
England neutral und Italien auf Seite des Dreibundes bleiben wird, 
so ziemlich ganz geschwunden. In England wird wohl alles davon 
abhängen, ob man dort die Uberzeugung gewinnt, dass die englische 



^) Siehe B, 76, 77. 



12* 



180 



Geschäftswelt bei der bestehenden Unsicherheit mehr verliert als bei 
einem Kriege. Auch scheint mir, dass das Verlangen Englands, 
Deutschland solle die Neutralität Belgiens achten, vom militärischen 
Standpunkt aus kaum zu erfüllen ist Ich bin zwar nicht in die 
Gehetimiisse des Generalstabs dageweiht, möchte aber annehmen» 
dass eine schnelle Abrechnung mit Frankreich auf einer anderen 
Linie kaum möglich sein dürfte. 

Italien hat damit begonnen, die Erfüllung des Art 7 des Triple- 
alliancevertiags su verlangen, den es dahin auslegt, dass ihm bei 

Territorialveränderungen auf dem Ballcan Kompensationen zustehen. 
Österreich hat diese Berechtigung zwar anfänglich bestritten, hat aber 
vor zwei Tagen die italienische Forderung anerkannt. Man hofi^ 

darnach in Wien, dass Italien nunmehr seine Verpflichtungen gegen- 
über den Alliierten erfüllen würde. Es scheint aber, dass die Furcht 
vor England in Rom die Oberhand p^ewonnen hat. Italien stellt 
sich auf den Ew. Exz. bereits geschilderten Standpunkt, dass der 
casus foederis nicht vorliege, weil Österreich angegriften habe, und 
behält sich alles yor. Diese schmähliche Haltung wird auch in Italien 
empfunden. Der hiesige italienische Botschafter hat vor zwei Tagen 
bei Herrn von Jagow, als er solche Andeutungen zu machen hatte, 
gewdnt 

Man kann heute sagen, dass bei dem bevorstehenden Krie^ 
Deutschland und Österreich der ganzen Welt gegenüberstehen werden. 
Trotzdem ist die Stimmung der hiesigen miUtärisdien Kreise eine 
absolut zuversichtliche. 

Bis heute waren die Entschlüsse von Heer und Flotte noch von 
dem Stande der diplomatischen Verhandlungen abhängig. Man 

wollte, wie ich chiffriert heute gemeldet habe, Frankreich und vor 
allem England die Rolle des Angreifers überlassen. Die von einem 
französischen Flieger in Nürnberq- geworfene Bombe hat die Lage 
verändert, und es ist von jetzt an damit zu rechnen, dass nur mehr 
militärische Rücksichten entscheiden werden. Von morgen an wird 
die Auskundschaflung des französischen Aufmarsches durch Ballons 
und Flieger b^finnen, und, wie verlautet, wird wohl auch der deutschen 
Flotte freie Hand gegeben werden. 

Ich nehme an, dasa dann auch dem fmnzösisdien Botschafter 
die Pässe zugestellt werden. 

Über dgentlich militärisdie Dinge ndmie ich Abstand, in diesem 
Augenblick zu berichten. Das k. Kriegsministerium ist von allem 
unterrichtet und daher besser m der La^, Ew. Exz. zu informieren* 

G. H. Lerchenfeld 

P. S. Die Pässe werden noch nicht zugestellt, weil man weitere 
Angriffe abwarten will. Da die Mobilisation im Gange, wird auf 
diese Weise nichts versäumt 



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181 

Nr. 79 

Der Gesandte In Wien an das Miniateriiun des Äussern 

Bericht 294 , Wien, den 3. August 1914 

Apgekommen 17. 8. 14. 

König Viktor Emanuel hat an Kaiser Franz Joseph telegraphiert, 
dass er auf Grund des Bündnisvertrages eine freundliche Neutralität 
beobachten werde. Botschafter Merey erklärt diese Haltung mit der 

zunehmenden Wahrscheinlichkeit, dass England sich an Frankreichs 
Seite stelle und damit, dass in diesem Falle die italienischen Küsten 
von den überlegenen französischen und englischen Flotten bedroht 
würden. Auch ist die italienische Annee, von der 60 000 Mann in 
Syrien stehen, nicht in besonders gutem Stande, femer furchtet 
man den Sozialismus. Auf die Anregung der Kompensationsfrage 
war von hier aus geantwortet worden, dass man bereit sei, zu 
besprechen, wenn Österreich-Ungarn selbst sich Gebiet aneignen sollte. 

Man hofift hier, dass das Ausspringen Italiens England bewegen 
werde, neutral zu bleiben; über die Treulosigkeit Italiensj^errscfat 
In dem kleinen Kreise an Eingeweihten höchste Indignation. 

Die Bemühungen Englands, den Kri^ zwischen Frankreich und 
Deutschland hintanzuhalten, dürften, selbst wenn sie aussiditsvoU 
gewesen, nach dem Bombenüberfall Nürnbergs durch französische 
Flieger erfolglos bleiben. Auf das 18 stündige Ultimatum hat Frank- 
reich geantwortet: es werde tun, was seine Interessen erheischen. 

Die Nachrichten aus Bukarest lauten heute etwas grünstiger. 
Bratianu hat dem Grafen Czernin nunmehr versichert, dass Rumänien 

die strengste Neutralität einhn.lten werde; wenn Russland diese ver- 
letze, werde es ihm den Krie^;^ erklaren. Man neigt auf dem Ball- 
platz der Ansicht zu, dass Rumänien schliesslich doch auf die Seite 
des Dreibunds treten werde. 

Österreich-Ungarn wird Russland den Krieg in 2 bis 3 Tagen . 
erklären, wenn die Feindseligkeiten nicht früher ausbrechen. 



Tucher 



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182 

Nr. 80 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Bericht 427 Berlin, den 4. August 1914 

Ich habe nur zu melden, dass die Türkei sich Deutschland 
anschliesst ^] und einige Korps mobil macht. Audi Bulgarien scheint 
entsdilossen, mit Österreich gemeiiisame Sadie zu machen. Der 
Vertrag ist noch nicht geschlossen. Dies könnte militärisdh Öster- 
reich wesentlich erleichtern. Ilolland ist die Neutralität von uns 
zugesichert. Die Neutralität Belgiens kann Deutschland nicht respek- 
deren. Der Generalstabschef hat erklärt, dass selbst die englische 
Neutralität um den Preis einer Respektierung Belgiens zu teuer erkauft 
wäre, da der Angriffskrieg gegen Frankreich nur auf der I^e 
Belgiens möglich. 

Reichstagseröffnung im Weissen Saal und ReichsUgssitzung 
waren im höchsten Grade erhebend. Selbst im Jahre 1870 hat die 
Begeisterung, für die gerechte Sache zu kämpfen, sich nicht so 
elementar und dnmütig gezeigt 

Die Durchführung der Motnlisation und der Aufmarsch verläuft 
ausgezeichnet. Generalstab und Kriegsministerium haben noch nicht 
eine Anfrage von irgend einer Seite erhalten. Jeder weiss» was er 
zu tun hat 

Ich muss annehmen, dass unsere Haltung gegenüber Belgien 
Bruch mit England im Gefolge hat. 

G. H. Lerchenfeld 



Nu 81 

Der Gesandte in Paris an den König 

Im fttniSsischen Zuge von Paria, den 4. Aogost 1914. 
Angekommen 8^ 8. 14* 

Mit Beginn der französischen Mobilmachung bei^e^nete die 
Aufgabe chiffrierter Depeschen Schwierigkeiten, Mehrere Post- 
ämter lehnten meine Depeschen ab. 

Ich habe hierüber bei dem Gesandten Martin im Protokoll Be- 
schwerde geführt, der dieselbe für begründet erachtete und sofort 



^) Unterzeichnung des Bündnisvertratrs mit Türkei am 4. August 
300 nachm. telegraphisch nach München gemeldet 



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18» 



Abhilfe versprach. Er führte das Verhalten der Postämter auf eine 
Unterbrechung der telegraphischen Verbindungen zurück. 

Am 3. August vormittags sah ich mich genötigt» meine Woh- 
nung zu verlassen und mich mit dem Personal der Gesandtschaft: 
auf die Kaiserliche Botschaft zurückzusiehen, weil die Bevölkerung 
eine drohende Haltung anzunehmen begann. 

Die Schlüssel der Gesandtschaft und die politischen Akten 
habe ich der amerikanischen Botschaft übergeben. 

Der Gesandte Martin versprach, den Polizeipräfekten um poli- 
zeiliche Überwachung meiner Wohnung und. der Kanzlei während 
meiner Abwesenheit angehen zu wollen. 

Die Botschaft mit ihrem Vorhof glich einem Biwak. Sie war 
mit weinenden Müttern und Kindern angefüllt. Hunderte von Ge- 
päckstücken lagen auf dem Hofe umher. Die Angestellten der 
Botschaft und des Generalkonsulats wohnten bereits seit mehreren 
Ti^en in den Kanzleiräumen der Botsdiaft. 

Ich habe bis zum letzten Augenblick, namentlich bei meinem 
letzten politischen Gespräch mit dem Gesandten Martin am 2. Au- 
gust abends, den Eindruck gehabt, dass die französische Regierung 
den Krieg um jeden Preis vermieden haben wollte. 

Auf die von der französischen Presse offenbar stark über- 
triebenen angebhchen Grenzverletzungen deutscher Truppen hin riet 
ich Herrn Martin, sich erst durch eine offazieiie Nachfrage von deren 
Richtigkeit zu überzeugen. 

Diebe Anfrage erfolgte denn auch am 2. August abends in 
Berlin unter gleichzeitiger Mitteilung an die Botschaft in Paris. 

Namentlich die Veiietzung der Neutralität Luxemburgs schien 
Herr Martin als Anzeichen des von Deutschland gewollten Krieges 
zu deuten. 

Die Depeschen der Botschaft kamen meist sehr verstümmelt an. 

In der letzten Depesche, mit welcher der Kaiserliche Bot- 
schafter beauftragt wurde, seine Pässe zu fordern, waren nicht 
weniger als lo Gruppen unverständlich. 

Der kritische Auftraj^ wegen Abbruchs der Beziehungen traf 
spät nachmittags am 3. August ein. 

Er wurde Punkt 6 Uhr ausgeführt. Bei diesem Anlass kün- 
digte der Kaiserliche Botschafter auch die bevorstehende Abreise 
der Königlichen Gesandtschaft an. ' 

Den letzten telegraphischen Erlass des Auswärtigen Amtes 
und die darauf an die französische Regierung gerichtete Note hat 
mir der Kaiserliche Botschafter nur dem Inhalte nach mitgeteilt. 

Bei Herrn Vtviani habe ich in Ermangelung eines Auftrags 
keine Erklärung abgegeben; dagegen habe ich dem Kabinettschef 
Herrn de Marguerie meine bevorstehende Abreise schriftlich an- 
gekündigt. Ausserdem habe ich den Gesandten Martin gebeten, 
diesbezüghch mich in Anbetracht der Kurze der Zeit bei dem Con- 
seiipräsidenten Viviani entschuldigen zu wollen. 



184 



Die Bevölkerung vor der Botschaft Iwtte inzwischen ebe recht 
drohende Haltung angenommen und als der Kaiserliche Botschafter 
sich 2ur Ausltihrung seines Auftrags auf das Ministerium des Aussem 
begab, sprang ein verdächtig aussehendes Individuum auf den 
Wagen des Botschafters. Es nahm darauf ein Geheimpolizist neben 
dem Botschafter Platz. 

Der Conseüpräsident Herr Viviani nahm die Erklärung des 
Botschafters in Gegenwart des Kabinettschefs Gesandten de Mar- 
guerie mit Ruhe entgegen. 

Er bemerkte dem Kaiserlichen Botschafter gegfenüber, dass er 
von den französischen Grenzüberschreitungen und den Flieger- 
attentaten in Nürnberg und anderswo keine Kenntnis habe und 
dass jedenfiilb die deutschen Grenzverietzungen zeitlidh den fran- 
zösischen vorangegangen uraren. 

In dieser Hinsicht hatte mich Herr Martin tagszuvor darauf 
aufmerksam gemacht, dass die französischen Truppen absichtlich, 
um Grenzkonflikte zu vermeiden, zehn Kilometer von der Grenze 
entfernt gehalten worden wären , während die deutschen Truppen 
offenbar dicht an der Grenze selbst stünden. 

Die Zusendung der Pässe für die Mitglieder der Botschaft, der 
Gesandtschaft und des Generalkonsulats erfolgte um 7 Uhr durch 
den Chef des Trotokolls, Gesandten Martin. 

Die Abfidirt verlief in grösster Ordnung gegen 10 Uhr von 
dem auch bei Fürstenbesuchen meist benUtsten Bahnhof an der 
Porte Dauphine. 

Der Transport zu der Bahn erfolgte durch zahhetche Omni- 
busse der Eisenbahngesellschaften und grosse Foufgons« Alles 
spielte sich programmgemäss ab. 

Auf dem Bahnhof hatte sich der Gesandte Martin eingefunden. 

Er erzählte mir bei dieser Gelegenheit, dass die französischen 
Vertreter in Deutschland um 7 Uhr, also I Stunde nach der Kriegs- 
erklärung, angewiesen worden wären, ihre Pässe zu erbitten. 

Die franzosische Regierung hat einen sehr schönen Sonderzug 
mit 2 grossen Salonwagen für die Reise zur Verfügung gestellt. 

Gesandter Martin wusste nicht, welchen Weg wir einschlagen 
würden. Er sagte, es stehe hierüber die Entscheidung ausschliess- 
lich dem Kriegsmintsterium zu. 

Der Zug nahm den Weg über Briassel, Breda, Münster, Han- 
nover und langte am 5. August 7 Uhr früh in Berlin an. 

Zur Bedienung und Rückbeförderung des Zuges sind 2 fran- 
zösische Bahnbeamte Ms nach Berlin mitgefahren. 

Die belgische und holländische Bevölkerung verhielt sich bei 
dem Passieren des Zuges sehr zurückhaltend. Die Stationen und 
Brücken waren durchwegs militärisch besetzt. 

Auf deutschem Gebiet angelangt , wurde der Zug auf jeder 
Station mit Gesang und Jubelruf begrfisst 



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185 



Am 2. AuG^ust nachmittags 2 Uhr sagte mir der österreichische 
Botschafter Graf Scezen noch , dass er seit Tagen ohne jegliche 
Nachrichten aus Wien sei. Dagegen versicherte er mir ausdrück- 
lich, dass die dsterrdchische R^erung die „politisdie Souveränität** 
Serbiens im Sinne der mir von Herrn Iswolsky gemachten Bemer* 
kungen anzuerkennen sich verpflichtet habe und dass er der fian- 
sösischen Regierung eine entsprechende Mitteilung gemacht habe. 
Ich wollte dieses sofort Herrn Iswolsky mittels Privatbriefs bei Be- 
antwortung eines Schreibens wegfen ErmitteUin^ des Aufenthalts 
von Madame Iswolsky mitteilen und hatte bereits das Schreiben 
aufgesetzt. 

Der Kaiserh'che Botschafter bat mich aber daVon Abstand zu 
nehmen, weil er fürchtete, Herr Iswolsky möchte ein solches 
Schreiben zum Nachteif der deutschen Politik verwerten. 

ich habe nach wie vor den Eindruck, dass Missverständnisse 
über die Frage der „Ind^pendance** von Serbien zwischen Oster^ 
reich und Russland obgewaltet haben müssen, deren rechtzeitige 
Aufklärung den rollenden Stein vielleicht nodi aufgehalten hätte. 

Dies scheint mir auch aus dem alleruntertänigst hier ange- 
schlossenen Telegramm Seiner Majestät des Kaisers an den Zaren 
vom 29. vor. Mts.^) hervorzugehen, in welchem nur von einer Er- 
klärung des österreichischen Kabinetts über nicht beabsich- 
tigte territoriale Eroberungen auf Kosten Serbiens 
die Rede ist. 

In Ägypten, Marokko und in allen Protektoraten hat aber 
nach Herrn Iswolsky auch niemals eine territoriale Eroberung auf 
Kosten des fraglichen Landes stattgefunden. Gerade deshalb be- 
stehe Russland auf umfassendere Zusicherungen zugunsten Serbiens 
und auf der Anerkennung seiner ,,Ind6pettdance**. 

Diese Zustimmung ho£fte die französische Regierung und Herr 
Iswolsky durch Vermittelung des Deutschen Kaisers von Osterreich 
der russischen Regierung abgegeben zu sehen. 

Noch ist es Zeit, falls wirklidi ein Missverständnis vorgelegen 
haben sollte, etwa Versäumtes nachzuholen, nachdem dieBezidbungen 
zwischen Österreich und Russland noch nicht abgebrochen sind 
und Graf Selzen vor einigen Tagen behauptetCi eine „analoge 
Versicherung" bei der französischen R^iening abgegeben zu haben. 

Vielleicht liesse sich unter diesen Umständen doch noch in 
letzter Stunde von deutscher Seite in Österreich ein Druck ausüben, 
damit die von Russland gewünschte Erklärung über die Erhaltung 
der „Indöpendance'* von Serbien auch oihziell in Petersburg erfolge. 

Ritter 



^) Dem Bericht liegt eine Wiedergabe des Telegramms bei, vgl. i 
Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch II. Bd. Nr. 359, 



18t> 



Nr. 82 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Mi nisterrate 

Bericht 431 Berlin, den 5. August 19 14 

Nachdem der Reichskanzler in der Reichstagssitzung von 3 Uhr 
unsere Haltung Belgien gegenüber aogekündigt hatte, erschien der 
englische Botschafter im Reichstagsgebäude, um Staatssekretär Jagow 
mitzuteilen, dass England den Brudi der belgischen Neutralität nicht 
hinnehmen könne. Herr von Jagow setzte Sir Edward Goschen 
auseinander, dass die militärischen Erwäg^gen es Deutschland 
unmöglich machten, dem Verlangen Englands zu entsprechen, und 
j^b im übrigen die Zusicheruntr, d.iss Deutschland den Bestand 
Belgiens nicht antasten wolle. Eine Stunde später erschien der Bot- 
schafter im Auswärtigen Amt, um seine Pässe zu verlangen. ^) Der 
Bruch mit England ist sonach Tatsache. Die Rede Greys hatte 
übrigens über die Absichten Englands keinen Zweifel mehr gelassen. 

Diese Vorgänge hat bedauerlicherweise das „Berliner Tageblatt" 
durch ein Extrablatt bekanntgemacht. Die Volksmenge, die jeizt 
jeden Abend Unter den Linden versammelt ist, und gestern wegen 
der Abreise des französischen Botschafters auch den Pariser Platz 
dicht besetzt hatte, zog jetzt vor dje Englische Botschaft, um zu 
demonstrieren, schlug dort alle Fenster ein und wollte das Haus 
stürmen. Dies wurde noch rechtzeitig von rasch herbeigeholten 
Polizeimannschaften verhindert. Dass der Tumult nicht bei Beginn 
unterdrückt werden konnte, lag daran, dass die Polizei vor der 
Englischen Botschaft anfänglich nur wenig Mannschaft versammelt 
hatte, da sie dort auf Unruhen nicht gefasst war. Der Pariser Platz 
vor der Französischen Botschaft war gut besetzt. Dort sind bei der 
Abreise des Botschafters keine Ausschreitungen vorgekommen. 

Als das Auswärtige Amt von dem Tumult vor der Englischen 
Botschaft erfuhr, eilte Herr von Jagow sofort dorthin, um dem Bot- 
schafter Entschuldigungen zu machen. Dass die Mitglieder der Bot- 
schaft eine provozierende Haltung dngenommen hatten, wie einzelne 
Zeitungen melden, ist nicht richtig. 

Über den Einmarsch in Belgien ist hier keine Nachridit bdeannt- 
gegeben worden. Ohne Zwdfel wird aber auch der belgische Ge- 
sandte seine Pässe verlangen und erhalten. 

Holland hat, wie ich schon gemeidet, auf die deutscherseits 
gegebene Zusicherung der Achtung seiner Neutralität seinerseits 
Neutraütät zugesichert. Auch Dänemark hat sich neutral erklärt. 



) Telephonisch schon am 4. August nachm. mitgeteilt. 



I 



187 



Im übrigen habe ich im Auswärtigen Amt noch folgendes 
erfahren : Der österreichische Aufmarsch an der russischen Grenze 
ifet naliezu vollendet. Man erwartet die österreichische Kriegserklärung 
an Russland für heute. Osterreich hat hier mitgeteilt, dass es jedem 
russischen Angriff an seiner Grenze völlig gewachsen und sogar 
ntunerisdi d«r gegen Gafiden vefsanmidteii Armee Überlegen sei. 

Die Frage, ob Österreich auch Frankreich und England den 
Krieg erklären soll, wird noch erwogen. 

Militärisch scheint sie von keiner Bedeutung. Unangenehm wäre 
nur das Verbleiben der Vertretungen dieser Staaten in Wien. 

Was die gestern schon angekündigte deutschlandfreundliche 
Haltung Bulgariens und der Türkei') betrifft, so ?ngte man mir lientc, 
dass die Verhandlungen hierüber noch nicht abgeschlossen seien. 

Dieser Bericht sowie alle künftigen schriftlichen Mitteilungen 
werden Ew. Exz. erst 47 Stunden nach der Absendung zukommen, 
da bis auf weiteres nur ein einziger Zug, und zwar um 6 Uhr 57 Min. 
abends nach München abgelassen wird, der am übernächsten Tag 
um 7 Uhr 28 Min. abends dort ankommt. 

G. H. Lerchenfeld 

Nr. 83 

Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im 

Ministerrate 

Berlin, den 5. August 19 14 

Hochverehrter Freund! 

Soeben erfahre ich, dass der Generalstabschef Generaloberst 
von Moltke sich heute über die Lage wie folgt ausgesprochen hat. 

Er wisse auf das bestimmteste, dass zwischen Russland, Frank- 
reich und England ein Angriffskrieg gegen Deutschland fiir dns 
Jahr 191 7 abgemacht war und vorbereitet wurde. Als Leiter der 
Machenschaft betrachtet Moltke Russland. Man könne es als ein 
Glück betrachten, dass durch den Mord in Sernjewo die von den 
drei Mächten angelegte Muie schon in einem Zeitpunkt aufgeflogen 
sei, in dem Russland nicht fertig, und die französische Armee sich 
in dnem Übergangsstadium be&de. Gegen die drd vollkommen 
gerüsteten Staaten würde Deutschland einen schweren Stand gehabt 
haben. 

Den Krieg gegen Russland und Frankreich, wie wir ihn jetzt 
zu fuhren hätten, sei Deutschland, wenn ntdit ein besonderes Unglück 

^) Siehe B, 80. 



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I 



188 

geschehe, zu bestehen stark genug. Der Zutritt Englands zu den 
Gegnern erschwere ohne Zweifel unsere Lage, weil die Verprovian- 
tierung der Zivilbevölkerung, wenn der Kampf länger dauern sollte, 
schwierig werden könnte. Dieser Tunkt flöße ihm eine gewisse 
Sorge ein. Trotzdem habe er entschieden abgeraten, die englische 
Neutralität um den Preb der Schonung des bS^ischen Territoriunis 
zu erkaufen, auch wenn dies möglich gewesen wäre, was er nidit 
glaube. Der Angriff vom Reichsland würde der deutschen Armee 
voUe drei Monate gekostet und Russland einen solchen \^rsprung 
gegeben haben, dass dann auf einen Erfolg auf beiden Fronten nicht 
zu rechnen g^ewesen wäre. Wir müssten über Belg-ien c^^eich mit 
alier Macht auf l'aris losgehen, um mit Frankreich rasch abzurechnen. 
Das sei der einzige Weg zum Siege. 

Generaloberst Moltke teilte dann noch mit, dass bisher nur 

unbedeutende Gefechte in Belgien stattgefunden hätten. Morgen 

aber werde Lüttich besetzt werden, das befestigt sei und Verluste 

kosten werde. Ein Teil der deutschen Armee sei bereits in Frank- 
reich einmarschiert. 

Über die Lage auf dem östlichen Kriegsschauplatz erfahre ich 
von anderer Seite, dass die Erwartung, Russland werde gleich mit 
grossen Kavalleriemassen einrücken, nicht eingetroffen ist. An ein- 
zdnen Stellen ist Kavallerie, auch eine Kavallerie-Division, über die 
Grenze gekommen, aber leicht zurüd^esdilagen worden. Auch die 
anderen Gefechte bei Kaiisch und Tschenstodiau sind für uns gut 
abgelaufen. Das alles ist aber ohne Bedeutung. Die Entscheidung 
wird wohl in nicht zu langer Zeit im Norden Frankreichs fallen. 

G. H. Lerchenfeld 



-eHf^ 



189 



Personen^ und Sachverzeicfinis 



Adria II 

Agence Havas dz 
Agram l^, 143 

Ägypten 185 

Albanien 4, 10. Iii, 115, 134. 127^ 
Algeciras 102 

Allotti, italienischer Gesandter in Albanien 
m 

Alt-Serbien 142 

Amerika, Amerikaner 26^ 32^ 36^ ^o^ 73^ 

TL 90, LL5 
Amerikanische Botschaft in Paris 183 

— Gesandtschaft in der Schweiz 3^ 2i 

— Präsident, siehe Wilson 

— Pazifist, siehe Herron 
Amsterdam i^ 

Aosta, Herzog von lzB 

Aral, Ren6 de, Korrespondent des Gaulois 

Artstetten 

Astrachan i6y 

Auf-r, Erhard, bajer. Minister des Innern 84 
Augsburg 22 

Auswärtiges Amt in Berlin I^j 60, tl 

Badischer Gesandter in Berlin, siehe 
Berckheim 

— Ministerium des Äussern qz 

Balkan 4, 1^ 22^ 1 14, 116. 125, 180 

— politik 102 

Ballplatz 18, 11^ I23i LÜ Ü^, 171. 

177. lÄl 
Bamberg 52 

Basel 4^ 

Bauer, Gewerkschaftsvorsitzender in Frank« 

furt a. M. ^ 
Bayern, bayerisch 25^ 26^ 28^ 30, jj^ 32, 

2^4ai43i44,4ii46^42i48.49i 
iL. 53,5S.6oi62i62i:2£i72,74i 
Zii2Ez9,8o,82,82,84, 86,82. 
91, 92. 100, 101, 102, 108, 109, 

«3«. 13», '39. IS3, '71. 175. 177 

— Akten(veröffentlichung) 18^ 20, 50, 53, 
58. 62^ 6^ 65, 102, 103, 104 

— Antrag auf ätaatenkcnferenz Sj 

— Arbeiter-, Soldaten- und Bauemrat 22» 



Bayern, BevoUmSchtigter in Berlin, siehe 
Lerchenfeld, Mückle, Schoen 

— diplomatischer Dienst, Berichterstat- 
tung 4, 99. »oii 102, loj^ io| 

— Gesandtschaft in Berlin, siehe Lerchen- 
feld, Mückle, Schoen 

— — in Paris, siehe Ritter 

in Petersburg, siehe Grunelius 

~ — in Rom, siehe v. d. Tann 
in Wien, siehe Tucher 

— Geschäftsträger in Berlin, siehe Schoen 

— König, Gesandten berichte an den — 
116. 118. 119, 121. I2S, 126. 128, 

136, IM, LSli 

— Kommission zum Besuch der verheerten 
Gebiete Frankreichs und Iklgiens ^ 4 1 

— Landtag, Feststellungskommission des 
103 

— Ministerium des Äussern i^ 14, 23, 

25, 41, 42j 51, 6^ 66, 2ii 74i 82, 
^ 96, ^ 126, 1^ i^Ij 13^ 1^ 

135. 138. 139. 140. 143. 146. U7, 
148, 150, 15^ 1^ 156, 1^, 

159, 160. i6i. 162, 165. 166, 168, 
164 120, I2L »2«i 128, 
'79. lÄl 

— MinbterprSsident ^ 40, jo, 62, 
2®i Iii Z3i ZSi 1 10 (vgl. auch Eisner 
und Hertling) 

— Reservate 105 

— Eevoluiion 22j 29, 49, 86 

— Sondergesandtschaft in der Schweiz 
28, 92 

— Volksregierung, Volksstaat 22, 22, ^ 
Bayreuth 140 

Belgien LSj ^ I3i 42i 41i ^ 180, 182. 
184. 186. iM 

— GesandTer in Berlin l86 

— Neutralität 15, 179, LÄfi 

Belgrad 4i 8, 13, 22, 1 14, 1 16, 118. 119, 
^ 126, 127, i^. i^i IM. 142j 
143. [Ml iüj LiOi 1^2, 166^ 168 

Berchem, Johannes, Graf von, Legations- 
rat bei der deutschen Gesandtschaft in 
Bern 73 

Bcrchtold, Leopold, Graf von, Minister 
des K. und K. Hauses und des Äussern, 
Vorsitzender des österreichisch- unga- 



190 



riscben Ministerrmies 21. i ' » l8j i I4i 

126, 1^ 122, 14^ '65 
Iterckheim, Graf von, badischer Gesandter 

in Berlin i_S7 
Bergen, Dr. von, Vortragender Rat im 

Auswärtigen Amt ^ lq 
Berlin 14. 15. i8. 19. 20. »». 2j. 

21. ?!. aS. 41i 42i 5». i*. 51. 58. 

59, 60j £lL 62^ 64^^ 66j 65^ 21a 

71i Ux lAi Ui 1^ Ui 7^ Z5i^ 
8^, 82, 82, ^ 26, ^ loij 104, 

lOg, lo6. HO, III, 1 14. 117, 1 23, 

IMi m, UAi 129. lAh 

145. 146. 147. 148, 151. Lü Li6, 
152, 160, i62j i6i 164, 170. 
ij^ 112, i7i 114, Iii, III, rZ2j 
182. 183. 184, »86, 187 
Berliner Korrespondent des Giornale 
d' Italia ihl 

— Soldatenräte 45^ 62^ 2S 
Berliner Tageblatt ^ iM 

— Traktat IJ9 

Bern 21i22j4^^^^ZiiZ^ 
Iii 86 

— bayerische Gesandtschaft 28, 30, 31, 

2i. 62, 6^ 22i 22 

— Bundesrat 23 

— deutsche Gesandtschaft 28^ 88 
Bernstein, Eduard, Beigeordneter im Aus- 
wärtigen Amt 63 

Bethmann Hollwcg, Dr. Theobald von, 
Reichskanzler, preussischer Minister- 
Präsident und Minister des Auswärtigen 
Sil 106, MI, Lli 

Bien venu- Martin, französischer Justizmini- 
ster und Senator 144« 182. 183, l84 

Bilin^ki, Dr. K. von, österreichisch-unga- 
rischer Finanzminister 1^ 

Bilitz 122 

Bismarck (Reichskanzler) Sj, 6& 

— Major von, deuticher Militarattach6 
in der Schweiz 42^ 42 

Bissolati, italienischer Sozialist 168 

Blaubuch, deutsches zi 

Böhm, Gottfried, Ritter von, bayer. Mi- | 
nisterresident bei der Schweizer Eid- 
genossenschaft 42 

Böhmen 42 « 

Bosnien 52, 1 16, 1 iS, 1 19, 120, 121, 
1 22, 125 

Bratianu. J. J, C, rumänischer Minister- 
präsident und Kriegsminister l8l 
Breda 184 

Breitenbach, Josef, Kaufmann, Bevoll- 
mächtigter der bayer. A.-, S.- u. B.-Räte 
in Berlin 24 

Breitenbach, Paul von, preussischer Mi- 
nister der öffentlichen Arbeiten, Chef 
der Reichseisenbahnverwallung 



Brenner, Soldatenrat 79 

Breunig, Georg von, bayer. Staatsminister 

der Finanzen 51 
Brock der ff-Rantzau, Dr. Ulrich, Graf von, 

Reichsminister des Auswärtigen 20, §8 
Brünn 122 
Brüssel 184 

Buchanan, Sir George \Y., englischer Bot- 
schafter in Tetersburg 137 
Budapest 155 
Bukarest S2i '14, 181 
— Frieden von L2 

Bulgarien 7. 12. 13. '5i ^8. 20. 57, 

118, 149, 164. 178, 182, 187 
Burenkrieg 54 

Burian, St. von Rajecz, ungarischer Mini- 
ster a latere L22 

Cambon, Jules, französischer Botschafter 

in Berlin 145« i8o, iM 
Carranza. mexikanischer General iig 

Cattaro IQ 

Cbelius, Oskar von, preuss. Generalleut- 
nant, deutscher Milit&rbevoUmächtigter 
am russischen Hof 142, 146, 147. 
1S2. 167 

China 123 

Chotek, Comtesse 1 1 7 

Cl6menceau, französischer Ministerpräsi- 
dent und Minister des Äussern 19, 
30,33,60,61^62,6^,64^61^84,8^$ 

Cohn, Dr. Oskar 21 

Conrad von Hötzendorf, F. Freiherr, 
General der Infanterie und Chef des 
österreichisch-ungarischenGeneralstabii 

Corfu 12S 

Correspondant (Pariser Zeitung) 137, 1 38 

Corriere della Sera 168 

Czernin, Ottokar, Graf von und zu Chu- 
denitz, österreichisch-ungarischer Ge- 
sandter in Bukarest 1 14, 1^ 

I>änemark 149. iM 
Daily Telegraph 55 
Darmstadt JS 

David, Eduard, Dr. phil., Reichtagsabge- 
ordneter, ünterstaatssekretär 60, 72 

Delbrück, Clemens, preuss. Staat&minister 
und Staatssekretär des Innern, Bevoll- 
mächtigter zum Bundesrat 157, 158, 

L25 

Delbrück, Hans, Dr. phil., Professor der 
Geschichte der Universität Berlin, Mit- 
glied des deutschen Viererausschusses 

15. M 

Deutschland 8,2, 12^ 13, 15, 17, 19, 20, 
21^22,25,26,22,28,29, 30, 31, 



L j ^ , .oogle 



191 



aij 22i aäi asi alt 3*. 29. 4°! 41, 

60. 6i. 62, 64. 66j 62i 68j 6^ 70, 

88, goj 94i 91. foi^ lo^, 
106. 107. iio. III, 112, M^i IIS, 

Iii Llii I2L lAli Uii 146, 14L 
LlS, iMi LS^i LS3i LS4i LSS. ü8. 
160. 161. 162. 163, 164. 16g, 166. 
167. 168, 169. 171. 172. 17^. 174. 
176, LZli LZ8j 180, i8r, 1821 
184, 186. 187 

— Aktenpublikation, siehe Deutsche Uo- 
kumente zum Kriegsausbruch 

Deutsche Allgemeine Zeitung 23, 53. 56, 
58, 62, 61, 22, 98 

— Armee iM 

— Botschafter in London, siehe Lieh- 
nowsky 

in Paris, siehe Schoen, Freiherr von 

— — in Petersburg, siehe Pourtales 
in Rom, siehe Flotow 

— — m Wien, siehe Tschirschky 

— Dokumente zum Kri^sausbrtich 54, 
Sil 65, 98^ lor, io2j 104, 105 

Deutsch-englischer Vermittlungsvorsch lag 
115 

Deutsche Flotte 180 

— Friedensdelegation q6^ ^ 

— Gesandtschaft in der Schweiz 361 48, 
4Si 165 

— Geschäftsträger in Bukarest 128 

— Grenze (gegen Kussland) 1^1 

— Grenzverletzungen gegen Frankreich 
184 

— Grosser Generalstab 

— Han^astidte qi 

— Kaiser, siehe Wilhelm II 

— Kommission zum Besuch der verheerten 
Gebiete Frankreichs und Belgiens ^ 
40 

— Kriegführung 28, 29i 6S 

— Militärattache in der Schweiz, siehe 
Bismarck 

— Militarismus, Kriegspolitik 26^ 2^ 

— Mobilmachung 134, 166. 123 

— Nationalversammlung 70, 80, äi 

— Oddfellows 40 

— Keichskanzler, sieheBethmann Hollweg 

— Reichstag 22^ 107 

— Ultimatum an Russland I22 

— Vermittlungsvorschlag 22, 120 

— Viererausschuss i^, 20, 22 

— Weissbuch ij, 20j 94 
Deutsch-Österreich 32 

Denver (Hauptstadt des nordamerikani- 
schen Staates Colorado) 40 
Don 167 



Donau (ufer) 142. ijjo 

Donaumonarchie 7^ 56, X42 

Draesel, M., Kommissär der amerikanischen 
Regierung 89, 90 

Dumaine, A. Chilhaud, französischer Bot- 
schafter in Wien 133 

Durazzo li^ 

Dusch, Alexander Freiherr von, badischer 
Ministerpräsident IS7, I7S 

£bert, Friedrich, Vorsitzender des Rats 
der Volksbeauftragten (i l. November 
1918—1 I.Februar 1919)4^ 66. 83. 
89. 90 

Eggeling, Bernhard Friedrich von, Major 

im Generalstab, Militäratlachö bei der 
deutschen Botschaft in Petersburg 146, 
lili »62 

Eiffe, Grosskaufmann in Hamburg 89 
Eisner, Kurt^ bayerischer Ministerpräsident 
3. 29. ^9. 40. 41, 43. 46, 50. 67. 

Ü 94i 21. 96, 9L »Ol 

— Enthüllungen Eisners 38", 17, 20^ 58, 

Elisabeth, Kaiserin von Österreich L2J 

Elsass-Lothringen 54^ 56 

England, Engländer 9. 10. 13. i6. iM, 
19,21^22^26,31^36,32^ Sil Üi 
S». 62^ 71. 94. 95. " ». "a. LÜ 
liL LMi »45, L49i »S©. 

LiL LS4i Li6, LS^ |6o, i6a, 162, 
>68, 169. 170. »72, »75. '78, 179. 
180. 181. 182. 186. 187. 188 

Englischer Aussenminister, siehe Grey 

— Botschafter in Berlin, siehe Goschen 

— Botschafter in Petersburg, siehe Bucha- 
nan 

— Botschaft in Rom 152 
Englisch-deutscher Vermittlungsvorschlag 

115 

— Flotte 137, l&l 

— Königsbesuch in Paris 136 

— Manöver 137 

— Neutralität 182, L&S 

— Vermittlungsvorschlag 170 
Epirus, Epiroten 13, l2S 
Erlangen 22 

Erzberger, Matthias, Staatssekretär, Vor- 
sitzender der deutschen Wafienstilt- 
standskommission 4^ 66, 62^ 68, 72, 
75i 78, 92 

Esher, englischer Lord 

Europa 6, 30, 35, i2i 53» Illj 12^^ 
128. 178 

Europäischer Krieg, 23^ 23j gli 102 
Exceisior, französische Zeitung [21 



192 



Fechenbach, Felix, PrivatsekretSr Eisners 

Ferdinand, König von Bolgarien u 

Femau ^ 

Finnland 168 

de Fiori, Doktor 29 

FiugRi 128. 153. 168. 169 

Florenz i^l 

Flotow, Dr. Hans von, deutscher Bot- 
schafter in Rom 153, 168 

Foch, Marschall von Frankreich öjj lÄ 

Foerster, Friedrich Wilhelm, Dr. phil., 
Professor fUr Pädagogik an der Uni- 
versität München, bayerischer Gesand- 
ter in der Schweiz 28^ s^j 30, ^ 
39i 41, 4^ SO, 60^ 61^ 62, 62, 
64i 68, 2ii 24i 80, 90, ^ 

Franke, W., 8& 

Frankfurt a. M. 48. S9t 91 

Frankfurter Zeitung 107 

Frankreich, Franzosen lOj 14^ 18, 

84, 85, 88, 83^ 9^ LLli Uli 

136. 137, üSj IMi HSj IAIa 

14«. 149, 150, 152. Li4i LS5i ü6, 

159, 161, 164, 165, 166, 168, 172, 

»73. '76. 177. 178. 179. '80, i8i, 
182, 183, 184. 185. 187, lSS 
Französische Armee 17a, 176. 187 

— Aufmarsch lSq 

— Botschaft in Bern 48 

— Botschafter in Berlin, siehe Cambon 

— Fliegerangriffe 180. lÄl 

— Flotte i&j 

— Grenzüberschreitungen 184 

— Justizminister, siehe Bienvenu Martin 

— Ministerpräsident, stehe C16menceau 

— Mobilmachung 182 

— Presse 119. 137. 144, 1481 IST. 183 

— Sozialisten 48 

Franz Ferdinand von Österreich-Este, Erz- 
herzog , österreichisch - ungarischer 
Thronfolger 1 14, 116, II 7, 119, L2J 

Franz Joseph Kaiser von Österreich 
57^ M^, 122^ 143, 151. i62i I22j 
174. 176, 178. lÄi 

Freiheit 6^ 64. 

Fuad, Prinz von Ägypten 115 

Galtzien 8^ 160, 187 

Ganz & Co. ^Bankhaus in Paris) IS3 

Gaulois, Korrespondent des 136 

Genf a2< all iS. 2° 
Gent 137 
Germersheim 47 

Giesl-Gieslingen, \V. Freiherr von, öster- 
reichisch-ungarischer Gesandter in 
Belgrad 134, 143, IS3 



Goos, Roderich 105 

Goschen, Sir Edward, englicher Botschafter 

in Berlin iM 
Goudy, Frank, Grosssire der Grossloge 

der Oddfellows in Denver 40 
Graber, Achille, deutscher Sozialist 48 
Graz 14^ 

Gref^ilhe, Coratesse de 136 

Greiling, Richard 33 

Grey, Sir Edward, englischer Staats* 

sekret&r des Auswärtigen 13« 14. »gt 

iL Uli 1431 LS«i L54i Iii. 

160. lia, 163, 168, 162, 122^ 17^ 

iM 

Griechenland nS, 

GrUnwald, A. A. von, russischer Ober- 
stallmeister, General der Kavallerie, 
Generaladjuiant des Zaren 146 

Grunelius, Emst, Freiherr von, bayeri- 
scher Gesandter in Petersburg 139, 
140, 142, 152, 157 



Haag 76, 107 

Haase, Hugo, Vorsitzender des Rats der 

Volksbeauftragten 22 
Habsburgisches Reich 52, 141 
Haeterle, Soldatenvertreter 73 
Hamburg 45, 67^ Qi 
Hannover 184 

Harden, Maximilian, Schriftsteller 43^ 44, 
45 

Heinrich, Prinz von Preussen 17^ 
Mr. Henderson 30 
Henne ^Soldatenrat) 79 

Hermannstadt 133, 143 
Herold (russische Zeitung) 139 
Herron, George D., Amerikanischer Pa- 
zifist 30, U. 39« 40. 68 
Hertling, Georg Dr. Graf, bayer. Minister 
des K. Hauses und des Äussern, Vor- 
sitzender im Ministerrate 4i 1 75j 94i 
102. 109. IIP, III, IMi liL L13i 
123, 131, I4L, 1481 liL L5^ 

164, 173, UAi nsi iijj im 

182. 186. 187 

Herzegowina 119. 121. 123, I2S. ififi 

Hessen 75 

Hindcnburg und Beneckendorff, Paul von, 
preussischerGeneralfeldmarschall,Chef 
des Generalstabs des Feldheeres 20^ 

261 71 

Hötzendorf, siehe Conrad von HötzendorC 
Hofburg, Wiener ti7. II9. »20. L2J 

Hoffmann, Korrespondenz 50 
Hoffmann, bayerischer Ministerprisident 

Hohennnow 124 



193 



Hohenlohe Schillingsfürst, Gottfried Prinz 
^u, vorgesehen als österreichisch- 
ungarischer Botschafter in Eerlia ii^ 

Ilohenzollem 141 

Höllenrainer, Soldatenrat 75, 182. LSfi 
Holstein, Aera iii 
Holland 6^ 184, iM 
Horwitz, polnischer Redakteur 24) 21» 
381 SO 

H070S, Alexander Graf von, Kabinettschef 
des österreichisch-ungarischenMinisters 
des Äussern Ii 57 

Huber, deutscher Sozialist 48 
Iluerta, Präsident von Mexiko 115 
Humbert, König von Italien 153, i6q 

Instituts fran^ais im Ausland 
Irland U2 

Ischl io2i 126, l22i lü 

Island 144 

Iswolsky, russ. Botschafter in Paris 129, 

Ii», LS2i mi 185 
Italien, Italiener 6, 8, 10, 11, a2, 26, 

77j Ö4i 55^ LL^ LLL Iii, U9i Ll|j 
Uli lAl^ lA^ Lili »6i, 164, iMi 
172, 175, 178, 179, 180. Lil 
Italienischer Botschafter in Berlin lSd 

— — in Paris |^ 

— — in Petersburg 146 

— Botschaft in Wien 1^ 

— Gesandter in Albanien, siehe Aliotti 

— — in der Schweiz 42 

— Minister des Äussern, siehe San Giuliano 

— Presse 152 

Italienisi-h-tripolitanischer Krieg 54 
Jacobi, Bevollmächtigter der bayerischen 
Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrate in 

Berlin 7^ 

Jafl"6, Edgar, Dr. phil., Professor für Staats- 
wissenschaf len an der Universitfit Mün- 
chen, bayerischer Finanzminister ^o, ^ 

Jagow, Gottlieb von, deutscher Staats- 
sekretär des Auswärtigen 6^ 68^ 95, 
180. 1S6 

Japan 54, Hl 

Jena 81 

Josephstadt 

Kaiisch 188 

Karol, König von Rumänien 12^ 150. 178 
Karlsruhe ^ 
Kasan 156, 167 

Kautsky, Karl, Redakteur der Neuen 

Zeit 60, 6s, 69, 76, 98 
Kawalla 

Kiew 140, 146. iSi. 156, 167 
Kissingen 79 



Knilling, Eugen Dr. von, bayer. Staats- 
minister für Kultus 5J 
Kölnische Zeitung 124 
Kokowzeff,russischerMinisterpräsident i '^S 
Konoplscht lij 
Konstaniinopel 54 
Kopenlaagen 76^ 1:^8 
Kothieringer, Soldatenrat 79 
KragTijevac 134, 143 
KrasDoje 146 
Kroatien l2Q 
Kronprinz, deutscher 176 
Krupp 
Kuban 167 

Kucharski, Berichterstatter des Matin 8^ 

La Chaux-de-Fonds 48 

Landsbet^, Volksbeauftragter für Presse, 
Literatur und Kunst 30 

Lang, Soldatenrat 79 

Ledebour, Georg, 85^ 

Lenin, Volkskommissar der russischen 
Sowjetrepublik 35 

Lerchenfeld, Graf Hugo von, bayer. Ge- 
sandter in Berlin und Bevollmächtigter 
zum Bundesrat 4^ 8^ 16, 18^ 1^ 
2ij iL 5*1 Iii S2i Zli »o6, HO, 
113, HS, ii8. 154. 156. 158, iS9i 
162, 164. 165, i^o, 112^ i2Ai 116, 
178. 179. 180. 182. 187, 188 

Libyen L2S 

Lichnowsky, Karl Max, Fürst, deutscher 
Botschafter in London i_7i 154, 158, 

125 

Liebknecht, Karl, Dr. jur., Unabhängiger 

Sozialist ^ 45^ 90 
Liman, Otto von, Generalleutnant, Führer 

der deutschen Militärmission in der 

Türkei 1 12, 123 
Lindner, Dr. ^ 
Lindau 29i 171 

Lössl, Sigmund, Ritter und Edler von, 
bayerischer Staatsrat 102, 106, 107, 
108 

Lokalanzeiger 141. 162, 174 

London ^ 90, rjö, LIL LSli LSli 

m 

Louvre, Englische Ausstellung im — 136 

Lovzcn (Berg) II, 13 

Lucius, Hellmuth von, deutscher Gesandter 

in Albanien 124 
Lüttich i^, iM 
Luxemburg 183 

Iffacchio, K. Freiherr von, L Sektions- 
chef im österreichisch-ungarischen 
Ministerium des Äussern 133 

Madrid l^ 

18 



194 



Mandschurisch-mongolische Frage 178 

Marguerie de, Gesandter und französischer 
Kabinettschef 14.S, 183, 184 

Marokko ^ 185 

Matin 8^ 

Mazedonien 133 

Meiner (Geschichtskalender) 25 

Meinl, Kommerzialrat, Sachverständiger 
der Wiener Regierung in wirtschaft- 
lichen Angelegenheiten 47 

Mendelssohn-Bartholdy, Albrecbt, Dr. jur., 
Professor an der Universität Würz- 
bui^, Mitglied des deutschen Vierer- 
ausschusses 19, 24. 98 

Mensdorff-Pouilly-Dietrichstein, A. Graf 
von, österreichisch-ungarischer Bot- 
schafter in London tfin 

Merckle, Dr., unter Eisner im Ministerium 
des Äussern in München tätig q6 

Merey, von Kapos-M^re, österreichisch- 
ungarischer Botschafter in Rom 10, 
16S. 181 

Messagero (italienische Zeitung) lM 
Mexiko III, 1 15 

Ministerpräsident (von Bayern), siehe 
Eisner 

Mirbach-Harff, Graf von, Vortragender 
Rat im deutschen Auswärtigen Amt 
142 

Mohke, Hellmuth von, preussischer Gene- 
raloberst, Chef des Generalstabs der 
Armee 14^ 102, 176, 1S7, iXS 

Montenegro 6, ii, 1^ 119, iM 

Montgelas, Adolf Graf von, Vortragender 
Rat im deutschen Auswärtigen AnU, 
Mitglied des deutschen Viereraus- 
scbusses 98 

Montgelas, Maximilian Graf von, K. 
bayerischer Generalleutnant 123 

Moskau 125^ i^i 140, i^i^ 156, 162 

Mostar 1 19 

Mückle, Friedrich, Dr. phil., Privatdozent 
für Wirtschaftsgeschichte an der Uni- 
versität Heidelberg, bayer, Gesandter 
in Berlin, 18, 4^ 45^ 46^ 62^ 62, 
64. Zii M 

Muehlon, Dr. 17. ^o. 46 

Müller, Soldatenrat 22 

München ^12.14^21.28,22,30,^1^ 
aSi 40, 4It 46, 50, 62, 63^ 
^ Iii Z6,I2iZ8,8o,8r,8i,88^ 
^ ^ loi, mS, 103, ijr, 140, 
LSOi LSIj 162, 163, 164, i6c^ i20j 
U2^ i22j. 182, 182 

— Arbeiter- und Soldatenrat 8q 

München-Augsburger Abendzeitung 3 

Münchner Neueste Nachrichten 49, 62, 63 

Münchener Zeitung 6i 

Münster 184 



j Napoleon 53 
Narodna Odbrana L22 
Nauen 62 

Naumann, Viktor loh 
Neue Friie Presse 143 
Neuhcbriden 137 
Neuserbien 

Nieberl, Soldatenrat 22 
Nikita, König von Montenegro 13, 119 
Nikolai Michailowitsch, russischer Gross- 
fürst 167 

Nikolaus, Kaiser von Russland 124 

Nordsee iS 

Norwegen i^l 

Nowoje Wremja 137, 146 

Nürnberg 180, lEt. 184 



Obrenowitsch iid 

Odessa 36, 140, 146, 1^, 156, 167 
Österreich-Ungarn, Österreicher 4i 6, 
2^8,2,10,11,12,12,14^1^18, 

20,2Ij 22,23,32,34,52,54, 56, 

Sil 51i Mi 21. 102, 103, loS, iO(^ 

MO, Mi, LL^ 122, 122, 

126, 122, 128, 130, £31, 1^2, 133, 

UAi Iii. MO. 141. 113, 143. 

145, 146, i42i 142^ 151, LSli Iii, 

Lü 156, i'>7. 161. 162. 

163, 164, 165, 166, 162, 1681 '69, 

LlOi HL mi ITli LIii HL 118. 
180. i8i, 182. i8i, 187 

österreichische AktenvcröfTentlichung 105, 

— -ungarische Armee 141, 148, 1 ^^6, 160 

— — Botschafter in Berlin, siehe Szögyeuy 

— — Botschafter in Paris, siehe Szöcsen 
Botschafter in Petersburg, siehe 

Szdpäry 

Botschaftsrat in Berlin 1 1 

Generalstab 133 

— — Gesandter in Belgrad, siehe Giesl 
Gesandter in Bukarest, siehe Czernin 

— — Gesandter in München, siehe Velics 
von Lüszlofalva 

Grenze gegen Russland 151 

Kriegserklärung an Russland iSj 

— — Mobilmachung 134, 139, 157 
Note an Serbien S, ^ ^ 

25, io8j MOi i2i I22i HL 
1.^8. 142, 145, 146, HL ^ 
Thronfolger, siehe Ferdinand 

— -serbischer Konflikt LL üi 55- 5^ 

95> '3S. i3q. i6i. 167 
Orenburg 167 

Oskar, Prinz von Preussen 126 
Ostasien 123 



195 



Paar, Eduard, Graf, Generaladjutant des 
Kaisers Franz Joseph 1 1 6 

Paleologue, französischer Botschafter in 
Petersburg 146 

Pallavicini, J. Markgraf von, österreichisch- 
ungarischer Botschafter in Konstanti- 
nopel I4Q 

Paris Ü Ui ^ Sil 88^ IoAa 105^ 112, 
[Ui li^ Uli 12^ lAlj IAAa IA1> 
I49i 150- Lili Lili »64, 165, 166. 
ilij 112, 17^ 178, 182, 182, 

Pariser Friede ^ 

— Presse ^ 142, 145 

Pasitsch, Nikolaus, serbischer Minister- 
präsident 1.^2, 143 
Pest LH 

Peterhof 130. 146 

Petersburg LIj 1^ ^li Slj 104, 
105, 112, 123, iiL Lüa liL LJ8, 
140» 142, 146, 142, 148, 150. LiL 
Ii«! L54i LiL liS, i6o^ 162, 16^, 
166, i67> 168. 171, 172, 174, 178, 

LZ^ Iis 
Petersburger Zeitung 1,^9 
Pfalz 76, SS 

Philipps, engl. Oberst 1 15 
Pi6mont 164 

Poincar6, Raymond, Präsident der franzö- 
sischen Republik 4, 18^ tzQ, t.n, 136, 

Polnischer Redakteur (Horwitz) ^ 
Porte Dauphine 184 

Potiorek, 0„ österreichischer Feldzeug- 
meister und Armeeinspektor, Landes- 
chef von Bosnien und der Herzego- 
wina 1 19 

Potsdam i8j 20^ 140, 154 

Pourtalis, Friedrich Graf von, deutscher 
Botschafter in Petersburg 146, 147, 
L18, Lili LSli 157. 15«. 160, i65i 
t66. 167, 178 

Prag 143 

Prem, Soldatenrat 23 
Preussen 28, 45, 53, 62, 242 lo^, n^, 
170 

— Generalstab, siehe Moltke 
Preussischer Gesandter in München, siehe 

Treuller 

— Kriegsminister 211 

Progres de Lyon (französische Zeitung) 85 
Puchheim, Gefangenenlager 50 

Quidde, Ludwig Dr. phil., Professor, Mit- 
glied des bayerischen Vorparlaments 
84^ 86, 82 

Ragusa L43 
Reichsregierung 3 

Revue bleue (französische Zeitung) i •^6 



Rex, Rudolf Graf von, sächsischer Ge- 
sandter in Wien 102 
Roy, Marceil, französischer Journalist 8^ 
Ritter zu Grtinstein, Lothar Freiherr von, 
bayerischer Gesandter in Paris 138, 

145. Üi. LiL LZi Iis 

Rom 105, 128, 138, LSli LSli *^ 
168. 169, lÜQ 

Romberg, Freiherr von, deutscher Ge- 
sandter in Bern 48 

Rösemeyer ^2 

Rotbuch (österreichisches) 3^ 

Rumänien 6, 13, 22, 52i "25, 164, 172, 

175. 178, Iii 
Rumänien, König von, siehe Karol 
Russland, Russen 4i 6, 2x 9i Iii ^li ^li 

41. S«! S4i Sil 95» LL^i Iii 

L*L 1*2. LH. llSi 137, 138, 

'39. 140, lAL, 142. Mi LMj i4ib 

146, 142, 148, 1501 LSij LS«! LS4i 
liö, LSli LS8i LS2i 160. i6l 16^ 
164, 165, 166. 167, 168. 170. 171. 

Uli Uli iiAi Uli Uli 178, 

I7Q. 181, 181;. 187. 1^ 
Russische Armee 154, 167, 171 

— Bolschewismus, Bolschewisten 34, 85 
Russischer Botschafter in Berlin, siehe 

Swerbejew 
in Paris, siehe Iswolsky 

— — in Wien, siehe Schcbeko 

— Botschaftsrat in Paris 1^ 

— Generalstabschef I37. »67 

— Grenzbahnen 138 

— Hauptquartier 142 

— Institut in Paris 1^8 

— -japanischer Krieg 54 

— Kriegsminister 148, 151 

— Marineminister 137 

— Minister des Auswärtigen, siehe Sasonow 

— Ministerratssitzung 138 

— Mobilmachung 25^ jS, tS2, is6. IS7. 
166. 167, 172. 17;^ 

— Studentenabordnung in Paris 1^2 

Sachsen 45^ 107, 140 

San Giuliano A. Marquis di, italienischer 

Minister des Auswärtigen lOj ia8. 153, 

169 

Sanders, Stephen, Mitglied des englischen 
Parlaments, Sekretär der Fabian-Ge- 
sellschaft 90 

Santa Anna di Valdieri 16^ 

Sasonow, S. D., russischer Minister des 
Auswärtigen 18, 146. 147, 14^. LSii 

152. LiL Lil' ^ ^ 

iMi 1201 LLL 121 
Sassenbach, deutscher Sozialist 48 
Schebeko, S. von, russischer Botschafter 

in Wien 1^ 14^ I^I, 165 

18« 



l9Ö 

Scheidemann, Philipp, Volksbeauftragter 
für Finanzen ^ lÄi 90 

Schmid, Eduard, Redakteur der „Mtlnchner 
Post", Mitglied des Vorparlatne .its 85 

Schoen, Hans von Dr. phil., Legations- 
rat bei der bayerischen Gesandtschaft 
in Berlin, vorübergehend Geschäfis- 
trSger 4iL2il8i20j2i46jS2i25j 

21. 91i Sil I02j 102, 106, 12^ 

>3li Li»i LMi LiSi »40, lAÄj lA^ 
150 

Schoen, W. Freiherr von, deutscher Bot- 
schafter in Paris 144» I4j, 147, 166, 

173. 178 
Schonbrunn 1 16 
Schroeder, Soldatenrat 80 
Schtlcking^, Walther Dr. jur., Professor 

an der Universiiit Marbuig 28 
Schwarzer, Gewerkschaftssekretär der 

christlichen Gewerkschaft, Mitglied des 

Vorparlaments 85 
Schweden 1.^0. 178 

Schweiz ^2^11^^^^il^4Si 
64, 68^ 24i 80j 50, III 

— Komitee zur Verbreitung des Völker- 
bundes 45, 46 

Seidlein, Lorenz, Ritter von, bayer. Mi- 
nister für Verkehrsangelegenheiten 5J 

Serajewo L S4i 56, Ü, IMi 

119, 122, 125, 126, rj2, [22, 

Serbien, Serben 4i S, 6, 2.1 ?j 2i 'O» 
I2j 18. 20, 21. 22, 23, S2, 

54, S5> 56. S7> S8, 93. 94, 95. io3. 
108, log, 114, 115, 116, 118, 119, 

120. 121, 122, 123, 124, 125, 126. 
127, 128, 122, 1^ III, rj2, 122^ 
134. iiii üiL. '401 HI, 1421 Liii 

HS. 1461 14L i42i 150. »51. 
152, LS4, III, Lili LS8, liSi 
160. 161, 162, 163, 165, 166, 167, 
168, 169, 171, 176, 178, 185 

— Antwortnote 22^ 133, 143, 156 

— Armee 149, 150 

— Gesandter in Rom 152 

— Gesandtschaft in Berlin 1 18, 141, 149 

— Gesandtschaft in Wien 120, 143 

— Ministerpräsident, siehe Pasitsch 

— Presse 132 

— österreichischer Konflikt i^i 20, 93, 
102 

(Gross)-Serbien 5^ 57, io2j LI5i Uli Lia 
Serbophiler Kurs Österreichs 122 
Skandinavische Länder 145 
Skutari 115 

Slaven, Slavenium 6, lijj I32i \Mi 

141, 144, L5^ 
Sofia 14^ 



Solf, Wilhelm, Dr. phil., deutscher Staats- 
sekretär 60, 66, 681 62i 2*1 TS» 
82 

Sorbonne 136 

Spanien i_l2 

St. Gilla, Weiler mit Schiost bei Regens- 
burg (Bayern) 122 

Stockholm 131, 138, 150 

Stolberg, Wilhelm, Prinz zu Stolberg-Wer- 
nigerode, Botschaftsrat an der deutschen 
Botschaft in Wien 11, 

Stumm, Wilhelm von, Geheimer Legations- 
rat und Dirigent der Politischen 'Ab- 
teilung des deutschen Auswärtigen 
Amts 140. 148 

Stuttgarter Konferenz Q2 

Suchumlinow, W. A., russischer Kriegs- 
minister 55, 152 

Suddeutschland 44^ 6^ 

Swerbejew, S, N., russischer Botschafter 
in Berlin 1 18, 141, 144, 174, 179 

Syrien i&i 

Szipäry, Graf von, österreichisch-unga- 
rischer Botschafter in Petersburg 147, 
151. 160, 165, xiiS 

Szecsen, N. Graf von Temerin, öster- 
reichisch-ungarischer Botschafter in 
Paris 185 

Szögy^ny-Marich, Graf von, österreichisch- 
ungarischer Botschafter in Berlin 4^ 
Iii 57. 2I1 106, 114. 139. 142 

Xankositsch, Voislav, serbischer Major, 
Verhaftung durch die serbische Re- 
gierung 150 

Tann-Rathsamhausen, Rudolf Freiherr von 
und ■ zu der, bayerischer Gesandter 
bei der italienischen Regierung 128. 
161, 169 

Temes-Kubin igo 

Temesvar 133, 143 

„Temps" 89 

Tepik 115 

Terek 162 

Thelemann, Heinrich, Ritter von, bayer- 

Justizminister 51 
Tirol 140 

Tisza, Stephan, Graf von Borosjenö und 
Szeged, ungarischer Ministerpräsident 
126, 130, 170 

Tiltoni, Tommaso, italienischer Botschaf, 
ter in Paris 144 

Tokio 178 

Toledo 137 

Trentino ii, 12. 95 

Treutier, Karl Georg von, preussischcr Ge- 
sandter in Mtlnchen 22, 109 
Trient ii 



197 



Troppau 122 
Tschechen 78, 84^ »44 
Tschenstocbaa i£2 

Tschirschky und BögendorfF, Heinrich von, 
deutscher Botschafter in Wien 52» l22i 
108. 148 

Tucher von Simmelsdorf, Heinrich, Frei- 
herr von, bayerischer Gesandter in 
Wien 106, 107, 1 17. HQ. I2f . 122. 
ia6. 127, 129, 1301 134. 135. IMj 
151. ÜSj LS^j LSSi 160, 161, 166. 
170. 177. 178. lÄi 

Türkei 6, 112, iii 122^ 143, LZ^i 
182. 187 

Tnilerien 136 

Tunis, Tunesier LzS 

Ungarn 6, uAj LLL LiS 
— Abgeordnetenhaus 5 
Untersuchungsausschuss der Nationalver- 
sammlung loh 
Ural 162 

Üxküll, Graf, Attache bei der russischen 
Botschaft in Paris 138 

ITallombrosa 153, i6q 
Valona II, 175 

Velics von Laszlöfalva, Ludwig, öster- 
reichisch-ungarischer Gesandter in 
München 109, 155 

Vereinigte Staaten, Präsident, siehe Wilson 

Versailles i^i ^ 92^ 

Vidin, Gebiet von l2 

Viktor Emanuel, König von Italien lÄl 

Villa, mexikanischer General 115 

Viviani, Rene, französischer Ministerprä- 
sident und Minister des Auswärtigen 
bfa i August 1914 5, 18, 1222 141, 
166. 183, 184 (vgl. Bienvenu-Martin) 

IV ahnschaffe, Unterstaatssekretar in der 

deutschen Reichskanzlei 154 
Warschau 140, i^a, 167 



Weber, Max, t)r. jur. Professor für Na- 
tionalökonomie an der Universität 
München, Mitglied des deutschen 
Viererausschusses 13, 24 

Weigel, Soldatenrat 23 

Weiss, Dr., Grosssire der deutschen Odd- 
fellows 40 

Weizsäcker von, Dr. jur, et med., würt- 
tembergischer Ministerpräsident und 
Minister der auswärtigen Angelegen- 
heiten 175 

Westminster Gazette 22^ 53, 125 

Wied, Prinz Wühehn zu, Fürst von Al- 
banien 12, IIS, »24 

Wien 4i 5, öj^. to^ 12. 13, 18. 20. 
21, 22, 47, S5, 57. s8, 9S. 104. loji. 
ioi, nöi LLIi LL8i lÄh '23. 

124, I2S, 126, 129. 130. 131. 132, 

133. 134, 135. 143. 144. US. 147. 

i42i Lio, 151, LSii L54i 155. Lilj 
ISQ. i6o, i6i, 162, 163, 165, 166. 
16a, 120, 171. 17s, »76, 178. 180, 
181. 185, 182 
Wilbrandt 24 

Wilhelm, Fürst von Albanien, siehe Wied 
Wilhelm H., Deutscher Kaiser und König 
von Preussen 3^ 52i 114. 1 15, 117, 
143. L52i 162, l6i 166, 168, 178, 185 
Wilna 11)2, 167 

Wilson, W'oodrow, Präsident der Ver- 
einigten Staaten von Nordamerika 25, 

26, 30, ä2i 45i 54i 62, 68, 2J 
WolflTsches Telegraphenbureau ^ 159 

Wurm, Staatssekretär des Reichsemäh- 

rungsamts 22 

Würzburg 2^ 

Zimmermann, deutscher Unterstaatssekre- 
tär des Auswärtigen 4, 5, 6, 7, 9, 11, 
52j 56, 68, 25, 106, i_i8, 123, 

IM 

Zographos, Führer der aufständischen 

Epiroten L2& 
Zürich 28» 25, all Sil 12 



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